21.10.2002

INDONESIEN„So viele Tränen - warum?“

Die Bombenanschläge stürzen Bali in schwere wirtschaftliche Turbulenzen. Doch die Gelassenheit hat auf der Insel der Götter bislang kaum gelitten.
Auf dem Hof des Sanglah-Hospitals von Bali stehen 86 Särge. Es riecht nach Verwesung. Zwei Soldaten passen auf, dass die Journalisten, die hier auf Interviews mit Angehörigen der Bombenopfer warten, keine leeren Cola-Büchsen und Filmdosen in die Särge schmeißen.
Es sind billig zusammengeschusterte hellbraune Kisten aus knapp halbfingerdickem Teak, wie man sie Downtown Denpasar für 200 000 Rupiah (etwa 22 Euro) kaufen kann. Normalerweise sind Särge zum baldigen Verbrauch bestimmt. Sie brauchen nicht lange zu halten, weil sie am Tag nach dem Ende des Verblichenen zusammen mit dem Inhalt zeremoniell verbrannt werden.
Diesmal dauert es länger, weil fünf Tage nach den zwei schweren Bombenanschlägen im Amüsierdistrikt von Kuta noch nicht einmal die Hälfte der mehr als 180 Opfer identifiziert ist. Einige sind zu schwarz glänzenden Klumpen aus zwei oder drei Leibern zusammengeschmolzen und müssen erst mühsam aufgebrochen werden.
Ein "Hercules"-Transporter der australischen Luftwaffe hat am Dienstag zehn Kühlcontainer für jeweils acht bis zehn Leichen nach Bali gebracht. Aber sie reichen nicht aus. Vor der Obduktionskammer türmt sich noch immer ein Berg von schwarz lasierten Leichen, die in blaue Plastikdecken eingeschlagen sind.
Das doppelte Bombenattentat auf die zwei Discos in Kuta Beach hat Bali aus dem Lot geworfen. Aber es hat den naiven Glauben an Glück und an die Macht des Guten nicht zerstören können. Am Tatort haben Straßenabordnungen und die Belegschaften von Firmen aus der Umgebung Kränze mit Spruchbändern niedergelegt, auf denen sie ausdrücken, wie das tragische Ereignis sie berührt hat: "So viele Tränen, so viel Schmerz - warum?" Und: "He, ihr Terroristen, verschwindet aus unserem Traumland!" Und: "To the boys from the Nina Hotel, God bless."
Anderswo auf der Welt stünde vielleicht "Kill the Terrorists" auf den Spruchbändern. Hier nicht. Auge um Auge, Zahn um Zahn, das passt nicht zur balinesischen Kultur. "Statt zu demonstrieren, gehen die
Leute auf die Straße zum Beten", sagt John-Paul Eisermann, Geschäftsführer von "Mama''s German Restaurant", das wenige hundert Meter vom Explosionsherd entfernt ist.
Gewaltverzicht ist in der hinduistischen Denkart auf Bali fest verankert. Beim Maskentanz, der in der Ortschaft Batubulan getanzt wird, kämpft Barong, ein löwenähnliches Wesen, das das Gute verkörpert, symbolisch gegen Rangda, die schreckliche Hexe. Der Kampf endet mit einem Remis, weil auf Pulau Dewata, auf der Insel der Götter, auch das Böse sich auf das Koexistenzprinzip verlassen kann.
Es ist eine erfahrbar wahre Plattitüde: Die Balinesen sind sanftmütige Menschen, sie verabscheuen, mal abgesehen von ihrer pausbäckigen Begeisterung für Hahnenkämpfe, jede Art von Gewalt. Sie haben sich einst auch mit der holländischen Konquista arrangiert und später im Zweiten Weltkrieg mit der japanischen Besatzungsmacht.
Spiritualität ist Alltag, und der Alltag ist Spiritualität auf Bali. Überall stehen Opferschalen - am Eingang zum Supermarkt, an der Tankstelle, auf der Theke im Waschsalon. Die guten Götter kriegen natürlich auch was ab. Fremde sind eingeladen, sich an der Spiritualität zu beteiligen.
