09.09.2002

Der Duft der Welt

Ortstermin: Cindy Crawford präsentiert ihr Parfum - und schenkt Berlin einen Hauch von Großstadt.
Berlin bei Nacht, im Stilwerk an der Kantstraße brennt noch hell das Licht, auf Schildern groß wie Schultafeln steht klein und fein "Welcome". Massige Türsteher wippen auf den Fußballen, dazwischen Männer mit Drähten im Ohr, mit Gästelisten im Anschlag, gläserne Aufzüge summen hoch und nieder, neben dem Knopf für die fünfte Etage steht schlicht: Cindy Crawford.
Droben stürzen sich die Chefs von Cosmopolitan Cosmetics auf die Ankömmlinge, schütteln Hände, zeigen Zähne, sagen Welcome. Das Dachgeschoss, die Terrasse füllen sich mit Gästen in Galakleidung, es gehen Sektgläser um, Fingerfood, und viele Frauen auf dürren Absätzen bleiben zwischen den Holzpaneelen im Boden stecken. Dies ist eine Pressekonferenz.
Die Neuigkeit heißt: Cindy Crawford ist jetzt auch ein Parfum, ein Duft, eine Bodylotion, ein Deo, "in der Kopfnote entfaltet sich ein transparenter Akkord von Zyklamen und Freesie im Spiel mit der belebenden Frische von Pfeffer und Brombeere". In den hochglänzenden Rubriken Beauty, Body, Fashion ist das eine dicke Nachricht, in den Gesichtern der fein gemachten Berliner Lokalpresse steht die Botschaft geschrieben: Siehste, solche Sachen gibt es jetzt auch bei uns. Hauptstadt.
Metropole. Ringsum Charlottenburger Kiez, aus teuer und billig, jung und alt gemischt, schläfriges West-Berlin, wo die Kinos schließen, die Kneipen von "Diener" bis "Florian" ewig dieselben bleiben und auch Edel-Boutiquen lange Lebenszeiten haben. Vor den Altbauhäusern stehen die Dienstwagen von "FAZ"-Redakteuren, beim Mobiliar herrscht Biedermeier vor, und irgendwo wohnt Udo Waltz, der Friseur. Schräg gegenüber, Paris Bar, kann man ihn abends sehen mit Sabine Christiansen, Otto Sander oder Franz Josef Wagner. Prominenz. Provinz?
Wer wie Cindy Crawford die taghellen Nächte von New York oder Paris oder Sydney gewöhnt ist, kann sich in Charlottenburg nach Bukarest versetzt fühlen. Warschau. Oder Minsk. Und wirklich, als sie endlich da ist, die Schöne, nach dem obligatorischen "Zarathustra"-Tusch, als sie da steht vor apricotfarbenen Stellwänden, blendend, frisch, ein heller Mensch in Spaghettiträgern, will Berlin ringsum noch ein wenig tiefer in die Finsternis versinken, und nur der Turm der Bundesversicherungsanstalt für Angestellte schält sich noch deutlicher aus der nächtlichen Stadt.
Gefällt ihr Berlin?, fragt der agile Moderator, mit dem sie sich 20 Minuten lang die Bälle zuspielt, und sie sagt: "O ja, auf jeden Fall. Meine Mutter ist begeistert." Und wird sie die Stadt auch besichtigen? "Nun, well, ähm, das wäre sehr schön, ganz bestimmt ..." Ihren Auftritt begann sie glatte 50 Minuten nach dem angesetzten Termin, sie könnte auch den Kaiser von China warten lassen, also Berlin erst recht. Aber Berlin ist es gewöhnt zu warten.
Direkt nach der Wende, vor 13 Jahren schon, als bald die kühnsten Prognosen ins Kraut schossen, als die Stadt hingeworfen wurde auf die Zeichenbretter als Megalopolis zwischen Ost und West, als aufblühende Stadtlandschaft, als Global City, als Name und Marke, als sagenhafter Ort in der Reihe der Parfumflaschenstädte, damals lag nichts als Zukunft vor der gebeutelten Großstadt im Osten. Diese Zukunft liegt heute fast schon wieder hinter ihr.
Die Stadt wächst nicht, sie schrumpft. Über die Jahre zogen dauernd mehr Leute weg als hinzukamen, die "Generation Berlin" ging wieder heim nach Hamburg oder München, der Magnet entwickelte nie genug Anziehungskraft, auch für Firmen nicht, nicht für große Kanzleien, nicht für die großen Agenturen der Dienstleistung, zu schweigen von Hightech-Industrie.
Es würde sich lohnen, die Reden von einst noch einmal herauszusuchen, die schwelgerischen Vorträge von Ex-Senator für Stadtentwicklung, Volker Hassemer, die kühnen Grußworte von Eberhard Diepgen, die Verheißungen der Gastredner, all die Entwürfe im Futur, die nun vor der Stadt hängen wie die Karotte vor dem Esel. Der Mangel an Prominenz ist nur ein Symptom.
Im Grunde ernährt sich Berlin noch immer von Pfitzmann und Juhnke, im Herbst spielt Paul Kuhn im Konzerthaus am Gendarmenmarkt, die Stachelschweine und die Distel berlinern sich noch immer durch die Weltpolitik. Wer wollte da erwarten, dass in der Stadt ein Aufbruch bevorsteht?
Sie muss sich mit Gastspielen des Glamourösen begnügen, lange schon. Hier und da ein Event, ein "Launch", hier und da ein Abend mit Star, ein Weltlächeln, ein Traum von Glanz und Gloria. Einmal im Jahr, zur Filmfestspielzeit, kann es sogar Sterne regnen auf die Stadt, sie ist dann sehr glücklich, weil sich Anspruch und Wirklichkeit für ein paar Tage decken.
Es kann auch nur eine halbe Stunde sein. Nach 35 Minuten ist Cindy Crawford nicht mehr zu sehen. Sie hat noch ein bisschen ihre Flakons hoch gehalten, ist damit die Parade der Kamerateams und Fotografen abgeschritten, das war's. Zwanzig vor zehn stehen drei Mercedes-Limousinen mit laufenden Motoren an einem Seiteneingang des Stilwerks an der Kantstraße. Trippelschritte, Rufe von ein paar Passanten, Türenschlagen, Motoren. Dann Stille. Alles wieder normal. Berlin bei Nacht. ULLRICH FICHTNER
Von Ullrich Fichtner

DER SPIEGEL 37/2002
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