07.10.2002

GOLFBajonett vor der Brust

Seit 71 Jahren sind die Männer im Augusta National Golf Club unter sich. Die Chefin der US-Frauenverbände will das ändern. Sie ruft zum Boykott des berühmten Masters-Turniers auf.
Das erste Mal erblickte Martha Burk den Feind an einem Sonntag Mitte April. Sie saß bei ihrer Schwiegertochter zu Hause in Texas vor dem Fernseher und sah, wie Tiger Woods, der weltbeste Golfer, zum dritten Mal das Masters-Turnier in Augusta gewann. Zur anschließenden Siegerehrung erschien ein älterer Herr mit grünblau gestreifter Krawatte und Sonnenbrille im Bild. Er nahm Haltung an und stellte sich in breitem Südstaaten-Ton vor: "Ich bin Hootie Johnson, Präsident des Augusta National Golf Club."
Dieser Club, das hatte Martha Burk kurz zuvor aus der Zeitung erfahren, ist seit seiner Gründung vor 71 Jahren eine frauenfreie Bastion. Alle Mitglieder sind Männer. Ohne Ausnahme. Martha Burk findet das diskriminierend.
Sie starrte auf den Fernseher. "Hootie Johnson", zischte sie, "dir werde ich einen Brief schicken." Es war eine Kriegserklärung.
Denn Martha Burk, 61, ist Vorsitzende der US-amerikanischen Frauenverbände. Unerbittlich kämpft die promovierte Psychologin für die Rechte des weiblichen Geschlechts - und gegen Typen wie Hootie Johnson, die immer noch an den Nimbus der unbeschränkten Macht des Mannes glauben.
Am 12. Juni schrieb Frau Burk dem Chef des exklusivsten aller Golfclubs in verhaltenem Zorn, er möge künftig auch Frauen die Mitgliedschaft ermöglichen - "damit das Thema nicht auf die Tagesordnung kommt, wenn das nächste Masters stattfindet".
Das Schriftstück bildete den Auftakt einer hitzig geführten Debatte, die inzwischen Amerika in zwei Lager spaltet. Es geht dabei nicht nur um die Frage, ob der
konservative Club im Bundesstaat Georgia Frauen aufnehmen soll oder nicht. Es geht auch darum, wo die Grenze verläuft zwischen dem Recht auf Privatsphäre und dem Recht der Öffentlichkeit.
Für einen Platz im elitären Zirkel von Augusta kann man sich nämlich nicht bewerben, man wird berufen. Eine Chance, in den privaten Männerbund aufzurücken, besteht nur, wenn jemand austritt oder stirbt. Und eine Frau darf auf der ehemaligen Obstplantage sehr wohl spielen - wenn sie die Gattin eines Mitglieds ist oder von einem zur Golfpartie eingeladen wurde.
Dass die Monopolisten nun mit ihrer Tradition brechen sollen, bereitet ihnen erkennbar Unbehagen. Hootie Johnson, 71, ließ seine Kontrahentin in drei dürren Sätzen wissen, er finde ihren Brief "beleidigend und nötigend". Tags darauf tat er schließlich kund, man lasse sich nicht "schikanieren, bedrohen oder einschüchtern". Irgendwann werde der Club Frauen zulassen, aber dann, wenn es ihm passe, und bestimmt nicht mit "dem Bajonett vor der Brust". Ende der Diskussion.
Martha Burk ließ sich nicht einschüchtern, sondern nahm die Tonlage auf. Sie begann eine massive Medienkampagne. "Wir leben im 21. Jahrhundert - es wäre schön, wenn auch der Club dort endlich ankäme."
Sie appellierte an den TV-Sender CBS, das Turnier, dessen Sieger das legendäre grüne Jackett übergestreift bekommt, im nächsten Jahr nicht mehr zu übertragen. "Es gibt einen moralischen Imperativ", sagt sie. Dann drängte die eiserne Lady die Sponsoren des Masters, ihr Engagement zu überdenken. Mit verblüffendem Erfolg.
