07.10.2002

PAKISTANEin Barometer künftigen Unheils

Nirgendwo finden militante Islamisten besseren Unterschlupf als in Karatschi, wo sie den Hass auf den Westen schüren. Die meisten der 15 Millionen Einwohner ertragen die täglichen Gewaltausbrüche gleichmütig, doch ausländische Helfer müssen um ihr Leben fürchten.
Die Stadt erwacht morgens um fünf. Feuchter Nebel weckt die Fixer in ihren Verschlägen und prüft, ob noch Leben in den Menschenbündeln auf den Bürgersteigen steckt. Obdachlose Greise stehen von ihren Betten aus Lumpen und Pappe oft nicht mehr auf. Karatschi ist ein Monstrum, das jede Nacht viele Menschen verschlingt.
Schon früh am Morgen trägt Faisal Edhi die jüngsten Opfer in eine große Kladde ein. Eine Frau im Moskito-Viertel wurde von ihrem Mann erschossen. "Gekränkte Ehre", sagt Edhi, "das kommt oft vor im Armenghetto."
Edhi leitet ein riesiges Wohlfahrtsunternehmen, das sein Vater aufgebaut hat und das sich allein durch Spenden finanziert. Den Gründer der Edhi Foundation nennen die Einwohner - durchaus ehrfürchtig - "Vater Teresa von Karatschi".
Nach Schießereien bergen Edhis Helfer die Verwundeten. Auf seine weiße Flotte von Ambulanzen - ein paar hundert schwirren ständig durch die Stadt - schießt niemand. Karatschi ist auf den humanitären Familienbetrieb angewiesen wie auf eine Müllabfuhr.
Die Stiftung pflegt die Kranken, versorgt die Verrückten, füttert die Waisen, gibt den Witwen ein neues Obdach. Sie sammelt sogar die toten Babys aus dem Straßenmüll. Meist sind es Mädchen.
Als Edhi senior 1947 nach der Teilung Britisch-Indiens wie Hunderttausende andere Muslime aus dem Süden nach Karatschi flüchtete, lebten dort etwa 300 000 Bewohner. Noch heute stechen die Bauten der viktorianischen Kolonialzeit, die der Stadt einst ihren Charme verliehen hatten, im Chaos Karatschis hervor.
Denn inzwischen wimmeln, wuseln, wandern 15 Millionen Einwohner durch die graubraunen Häuserlandschaften und staubigen Straßenschluchten. Pakistans größte Stadt beginnt am aschgrauen Strand des Arabischen Meers und wächst wie ein Krebsgeschwür immer tiefer landeinwärts in die Wüste. Beton türmt sich auf Beton, Slums wachsen in jeder Baulücke, Blechlawinen verpesten die Luft.
Die Bevölkerungsexplosion und eine katastrophale Stadtplanung haben Karatschi im Laufe der Jahrzehnte in ein Ungeheuer aus Asphalt und Steinen verwandelt. Heroingeschäfte, Waffenschieberei, Menschenhandel - alle Geißeln der Megastädte in der Dritten Welt sind hier zu Hause.
An den alltäglichen Wahnsinn von Straßenschlachten, die sich rivalisierende Banden liefern, an Folterkeller sogar in Parteibüros, an Attentatsserien etwa gegen Ärzte hatten sich die Bewohner schon gewöhnt. Doch seit die Taliban in Afghanistan die Macht verloren und Mitglieder von Osama Bin Ladens Qaida aus dem Nachbarland fliehen mussten, entwickelte sich die Hauptstadt der Provinz Sindh zur neuen Zentrale des islamistischen Terrors.
Hunderte Dschihadis sickerten in die Stadt ein und verbündeten sich mit örtlichen Fanatikergruppen, deren Mitglieder das ideologische Rüstzeug für den Heiligen Krieg in den Koranschulen erhalten hatten. Binnen kürzester Zeit verwandelten sie Karatschi in einen Alptraum für die westliche Welt, und Edhis Einsatzbuch zeigt diese Entwicklung getreulich nach.
Es war eine Ambulanz seiner Hilfsorganisation, die Mitte Mai die Leiche des US- Journalisten Daniel Pearl barg. Militante Muslime hatten ihn bereits im Januar entführt, gefoltert und schließlich geköpft.
