18.08.1980

Rufmord am Rex?

Hat Alfred Andersch, als er mit 65 Jahren seine bitteren Jugenderinnerungen an den Oberstudiendirektor Gebhard Himmler zur Erzählung vom "Vater eines Mörders" verarbeitete, "präzis beschrieben, sich geirrt, sich heftig-neurotisch geirrt oder gar frei erfunden"?
Die Frage, zu lesen in der "Süddeutschen Zeitung", stellt sich, seit das Münchner Blatt Anderschs "Schulgeschichte" vorabgedruckt und "ältere Leser" angeregt hat, sich mit eigenen Erinnerungen an den "Rex" des Wittelsbacher-Gymnasiums von 1928 zu Wort zu melden.
In ihrer vorletzten Wochenendbeilage konnte die "SZ" eine ganze Seite mit solchen Wortmeldungen ehemaliger Wittelsbacher-Schüler füllen. Sie reichen von genereller Bestätigung des Dichterworts über Detail-Krittelei bis zu entschiedenem Widerspruch, von "Der alte Himmler stand leibhaftig vor mir" bis zu "Gebhard Himmler war ganz anders".
Leser Hanns Wunder fand Himmler senior gut getroffen, bemängelte aber, daß Andersch das damalige Schulgeld mit 90 Mark beziffert: "Es betrug um 1929/30 24 Mark, das weiß ich ganz genau."
Leser Ernst John kreidete Andersch an, ein griechischer Satz in seiner Erzählung enthalte "sechs mehr oder weniger schwere Fehler (vier grammatikalische, einen übersetzungs-, einen Wortstellungsfehler)".
Leser Dr. Otto Kuen hielt es "für ausgeschlossen", daß der alte Himmler den Ausdruck "meine Untertertia" gebraucht habe: "Die lateinischen Klassennamen waren in Bayern nie üblich; Himmler hätte also gesagt: Meine 4 b'."
Tiefgreifender kritisierte Briefschreiber Kuen, mit ihrem "grausamen Titel" suggeriere Anderschs Erzählung dem Leser: "Seht ihr, so werden die Söhne, wenn der Vater so zynisch und autoritär ist!" Kuen: "Kompletter Unsinn... Himmlers Nachwuchs war durchaus normal und in Ordnung - bis auf jenen Heinrich, der von jeher als das schwarze Schaf der Familie gegolten hatte."
Zwei Kenner der Familie Himmler betonten die Güte und Frömmigkeit von Heinrichs Mutter: Die"liebe kleine Frau Geheimrat ging täglich in die Kirche" und "hätte keiner Fliege was zuleide getan".
"Anders der Vater Himmler", berichtete Marianne Mayer. Der war "einer der Typen, die nach oben katzbuckeln und nach unten treten".
Wieder anders hatte ihn Otto Löhner in Erinnerung: "Ekelhafte Lehrer gab es auch am Wittelsbacher ... Zu ihnen gehörte der Rex Himmler bestimmt nicht." Beliebt war er allerdings auch nicht, und "weil er ziemlich gelblich aussah", trug er den Spitznamen "Das Quittengesicht".
Dr. Heinz Gutsch wiederum gedachte des Schulleiters als einer "energischen Persönlichkeit von hohem geistigen Niveau" und erinnerte sich seiner Beerdigung 1935: "Während der kirchlichen Zeremonie standen die drei Söhne Himmlers in SS-Uniform mit ihren Frauen, die keine Trauerkleidung trugen, in gebührendem Abstand vom Grabe. Erst nachdem sich der Geistliche entfernt hatte ... traten sie kurz ans Grab."
Die schärfste Kritik an Anderschs Erzählung sandte der "SZ" ein auch namhafter - Klassenkamerad des Autors. "Ich saß 1926/27 neben Alfred Andersch in der 3 b des Wittelsbacher-Gymnasiums, Fensterreihe, 3. Bank", so legitimierte sich Dr. Otto Gritschneder, bekannt als Rechtsanwalt und streitbarer Katholik, und fällte das Urteil: "Hier stimmt aber gleich gar nichts."
Niemals, so Gritschneder, habe Himmler, wie bei Andersch, "dem Klaßleiter den Unterricht aus der Hand genommen". Auch "hätte eine solche Prüfungsstunde ... schon aus schulrechtlichen Gründen ganz unmöglich dazu führen können, daß ein Schüler aus dem Humanistischen Gymnasium eskamotiert' wurde".
Die Wahrheit nach Gritschneder: "Alfred Andersch ist vielmehr ... ganz normal durchgefallen, wegen dreier Fünfer, in Latein, Griechisch und Mathematik, wobei sich die Frage eines etwaigen Notenausgleichs schon deshalb nicht stellte, weil er auch im Deutschen nie über einen Dreier hinausgekommen war. Am 29. April 1928, ein Monat nach dem Schlußzeugnis, trat Alfred Andersch aus dem Wittelsbacher-Gymnasium aus. Das ist alles."
Das ist freilich noch nicht alles, was der Jurist zu "Anderschens Märchen" zu sagen hat. Auch "im höheren, sozusagen künstlerischen Sinne" stimme es nicht: Gebhard Himmler sei durchaus kein "Pädago-Sadist" gewesen, sondern "ein Mann von überzeugender pietas bavarica". Und weil die Erzählung ihn als "Vater eines Mörders" stigmatisiere, findet Gritschneder, verdiene "eher schon" der Autor ein "literarischer (Ruf-)Mörder eines Vaters" genannt zu werden.
"SZ"-Kommentar zur Leserpost: "Nebenher wird klar, wie schwer es ist, sich korrekt' zu erinnern."

DER SPIEGEL 34/1980
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