18.08.1980

Nur keine Angst, wenn die Rote Flotte landet

Eigentlich hatte die "Michail Lermontow" als schwimmendes Hotel während der Olympischen Spiele in Tallinn dienen sollen. Als die Besucher ausblieben, mußte das stolze 20 000 -Tonnen-Flaggschiff der Leningrader Baltic Shipping Company zu seinen Gästen fahren, nach Bremerhaven.
Dort schifften sich 588 Bundesdeutsche zu einer Kreuzfahrt ins Nordmeer ein, dank Olympiaboykott ohne die bei solchen Urlaubsvergnügen übliche lange Vorbuchung und mit Rabatt.
In den angesteuerten Gewässern kennen sich die Russen aus - sie betrachten die Gegend als Pool im Vorgarten ihres großen, nur leider landweit eingeschlossenen Reiches, mit Feinden ringsum.
So erklärt es sich, daß die sowjetischen Matrosen eine auf Vergnügungsdampfern unübliche Wachsamkeit an den Tag legen. Dankbar läßt sich etwa ein nach Steuerbord ausspähender Brückenoffizier von Passagieren auf einen von Backbord anfliegenden Awacs-Aufklärer der Nato aufmerksam machen. Und der russische Elektronik-Kutter vor dem Nato-Horchposten auf der Bären-Insel wechselt nach Luv, um beim Sprechverkehr mit der "Lermontow"-Brücke im Funkschatten der Nato zu liegen.
Im isländischen Rejkjavik freilich sind die Sowjet-Sailors mit den örtlichen Gegebenheiten noch nicht ganz vertraut: Der Landgang einer Gruppe Passagiere wird rüde mitten in der Reihe unterbrochen, die Gangway eingezogen, weil das Schiff vor der einsetzenden Ebbe flüchten muß. Bei Flut kommt es zurück.
Eine fröhliche Seefahrt, ein erfahrener Kapitän aus dem Bergland Armenien (er ist sogar "Komandir", Kapitän Ersten Ranges, eine Stufe nur unter dem Admiral), ein stolzes Schiff - deutsche Wertarbeit: 1970 in Wismar gebaut -, auch wenn, wie in vielen Marinen Brauch, der Rost einfach weiß überpinselt wird und das Niederlassen der Rettungsboote so seine Tücken hat.
Erheblicher scheint schon, daß die Russen manche Feinheit des Kreuzfahrt-Rituals trotz nunmehr jahrelanger Erfahrung mit West-Passagieren noch missen lassen; so tanzen die Offiziere nicht mit den weiblichen Passagieren, Kontakte zwischen Crew und Gästen beschränken sich auf offizielle Folklore-Shows, bei der ein Baß der Leningrader Oper als zur Mannschaft gehörig und eine professionelle Sängerin mit dem Timbre der Ljudmila Sykina als Krankenschwester vorgestellt wird, wohl um den hohen Stand sowjetischer Volkskunst vorzuführen. Immerhin, sie singt Zeitgemäßes tränennah: ein Volkslied über den Heldentod sowjetischer Soldaten.
Der Besatzung der "Michail Lermontow" bringt eine solche Reise ins Ausland mancherlei Nutzen. Die bescheidene Heuer wird in Devisen ausgezahlt, beim Ausgang spurten Russen-Rudel zu schon bekannten Geschäften, in denen es Schafwolle zu kaufen gibt; auf Freiwache wird emsig gestrickt.
Und neuerdings dürfen Trinkgelder angenommen werden. Das freilich führt zur Klassenteilung - in die Privilegierten, die an solche Prämien herankommen, wie Kabinen-Stewardessen und Kellner, und jene, die als Postschalterpersonal oder Boutiquen-Verkäuferinnen milde Gaben nicht erwarten können.
Erstere - die Ökonomie bestimmt das Verhalten - sind immerdar freundlich, höflich, dienstbereit. Die zweite Klasse muffelt vor sich hin wie alle die anderen vom materiellen Anreiz Ausgeschlossenen daheim.
Von der Hoffnung auf Tips beflügelt, leistet die Bedienung im Speisesaal, was in den besten Restaurants der UdSSR als unvorstellbar gilt: Eine "Brigade" von drei Kellnern fertigt innerhalb von 40 Minuten 18 Gäste ab, und das - bei jeweils zwei Sitzungen im Speisesaal - sechsmal am Tag. Dagegen war Stachanow ein Faulpelz.