Wenige Tage zuvor war ein Dutzend Rettungsfahrzeuge ausgerückt, als vor dem Sheraton-Hotel ein Selbstmordattentäter 11 französische Ingenieure mit in den Tod gerissen hatte. Mehr als 70 Verletzte waren zu versorgen.
Auch nach dem Anschlag auf das US-Konsulat im Juni waren Edhis Helfer zur Stelle, transportierten 12 Tote und 22 Verletzte ab. Vorigen Monat lag das Einsatzziel bei der christlichen Hilfsorganisation "Frieden und Gerechtigkeit". Wieder wurden Särge gebraucht, sieben diesmal. Die Täter waren wie bei den Anschlägen zuvor radikale Muslime aus Karatschi.
Als am ersten Jahrestag der Terroranschläge von New York und Washington pakistanische Polizisten vor laufenden Fernsehkameras eine Gruppe von Islamisten erst unter Beschuss und dann festnahmen, waren auch Edhis Ambulanzen wieder zur Stelle. Es war der wichtigste Fang seit langem, weil sich unter den Inhaftierten der weltweit gesuchte Ramzi Binalshibh befand, ein Vertrauter des Attentäters Mohammed Atta.
Die Krankenwagen wurden um zehn Uhr morgens von der Polizei in das "Defence Housing"-Viertel gerufen, eine vor allem bei Aufsteigern gefragte, gesichtslose Neubausiedlung. Der unübersichtliche Stadtteil bot genau die Deckung, die Bin Ladens Leute brauchten.
Dass die Fundamentalisten in Karatschi Zuflucht suchen, ist zwar nahe liegend, aber nicht selbstverständlich. Islamisten hassen jede Stadt. Ihr Glaube wird im Großstadtdschungel stets herausgefordert, bedroht, geschändet: von Kommerz und Künstlern, von Journalisten, Politikern und Wissenschaftlern, von liederlichen Frauen und den Verlockungen der Lust.
Die Bewohner des Hauses Nummer C 63 in dem lebhaften Wohn- und Geschäftsviertel wagten sich denn auch kaum aus ihrem Haus heraus. "Die blieben immer in ihrer Wohnung", sagt ein Schildermaler, der im Block gegenüber wohnt. Nur manchmal seien ein paar Araber in ihrer hellblauen Limousine vom Typ Daihatsu Charade verschwunden.
Zwei Tote und mehrere Verletzte wurden nach der Erstürmung des Gebäudes durch Spezialkräfte offiziell gemeldet. Der Vermieter sitzt nun hinter Gittern, die to-
ten Terroristen liegen im Eisnebel von Edhis Leichenhalle bei minus zehn Grad, kräftige Kerle im besten Alter, aufgebahrt neben dürren pakistanischen Greisen. Erst wenn die Amerikaner einwilligen, dürfen sie auf dem Friedhof der Stiftung bestattet werden. Mit einem Überstellungsantrag von Verwandten rechnet Edhi nicht.
Niamatullah Khan, der Bürgermeister Karatschis, beschwert sich, dass seine Stadt im Westen immer nur als Zentrum des Bösen beschrieben wird und viel zu schlecht wegkommt. Er verteidigt sie mit bizarren Argumenten: "So schlimme Attentate und Bombenanschläge wie in New York hatten wir hier jedenfalls noch nicht."
Khan gehört zur religiösen Partei Jamaat-i-Islami, einer Organisation, die einen konservativen Islam vertritt. Seine Parteifreunde propagieren zwar keinen Dschihad. Mit der Scharia, dem bis zu 1400 Jahre alten islamischen Recht, liebäugeln sie dennoch. Und die Amerikaner lieben sie natürlich auch nicht.
Selbstverständlich hat Khan sein Beileid ausgesprochen, als die Bombe vor dem US-Konsulat hochging. Doch dann fügt er leise hinzu: "Ich war der Einzige, der kondoliert hat." Kaum gesagt, huscht ein kurzes Grinsen über sein weißbärtiges Gesicht.
