02.09.2002

POPDie Krönung der Erschöpfung

Benjamin von Stuckrad-Barre über „Mensch“, die neue Platte von Herbert Grönemeyer
Stuckrad-Barre, 27, lebt in Berlin und veröffentlich- te zuletzt den Prosaband "Deutsches Theater" (Verlag Kiepenheuer & Witsch, 2001) -------------------------------------------------------------------
In dieser Woche erscheint eine neue Platte von Herbert Grönemeyer, und wenn eine neue Platte von Herbert Grönemeyer erscheint, sind sofort alle Zeitungen und Sender voll damit. Mit ihm, weil immer ein unglaubliches Buhei veranstaltet wird, wenn eine neue Platte von Herbert Grönemeyer erscheint, alles sehr wichtig und geheim, wer spricht ihn zuerst, wer fotografiert ihn wann, und wer hat die Platte bereits im Blatt, bevor der Künstler sie im Kasten hat, so ungefähr geht der Wettbewerb, weil Herbert Grönemeyer ein Superstar ist. Dadurch liest man dann meist sehr früh sehr viel darüber, dass Herbert Grönemeyer eine neue Platte aufgenommen hat, aber wie die eigentlich klingt, diese neue Grönemeyer-Platte, das steht kaum je irgendwo, denn die Texte darüber mussten ja vor ihr fertig sein. Eine Art Hase-und-Igel-Spiel.
Es wird im zwischenmenschlichen Bereich rumgestochert, wenn Herbert Grönemeyer eine neue Platte veröffentlicht, sein Status erlaubt es ihm wie jedem erfolgreichen Künstler, Interviews meistbietend zu verschachern: Titelblatt gegen Exklusivgerede, mehrseitige Fotostrecke gegen Vorabmaterial. Üblich wie legitim sind diese Tauschgeschäfte, Werbung muss sein, aber dann bitte mit maximaler Wirkung, so entfällt die Komplettprostitution. Der Verweis aufs neue Werk fällt pflichtschuldig und unverfänglich aus, etwa mit knallharten Sachfragen der Sorte: Was ist an Ihrer neuen Platte anders? Wie finden Ihre Kinder die neuen Lieder?
Als Grönemeyer im Juni eine Pressekonferenz in London gab, damit der Trubel beginnen konnte, der Kartenvorverkauf der großen Konzertreise startete schließlich, wurde sehr luftig über die neuen Lieder gesprochen, hören durfte sie niemand, aber den Termin verpassen auch nicht, weil ja alle da gewesen sein würden. Und waren, natürlich. Die Platte werde "Mensch" heißen, war zu erfahren. Summ, summ, summ, machte der Medienapparat, und bald waren die ersten Konzerte ausverkauft, Zusatzarenen konnten gebucht werden, so was braucht Vorlauf.
Die neue Platte von Herbert Grönemeyer wurde sehnsüchtiger und mit mindestens ähnlicher Heilserwartung herbeigesehnt als die Vorschläge der Hartz-Kommission. Die letzten Alben des mit dem Lied "Männer" und einer Hauptrolle im Film "Das Boot" Anfang der achtziger Jahre sehr bekannt gewordenen Künstlers waren stets zeitnah zu Bundestagswahlen erschienen und wurden von der großen Gemeinde als Nebellaternen genutzt, die Textheftchen waren die Mundorgeln einer diffus sich als "irgendwie links" einordnenden Schar Lichterkettensteher.
Zur so genannten Wiedervereinigung pünktlich erschien eine klar durchfor-mulierte, dadurch etwas dröge Platte, die Grönemeyer heute als seine "bornierteste, langweiligste" bewertet, und die hieß tatsächlich "Luxus". Seine Funktion zu jener Zeit war definiert, seine Posen wurden automatistisch, die Gesellschaftskritik wurde zum keyboardbeladenen, risikolosen Selbstläufer. Luxus eben.
