21.10.2002

LEGENDENCobains Himmelfahrt

Schon als er im April 1994 aus dem Leben schied, galt der Amerikaner Kurt Cobain als einer der wichtigsten Rockmusiker der Zeit. Inzwischen ist Cobain zum Pop-Mythos verklärt - nun sollen ein Song aus dem Nachlass sowie ausgewählte Tagebuchnotizen den Ruhm des toten Helden mehren.
Oft wirkte er in seinem Elend erbärmlich kleinlaut. Zu den berührenden Stellen in den Aufzeichnungen des unglücklichen Helden gehört es, wenn er einen Versuch, von Schmerzmitteln und Heroin loszukommen, ausgerechnet mit Hilfe eines deutschen Kinowerks beschreibt. Drogenentzug sei exakt genauso schlimm, wie immer behauptet werde, liest man da. "Du kotzt, du schwitzt, schlägst um dich und fällst ins Bett wie in diesem Film ''Christiane F.''."
Am Ende hielt er sich lieber an Shakespeares Helden. Als er ein paar Wochen vor seinem tatsächlichen Tod einen missglückten Selbstmordversuch in Rom unternahm, berichtete er in seinem Abschiedsbrief, ein gewisser Dr. Baker habe ihm erläutert, dass es ihm wie Hamlet ergehe - er müsse sich zwischen Leben und Tod entscheiden. "Ich wähle den Tod", notierte der malträtierte Star.
Am 5. April 1994 machte der amerikanische Rockmusiker Kurt Cobain, 27, in seinem Haus in Seattle dann mit dieser Ankündigung endgültig Ernst. Er hielt sich eine Schrotflinte an den Kopf und drückte ab.
Schon zu Lebzeiten war Cobain, Sänger und Songwriter der aus Seattle stammenden Band Nirvana, anerkanntermaßen einer der einflussreichsten Musiker der Welt: die Galionsfigur der so genannten Grunge-Bewegung, die mit heiligem Zorn angetreten war, den Rock''n''Roll zu erneuern - und zugleich ein Held jener Anfang der neunziger Jahre Furore machenden "Generation X", die sich (unter dem Eindruck düsterer wirtschaftlicher Zukunftsprognosen) selbst zu Verlierern stilisierte und gern in Holzfällerhemd und Lotterlook posierte.
Heute ist Cobain nicht bloß einer der Großen in der Galerie früh verstorbener Pop-Idole wie Jim Morrison, Jimi Hendrix oder Elvis Presley, sondern auch nach wie vor "eine der strahlendsten Figuren der Musikwelt", wie die "New York Times" feststellte - und deshalb soll Cobain der darbenden Unterhaltungsindustrie nun einen weiteren großen Verkaufscoup bescheren.
Nachdem schon Elvis Presley, verstorben 1977, in den Hitparaden dieser PopSaison ein bemerkenswertes Comeback mit der aufgepeppten Version der obskuren Nummer "A Little Less Conversation" gelungen war, kommt nun der bislang unveröffentlichte Nirvana-Song "You Know You''re Right" auf den Markt.
Das von vielen älter gewordenen und nachgewachsenen Nirvana-Fans sehnsüchtig erwartete Werk, aufgenommen gut zwei Monate vor dem Tod des Bandleaders, bietet die aus Nirvana-Welthits wie "Smells Like Teen Spirit" und "Come as You Are" berühmten dröhnenden Gitarren-Riffs - und dazu einen Text, der als Dokument der Todessehnsucht gelten darf: "I will move away from here / You won''t be afraid of fear", heißt es da etwa, aber auch "I have never felt this well" - da feiert einer den Entschluss, sich ins Jenseits zu befördern, als Triumph über alle Ängste und Leiden.
Dann kracht es ungeheuer, und der Mann schreit nur noch: "Pain, pain, pain, pain". Extrem gedehnt: "Paaaiiin". Nach dreieinhalb Minuten ist der Spuk vorbei.
Das Schmerzensmanifest erscheint in der kommenden Woche weltweit - allerdings nicht als Single, sondern auf einem Greatest-Hits-Album der Band Nirvana, das ansonsten nichts Neues zu bieten hat. Wer also den Song "You Know You''re Right" erwerben will (der zwar ein besonders abgründiges Rock''n''Roll-Stück ist, aber nicht unbedingt eine Sensation), muss die ganze CD anschaffen.
Aus dem Management der Kurt-Cobain-Witwe Courtney Love, Mutter der gemeinsamen, mittlerweile zehnjährigen Tochter Frances Bean, heißt es, man erwarte eine Auflage von "10 bis 15 Millionen" - und es trübt die Laune der Marketingleute keineswegs, dass der "neue" Nirvana-Song sich schon seit Wochen gratis im Internet findet: Echte Fans kaufen die CD trotzdem.
Ein ähnlicher Erfolg soll auch auf dem vorweihnachtlichen Buchmarkt für Aufsehen sorgen. Am 4. November veröffentlicht zunächst der amerikanische Verlag Riverhead Books eine Best-of-Auswahl aus Cobains "Tagebüchern", Ende des Monats lässt der Kölner Verlag Kiepenheuer & Witsch eine deutsche Übersetzung folgen.