Um die Firmen vor Pressionen zu schützen, kündigte Clubboss Johnson die Verträge mit Coca-Cola, Citigroup und IBM. Die Aktion kostet die Turnierorganisatoren überschlägig zehn Millionen Dollar. Allerdings kann sich der Club bei Mitgliedsbeiträgen von 25 000 bis 50 000 Dollar gewisse finanzielle Einbußen leisten. Und Martha Burks ätzte: "Ich bin überrascht, wie viel Geld sie ausgeben, damit sie weiterhin Frauen herabwürdigen dürfen."
Mittlerweile vergeht kaum mehr ein Tag, an dem nicht in einer Talkshow über den Geschlechterkampf diskutiert wird. "USA Today" veröffentlichte die geheime Namensliste aller Mitglieder; Leitartikler nehmen sich des Themas mit einer Ernsthaftigkeit an, als ginge es um die Abschaffung der Sklaverei. Als Johnson vorigen Monat am Herzen operiert wurde, höhnte die "San Jose Mercury News", er habe sich wahrscheinlich eines einsetzen lassen.
Angesichts der Attacke aus dem feministischen Lager sind auch die Gralshüter maskuliner Werte vereint in Stellung gegangen. "Was kommt als Nächstes?", wird ein Anwalt zitiert. "Muss ich demnächst Frauen in meine Pokerrunde aufnehmen?" Nachts terrorisieren anonyme Anrufer Martha Burk, und sie bekommt E-Mails, in denen sie als "Hexe" beschimpft wird. Die meisten der 292 Mitglieder des noblen Golfclubs, Durchschnittsalter 72 Jahre, ermuntern ihren Vorsitzenden zu einer härteren Gangart.
Derweil sucht die Pionierin eifrig neue Verbündete. So hat sie beispielsweise die Golfspieler-Organisation PGA aufgefordert, dem Masters den Status eines Major-Turniers abzuerkennen. Oder es solle an einen anderen Club vergeben werden.
Einige der weltbesten Profis wie etwa Nick Faldo erklären sich inzwischen solidarisch mit der Frauenrechtlerin. John Daly schließt sogar einen Boykott des renommierten Masters im nächsten Jahr nicht aus. "Ein Streik ist durchaus nicht unmöglich", sagt er, "allerdings geht das nur mit Tiger Woods als Galionsfigur."
Doch ausgerechnet der Star der Zunft verweigert sich. Woods betrachtet die Auseinandersetzung mit dem Gleichmut eines Menschen, der als Farbiger selbst einmal von Diskriminierung betroffen war. "Das sind Dinge, die wird es immer geben", sagt er, "sie werden ewig bestehen."
Dabei hat der Augusta National Golf Club vor zwölf Jahren schon einmal seine Prinzipien geändert. Im September 1990 nahm er mit Ronald Townsend den ersten Schwarzen auf, obwohl Clubgründer Clifford Roberts einst schriftlich fixiert hatte: "Solange ich lebe, sind die Mitglieder weiß und die Caddies schwarz."
Der revolutionären Neuerung vorausgegangen war freilich der Druck der PGA. In Sorge um ihre Sponsorenverträge hatte sie alle Turnierveranstalter angewiesen, einen etwaigen Bannstrahl für schwarze Mitglieder aufzuheben.
Dem Augusta National Golf Club gehören zurzeit sechs Afroamerikaner an. Einer von ihnen ist Lloyd Ward, der erste schwarze Generalsekretär des Nationalen Olympischen Komitees der USA. Martha Burk hat ihm neulich einen Brief geschrieben. Er möge erklären, wie er die Mitgliedschaft mit seinem Amt vereinbaren könne.
Sie lässt nicht nach. "Es gibt nur einen möglichen Ausgang in diesem Streit", sagt Martha Burk, "es ist nur eine Frage der Zeit." MAIK GROßEKATHÖFER
* Unten: am 18. Abschlag; rechts: bei der Siegerehrung mit Clubchef Hootie Johnson am 14. April.
Von Maik Großekathöfer

DER SPIEGEL 41/2002
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