In jener Zeit wurde bei Grönemeyers Frau Anna Henkel Brustkrebs diagnostiziert. Man mag die Litanei von der der Kunst dienlichen Leidenserfahrung aus berechtigten Kitschverdachtsgründen nicht allzu vorschnell anwenden, doch in der Rückschau stellt diese private Zäsur auch einen jähen Bruch in Grönemeyers Musik dar. 1993 erschien mit "Chaos" seine im Grunde erste wirklich gute Platte, natürlich hatten die davor ihre Zeit, ihre unsterblichen Hits, ihre Platinveredelungen, ihre Rekordumsätze. Doch "Chaos" war schwieriger, tiefer, weniger schubidu. Es ist natürlich ein Leichtes und ebenfalls sehr kitschig, im Nachhinein mit klarer Suchvorgabe ein Werk auf Hinweise auszuwringen, man wird Belege für alles finden, doch die Zahl der Vorausahnungen und Unwetterwarnungen, wörtlich wie übertragen, die Grönemeyers Lieder seit den neunziger Jahren enthalten, ist exorbitant.
"Die Natur nimmt das Heft in die Hand", sang er auf "Chaos", "jede Ordnung verschwimmt", die radikalen Untergangsszenarien hatten dabei etwas irritierend Optimistisches - oder hysterisch Vergnügtes? Helmut Kohl wurde noch mal gewählt. 1998 erschien vor Schröders lauer Periode Grönemeyers "Bleibt alles anders". Seine Frau, bekannte er später, habe ihm recht hanseatisch-herzlich zu seiner "ersten guten Platte" gratuliert. "Stell die Uhr auf null, wasch den Glauben im Regen", sang er. Ein halbes Jahr nach Veröffentlichung der Platte starben innerhalb von einer Woche Grönemeyers Frau und sein Bruder an Krebs. "Die letzte Version vom Paradies" entwarf Grönemeyer auf "Bleibt alles anders" im staunenswert stimmfesten Bewusstsein der herannahenden Katastrophe herzzerreißend: "Denk auf deiner Zeitreise mal an mich, vielleicht bleibt was unterm Strich." Der Strich war gewaltig.
"Es ist wie nach einer großen Explosion, und man liegt da mit einer Aktentasche und guckt zu, wie alles zerstört ist", sprach Grönemeyer im ersten Interview nach dem Tod seiner Frau. "Die einzigen Zeilen, die mir eingefallen sind, sind die für die Todesanzeige." Welch beklemmend zutreffende Zeilen er im Nachhinein in seinen eigenen Liedtexten finden konnte, erschreckte ihn selbst, erzählte er später. "Ich brauch dich zurück, zum Überleben, deine Schmetterlinge im Eis", hatte er gesungen, damit die Umkehrung seines Herzschmerzers "Flugzeuge im Bauch" geschaffen. "Gib mir mein Herz zurück, ich brauch deine Liebe nicht" - der Vers war hohl geworden. Er brauchte die Liebe, und sein Herz zurück wollte er schon gar nicht.
Seine Tochter, erzählt Grönemeyer, habe ihm verboten, mit der Musik aufzuhören, und der allein erziehende Vater nahm sich den Befehl zu Herzen, doch ob er je wieder Töne finden würde und Worte, ja Lieder, und zwar durchaus auch ausgesprochen mutvolle, das war lange Zeit ungewiss. Im Jahr 2000 sah man Grönemeyer erstmals wieder auf einer Bühne, und zwar recht unglücklich bei "Wetten, dass ...?" herumstehend, eine wenig originelle Trio-Cover-Version darbietend; der Bühnenbildner hatte ein großes, während des Vortrags von einer Säge malträtiertes Herz gebastelt, und Grönemeyer, auf dessen Worte man so gespannt gewesen war, sang doch wirklich, bedrückend war das: "Da, da, da."
Doch dann hat er seine Sprache wiedergefunden, eine neue sogar. Nun ist "Mensch" erschienen - und es ist tatsächlich seine allerbeste Platte bislang. Erfolgreich obendrein: Das Titellied führt seit drei Wochen die deutschen Charts an. Der erste Nummer-eins-Hit für Grönemeyer überhaupt. Nein, auch "Männer" war nur auf Platz sieben damals, tatsächlich.
Das Abliefern linear erzählter Kirchentagsbesucherhits für gemeinsame Gesinnungsbusfahrten, das einige Jahre zum Teil in seinen Zuständigkeitsbereich fiel, hat Grönemeyer inzwischen komplett drangegeben; musikalisch wie textlich ist "Mensch" vieldeutig und schlank zugleich, jeder Takt ein Amalgam aus jammerfreier Trauer und unerbittlicher, sich vom Tod, nein, von dem doch nicht einschüchtern lassender, kompromissloser Liebe.
