18.08.1980

Schmerzhafter Fraß

Seitdem in Schweizer Gemeinden Trinkwasser oder Kochsalz mit Fluorid angereichert werden, ist die Karies dort drastisch zurückgegangen. Nun will auch Bayern mit fluoridiertem Salz der Zahnfäule vorbeugen.
Poppige T-Shirts mit mancherlei Sprüchen sind auch in Basel die sommerliche Allerweltskleidung. Besonders gern jedoch tragen Kinder dort offensichtlich ein weißes Hemd, auf dem ein Hase strahlt: "Gesunde Zähne - kariesfrei".
Schon seit Jahren vergibt die Basler Schulzahnklinik diese "Prämienleibchen" an Jungen und Mädchen, die keinen einzigen faulen Zahn im Mund haben. Doch mittlerweile sind so viele Basler Kinder kariesfrei, daß auf die T-Shirts künftig verzichtet werden muß - die Aktion ist zu teuer.
Ihren Erfolg im Kampf gegen die Karies verdankt die Klinik vor allem dem Zusatz von Fluorid zum städtischen Trinkwasser, ergänzt durch systematische Zahnpflege- und Vorbeugungsaktionen an den Schulen. Ähnlich drastische Rückgänge der Zahnfäule konnten auch in anderen Schweizer Kantonen verbucht werden, die den karieshemmenden Spurenstoff dem Kochsalz zufügten.
Trotz solch offensichtlicher Erfolge mochten die westdeutschen Nachbarn dem schweizerischen Vorbild bislang nicht folgen. Der Zusatz von Fluorid zu Salz oder Trinkwasser wurde -vor allem von Umweltschützern - als "Zwangsmaßnahme" angefochten.
Doch nun wird in Bayern ein erster Versuch vorbereitet, von dem sich Zahnmediziner Modellwirkung auch für die anderen Bundesländer versprechen: Vom Frühjahr 1981 an soll im Freistaat mit Fluorid angereichertes Kochsalz auf den Markt kommen.
Die Zahnkaries, wahrscheinlich so alt wie die Menschheit, hat sich erst im Laufe des vergangenen Jahrhunderts derart ausgebreitet, daß sie zur wohl häufigsten Erkrankung überhaupt wurde. Rund 98 Prozent aller Europäer und Nordamerikaner leiden an dem zunächst kaum spürbaren, später dann um so schmerzhafteren Zahnknochenfraß:
In den sich aus Speiseresten bildenden Zahnbelägen (Plaques) bauen bestimmte Bakterien vor allem Zucker zu Säure ab. Diese zersetzt erst das Kristallgefüge des Zahnschmelzes, später auch das darunterliegende weichere Zahnbein. Je häufiger die Plaques mit Zucker in Berührung kommen, so glauben die Zahnmediziner, desto stärker kann sich die Karies vorangraben.
Welch verheerende Schäden Karies anrichtet, zeigte erst im April dieses Jahres eine Studie der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde. Von insgesamt fast 15 000 untersuchten Jugendlichen und Erwachsenen hatten nur 22, also 0,15 Prozent, ein völlig gesundes Gebiß. Am ärgsten mitgenommen waren stets die Backenzähne. Bereits bei den 15- bis 24jährigen waren - wie die Ärzte zählten - fast 90 Prozent der Backenzähne erkrankt oder fehlten schon; auch jeder zweite Schneidezahn war in dieser Gruppe schon von Karies befallen.
Ähnlich trübe hatten die Zahnstatistiken bis 1960 auch in der Schweiz ausgesehen. Bei den 14jährigen beispielsweise fanden die Ärzte damals im Durchschnitt 12 bis 17 erkrankte, fehlende oder bereits gefüllte Zähne. 1962 begann Basel daher, das Trinkwasser auf ein Milligramm Fluorsalz pro Liter anzureichern. Andere Schweizer Gemeinden wichen auf fluoridiertes Kochsalz aus.
Damit erreichten die Schweizer, was sonst nur in Landstrichen mit natürlich hohem Fluoridgehalt des Trinkwassers, etwa in den USA oder im dänischen Vordingborg, beobachtet worden war. Wer pro Tag ein bis zwei Milligramm des Spurenelements aufnimmt, leidet weit weniger unter Kariesbefall als der Durchschnitt der Bevölkerung.
Zwar kann - wie Untersuchungen der vergangenen 30 Jahre nachwiesen - das den Zahnschmelz gegen Säureattacken härtende Fluorid auch Schäden an Knochen und Organen verursachen, aber erst nach jahrelangem Konsum von täglich mindestens 20 Milligramm Fluorsalz. Doch die Gegner der Trinkwasserfluoridierung wurden nicht müde, vor dem Teufelszeug zu warnen.
So berichtete der Mediziner M.J. Rapaport 1959 über das gehäufte Vorkommen von Mongolismus in Gegenden mit natürlich hohem Fluoridgehalt des Wassers in den USA. Sein Kollege Dean Burk schloß 1975 aus Sterblichkeitsstatistiken nordamerikanischer Städte, daß mit der Trinkwasserfluoridierung die Todesfälle durch Krebs zunähmen. Beide Analysen jedoch, das erwiesen Nachuntersuchungen der US-Gesundheitsbehörden, waren falsch.
So sind bislang weder aus der Schweiz noch aus der DDR, wo schon seit 20 Jahren die Karl-Marx-Städter übers Trinkwasser zusätzlich Fluorid zu sich nehmen, schädliche Nebenwirkungen bekanntgeworden.
In Basel wie in Karl-Marx-Stadt hingegen leiden, seit fluoridiertes Wasser durch die städtischen Leitungen fließt, immer weniger Kinder und Erwachsene an den schmerzhaften Löchern im Zahn.
Nach der jüngsten Statistik der Basler Schulzahnklinik nahm die Zahl der Kinder mit gänzlich kariesfreiem Gebiß von Jahr zu Jahr zu. Hatten 1962 nur 7 Prozent aller Schulanfänger keine Zahnfäule, so waren es 1970 schon 30 Prozent, 1979 sogar 46 Prozent. Das Hasenhemd darf heute mindestens jedes vierte Basler Kind im Alter zwischen 5 und 15 Jahren tragen.
Diese Bilanz - so Dr. Martin Büttner, Direktor der Klinik - wäre ohne zusätzliche Vorbeugungsmaßnahmen allerdings kaum zustande gekommen: halbjährliche Kontrolluntersuchungen, tägliches gemeinsames Zähneputzen in Kindergärten und Schulen.
In Westdeutschland hingegen blieb es bislang bei wenig fruchtbaren Appellen, den Zuckerkonsum einzuschränken, und der kostenträchtigen Zahnflickerei, die den allmählichen Verfall der Kauwerkzeuge nur unzulänglich stoppen kann.
Nur vereinzelt wurden bislang an Schulen in Baden-Württemberg, Hamburg oder Nordrhein-Westfalen Zahnputzräume eingerichtet. Der 1977 an der Universität Hamburg gegründete erste westdeutsche Lehrstuhl für präventive Zahnheilkunde blieb der bisher einzige. Und die Ortskrankenkassen sind noch immer auf der Suche nach einer geeigneten Region für ihren Modellversuch ,Zahnmedizinische Prophylaxe".
So setzen die bundesdeutschen Kariesbekämpfer auf den ersten Großversuch mit fluoridiertem Kochsalz in Bayern. Von den staatlichen Salinen in Bad Reichenhall aus, so hofft Initiator Dr. Frohwald Wünschmann, könnte das vorbeugende Gewürz dann auch in norddeutsche Küchen gelangen.

DER SPIEGEL 34/1980
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