26.08.2002

AUTORENSchwarz zieht und gewinnt

Yale-Professor Stephen L. Carter stürmt mit seinem Debütroman „Schachmatt“ die amerikanischen Bestsellerlisten. Der Held des Krimis ist Jurist an einer Elite-Universität, stolzer Afroamerikaner, begeisterter Schachspieler - wie der Autor. Ein Schlüsselroman? Von Erich Follath
Wahre Literaten sind harte Männer: Sie saufen sich zur Bewusstlosigkeit wie Dashiell Hammett, sie huren lässig gekleidet durch die Welt wie Charles Bukowski oder richten sich, von Alkohol und Frauengeschichten gezeichnet, mit ihrer Jagdflinte. Wie Ernest Hemingway.
Gemessen daran ist Stephen L. Carter, 47, Juraprofessor an der Yale University, der Anti-Held schlechthin: Er kleidet sich gern korrekt mit Anzug und Krawatte, trägt eine Brille mit großen Gläsern, die vielleicht einmal vor drei Jahrzehnten modern gewesen sein mag. Er fährt auch auf freier Strecke vorschriftsmäßig nur 55 Meilen, rührt Alkohol nicht an. Seine beiden Kinder bekommen wegen des Nährwerts statt Schokolade nur Müsliriegel. Und seine Vorstellung von einem aufregenden Abend ist eine Partie Schach gegen den Computer im Feuerschein des Kamins - nach der familiären Bibelstunde.
Kann so einer einen spannenden Kriminalroman schreiben, in dem es um Mord, Intrigen und Seitensprünge geht?
"Schachmatt" - im Amerikanischen heißt das Buch geheimnisvoller "The Emperor of Ocean Park" - liegt nun schon seit Wochen unter den amerikanischen Top Ten*. Der bis
dahin weitgehend unbekannte Autor kassierte nach einer hitzigen Verlagsauktion ein Rekordhonorar für einen Debütroman: 4,2 Millionen Dollar zahlte Knopf für die Geschichte aus dem Milieu der Top-Juristen und Top-Unis (nebst einem Nachfolge-Roman, den Carter noch schreiben muss). Und schon lockt Hollywood. Warner Brothers haben die Filmrechte gekauft, Will Smith, der Held aus "Ali" und "Men in Black", soll sich für die Hauptrolle interessieren. Der Autor wird von Talkshow zu Talkshow gereicht, eine Lesereise führt ihn vor ausverkauften Sälen quer durch die USA.
"Ich gehe wie auf Wolken", sagt Carter im Gespräch. "Als ich fertig geschrieben hatte, hoffte ich auf 5000 verkaufte Bücher. Jetzt sind mehr als 250 000 im Druck - an solch eine Reaktion hätte ich nie im Traum gedacht." Und dann meint er mit der ihm eigenen, augenzwinkernden Selbstironie: "Ist das nicht ein schöner Erfolg für einen Spießer?"
Der Autor weiß, worüber er schreibt - sicher einer der Gründe für den Triumph. Carters Held Talcott Garland ist Juraprofessor, lehrt wie Carter an einer Elite-Universität; der Ort heißt im Buch Elm Harbor und gleicht auffällig der Yale-Stadt New Haven. Das macht die präzisen Milieuschilderungen mit den politischen Intrigen, den Eifersüchteleien zwischen den Akademikern, den Spannungen mit den manchmal provozierend arroganten Studenten glaubhaft. Außerdem hat Carter einen guten Plot: Der Vater seines Helden, ein berühmter Richter, der sich in seinen letzten Lebensjahren mit einem dubiosen CIA-Agenten angefreundet hat, stirbt unter ungeklärten Umständen. Erst bei der Beerdigung und durch mysteriöse Funde im Nachlass wird nach und nach klar, dass es sich um einen Mord gehandelt hat - und aus welcher Ecke die Täter kommen. Bei der Spurensuche hilft dem Schach-Fan Talcott ein Schachrätsel aus vergangenen Zeiten.
Aber den besonderen Reiz des Romans macht noch etwas anderes aus: Er spielt in einer Familie der schwarzen amerikanischen Oberschicht, die BMW fährt, Mirós im Wohnzimmer hängen hat, Häuser nahe denen der Kennedys auf Martha''s Vineyard besitzt. Diese "black bourgeoisie" ist ein weißer Fleck nicht nur in der US-Literatur, sondern überhaupt im amerikanischen Bewusstsein. Der Autor "öffnet das Fenster" ("New York Times") zu einer anderen Welt - und die ist ebenso faszinierend wie manchmal auch erschreckend.
Die erfolgreichen Afroamerikaner in Carters Roman sind durch Erziehung und vor allem durch Leistung in die von der "hellhäutigeren Nation" dominierte Welt der Wohlhabenden vorgedrungen. Sie übernehmen deren Lebensstil. Sie definieren sich fast ausschließlich über - und gegen - die Weißen. Der Romanheld Talcott sieht sich in Amerika überall mit mehr oder weniger subtilem Rassismus konfrontiert. Besonders unerträglich findet er selbst ernannte Liberale, die es penetrant gut mit den Afroamerikanern meinen und sich in Wahrheit doch unterschwellig abgrenzen.
An der Vorschule seines Sohnes bringt der weiße Lehrer Talcott allein schon durch sein "kultartiges Willkommensgrinsen gegenüber jedem schwarzen Gesicht" in Rage. Aber sein Zorn gilt oft auch selbstkritisch seiner "dunkelhäutigeren Nation": "Wir verschwenden unsere kostbare Zeit und intellektuelle Energie damit, uns gegenseitig schlecht zu machen, als dienten wir dem Fortschritt unserer Rasse dadurch am besten, dass wir uns gegenseitig vors Schienbein treten."