Karatschi, erklärt der Bürgermeister stolz, sei "das Barometer Pakistans". Wenn das tatsächlich so ist, droht dem Land eine düstere Zukunft. Offiziell verkündet der Polizeichef zwar, seine Männer hätten Karatschi unter Kontrolle und seien binnen fünf Minuten an jedem Tatort der Stadt. Tatsächlich steht an fast jeder Straßenecke ein Polizeipanzer oder ein Pick-up mit aufgebauten MG, in Hoteleingängen und Behördenbauten piepsen Metalldetektoren schon beim kleinsten Kugelschreiber, am Flughafen werden Reisende gleich mehrfach gefilzt.
Doch in der "Abteilung Gegenterrorismus" der Polizei von Karatschi weiß man, dass diese Demonstrationen öffentlicher Sicherheit und Ordnung letztlich nur Kosmetik sind. "Hilflose Gesten, über die die Terroristen lachen", nennt ein pakistanischer Polizeioffizier die Geschäftigkeit des Sicherheitspersonals. Seine Zukunftsprognose ist skeptisch: "Es ist völlig unmöglich, Selbstmordattentäter zu stoppen. Das schaffen doch nicht einmal die Israelis."
Munition und Sprengstoff der Terroristen, hat der Mann ermittelt, kommen noch immer aus Afghanistan. Karatschi besitzt den größten Hafen Pakistans und gilt weiterhin als Drehscheibe zwischen dem Hindukusch und der Welt. Für wenig Geld und mit noch weniger Aufwand bringen die Kapitäne der großen hölzernen Hochseetrawler heimliche Passagiere ins über 2000 Kilometer entfernte Somalia oder ins vergleichsweise nahe Dubai. Die Fluchtrouten werden zurzeit angeblich von Qaida-Mitgliedern genutzt, denen Karatschis Pflaster zu heiß geworden sei, behaupten Sicherheitsexperten mit Verbindungen zum pakistanischen Geheimdienst ISI.
Auch Aamir hat gute internationale Verbindungen. Den Mann gibt es, seinen Namen hat er allerdings erfunden. Er ist Mitglied der von Präsident Pervez Musharraf verbotenen Islamistengruppe "Sipah-i-Sahaba Pakistan", Soldaten der Prophetengefährten in Pakistan - einer jener Organisationen, die berechtigte Angst vor dem Zugriff der Polizei haben müssen.
Einfach ist es nicht, Aamir zu treffen. Nach umständlicher Kontaktaufnahme erscheint er unangemeldet in der Nähe des Hotels und beantwortet Fragen grundsätzlich nur im fahrenden Auto. Zur Begrüßung sagt er "Tod den Amerikanern!"
Aamir trägt eine schmale Brille und ein weißes Gewand. Während seines Hassmonologs auf den Westen gleitet die Gebetskette durch seine Finger. "Wir wollen keine Sklaven des Westens sein, was in Afghanistan geschieht, ist falsch."
Wie stark Aamirs Truppe ist, lässt sich schwer schätzen, ein paar hundert Anhänger haben sich aber bestimmt angeschlossen. In Karatschi gibt es Dutzende solcher islamischer Kleingruppen mit guten Verbindungen zu den Taliban.
Den sunnitischen "Prophetengefährten" wird die Ermordung zahlreicher Schiiten angelastet. Mit den Attentaten der vergangenen Monate habe er aber nichts zu tun, behauptet Aamir, verurteilen könne er sie allerdings auch nicht. Seine Gruppe biete "allen wahren Muslimen" Zuflucht, die sich zum Heiligen Krieg berufen fühlen.
Sollten die Amerikaner wirklich den Irak angreifen, "muss sich jeder Muslim auf den Krieg vorbereiten", droht Aamir. Mit düsterer Stimme prophezeit er, dass der Tag, an dem Bomben auf Bagdad fal-
len, auch der Tag sein wird, "an dem in Karatschi Blut fließt".
Dieses Datum fürchtet auch Karine Hetherington. "Dann bin ich hier weg!", sagt die blonde, schlanke Französin.
Mit ihrem Mann, einem Amerikaner, lebt sie in einem vornehmen Viertel von Karatschi. Das Paar bewohnt ein großes, altes Herrschaftshaus. Im Garten reckt sich eine Palme 30 Meter hoch in den Himmel, ein hundertjähriger, knorriger Baum wirft dichten Schatten auf den Swimmingpool.