Die heutige Hindu-Enklave Bali wurde um die Jahrtausendwende von Indien aus beeinflusst. Das Eiland ist als einzige der großen Inseln der Islamisierungswelle entgangen, die im 16. Jahrhundert das indonesische Inselreich überflutete. Auch deshalb haben sich hier die kulturellen und denkartlichen Absonderlichkeiten erhalten, denen Bali im indonesischen Inselverbund sein Sonderstatut als Bollwerk der Friedfertigkeit verdankt.
Demut, Weihrauch und Flower Power geben aber keine Bestandsgarantie für den Status quo. Die aufgeräumte Sonnenseite des Inselreichs hat zunehmend Schwierigkeiten, sich aus den unseligen indonesischen Verstrickungen herauszuhalten. Die politischen Stürme der letzten Jahre haben die balinesischen Liebenswürdigkeiten nicht unberührt gelassen. "Wir müssen uns gegen die Muslime wehren", sagt der Hahnenkampf-Unternehmer Abung Derwas, dessen Haus nur 300 Meter von dem Bombenkrater in Kuta entfernt ist. "Sie missbrauchen unsere Gastfreundschaft, sie kommen hierher, um hier das gleiche Unheil wie in ihrer Heimat anzurichten."
Vom Norden der Insel ist es nur ein Katzensprung nach Java. In der nördlichen Küstenregion haben die Muslime ganze Dörfer gegründet. In einigen Bezirken gibt es mehr Moscheen als Hindu-Tempel.
Es hat Reibereien gegeben zwischen Hindus und Muslimen. Aber sie hielten sich in Grenzen. Gar kein Vergleich zu dem flächendeckenden Amok, der Teile von Sulawesi und den Molukken ins Chaos stürzte. Auf Bali gibt es bis auf Weiteres keinen Konflikt, der den infernalischen Anschlag von Kuta erklären würde. Deshalb hat hier auch niemand Zweifel, dass es Fremde waren, die die Bomben gezündet haben.
Vor gut zwei Jahren, als sich auf der Nachbarinsel Lombok Muslime und Christen blutige Auseinandersetzungen lieferten, brach der Fremdenverkehr auf Bali ein. Viele Hotels waren kaum zur Hälfte ausgebucht. Jetzt droht wieder der Absturz. Nur, dass die Aussichten auf Erholung diesmal schlechter stehen. Diesmal ist das Paradies selbst Killing Ground.
Diese Krise hat eine neue Qualität. Aburizal Bakrie, der Chef der indonesischen Industrie- und Handelskammer, ist pessimistisch: "Bali und Indonesien sind am Ende. Wir können nicht länger das Gerücht aufrechterhalten, es sei ungefährlich für Ausländer, in Indonesien Geschäfte zu machen."
Bars und Restaurants entlassen jetzt massenhaft Personal. Auch das Hahnenkampf-Geschäft geht schlecht. Zum Wetten ist das Geld zu knapp. Und ähnlich wie dem Hahnenkampf-Unternehmer Abung Derwas geht es den Fischbrätern, Kneipiers, Tätowierern, Surfbrettverleihern und allen Gewerbetreibenden, die mit dem Tourismus Geld verdienen. Natürlich auch dem Four Seasons, in dem man für die Übernachtung in der Suite mit Lakai und Lotus-Pool über 600 Dollar pro Person bezahlt. Die balinesische Gelassenheit wird von der Baisse aber nicht sichtbar berührt.
Die Empfehlungen der Regierungen in Canberra, London und Washington an ihre Landsleute, Indonesien zu verlassen, haben sich verheerend auf die Buchungslage ausgewirkt. Man hofft, dass wenigstens die Australier über kurz oder lang ihre Ängste überwinden werden, obwohl sie den höchsten Blutzoll entrichten mussten.
Dabei passt der Downunder-Tourismus zu der Insel der Sanftmut wie die Faust aufs Auge. Die Umgangsformen urlaubender Australier orientieren sich an dem Standard vom Ende des 18. Jahrhunderts, als der fünfte Kontinent noch Strafkolonie war. Sie sind laut, ordinär und konkurrenzlos trinkfest. Und sie neigen dazu, nach dem fünften Bier am Tresen ihr Hemd auszuziehen. Was nicht nur von Balinesen als befremdlich angesehen wird.
