30.09.2002

WELTWIRTSCHAFTDas Gespenst der Deflation

Vom Wirtschaftswunderland zum Dauerpatienten: Über zehn Jahre sind vergangen, seit in Japan die Spekulationsblase platzte - und noch immer steckt das Land in der Krise. Droht Amerika und Europa ein vergleichbares Desaster?
Währungshüter sind auch nur Menschen - das gilt sogar für Alan Greenspan. Lange Jahre hielten die Amerikaner ihren betagten Notenbankpräsidenten für einen Magier der Märkte, der mit kleinen Zinsschritten und orakelhaften Äußerungen die Wirtschaft in die richtige Richtung zu lenken versteht.
Und dann das: Die Vorstellung, man hätte mit rechtzeitigen Zinserhöhungen die "Bubble" - die Aktienblase der späten neunziger Jahre - verhindern können, offenbarte er kürzlich vor Kollegen, "ist eine Illusion".
An den internationalen Finanzplätzen sorgten diese Äußerungen für reichlich Wirbel. Der mächtigste Währungshüter der Welt - ein Ohnmächtiger? Die viel bewunderte Notenbank-Legende, von deren Geschick die verunsicherten Börsianer gerade jetzt das Abbremsen der weltweiten Talfahrt erhoffen - nur ein Getriebener zügelloser Marktkräfte?
Der Amerikaner Greenspan wäre nicht der erste Notenbank-Präsident, dem eine "Bubble" und - schlimmer noch - womöglich auch deren Folgen über den Kopf wachsen: Vor zwölf Jahren versuchte der damalige japanische Zentralbank-Chef, Yasushi Mieno, Nippons Seifenblase - den Aktien- und Immobilienboom der späten achtziger Jahre - kontrolliert platzen zu lassen. Das Experiment misslang gründlich. "Eine ''Bubble'' anzupiksen ist leicht", sinnierte der Japaner später kleinlaut, "aber die Talfahrt zu bändigen ist das Problem."
Heute, über ein Jahrzehnt später, kämpft die zweitgrößte Industrienation der Welt noch immer vergebens gegen die Nachwehen der damaligen Exzesse. Von einer Lösung des Problems ist sie weiter entfernt denn je: Seit seinem Rekordhoch von 1989 hat der Nikkei-Index über drei Viertel seines Werts verloren. Und mit jedem neuen Sturz an der Tokioter Börse wächst die akute Gefahr, dass weitere Banken des Landes Pleite gehen - denn die messen ihr Eigenkapital großenteils in Aktienkapital.
Im Westen galt Japans Absturz vom Wirtschaftswunderland zum Dauerpatienten der Weltwirtschaft jahrelang als exotischer Sonderfall. Mit Verwunderung und nicht ohne Schadenfreude verfolgten Europäer und Amerikaner, wie ihr wirtschaftlicher Angstgegner von einst von Krise zu Krise stolperte. TV-Bilder verzweifelter japanischer Börsianer und weinender Bosse schienen beruhigend weit weg.
Das war einmal. Düstere Wirtschaftsdaten in Europa und den USA, Firmenbankrotte und hohe Arbeitslosigkeit zwingen nun auch Ökonomen im Westen, ein Horrorszenario zu diskutieren: Drohen der Weltwirtschaft japanische Verhältnisse? Reißt der Börsencrash, der vor zwei Jahren in den USA mit dem Ende des Hightech-Booms begann, mit Verzögerung auch die Realwirtschaft in den Abgrund?
Experten entdecken plötzlich erstaunliche Parallelen: Nach dem Ende des japanischen folgte auf fast ebenso wundersame Weise das amerikanische Jahrzehnt, auch der Siegeszug der US-Ökonomie wurde durch stetig steigende Aktienkurse und ein scheinbar immer währendes Wachstum beflügelt - bis die Blase platzte.
Versinkt jetzt auch die Weltwirtschaft für ein Jahrzehnt in Stagnation und Deflation? Das hässliche D-Wort, das lange Zeit in der ökonomischen Versenkung verschwunden war, beschreibt einen Teufelskreis aus fallenden Preisen und sinkender Nachfrage, der eine Volkswirtschaft nahezu unaufhaltsam in die Tiefe zieht.
Die Wirtschaft schrumpft in Zeiten der Deflation immer weiter, weil die Konsumenten mit weiter fallenden Preisen rechnen und Käufe zurückstellen. Und die Banken geraten in Not, weil der Wert ihrer Sicherheiten abnimmt.
So ist es in Japan. Aber wie groß ist die Gefahr, dass es auch in den USA und in Europa so kommt?
