18.08.1980

Ohrwürmer fürs Kino

Hollywood schweigt nostalgisch in Musical-Seligkeit: Aufwendig inszenierte Musik- und Tanzfilme kommen in die Kinos, und die Platten-Industrie setzt auf Soundtrack-LPs.
Die Begegnung der beiden in dem neuen Hollywood-Musical "Xanadu" ist fast eine der unheimlichen Art: Gene Kelly, 68, der geniale Tanz-Veteran aus dem legendären US-Kinomusical "Singin' in the Rain" aus dem Jahre 1952, und das blonde Star-Bonbon Olivia Newton-John, 31, aus "Grease", dem umsatzstärksten Musical der Filmgeschichte, stehen zusammen auf der "Xanadu"-Besetzungsliste.
Die Produzenten dieser filmischen Seifenblase mit den tanzenden Jung- und Altstars, Hollywoods Universal-Studios, jubeln: "Das ist es, worauf Sie gewartet haben. Perfekter Eskapismus. Spektakuläres Entertainment, das Sie jenseits Ihrer wildesten Träume tragen wird."
"Xanadu" ist das jüngste Produkt einer neuen Welle von Kino-Musicals, mit der Hollywood den maroden Vereinigten Staaten Fluchthilfe aus der trübseligen Lage anbietet. Teuer hergestellte Leinwand-Künstlichkeiten in bunt-üppigen Dekors weisen den Weg in heile Traumwelten, überdimensionale Menschen-Ornamente in ausschweifenden Choreographien passen zum Bedürfnis der Amerikaner, sich aus der bedrückenden Realität wegzuträumen. Und die Film- und Musik-Industrie, wieder einmal von Absatz-Sorgen geplagt, hofft mit ihren neuen synthetischen Produkten auf Umsatz-Lottotreffer wie "Saturday Night Fever" oder "Grease". Die beiden Musikfilme mit John Travolta hatten der Branche mit Soundtrack-Alben und an der Kinokasse weltweit Riesenerfolge beschert. Das Teenie-Musical "Grease" war dabei unbekümmert den stilistischen Rückschritt in die fünfziger Jahre gegangen.
"Xanadu", eine verzuckerte Liebesschnulze mit pompösen Tanz-Arrangements und süßlichen Gesangsnummern, geht noch weiter zurück: Neben der Schmalzrock-Kapelle "Electric Light Orchestra" legt sich da eine Swing-Bigband wie in den vierziger Jahren ins Blech. Die Musiker tragen Smoking, und die Tänzer zittern im Jitterbug.
Das Branchenblatt "Variety" fand nur Spott für das Werk, in dem Olivia Newton-John als Märchen-Muse auf Erden wandelt, um einen verzweifelten Künstler in den Erfolg zu küssen: "Die Musik ist gut integriert in den Film, wenn gut integriert bedeutet, daß sie irgendwann zwischen Anfang und Ende vorkommt."
Wie die Musik in den neuen Musicals vorkommt, ob sie in Revue-Szenen präsentiert oder nur als Geräuschkulisse im Hintergrund angeboten wird, scheint von untergeordneter Bedeutung zu sein.
Daß es sie überhaupt gibt, ist für die Produzenten entscheidend, denn im florierenden Verbund von Schallplatten- und Film-Industrie ist das eine Medium Werbeträger für das andere und umgekehrt.
So kletterten, schon vor dem US-Start des Films in der vorletzten Woche, das Soundtrack-Album und einige Singles aus "Xanadu" in die Hitlisten. In den Charts des US-Branchenblatts "Billboard" rangiert Olivia Newton-Johns Song "Magic" schon drei Wochen auf Platz eins, und in der Bundesrepublik, wo der Film erst im Oktober Premiere hat, gehören das "Xanadu"-Album und die Single mit dem Titelsong zu den zehn bestverkauften Platten.
In der Musical-Seligkeit vergangener Traumfabrik-Zeiten schwelgen auch Filme wie "Can't Stop The Music", ein auf Spielfilmlänge gestreckter Werbespot für die Männer-Gesangsgruppe "Village People" und andere Konsumartikel, oder "Fame", für dessen Träume vom Erfolg im Showbusiness Regisseur Alan Parker ("Midnight Express") ein Bündel unverbrauchter Talente in Manhattans Straßenschluchten in Gesangs- und Tanzjubel ausbrechen läßt wie einst in der "West Side Story".
Daß aber der Star-Status im Schaugeschäft auch seinen Tribut fordert, führt Bob Fosse ("Cabaret") in dem Musical "Hinter dem Rampenlicht" vor. Da ruiniert sich ein vielbeschäftigter und berühmter Revueregisseur mit seiner Arbeitswut, mit heftigem Frauen-Verschleiß, Zigaretten- und Tablettenkonsum.
