21.09.2002

LOFOTENBlubber-Berg für Tokio

Weil sich die Bestände stabilisiert haben, will Norwegen seine Abschussquoten für Zwergwale verdoppeln und den Export von Walfleisch ankurbeln.
Captain Geir Andersen zieht einen Zehn-Kilo-Lappen Walfleisch mit einem Fleischerhaken vom Schiffskran und klatscht ihn verärgert in die Plastikwanne vor sich auf der Rampe.
Geir schlurft die steile Treppe hinab in die Kombüse und holt sich einen Kaffee. Sieben Zwergwale versaut, fast eine ganze Schiffsladung Walfleisch vom Feinsten. Das ist ein Verlust von beinahe einer halben Million Kronen (66 000 Euro). Geir wischt sich mit der tranverschmierten Rechten über die Augen. Das war wirklich die miserabelste Fangfahrt seines Lebens.
Der Verlust reißt ein hässliches Loch in die Jahresbilanz der "Leif-junior". Die Kosten laufen Geir Andersen weg. Für eine Granate zahlt er fast 500 Euro. Und der Kredit fürs Schiff muss schließlich auch im Sommer weitergetilgt werden, wenn sie keinen Dorsch und keine Heringe fangen können.
Auch Odbjörn Pedersen, der Jüngste an Bord, macht ein Gesicht wie Olaf der Wikinger nach der verlorenen Schlacht von Stiklestad. Die Besatzungsmitglieder sind am Fangergebnis beteiligt. Diesmal gehen sie alle leer aus. "Der Job wird sowieso schlecht bezahlt, und dann malochst du noch wochenlang umsonst", knurrt Odbjörn. "Seefahrt macht Spaß, aber die Kohle muss stimmen." Sonst sucht er sich lieber einen Job an Land wie viele andere junge Leute, die von den Lofoten in die großen Städte abgewandert sind.
Der Skipper will gar nicht wissen, wer für das Fiasko verantwortlich ist. Einer von der Fünf-Mann-Crew hat beim Schlachten auf See offenbar nicht aufgepasst und die Eingeweide eines der Tiere angestochen. Sie hätten den Schaden begrenzen können. Aber keiner hat was gemerkt. Die Dämpfe aus der auslaufenden trüben Brühe haben die ganze Ladung verbeizt. Klar, dass sie auf den Müll muss. Da ist sich Geir Andersen mit dem Veterinär Trond Kroken einig, der hier fürs Fischereiministerium als Gutachter arbeitet.
Trond macht einen tiefen Schnitt in eine Fleischscheibe: "Stecken Sie mal Ihre Nase in die Spalte." Es riecht eklig.
Hinten in der Schlachterei hacken in weißen Hygiene-Drillich verpackte Messermänner Walfleisch, das hier in den letzten Tagen angeliefert wurde, in bratfertige Portionen. Das Geschäft von Walschlachter Poul Arntzen auf der Insel Skrova geht gut dieses Jahr. Die knapp drei Dutzend norwegischen Walfangschiffe, von denen die Hälfte hier auf den Lofoten beheimatet ist, haben in der laufenden Saison rund 650 Tiere geschossen.
Das Fleisch ist schon komplett verkauft. Nur der fette Blubber geht erst mal tiefgefroren auf Halde. Fleischhändler Ulf Ellingsen hat in seinem Kühlhaus in Svolvaer über 500 Tonnen davon gespeichert. Die Norweger essen im Allgemeinen keinen Walspeck. Außer Leuten wie Ulf Ellingsen natürlich.
Es wäre kein Problem, den Blubber-Berg nach Japan zu verkaufen. Denn die Japaner schätzen Walspeck als Delikatesse. Aber nach dem Washingtoner Artenschutzabkommen ist der Handel mit Walprodukten untersagt. Die Regierung in Tokio zögert mit der Einfuhrgenehmigung, weil sie politische Komplikationen befürchtet.
Wenn die Handelssperre fällt, bringt Walfang auch wieder Profit. Allerdings nicht nur den etablierten Walfängern, sondern auch den Wilderern, die auf alles schießen, was ihnen vor die Kanone kommt.
Die kleinen Vagehvals, wie sie auf Norwegisch heißen, werden bis zu acht Tonnen schwer und bis zu neun Meter lang. Sie wurden, im Gegensatz zu größeren Walarten, nie wegen des Trans, sondern wegen des Fleisches und deshalb auch nicht mit industriellen Methoden gejagt. Sie waren und sind auch nicht vom Aussterben bedroht. Dennoch setzte die International Whaling Commission (IWC) die Zwergwale 1985 gleich mit auf die rote Liste.
Die Norweger scheren sich allerdings nicht um Abschussverbote. Im Gegenteil, sie haben ihre Quote in den letzten neun Jahren vervierfacht. Gegen den Protest der Anti-Walfang-Internationale gingen sie 1993 wieder an die Harpunen. Sie jagen aber nur Vagehvals. Die Jagd auf die zwölf anderen Großwalarten steht auch für Norwegen nicht zur Debatte.
