02.09.2002

KINDESMISSBRAUCHDas zerstörte Paradies

Seit eine junge Mutter mit ihren beiden kleinen Kindern aus einem Wiesbadener Hochhaus in den Tod sprang, fragen sich Hinterbliebene nach den Motiven. Nun haben Staatsanwälte einen furchtbaren Verdacht. Von Bruno Schrep
Nein, ein besonders religiöser Mensch ist der Winfried Schaus aus Wiesbaden nie gewesen. Sein letzter Kirchenbesuch liegt viele Jahre zurück.
An einem Mittwoch im Juni ließ sich der 57-Jährige eine evangelische Kirche aufschließen, mittags kurz nach zwölf. Er wollte, ganz allein, mit Gott abrechnen.
"Wo warst du eben?", schrie er in das leere Kirchenschiff, "was hat das für einen Sinn?" Und, voller Wut: "Ich hasse dich!"
Eine Stunde zuvor hatte Schaus, der im 8. Stock eines Wiesbadener Hochhauses wohnt, dumpfe Schläge gehört. Als er, nach einem Blick nach unten, in den Innenhof hetzte, fand er auf dem Betonboden die zerschmetterten Körper einer Frau und zweier Kinder.
Gabriele D., 33, hatte ihre vierjährige Tochter Sophie und ihren zweijährigen Sohn Jan aus einem Flurfenster des 9. Stockwerks geworfen. Dann war sie selbst hinterhergesprungen, aus einer Höhe von 27 Metern.
Ihr Auto, einen roten Renault, hatte sie zuvor ordnungsgemäß abgestellt, sogar noch einen Parkschein gelöst. Die Autoschlüssel fand die Polizei im Treppenhaus, direkt neben einer ledernen Handtasche. Darin lagen Schminksachen, mehrere Ausweise und Farbfotos der Kinder. Ein Abschiedsbrief war nicht dabei.
Warum? Warum wirft eine Mutter ihre Kinder weg wie Abfall? Und warum in Wiesbaden, einer Stadt, in der Gabriele D. niemand kannte? Warum in diesem Hochhaus, wo nur zufällig, weil Putztag war, der Hintereingang offen stand?
Die Antwort öffnet einen Blick in Abgründe einer nach außen scheinbar intakten Familie in einer ganz bürgerlichen Welt: Gabriele D. stand womöglich unter dem Eindruck eines in ihrem eigenen Haus verübten Verbrechens.
Sophie, die kleine Tochter, geliebt und bewundert von allen Freunden und Verwandten, ist offenbar vor der Verzweiflungstat der Mutter sexuell missbraucht und dabei schwer verletzt worden.
Ausgerechnet der Vater, der als besonders liebevoll und besorgt galt, soll der Täter sein. Die Frankfurter Staatsanwaltschaft hat gegen den 43-jährigen Alois D. ein Ermittlungsverfahren eingeleitet - eine unfassbare Entwicklung für alle, die diese Familie kannten.
Die Spurensuche führt zu einer kleinbürgerlichen Idylle rund 45 Kilometer vom Schauplatz der Tragödie entfernt.
Der Frankfurter Stadtteil Alt-Heddernheim, wo Gabriele D. mit ihren Kindern und ihrem Ehemann wohnte, erinnert eher an ein Dorf als an eine Großstadt. Die Häuser sind meist klein, die Leute bodenständig und vorwiegend umgänglich. Viele sind schon hier geboren.
Jeder kennt jeden, die meisten duzen sich. In Gaststätten mit Namen wie Klaa-Paris, Solber-Eck oder Zum Stöffche wird Frankfurter Apfelwein in Tonkrügen (Bembel) ausgeschenkt, gibt es Spezialitäten wie Grüne Soße, Rippchen mit Kraut und Handkäs mit Musik.