Und Fosse zeigt, daß bedeutende Menschen wie Choreographen und Musical-Regisseure eine besondere Spezies mit exklusiven Visionen sind, als kauften sie ihre bedrängenden Traumbilder bei Fellini ein. So tanzt in der komatösen Innenschau des infarktkranken Regisseurs ein Reigen aller wichtigen Figuren seines Lebens eine nicht enden wollende Schluß-Choreographie voller tiefsinniger (wie ebenso schwachsinniger) Arabesken.
Hier feiert nicht nur das Showgewerbe sich selbst, sondern Fosse, den vor fünf Jahren ein Herzinfarkt kurzfristig an der Arbeit hinderte, setzt sich mit dem Film ein maßlos aufgeputztes, mit verschwenderischen Revuenummern verziertes Denkmal. Eine narzißtische Orgie, vorgeführt als Musical.
Auch John Travolta, der leicht angeschlagene Kassenmagnet der US-Unterhaltungsindustrie, schwingt jetzt wieder im Kino die Beine: Aus dem öligen Disco-Stenz vom "Saturday Night Fever", aus der Brooklyner Großstadtpflanze wurde in James Bridges' Film "Urban Cowboy" ein Farmersjunge vom Texas-Flachland, der auf einer Öl-Raffinerie bei Houston arbeitet und seine Abende, mit Cowboy-Hut auf dem Kopf, in der 7000 Großstadt-Westerner fassenden Vergnügungs-Scheune "Gilley's" totschlägt.
Travolta und die Produzenten von "Urban Cowboy" schwimmen auf dem neuen, robusten Boom von Country -Music und -Mode, von Western-Einfalt und Landromantik. Den Verlust veritabler Natur-Heimeligkeit aus dem heilen Marlboro-Reservat machen in dem Film die urbanen Cowboyhut-Träger mit Rodeo-Ritten auf einem mechanischen Bullen in der riesigen Stammkneipe wett.
Und statt zu hämmerndem Disco-Rhythmus und dem Falsett der Bee Gees tanzt Travolta nun männlich im Texas-Two-Beat. Das Soundtrack-Doppel-Album zu "Urban Cowboy", inzwischen ein Bestseller in den USA, bietet, gemäß dem neuen Trend, außer passablen Rockstücken von Joe Walsh und Bob Seger hauptsächlich die Spülwasserklänge gängiger Country-Musik.
Der neue Traum der Amerikaner von konfliktfreier Landluft, in der sich auch die verschiedenen Generationen prächtig kumpelhaft verstehen, hat auch klammheimlich den Rockmusikern in der Reise- und Musik-Komödie "Roadie" von Alan Rudolph die neuen alten Stetson-Hüte auf den Kopf bugsiert.
Da spielt der dynamische Fettkloß Meat Loaf, der energische und erfolgreiche Rockstar, den Kraftfahrer Travis W. Redfish aus einem Texas-Dorf, der sich in das Groupie Lola Bouilliabase verliebt und deshalb mit einer Rockband als Roadie, als Bühnenarbeiter-Faktotum, herumzieht.
Dabei entpuppt er sich, aus Liebe zu Lola, als Super-Roadie, dessen Kraft, Bauernschläue und geschickte Finger den reisenden Rockern die schwierigsten technischen Probleme im Konzert lösen.
Denn der Hauptsong des Kinostücks, "Everything Works If You Let It" (Es klappt alles, wenn du es nur läßt), gerockt von der Band "Cheap Trick", predigt den Rockfans mit "Roadie" dieselbe naive Zuversicht wie die Schnulzen-Fee Newton-John, wenn sie in "Xanadu" mit Saccharin-Stimme singt: "Ihr müßt an unsere Magie glauben. Nichts kann uns im Weg stehen." Und in den neuen amerikanischen Träumen des Hollywood-Musikfilms sind nach Erfolg im Showbusiness gierende Newcomer kaum noch zu bremsen. Das "Village People"-Spektakel "Can't Stop The Music" (Regie: Nancy Walker) schildert mit der Differenziertheit eines Comic strips den Durchbruch eines jungen Komponisten, der an sich glaubt, was schon die halbe Miete ist. Dabei steht ihm eine selbstlose Bekannte zur Seite, die sich patent für den begabten Mann einsetzt, auf New Yorker Straßen nach und nach einen Männerchor einsammelt, bei Plattenfirmen antichambriert und dabei auch schon mal erotisch die Lippen schürzt oder mit den Hüften wackelt. Wenn dann im Finale der Geschichte, die "auf der Rückseite einer Postkarte Platz hat" ("The Guardian"), der Gesangverein "Village People" das Titellied vorträgt, bekommt sein Text im Rahmen so vieler Verlogenheiten einen Beigeschmack von Wahrheit: Immer wieder singt die Gruppe "Die Musik ist nicht zu stoppen". Die Zeit reicht aus, den Gehörgang derart mit dem Song zu mästen, daß er als Ohrwurm darin hängenbleibt und die Zuschauer ins nächste Plattengeschäft dirigiert.
So hat die Vernunft-Ehe zwischen Musik und Filmindustrie wieder einmal ihren Segen.

DER SPIEGEL 34/1980
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