Und immer die Speisen von links und die Getränke von rechts, das Wappen der Baltic auf dem Teller nach oben! Eine befleckte Untertasse, eine zu Boden gefallene Gabel wird sofort ausgewechselt, der Vorliebe eines Gastes für Zitronenscheiben unaufgefordert während der ganzen Reise entsprochen.
Die "Baltic" liefert ihren Gästen zusätzlich zum Nordmeer gratis noch eine profunde Begegnung mit der Sowjetgesellschaft, so wie sie nun mal ist. Die "Michail Lermontow" ist ein schwimmender Mikrokosmos der großen UdSSR.
Er fängt beim kostenlosen Gesundheitsdienst an: Als eine Passagierin den Arzt ruft, weil sie im Anschluß an zuviel Sonnenbaden nur noch wie durch einen Schleier sehen kann, erscheint eine Krankenschwester, die zwar nicht singt, aber auch des Deutschen unkundig ist, träufelt Schmerzstillendes und gibt einen Termin für den nächsten Tag im Schiffshospital.
Dort verschreibt dann ein Arzt, des Deutschen unkundig, der Patientin, die inzwischen überhaupt nichts mehr sieht, eine Salbe, und dann tritt die Sängerin als Schwester auf: Sie ruft mit geschultertem Sopran "Besopasno, besopasno" (ungefährlich). -Der Ehemann führt seine augenkranke Frau zur Kajüte zurück, zweifelt, ob er der russischen Salbe trauen kann (er konnte), und beschließt, zum nächsten Haltepunkt des Schiffs ein deutsches Medikament schicken zu lassen. Dazu braucht er die Adresse des Reederei-Vertreters am Nordkap.
Das Informations-Desk hat die Adresse nicht. Die Zuständige für Landausflüge hat die Adresse verlegt. Der Zahlmeister hat die Adresse, will sie aber nur auf Weisung des "Pursers" herausgeben. Der ist wiederum über die Information zu erreichen.
Die Information möchte keinen Kontakt zum Purser herstellen, fragt nach den Gründen, verweist auf den Arzt. Der Fahrgast meldet in der Poststelle ein Ferngespräch nach Deutschland an. Die Postdame sitzt neben einem Schild, das Telephongespräche "zu jeder Zeit von jedem Standort des Schiffes" per Satellit verspricht. Die Dame erklärt, man könne nur am Abend oder am nächsten Morgen telephonieren. Sie läßt sich nicht beirren. Erst eine Beschwerde höheren Orts mit Zweifeln an der Existenz des Sputnik stellt eine sofortige Verbindung per Satellit her, bringt auch die Nordkap-Adresse zum Vorschein und bewirkt - ungebeten -, daß der Arzt in der Kabine auftaucht, um die Kranke noch einmal zu untersuchen, und gleich darauf ein zweiter, der verschreibt statt der Salbe Tropfen.
Außer Postdame und Bibliothekarin (im Range eines Offiziers) steht den deutschen Gästen kein deutschsprechender Russe als Ansprechpartner zur Verfügung. Die Dame an der Information kann nur Englisch, das übrige Personal nur Russisch. Die Speisekarte ist dementsprechend übersetzt: Das "Rumsteak" ist paniert, das "Beefsteak" Rinderbraten, die "Roulade" falscher Hase.
Der regelmäßige Fleischgenuß ist durchaus untypisch für die UdSSR, die Zubereitung jedoch nicht, der Grad an Zähigkeit wohl nicht auf die Tatarenbräuche des Garreitens unter dem Sattel zurückzuführen, sondern darauf, daß offenbar jeder Fleischgang zunächst für die vormittägliche Brühe genutzt wird.
Die Obstsäfte sind zu zwei Dritteln mit Wasser angereichert, wie auch jene Marmelade, die als Nationalspeise "Kissel" zum Dessert angeboten wird. Im "Krabbensalat" steckt kein Stück Krabbe, und der zweimalige Kaviar-Gang in 18 Tagen besteht aus einem mit einer Messerspitze schwarzer Körner geschmückten Plätzchen. Mithin ist alles wie im schönen russischen Land, so daß der Erfahrene sich an Suppen, Schwarzbrot und Sahneeis hält. Ganz wie in Rußland muß sich der Gast auch für alles, was er längst bezahlt hat, in einer Warteschlange anstellen. Grund: Es gibt nicht genug davon, genauer: Es gibt an sich genug, aber es wird - wie das Expreßtelephongespräch - nur ungern gewährt.
