07.10.2002

Ohne Sex ist alles sinnlos

Wolfgang Schömel erzählt vom Hormonstau des einsamen älteren Mannes.
Gar traurig ist das Los der beischlafsmäßig oft kläglich unterversorgten männlichen Großstadtbewohner, die man neudeutsch Singles nennt: Abends sitzen sie unerlöst am Kneipentresen oder mit bitterer Sehnsucht im dunklen Kinosaal, ihre Tage verbringen sie mit meist stumpfsinniger Arbeit, ausgiebig Sport und dem Kampf wenigstens gegen die äußerliche Verlotterung ihrer Existenz - indem sie zum Beispiel ab und zu die Matratze ihrer Schlafstätte mit neuen Laken bedecken, um all "die verdorbenen Säfte, die schlechten Ausdünstungen und bösen Gedanken, überhaupt das ganze Elend" zu vertreiben.
Wie sich's für ein ganz und gar deprimierendes Thema gehört, ist Wolfgang Schömels Erzählungsband "Die Schnecke" ein richtig komisches Buch. Was vor allem daran liegt, dass die alternden Helden dieser Storys von einer Sprachmanie befallen sind, die ihrem verdrehten Seelenzustand zu entsprechen scheint: Sie reden ziemlich geschraubt daher. Und mit wem reden sie? Fast nur mit sich selbst. Berichtet wird da vom "panischen Gefühl der Existenzverschwendung", das sich durch "masturbatorische Schübe" eher verschlimmert.
Ohne Geschlechtsverkehr ist das Leben sinnlos: Dieser Leitsatz vergiftet die Hirne von Schömels Männern, ihre Erinnerungen an bessere Tage - und treibt sie zu lächerlichen Aktionen; zum Kauf bunter Sakkos etwa, zur Anstellung einer attraktiven Reinemachefrau (dem ein desaströser Anbaggerversuch folgt) oder zum Besuch einer Gruppentherapie. Dank solcher Strampelei dürfen sie ihren Sexualtrieb manchmal doch ausleben. "Bei den Anonymen Sexsüchtigen bin ich der King", lässt der Autor eine Geschichte anfangen, was schon zeigt, wie abgefeimt er bei aller Umstandskrämerei das Schreibhandwerk versteht.
Im Hauptberuf ist Schömel, 50, Literaturreferent in der Hamburger Kulturbehörde, Bildungshuber dürfen sich von seinen Helden also gern an diverse Verzweiflungskünstler der Literaturgeschichte erinnert fühlen. Die wahre, topaktuelle Brisanz dieses Buchs aber liegt in der Beschreibung männlicher Not am Beginn des dritten Jahrtausends: Einsam und immer auf der Jagd, hechelt der Singlemann den Glücksversprechen der sexuellen Marktwirtschaft hinterher, hilflos der Gnade der Frauen (und den eigenen Trieben) ausgeliefert - je weniger er mit den Jüngeren mithalten kann, desto mehr wird er zur lächerlichen Figur. Bis er eines Tages anfängt, Selbstgespräche zu führen. WOLFGANG HÖBEL
Von Wolfgang Höbel

DER SPIEGEL 41/2002
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