In den nächsten zwei, drei Jahren soll die Fangquote sogar aufs Doppelte steigen. Bei 2000 Stück im Jahr wäre der Walfang wieder ein profitables Geschäft.
Um dem Vorwurf vorzubeugen, sie leisteten der Wilderei Vorschub, haben die Norweger eine DNS-Datei angelegt, in der die Erbmerkmale aller geschossenen Tiere registriert werden. Damit kann man die Herkunft eines Wal-Koteletts ganz genau bestimmen.
Die Methode ist sehr zuverlässig. Das haben neuseeländische Molekularbiologen mit der Überprüfung von Walfleischproben bewiesen, die sie inkognito auf japanischen Märkten gekauft hatten. Dabei kam heraus, dass das Fleisch nicht nur von Zwergwalen stammte, sondern auch von über einem Dutzend verschiedener Wale und Delfine, die unter Schutz stehen. Eine der Proben war auch vom Pferd.
Geir Andersen will einfach nicht hinnehmen, wie seine Zunft von ausländischen Umweltschützern als Horde gewissenloser Profithaie verunglimpft wird. "Es ist so ungerecht, so verdammt ungerecht."
Der Wissenschaftsausschuss der IWC hat die Bestände gezählt und für weitgehend stabil befunden. Nach seinen Schätzungen leben in den antarktischen Gewässern rund eine Dreiviertelmillion und im Mittel- und Nordostatlantik, da, wo Norwegen seine Jagdgründe hat, rund 150 000 Zwergwale. Die Kommission ist aber der Empfehlung ihrer eigenen Fachleute, die Jagd in begrenztem Umfang wieder freizugeben, nicht gefolgt. Und so glauben die Walfänger denn auch, dass über ihr Geschäft nur nach politischen, statt nach wissenschaftlichen Kriterien entschieden wird.
Was die Norweger an Zahlen auftischten, das sei "alles Schwachsinn", meint hingegen Thomas Henningsen, Hamburger Meeresbiologe von Greenpeace. In Wahrheit seien die Bestände viel kleiner. Die Zwergwale bräuchten "einfach mal hundert Jahre Erholung". Walfang hat fast nichts mehr von der alten Moby-Dick-Romantik. Die Kanonen sind heute so treffsicher, dass nur jeder zehnte Schuss danebengeht. Die Granate dringt bis zu 70 Zentimeter tief in den Speck ein, bevor sie explodiert.
Björn Bendiksen, Kapitän und Eigner des Fangschiffs "Tröndergutt" aus Reine, sagt: "Wir freuen uns an den phantastischen großen Tieren, und wenn wir sie totgeschossen haben, freuen wir uns über den guten Schuss." So gravitätisch steht es auch in der norwegischen Mythologie: Das große Wild bringt dem Jäger große Ehre.
Die Kosten wären erheblich niedriger, wenn die Walfänger für ihre Schiffsversicherungen nicht Kriegszuschläge auf die Prämien zahlen müssten, die das erhöhte Risiko abdecken sollen.
Erst kurz vor Weihnachten hatten sie auf den Lofoten zwei Brandanschläge. Zunächst ging in einem Dock bei Svolvaer der Hochseetrawler "Nehella" in Flammen auf. Ein paar Tage später wurde die Walfleischfabrik von Jan Olafsen durch Brandstiftung vernichtet. Ausgerechnet an dem Tag, als Großschlachter Olafsen auf der Tagung der "Fangunion für kleine Wale" seine Ideen zur Ausweitung des Walfangs erläutern wollte.
Die Kriminalpolizei hatte gleich Paul Watson in Verdacht, den Öko-Rambo aus Los Angeles. Watson ließ dementieren. Sprengstoff und Brandstiftung seien nicht sein Stil. Gewaltloser Protest aber auch nicht. Er hat schon neun Walfangschiffe versenkt - vor Spanien, Portugal und Norwegen sowie im Hafen der isländischen Hauptstadt Reykjavik.
Die zwei Schadensfälle auf den Lofoten wurden stillschweigend reguliert, weil die Regierung in Oslo befürchtete, eine Untersuchung könne den langsam entschlafenden Widerstand gegen den Walfang neu beflügeln. Sie hat die Proteststürme der vergangenen Jahre gekonnt abgewettert. Jetzt bloß keine neue Publicity so kurz vorm Ziel.
Watson muss die Spendierbeflissenheit seiner Sponsoren gelegentlich ein bisschen befeuern. Viel Zoff, viele Spenden. Aber die großen Umwelt- und Tierschutzorganisationen wie Greenpeace und World Wide Fund for Nature (WWF) sind nicht mehr so agitationslüstern wie früher. Zu Beginn der Fangsaison fahren sie mit ihren Speedboats Protestrunden in der Nordsee. Aber zu ernsten Zwischenfällen ist es seit Jahren nicht mehr gekommen.
Die Walfanggegner sehen selbst, dass die Wissenschaft ihre Deutungshegemonie aus- höhlt. Das ganze Gezänk um die Bestände bringt sie nicht weiter. Selbst wenn die IWC-Schätzungen um 100 Prozent zu
hoch wären, wie radikale Zweifler meinen, liegen die gegenwärtigen Abschussquoten immer noch unterhalb der Reproduktionsrate.