Das beginnt am ersten Reisetag mit dem Anstellen nach einem ständigen Sitzplatz im Speisesaal, unter zwei Schildern für die zwei Schichten, in denen serviert wird. Nur: Bei dem Schild "Erste Sitzung" gibt es die Plätze für die zweite Sitzung, bei dem "Zweite" -Schild vice versa. Unter dem Schwall der Sonderwünsche radiert der Verteiler ständig seine Liste - und irrt die folgenden Tage verstört mit den Opfern seiner Doppelbuchungen durchs Restaurant.
Um einen Platz für die Abendveranstaltungen im Musiksalon zu ergattern, muß man sich anstellen. Schlaumeier verzichten auf das Abendessen und setzen sich Stunden vorher hin. Der Saal reicht nämlich auch mit hinzugefügten Klappstühlen nur für 320 der 588 Passagiere. Ständig kommt es zu Streit, aber immerhin läßt sich bei der Überfülle an der Heizung sparen, sie wird auf einer Seite einfach abgestellt.
Unwürdige Kämpfe zwischen alten Damen und hinfälligen Herren, der Mehrheit des Publikums, brechen um die wenigen Liegestühle aus. Erst kurz vorm Volksaufstand -die halbe Reise ist vorbei - holen mürrische Matrosen noch 100 Stück aus dem Laderaum. Unerklärlich, warum sie es nicht früher taten.
Stunden steht die Schlange für den Landgang auf Spitzbergen, für den nur die zwei Stunden von 14 bis 16 Uhr eingeplant sind. Um 15 Uhr endlich haben sich zwei Rettungsboote, die 90 Personen fassen (halb soviel wie laut Aufschrift bei Seenot hinein dürfen), dreimal an Land entleert. Da erst wird ein drittes Boot zu Wasser gelassen.
Warum dieses Zaudern? Weil sich beim Wiedereinholen der Rettungsboote sichtlich erweist, daß die Winden klemmen, das Schmierfett verhärtet ist, das ganze Manöver durch Verhandlungen zwischen Matrosen und Offizieren ausgeführt wird und nicht, wie bei einer geschulten Crew, durch schlichte Pfiffe des Bootsmannes. Kein Gast der "Michail Lermontow" wird fürderhin ein Landemanöver der Roten Flotte, wo und wie auch immer, fürchten.
Befände er sich gerade wieder einmal an Bord der "Michail Lermontow", würde er gewiß von irgendeiner sowjetischen Landnahme auch nichts erfahren, wie es ja auch Sowjetbürgern daheim ergeht. Vom Besuch ihres Kanzlers in Moskau hörten die "Lermontow"-Gäste erst fünf Tage später etwas. Bis dahin blieb das Schwarze Brett mit den Meldungen der Sowjetagentur "Tass" leer.
Ein Passagier läßt sich deshalb die neuesten Meldungen über Norddeich-Radio vom SPIEGEL durchtelephonieren. In der Funkkabine darf er das Gespräch entgegennehmen, das der Funkoffizier auf Lautsprecher überträgt, damit ein lächelnder Herr im Hintergrund mithören kann.
Der nie zuvor gesehene Lächler immerhin spricht fließend Deutsch. Er stellt sich nachher als "Redakteur der Bordzeitung" vor und lächelt immer noch, als er verdächtigt wird, der Sicherheitsbeauftragte an Bord zu sein. Für ihn waren vielleicht die Paßphotos bestimmt, die jeder Passagier vor der Reise beizubringen hatte, um am Ende ein "Logbuch" mit seinem Konterfei entgegenzunehmen.
Sicherheit muß sein, australische Gäste sollen sich schon einmal in der Bar eine Schlägerei geliefert haben. Nachts patrouillieren Aufpasser durch die Kajütenflure.
Aber die Freiheit leidet nicht darunter. Eines Tages erscheint tatsächlich ein Nachdruck von "Tass"-Artikeln als "Bordzeitung" und liegt an der Information aus. Direkt in die Kabine wird das Blättchen nicht zugestellt, damit die Reisenden sich nicht "agitiert" fühlen, erläutert der Lächelnde.
Die zufriedenen Gäste genießen ihre Freiheit auf deutsche Art. Sie applaudieren der Conférencieuse Marion Velten, wenn sie über die DDR witzelt, auf MS "Michail Lermontow", und sie protestieren, wenn sie über Strauß lästert.
Die Russen sind großzügig. Zum Kapitänsdinner spielt ihre Bordkapelle nach dem "Marsch der Roten Flotte" etwas für deutsche Landsknechte: "Ein Heller und ein Batzen, die waren beide mein, ja mein ..."
Von Fritjof Meyer

DER SPIEGEL 34/1980
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