Genährt wird die Nervosität durch eine brisante Studie der US-Notenbank. Das 62 Seiten starke Arbeitspapier "Nummer 729" trägt den Titel: "Deflation verhindern: Lektionen aus Japans Erfahrung in den 90ern".
Zwar verweisen die Autoren auf krasse Fehler und Versäumnisse der Japaner: Anders als die US-Notenbank, die den heimischen Börsen-Crash mit Zinssenkungen zunächst entschlossen abfederte, reagierte Tokio viel zu spät. Gleichwohl: Allein die Tatsache, dass Greenspan die japanische Krankheit analysieren lässt, zeigt, wie ernst er die Gefahr für die US-Wirtschaft einschätzt. Denn trotz anderer Ursachen - geplatzter Boom der Hightech-Aktien hier, von den Banken aufgeblähte Grundstücksblase dort: Die Parallelen zwischen dem Beginn der japanischen Dauerkrise und der aktuellen Entwicklung in den USA und in Europa sind tatsächlich verblüffend.
Dass die meisten Wirtschaftswissenschaftler mit einer Erholung der Weltwirtschaft spätestens im nächsten Jahr rechnen, beruhigt die Skeptiker nicht - ganz im Gegenteil: Die Ökonomen geben schon seit zwei Jahren viel zu optimistische Prognosen ab und müssen diese regelmäßig nach unten revidieren. Der versprochene Aufschwung lässt noch immer auf sich warten.
Genauso war es in Japan. Auch da ließen sich die Notenbanker, Politiker und Wertpapier-Analysten lange Zeit durch den Mythos ihrer wirtschaftlichen Unfehlbarkeit blenden. Als im Frühjahr 1990 Tokios Börse crashte, klammerten sie sich an die Hoffnung, dass sich die Aktien bald erholen würden. Kaum jemand fürchtete Folgen für die reale Wirtschaft.
Die Politik vertraute auf eine ruhige Hand. Die Wirtschaft sei "fundamental gesund", hieß es, der private Verbrauch steige. Immerhin: 1990 wuchs Japan noch um 5,3 Prozent. Zwar fielen die Aktienkurse weiter, aber auch dafür fand sich - wie heute - ein passender Schuldiger: der drohende Krieg gegen den Irak. Der höhere Ölpreis sei die "größte Ursache" für fallende Aktienkurse, befand Notenbanker Mieno und schraubte nochmals unverdrossen die Leitzinsen hoch.
Das war ein fataler Fehler, denn mit Verzögerung krachte es auch auf dem Immobilienmarkt, und ab Sommer 1991 brach die Konjunktur ein. Plötzlich saßen Banken, Firmen, Privatleute auf einem Vulkan von Schulden, gedeckt von Grundstücken, die nur noch den Bruchteil ihrer früheren Phantasiewerte besaßen.
Was hätten Tokios Planer jetzt tun sollen? Im Nachhinein klingt es einfach: schneller die Zinsen senken, rechtzeitig Geld in die Konjunktur pumpen und die Banken von faulen Krediten sanieren. Ein genesenes Japan hätte dann heute - als Musterfall der Volkswirtschaftslehre - die USA als Konjunkturlokomotive ablösen können.
Es kam anders. Im festen Glauben, dass Aktien- und Bodenpreise wieder steigen würden, scheuten die Japaner vor schmerzhaften Maßnahmen zurück. Statt das Auslaufmodell der "Japan AG" - jene Mischung aus Plan- und Marktwirtschaft - radikal umzubauen, rutschte die Nation im Konsens immer tiefer in die Krise.
Verspätet - und viel zu zaghaft - senkte die Bank von Japan ab 1991 endlich die Zinsen. Und noch ein Jahr später pumpte der Staat Geld in den ermatteten Wirtschaftskreislauf, dafür umso üppiger: Mit meist sinnlosen Projekten - Freizeitparks, Brücken, Staudämmen - versuchte Tokio, die strukturelle Misere gleichsam mit Beton zu überdecken.
Die war inzwischen offensichtlich. Bereits 1991 hatte Japan seine ersten "Enrons" und "Worldcoms" entdeckt. Um verlustreiche Wertpapiergeschäfte aus Bilanzen fern zu halten, hatten Firmen diese auf Konten von Briefkastenfirmen verschieben lassen. "Tobashi" - "fliegen lassen" - hieß die Methode, die Japans Broker und Rechnungsprüfer ersannen. Der Rücktritt von Yoshihisa Tabuchi, Boss des größten Wertpapierhauses Nomura, erschütterte damals die ganze Nation.
1997 - zahllose Skandale, Pleiten und Rücktritte später - meldete sich Japans verdrängte Realität mit ganz besonderer Wucht zurück: Im größten Bankrott der japanischen Nachkriegszeit brach das Wertpapierhaus Yamaichi zusammen. Mit Hilfe von "Tobashi" hatte der viertgrößte Broker jahrelang über 265 Milliarden Yen (1,9 Milliarden Euro) an Verlusten in seiner Bilanz verheimlicht.