In dieser kleinen Welt bleibt wenig unbeobachtet. Als Familie D. 1996 ein altes Haus kauft, registrieren die Nachbarn erstaunt, dass der Alois - ein oberschlesischer Spätaussiedler, der schon viele Jahre im Stadtteil lebt - eine Auswärtige geheiratet hat. Eine schlanke Dunkelhaarige, die größer ist als er, die nicht den breiten hessischen Dialekt babbelt, diesen einschläfernden Singsang; sie stammt aus Pottenstein, einem kleinen Flecken in der Fränkischen Schweiz.
Die Neue wird schnell akzeptiert. Nachbarn bewundern, wie tatkräftig sie beim Umbau des Hauses mit anpackt, wie freundlich sie mit jedermann plaudert, wie scheinbar problemlos sie sich anpasst. Als dann, im Abstand von zwei Jahren, die Kinder Sophie und Jan geboren wer-
den, gehört Gabriele D. endgültig richtig dazu.
Das Haus ist fertig, die Tochter bekommt sofort einen Kindergartenplatz, Installateur Alois D., als patenter Handwerker anerkannt, hat eine ordentliche Stellung bei einer Heizungsbaufirma. Was soll da noch schief gehen?
Doch hinter dem silber gestrichenen schmiedeeisernen Eingangstor zum Grundstück ist die Harmonie schon bald gestört. In der Ehe stimmt es nicht. "Die Gefühle sind weg", gesteht Gabriele D. einer Freundin.
Die Eheleute, die sich so viel vorgenommen hatten, leben nur noch nebeneinanderher. Er sucht Ablenkung in seinem Kegelclub, in seinem Garten. Sie büffelt Englisch, trifft sich oft mit anderen Müttern. Sie unternehmen kaum noch etwas gemeinsam.
Gabriele D. versucht trotzdem weiter, die glückliche Frau und Mutter zu spielen, die Fassade aufrechtzuerhalten. Immer häufiger überkommt sie jedoch eine schwer fassbare Traurigkeit, die sie selbst kaum erklären kann.
Schon bei kleinen Anlässen, etwa wenn der Sohn Ausschlag hat oder die Tochter nachts weint, wirkt sie verzweifelt, fühlt sich als Versagerin, bricht in Tränen aus.
Auch den großen Familienclan des Ehemanns empfindet sie als Last. Die Schwiegermutter wohnt mit im Haus, Verwandte mit Kindern kommen häufig zu Besuch. "Ich schaff das alles nicht mehr", klagt sie.
"Geh doch mal zu einem Therapeuten", rät eine Verwandte. Doch Gabriele D. traut sich nicht. Stattdessen flieht sie sooft wie möglich in ihre alte bayerische Heimat, besucht Vater und Geschwister, trifft sich mit Schulfreundinnen. In Pottenstein erkundigt sie sich nach Kindergartenplätzen für Sophie und Jan.
Wieder zu Hause, gerät die junge Frau in einen unauflösbaren Zwiespalt. Einerseits will sie ausbrechen, will bloß weg aus der Idylle, die sie mehr und mehr als unecht und verlogen ablehnt. Bei einem Anwalt informiert sie sich über die Konsequenzen einer Trennung.
Andererseits plagen sie Skrupel, ihren Kindern den Vater zu entreißen. Hat der nicht sogar seinen Urlaub geopfert, die erkrankte Tochter zwei Wochen lang in eine Klinik begleitet? Und hat der nicht das halbe Haus in ein riesiges Spielzimmer verwandelt? "Darf ich denn den Kindern dieses Paradies wegnehmen?", fragt Gabriele D. eine Freundin.
Dann sind da noch die Ängste. Wird der Ehemann aus dem geplanten Urlaub mit der vierjährigen Sophie überhaupt zurückkehren? Oder bleiben beide in Polen, unerreichbar für immer? Die Mutter ist derart ratlos, dass sie andere entscheiden lassen möchte. "Sag mir, ob ich bei meinem Mann bleiben soll oder nicht", fordert sie ihre engste Vertraute auf. Die lehnt ab: "Das musst du selbst entscheiden."