Die Verwundungen des Romanhelden sind die Verwundungen des Autors - als Spießer stilisiert er sich nur zum Selbstschutz und weil er über manche privaten Dinge ungern redet. Stephen L. Carters Leben ist nicht ohne Brüche.
Die Großmutter väterlicherseits war New Yorks erste schwarze Staatsanwältin; sie gehörte zu Gouverneur Thomas Deweys legendären "Zwanzig gegen die Unterwelt", die unter anderem die Karriere des Mafioso Lucky Luciano beendeten. Obwohl auch sein Vater Richter war, hatte es Stephen schwer, in seiner von weißen Oberschicht-Kindern geprägten Schule mehr zu werden als "der beste Schwarze". Als er sich später in Harvard bewarb, wurde er abgelehnt. Und bekam kurz darauf doch eine Zusage. An der Elite-Uni hatte man sich "zusätzliche Informationen" besorgt: Carter sollte wegen seiner Hautfarbe bevorzugt werden - per Gnadenakt, als einer der besten afroamerikanischen Bewerber.
Da konnte er nicht anders, als die Welt in Schwarz-Weiß zu sehen. Carter lehnte ab und ging nach Yale - bis heute, erzählt er, kränke ihn die staatlich verordnete "affirmative action", das Proporz-Privileg. Karriere machte er ausschließlich durch seine Leistung. Er wurde zum Starjuristen, gerecht bis zum Fanatismus, auch zum gesuchten Schiedsrichter bei Hockey- und Football-Wettkämpfen.
Er interessierte sich, eher Einzelgänger denn Partylöwe, zunehmend für Literatur. Fraß die großen amerikanischen Gegenwartsautoren in sich hinein, die Amerika, sein schwieriges Vaterland, schonungslos und ehrlich porträtierten: John Updike, Toni Morrison, E. L. Doctorow. Fing in den Achtzigern an, sich Notizen zu einem eigenen Roman zu machen. Warf sie unzufrieden in den Papierkorb, Jahr für Jahr.
Stattdessen veröffentlichte Carter in Fachzeitschriften gelehrte Artikel und machte sich in Juristenkreisen einen Namen. 1981 heiratete er seine Yale-Kommilitonin Enola Aird, die aus Panama stammt und als Erste in ihrer Familie eine akademische Ausbildung abschloss; wie er ist sie sehr religiös geprägt. Das Paar bekam eine Tochter und einen Sohn; Leah, heute 17, und Andrew, heute 14. Das Glück: fast vollkommen. "Mein größtes Ziel als Kind war ja, einmal Großvater zu werden", sagt Carter. Er hätte es, inzwischen Professor und mit seiner Familie in einem Häuschen nahe New Haven sesshaft geworden, ruhig auf sich zukommen lassen können.
Doch da war noch sein Traum vom Schreiben. Carter veröffentlichte Sachbücher über die unterschätzte Rolle der Religion und die Bedeutung der intakten Familie in den USA - Präsident Bill Clinton fiel der brillant formulierende Professor auf und er lud ihn mehrere Male ins Weiße Haus ein. Doch dass der Jurist sich an einem Kriminalroman versuchen wollte, wusste außerhalb seiner Familie kaum einer. Die letzten vier Jahre schrieb er, oft ganze Nächte lang, an "Schachmatt". Und langsam reifte seine Überzeugung, es könnte etwas werden. Über 800 Seiten hat sein prall erzähltes, anekdoten- und facettenreiches Werk - "die schönste Überraschung war, dass keiner der Meinung war, ich sollte kürzen", sagt der Autor.
Einige Kritiker haben ihn mit Lob überschüttet. Carter sei ein neuer Theodore Dreiser, ebenbürtig dem Schriftsteller, der das Amerika des frühen vorigen Jahrhunderts mit seinem industriellen Erfolg, seinen Aufsteigern und seinen Verlierern beschrieb. Er stünde auf gleicher Stufe mit Jonathan Franzen - "Schachmatt" sei die schwarze Antwort auf dessen meisterhaftes Porträt der weißen Mittelschicht ("Die Korrekturen"). Beides ist wohl zu hoch gegriffen. Der Yale-Professor wollte nach eigenen Worten "allenfalls am Rande Soziologisches transportieren". Er wollte einfach "einen spannenden und intelligenten Kriminal- und Familienroman" schreiben - genau das ist ihm gelungen. Die Maxime leitet ihn auch für sein neues Buch, über das er schweigt wie ein Grab: "Das Kind ist noch lange nicht aus dem Gröbsten."
Wenn ihm nichts mehr einfällt, wenn er entspannen will, begibt er sich auf die Traumwelt der 64 Felder. Auch da weiß er genau, was er will. Stephen L. Carter lässt beim Schach den Gegner gern kommen und das Spiel eröffnen. Die Nimzowitsch-Verteidigung, die der Professor bevorzugt, ist eine der schwierigsten für den Nachziehenden. Weiß greift an, Schwarz gerät in die Defensive; er kann sich aber bei bestem Spiel befreien und langsam, wie in einem Spinngewebe, den Gegner einkreisen und schließlich, im Idealfall, erdrücken.
Black is beautiful? Mag sein, das interessiert Carter nicht. Black is successful, das schon eher: So wie im Buch "Schachmatt", wo sich die Schwarzen trotz allem erfolgreich durchsetzen. So wie - manchmal - auch im richtigen Leben.
* Stephen L. Carter: "Schachmatt". Aus dem Englischen von Jobst-Christian Rojahn und Hans-Ulrich Möhring. List Verlag, München; 860 Seiten; 23 Euro.
Von Erich Follath

DER SPIEGEL 35/2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 35/2002
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

AUTOREN:
Schwarz zieht und gewinnt