Fast gleichzeitig mit Yamaichi starb damals auch Japans erster zarter Aufschwung seit dem Absturz. Die Regierung hatte die Erholung mit höheren Steuern und einem plötzlichen Sparkurs erstickt. Wie so oft rächte es sich, dass Tokio die Banken nicht saniert hatte: Nur mit Not und Billionen Yen wandte die Regierung einen Crash ab. Aber wiederum zwang sie die Banken nicht, alle faulen Kredite abzuschreiben.
Schuld am Dauersiechtum des Landes sind die seit 1955 fast ständig regierenden Liberaldemokraten (LDP). Die Partei, bei der es sich um eine unheilige Allianz aller möglichen Interessensgruppen von Baubossen bis zu Postamtsvorstehern handelt, tut fast alles, um säumige Bankschuldner zu schützen. Auf diese Weise hält die LDP vor allem sieche Baufirmen und Einzelhändler künstlich am Leben. Die Summe der faulen Kredite wächst daher Schwindel erregend weiter.
Als größtes Gläubigerland konnte sich Japan zunächst den Luxus leisten, den unvermeidlichen Umbau seines Systems hinauszuzögern. Die Japaner horten zugleich rund ein Drittel der weltweiten Spareinlagen. Aus Furcht vor der ungewissen Zukunft verstecken aber immer mehr Bürger ihr Geld im Schrank. Neuerdings bietet das größte Reisebüro des Landes nervösen Anlegern gar Gruppenreisen in die Schweiz an, damit sie ihre Ersparnisse in Sicherheit bringen können.
Die Folgen des Konsumverzichts in der Heimat: Geld für neue Investitionen wird der Industrie entzogen. Japan versinkt in einer Deflationsspirale - die Preise fallen, immer mehr Firmen gehen Pleite.
Dass es in Amerika und Europa zu einer ähnlich dramatischen Entwicklung kommen könnte, dafür kann etwa Otmar Issing, der Chefökonom der Europäischen Zentralbank, keinerlei Anzeichen entde-
cken. Die EZB sieht denn auch keinen Handlungsbedarf.
"Die Gefahr der Deflation wird unterschätzt", sagt dagegen Stephen Roach, der Chefvolkswirt von Morgan Stanley. Er fordert Zinssenkungen. Kritiker werfen den Frankfurter Währungshütern vor, die Gefahr genauso zu unterschätzen wie die japanischen Notenbanker zu Beginn der neunziger Jahre. "Die Leitzinsen in Europa sind mindestens einen Prozentpunkt zu hoch", meint etwa Norbert Walter, Chefvolkswirt der Deutschen Bank.
Der Druck auf die Europäische Zentralbank wächst. Mehr noch als in den USA, wo Greenspan die Zinsen bereits auf ein Rekordtief drückte, geht das Gespenst der Deflation in Europa um - besonders in Deutschland. Tiefer als anderswo stürzten hier zu Lande die Aktienkurse, die Wirtschaft wächst schwächer als im Rest von Euroland, die Arbeitslosigkeit liegt überdurchschnittlich hoch, die Konsumenten streiken. Und wie in Japan fehlt dem Land die Kraft zu durchgreifenden Reformen.
Dort schlug die LDP vor kurzem ein so genanntes Antideflationspaket vor: Mit Hilfe staatlicher Fonds wollen die Politiker - wieder einmal - die Aktienkurse in die Höhe stemmen.
Langsam verliert auch der Weltwährungsfonds (IWF) die Geduld mit den reformunfreudigen Japanern. Das Land habe sich lange genug "durchgemauschelt", so IWF-Chef Horst Köhler jüngst in Tokio, "Entschlossenheit und Umsetzung" seien jetzt gefragt. Doch im Dauerkrisenland herrscht Ratlosigkeit: Die Zinsen sind praktisch auf null gesenkt; die Konjunkturmaßnahmen verpufften weitgehend; der Staat ist mit 140 Prozent des Bruttoinlandsprodukts dramatisch verschuldet; und der wichtige Absatzmarkt USA steht kurz vor der Rezession.
"Wir haben kein Vorbild mehr", beschreibt der prominente Wirtschaftsjournalist Satoshi Higashitani die ausweglose Lage seines Landes. Dafür hat die übrige Welt nun Japan - als abschreckendes Beispiel. WIELAND WAGNER
* Dai-Ichi-Kangyo-Bank-Chef Sugita und Kollegen in Tokio am 10. Juni 1997.
Von Wieland Wagner

DER SPIEGEL 40/2002
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