Die verhängnisvolle Entscheidung, die Gabriele D. kurz darauf trifft, läuft auf das hinaus, was Experten einen "erweiterten Selbstmord" nennen. Dahinter steckt oft falsch verstandene Liebe, in ihr Gegenteil verkehrte Fürsorge. Ohne mich, so die verquere Botschaft, haben die Kinder ohnehin keine Chance, ist das Leben auch für meine Liebsten nur qualvoll, hoffnungslos, ohne Sinn.
Etwa zehn solcher Suizide werden in Deutschland jedes Jahr verübt. Der Entschluss, dem oft eine lange, selbst von nächsten Angehörigen nicht erkannte Depression vorangeht, wird meist durch einen akuten Anlass ausgelöst, häufig Eifersucht, aber auch Krankheit oder Schulden.
Auch für Gabriele D. gab es einen letzten Auslöser. Den vertraut sie, wenige Stunden vor ihrem Tod, ausgerechnet einer wildfremden Frau an - reiner Zufall.
Eigentlich will sie, aufgeregt und verzweifelt, dringend mit einer Freundin in der Römerstadt reden. Doch weil die nicht zu Hause ist, offenbart sie sich deren Nachbarin: "Meine Sophie ist sexuell missbraucht worden." "Von wem?" "Vom eigenen Vater."
Einen ähnlichen Verdacht hatte sie bis dahin noch nie auch nur angedeutet, selbst gegenüber den engsten Vertrauten nicht. Wie sie denn darauf komme?
Gabriele D. beginnt zu weinen. Bisher, erzählt sie der fremden Frau, habe stets sie die Tochter zu Bett gebracht. Gestern Abend habe das jedoch erstmals der Vater gemacht. Am nächsten Morgen seien Blutflecken auf dem Bettlaken gewesen.
Die Frankfurter Staatsanwaltschaft, der sich die Zeugin nach der Tragödie in Wiesbaden offenbart, lässt beide Kinder obduzieren, bei Sophie mit erschütterndem Resultat: Die Leiche des Mädchens weist schwere Verletzungen im Unterleib auf, die nicht vom tödlichen Sturz herrühren können, unter anderem einen Dammriss.
Bei einer Durchsuchungsaktion im Heddernheimer Haus finden die Ermittler zudem Blutspuren in Sophies Kinderbett - was den Verdacht verstärkt.
Der Mann, der innerhalb von Sekunden seine Familie verlor, bestreitet jedoch entschieden. "Es ist alles nicht wahr", erklärte er gegenüber seinen Verteidigern, den Frankfurter Anwälten Fritz Steinacker und Andreas Moses. Die sind zuversichtlich. "Der Verdacht beruht vor allem auf Hörensagen", erklärt Anwalt Moses.
Die schwere Beschuldigung gegen den Vater hat die Beziehungen zwischen den beiden betroffenen Familien vergiftet. Schon bei der Beerdigung stehen sich zwei Gruppen schweigend, fast feindselig gegenüber: dort die Angehörigen des Vaters, ein paar Meter weiter die bayerischen Angehörigen der Mutter. Bei denen hatte Gabriele D. noch kurz vor dem Drama mit ihren Kindern einen Urlaub verbracht.
Tatsache ist: Zu keinem der Verwandten, aber auch zu keiner ihrer Freundinnen hatte Gabriele D., als sie sich zum gemeinsamen Tod mit ihren Kindern entschloss, genug Vertrauen. In den entscheidenden Stunden war sie allein.
"Why am I doing this? I think I need help", steht in Druckbuchstaben am Treppenaufgang jenes Stockwerks, aus dem sich die Mutter mit den beiden Kindern in die Tiefe stürzte. Ob das Bleistiftgekritzel wirklich von ihr stammt, ist fraglich.
Fest steht jedoch, dass die Botschaft zutrifft: Gabriele D. hätte dringend Hilfe gebraucht.
* Blick aus dem Fenster des 9. Stockwerks.
Von Bruno Schrep

DER SPIEGEL 36/2002
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