Mit dem Abschussverbot würde aber auch ein Tabu kippen. Wenn erst wieder Vagehvals gejagt werden dürfen, wird auch die Jagd auf andere Großwale wieder verhandlungsfähig.
Für die norwegische Walfänger-Union stehen etwa die Finn- und Seiwale zur Disposition, deren Bestände sich angeblich stabilisiert haben.
Die Lofoten-Walfänger wollen nicht einsehen, warum ihnen der Folklore-Bonus vorenthalten wird, den die Eskimos und sogar die Kollegen von den Färöern genießen. Auf den Färöern ist Walfang eine furchtbar blutige Angelegenheit. Die Fänger treiben - die nicht geschützten - Grindwale mit Schiffen in seichten Buchten zusammen und schlagen sie dann mit Eisenstangen tot.
Solche makabren Schlachtfeste werden von der Öffentlichkeit in der Regel toleriert. Man könne Naturkinder schließlich nicht der Sozialhilfe überantworten. Andererseits schießen auch die Lofoten-Jäger schon in der zwanzigsten Generation Wale, wenn auch technisch ungleich besser gerüstet.
Ein Verbot der Zwergwaljagd im Nordatlantik sei ökologisch nicht zu begründen, sagt der Osloer Biologieprofessor Leif Ryvarden. Er ist hoch legitimiert, das zu sagen, denn er war mal Vorsitzender der norwegischen Sektion von Greenpeace. Und so wie Leif Ryvarden denkt fast die ganze norwegische Nation.
Die PR-Arbeiter von der norwegischen "High North Alliance" sind auch bemüht, den Zeitgeist für sich zu aktivieren. Walfang, sagen sie, sei auch ein Gebot der ökologischen Vernunft. Die Zwergwale fräßen den anderen geschützten Großwalen Krill und Heringe weg. Und alle Wale zusammen fräßen fünfmal so viel Fisch, wie den Weltfischfangflotten in die Netze gehe.
Die Argumentation hinkt. Wenn High North Recht hätte, dann wären die Fische schon vor Beginn der kommerziellen Waljagd, als noch zehnmal so viele große Wale die Weltmeere durchpflügten wie heute, ausgestorben.
Die Greenpeace-Leute haben die Norweger in Verdacht, in ihren Kühlhäusern nicht nur den Blubber, sondern auch das Walfleisch zu horten, um es in Japan auf den Markt zu bringen, wenn das Exportverbot fällt. Die Norweger äßen sowieso kein Walfleisch mehr - was so nun auch wieder nicht stimmt.
Das "Lysthuset Restaurant", zum Beispiel, ist spezialisiert auf Leckeres vom Wal: Pizza, Frikadellen, Herzgulasch. Oder auch "Whale Steak Bloody Watson", eine Art lukullischen Fluch auf Paul Watson, der früher fast jedes Jahr mit seiner "Sea Shepherd" vor den Lofoten aufkreuzte, um Walfänger zu rammen. Auch von Whalewatch-Touristen geschätzt: Grillpfanne "Whale with Green Peas" - was sich so anhört wie Greenpeace. Zwergwale sind für Norweger wie große Fische, die den Vorteil haben, dass sie nicht nach Fisch schmecken.
Deutsche Wohnmobil-Reisende, die einen Kühlschrank an Bord haben, nehmen sich gern ein Stück Wal oder eine Walwurst mit nach Hause. Als Clou für die Grillparty daheim. Am besten schmeckt es in einem Sud aus Essig und Sojasauce mariniert.
Das ist kein billiges Gaumenvergnügen. Früher, als in Norwegen noch kein Öl gefördert wurde, war Fleisch vom Zwergwal ein Armeleuteessen. Heute zahlt man fürs Kilo so viel wie für ein Kilo gut abgehangenes Rinderfilet.
Die Tierschützer finden das schrecklich. Auf ihrer Sympathie-Hitliste rangiert "Bruder Wal" etwa gleichauf mit Panda-Bär und Robbenbaby. Die Regenbogenlobby hat ihn bis zur Unkenntlichkeit verkitscht und mit allerlei menschlichen Eigenschaften und Talenten ausgestattet. Wale träumten und liebten wie Menschen, sie hätten Kindergärten und sängen liebliche Lieder. Wer so possierlichen Geschöpfen sprengstoffgefüllte Granaten ins Hirn schießt, kann ja wohl nur ein Monster sein.
An der Begriffsbestimmung der Moral in Walfangfragen haben sich beide Seiten wund gerieben. Pro und Kontra sind mächtig durcheinandergeraten.
Die Tierschutzorganisation "Peta", die allen Tieren gleiche Lebensrechte einräumen möchte, hat auf ihren Internet-Seiten dazu aufgerufen, Walfleisch zu essen und dafür auf Chicken Wings zu verzichten. Man könne dadurch Milliarden Hühner retten. Denn: "Jeder Wal hat genug Schinken für eine ganze Armee." ERICH WIEDEMANN
* Kupferstich von Matthäus Merian d. Ä. (um 1630).
Von Erich Wiedemann

DER SPIEGEL 39/2002
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