Hausangestellte bekochen die Hetheringtons. Zuweilen lassen sie das Essen in ihrem oasenhaften Garten auftragen. Besucher bewundern die mit afghanischen Teppichen ausgelegten Zimmer, an den Wänden hängen die Werke zeitgenössischer Künstler aus Afrika, wo das Paar stationiert war, bevor die beiden nach Pakistan zogen. In Karatschis Fremdenkolonie weht noch immer ein Hauch längst vergangener Zeiten. Doch in diesen Tagen kommt ein brandaktuelles Lebensgefühl hinzu: Angst, rund um die Uhr.
Wenn der US-Bürger John Hetherington morgens in sein Büro fährt - er leitet eine Hilfsorganisation, die in Pakistan Familienplanung betreibt und jährlich 80 Millionen Kondome verteilt -, folgt ihm ein Wagen mit bewaffneten Leibwächtern. "Seit dem 11. September wird es hier für uns immer gefährlicher", sagt er. Das Paar fühlt sich bedroht, die beiden wissen, dass weiße, westliche Ausländer ohne Begleitschutz auf Karatschis Straßen vor Überfällen nicht mehr sicher sind. Viele Freunde der Hetheringtons haben Karatschi in den vergangenen Monaten verlassen. "Sind wir vielleicht die nächsten Opfer?", fragt sich Karine.
Sie unterrichtet Kunst an einem Gymnasium für die Söhne und Töchter der besseren Gesellschaft Karatschis. Ihre Schüler, sagt sie, seien "sehr aufgeschlossene junge Leute", die New York und London oft besser kennen als Islamabad und Peschawar.
Doch wenn die Lehrerin morgens zur Arbeit fährt, trägt sie einen Tschador. Das Gewand verdeckt Kopf und Körper. "Irgendwann konnte ich die feindseligen Blicke hier nicht mehr ertragen", sagt sie. Unter dem Tschador fühlt sie sich etwas sicherer - aber nicht unbedingt besser.
Kaum jemand ihrer pakistanischen Bekannten versteht die Panik, welche die Europäer und Amerikaner befallen hat. "Für die Einwohner hier ist der Dauerstress durch Gewalt normal", sagt ein Bekannter der Hetheringtons. "Die sind mit Explosionen groß geworden."
Ein schwacher Trost. Denn niemand kann den nächsten Ausbruch voraussehen. Sogar das Amüsierviertel Clifton Beach am Ufer des Arabischen Meers gilt unter westlichen Ausländern seit Anfang des Jahres als "No-go-Area". Hier werden Kamelritte feilgeboten und auf Holzkohle gebratener Mais. Männer mit langen Bärten feuern Ringer an, die sich zur Belustigung des Volks ächzend im Schlick wälzen.
Richard Harrison, britischer Mitarbeiter einer westlichen Hilfsorganisation, hatte zu Weihnachten seine Mutter hierher gebracht. Er wollte ihr wenigstens einen Ort in Karatschi zeigen, der nicht nach Gefahr riecht und etwas Schönheit bieten kann.
Er weiß nicht mehr genau, wieso es geschah, aber die flanierende Menge auf der Uferstraße verwandelte sich plötzlich in eine hundertköpfige Meute, die ihn und seine Mutter zu Tode hetzen wollten. Erst flog Sand, dann folgten Badelatschen, schließlich trafen faustgroße Steine.
Die beiden überlebten mit schlimmen Verletzungen. Weil Polizisten auf der Promenade ihre Pumpguns durchgeladen hatten, ließ die Menge von ihnen ab. Was Harrison keine Ruhe lässt: Es gab keinerlei Anlass für den Ausbruch der Massengewalt. Wie soll man sich vor so etwas schützen?
Solchen Schutz gibt es wohl nicht mehr. Karatschis Straßen sind an die unversöhnlichen Gegner des Westens gefallen. Um hier ums Leben zu kommen, braucht es keinen besonderen Grund.
CLAUS CHRISTIAN MALZAHN
* Bei der Verhaftung am 11. September in Karatschi. * Am 16. November 2001.
Von Claus Christian Malzahn

DER SPIEGEL 41/2002
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