Das mörderische Attentat hat die lockeren Gewohnheiten nicht brechen können. Zwei Tage danach war in den benachbarten Kneipen schon wieder Hully-Gully-Stimmung: "He was a jolly good fellow!" Zur Leichenschau im Sanglah-Krankenhaus erschienen einige der Hinterbliebenen in Shorts und Sweatshirt, einer sogar mit nacktem Oberkörper.
"Paddy''s" und der "Sari Club" waren die Epizentren des australischen Bebens auf Bali. "Da kannst du Angst kriegen, das ist, als wenn eine deutsche Clique aus El Arenal und eine englische Clique aus Magaluf zusammen die Sau rauslassen", sagt der deutsche Bali-Urlauber Bernd Förster aus München. Und Förster versteht was vom Saurauslassen. Er hatte 13-mal Urlaub auf Mallorca gemacht, bevor er zum ersten Mal nach Bali kam.
Die Balinesen, die mit dem australischen Ballermann-Tourismus seit drei Jahrzehnten leben, haben dabei aber ihre Unschuld nicht verloren. Sie bieten sich den Fremden an, aber sie geben sich ihnen nicht preis. Keine Liebesdienerei, kein Ausverkauf der Kultur. Immer nur lächeln.
Doch die Balinesen wissen, dass sie neue Perspektiven brauchen, um sich aus der Umklammerung des Tourismus zu befreien. Solche wie das "Balicamp" im Innern der Insel. Anderthalb Stunden nördlich von den Stränden von Kuta und Nusa Dua, hoch in den Bergen, hat der EDV-Unternehmer Otto Toto Sugiri, Absolvent der TH Aachen, ein Think-Camp für Software-Entwickler gebaut. Mit glänzendem Erfolg.
Die 120 Programmierer arbeiten unter Wellness-Bedingungen wie sonst nur Kollegen in westlichen IT-Manufakturen. Komfortable Teak-Bungalows im balinesischen Stil, Marmorbäder, Riesen-Swimmingpool, Aussicht über ein phantastisches Bergpanorama. Die Software-Erzeugnisse werden über drei monströse Satellitenschüsseln nach Hawaii gesendet und von dort an die amerikanischen Kunden weitergeleitet. "Es ist das neue Bali", sagt Sugiri.
Das alte Bali hat auch seine Defizite. Das hinduistische Kastenwesen ist hier weniger strikt als in Indien, die Korruption aber nicht weniger schlimm als auf Java. Es hapert auch am Umweltschutz. Niemand hindert die Fischer daran, mit Zyanid und Dynamit die Korallenriffe zu Grunde zu richten.
Aber schönen Geschöpfen werden ihre Sünden eher verziehen als den normalen. Und Bali ist so schön. Schäumende Flüsse, die aus wolkenverhangenen Vulkanbergen in Hibiskusgärten rauschen, Glitzerstrände, freundliche Domestiken, Rosenblätter im Pool, silberhell lachende Schulmädchen, die in malerischen Tempelruinen Seilchen springen.
Und die Früchte der schönen Tugend, die man in westlichen Breiten Tatchristentum nennt. Rentner Erwin Meier aus Beilngries in Oberbayern hat vorletzten Samstag reichlich davon erhalten. Er saß beim Bier im "Paddy''s", als die Höllenmaschine explodierte. Das Licht ging aus. Weil er total nachtblind ist, verlor er sofort die Orientierung. Die Flammen griffen nach seinem Anzug, er spürte, wie sie seinen linken Arm verbrannten. Alles aus, dachte er. Da zog ihn jemand am Kragen.
Es waren sein Freund Krishna und dessen Freundin Dewa. Sie hatten sich schon nach draußen durchgekämpft, waren aber unter Lebensgefahr noch einmal zurückgekommen, um Erwin rauszuholen. Wenn es Erwin Meier an Gründen gefehlt hätte, Bali und die Balinesen zu lieben, so sagt er, dann hätte er jetzt einen.
ERICH WIEDEMANN
* Beim Verlassen der Insel am 13. Oktober.
Von Erich Wiedemann

DER SPIEGEL 43/2002
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