Als nach Bekanntwerden des Todes seiner Frau geistesgestörte Reporter an Grönemeyers Tür klingelten und ihn fragten, wie es ihm denn jetzt gehe, so ganz ohne Frau, murmelte er fassungslos und mit gutem Schockreflex in die Gegensprechanlage: "Meine Frau ist kerngesund!" Daraufhin stellten die Schmieranten eine Balkenüberschriftsfrage, die sie unbedingt auch in Selbstgespräche ab und zu einfließen lassen sollten: "Ist er jetzt verrückt?"
Nein, bloß konnte der Tod Anna Henkel und Herbert Grönemeyer nicht scheiden - "Habe dich sicher in meiner Seele / Ich trag dich bei mir, bis der Vorhang fällt", singt er nun trotzig.
Diese Platte klingt so: Im Frühtau über eine tags zuvor gemähte Wiese laufen. Das gemähte Gras liegt noch da, ist noch feucht, färbt einem noch das Hosenbein, riecht noch stark. Und trotzdem geht man auf kurz geschorenem Neuland. Neues Gras wird wachsen. Wieder wird jemand mähen. Ja. Doch statt nun vorschnell das Abgekappte zusammenzuharken und aus dem Licht, aus der Sonne zu schaffen, dass es schimmeln und unkontrolliert, unberechenbar stören wird, eines Tages, ließ Grönemeyer alles liegen und ging tapfer weiter. An manchen Stellen waren wider Erwarten kleine Blüten dem Mäher entkommen. Andere Stellen sind auf Jahre entwurzelt, lange werden sie unbewachsen bleiben.
Nun, Neuanfang ist der größte Kitsch. Es geht nicht. Nicht bei null. Das zeigt Grönemeyer mit dieser Platte, auf der er sich alles traut. Da alles vom Punk-Revival redet, ertönt auf "Mensch" mit zünftiger, zwanzigjähriger Verspätung ein Plattenscratch-Sound - das hat Stil. Und Streicherarrangements, die ihm auf früheren Platten oft zu bloßem Balladenmarzipan gerieten, zu uninspirierten Feuerzeugschwenkroutinestartsalven, Streicher also haben auf der neuen Platte eine tatsächliche Funktion. Nicht zu viel, aber wenn - dann. Dann sehr. "Embrace your courage", habe ihn sein Produzent und Mitkomponist Alex Silva ein ums andere Mal angehalten. "Fatalistischer" sei er geworden, erklärt Grönemeyer einleuchtend, und man hört es in der Musik. Ein ungeheurer Kraftakt müssen die Aufnahmen gewesen sein, ein permanenter Flirt mit dem Zusammenbruch. Und dann das - "Mensch"! Nie klang er ungekünstelter.
Die Phrase der "Krise als Chance" ist mit Vorsicht anzuwenden, oft genug ist sie nichts weiter als ein Beruhigungsmittel der Verschontgebliebenen. Doch ist aus Grönemeyers privatem Super-GAU tatsächlich ein künstlerischer Quantensprung erwachsen. Wacher, erprobter, dabei nicht abgeklärt, eher extraromantisch. Es tat Grönemeyers Tochter sehr recht daran, ihren Vater ans Klavier zurückzunötigen. Wann ist ein Mann ein Mensch? Jetzt. Und hier. Weil er lacht, weil er lebt. Weil er singt und weil er, stimmt, hier und da auch wieder hinreißend grölt. Und weil er, nun ja, doch: tanzt. Und hymnisch Mut fasst, jedes Lied als Ruckrede gegen eingeschlafene Füße verstehbar, drinnen wie draußen: "Dreh dich um, dreh dein Kreuz in den Sturm / Geh gelöst, versöhnt, bestärkt / Selbstbefreit den Weg zum Meer". Jawohl, die Natur hat das Heft in die Hand genommen.
Und Grönemeyer ist wieder in Form, poltert los, natürlich, es ist ja bald wieder Wahl: Kanzler und Kandidat seien beide "Sturmschäden von 16 Jahren Kohl", die Wahlmöglichkeit zwischen "vier Jahren flach oder halbflach" sei wohl kaum ausreichend, Deutschland müsse sich daran gewöhnen, in anderen Zeitzyklen zu denken. Wen man wählen soll, singt er diesmal nicht. Beziehungsweise steht Grönemeyers Spitzenkandidatin leider nicht auf dem Wahlzettel: die Liebe.
Von Benjamin von Stuckrad-Barre

DER SPIEGEL 36/2002
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