Rund vier Millionen Dollar soll Riverhead Books für das Recht bezahlt haben, eine Sammlung von Liebesbriefen, Notizen, schlichten Beobachtungen, Platten-Listen, Zeichnungen, euphorischen Lebensplänen und natürlich Songtexten zu drucken, bei Kiepenheuer & Witsch schweigt man sich über den Preis aus.
Die "Tagebücher" bieten keine disziplinierte Abfolge von täglich Erlebtem, sondern eher einen wilden Mix von Gedanken und Träumen. Begonnen hat Cobain seine Notizen als Teenager, beendet 1994, kurz vor dem Selbstmord. In den USA wird das Werk in einer Faksimile-Edition erscheinen, was gruseligen Reiz haben dürfte, weil einige Texte im Original angeblich mit Blut abgefasst wurden.
Auszüge der Notizen des toten Rockheroen sind Nirvana-Fans schon aus der Cobain-Biografie "Heavier Than Heaven" des amerikanischen Autors Charles R. Cross bekannt, die im September auch auf Deutsch erschien*. Cross durfte mit Erlaubnis von Cobains Witwe Love im Material stöbern - und schildert Cobain als ziemlich geltungssüchtiges, erstaunlich ehrgeiziges Genie. "Ich habe mich vor einigen Jahren dazu entschlossen, mich von weißen Konzerntypen ausbeuten zu lassen, und ich liebe es", zitiert der Biograf aus einem Cobain-Brief, "es fühlt sich gut an. Ich werde meinen untalentierten, ungenialen Arsch noch jahrelang verkaufen können, und zwar weil ich Kultstatus besitze."
Ein wenig wirkt Cross'' Biografie wie eine Auftragsarbeit der Künstlerwitwe Courtney Love, die sich mit den ehemaligen Bandkollegen Cobains jahrelang heftige Gefechte um die Verwertung des Nachlasses geliefert hatte. Ähnlich wie John Lennons Witwe Yoko Ono wurde Love, die selbst als Schauspielerin ("Larry Flynt") und Musikerin der Band Hole künstlerische Anerkennung sucht, von den Fans ihres Mannes heftig attackiert: Mal galt sie als geldgierige Ausbeuterin des Nachlasses, mal wurde sie beschuldigt, die Schätze aus dem Erbe tückisch zurückzuhalten. Vorwürfe, sie habe ihren schwer magenkranken Gatten erst zur Drogensucht verführt, sind ganz offensichtlich so haltlos wie die Behauptung wild gewordener Verschwörungstheoretiker, Love selbst habe am Ende die Flinte auf Cobain gerichtet - die Polizeiermittlungen erkannten eindeutig auf Selbstmord.
Loves Anwälte gingen gegen eine Dokumentation des britischen Filmemachers Nick Broomfield ebenso vor wie noch Ende vergangenen Jahres gegen die Auslieferung einer ganzen CD-Box mit bekanntem und neuem Nirvana-Material - und es ist nicht besonders verwunderlich, dass sie nun allzu intime Einblicke in das Sex- und Liebesleben eines Rock''n''Roll-Idols aus den "Tagebuch"-Einträgen herausgefiltert hat. Auch neue Erkenntnisse über den noch immer von Gerüchten umwaberten Selbstmord sind nicht zu erhoffen.
Dass die Notizen mitunter den Eindruck erwecken, Cobains psychische Not habe sein ganzes Leben dominiert, wird den Kult um den toten Star kaum mehr beschädigen als der Versuch des Buchautors Cross, Cobain als cleveren Rock''n''Roll-Karrieristen darzustellen.
Tatsächlich umgibt Cobain längst die Aura eines Rock-Heiligen, an dessen Massenwirkung kaum ein anderer toter Rock
musiker geschweige denn ein lebender
Popstar wie Eminem oder Robbie Williams heranreicht - und das ganz zu Recht.
Er war das schlechte Gewissen Amerikas, das Sprachrohr jener Generation, die mit den puritanischen Allmachtsphantasien Ronald Reagans nichts anfangen konnte (was seine Faszination auf junge Menschen im Zeitalter des George W. Bush nicht gerade schmälert).
Er verabscheute die Brutalität Rambos ebenso wie den hohlen Reichtum Donald Trumps. Stattdessen suchte er die Seele Amerikas im Rock''n''Roll, den er zusammen mit seinen Nirvana-Mitstreitern neu erfand.
"Smells Like Teen Spirit", ein viereinhalb Minuten langer Song, wurde so zur Hymne - und fegte gleich einem Tornado, der aus dem Dunkeln kam, die etablierten Popstars der achtziger Jahre von den vorderen Plätzen der Hitparaden.
Cobain war vieles, aber nicht clever. Er war ein Getriebener wie der französische Dichter Arthur Rimbaud, ein Wahnsinniger, der seine Wunden nach außen kehrte wie der Maler Vincent van Gogh.
Vor allem aber war Cobain ein Mann, dem das Schicksal nicht bloß ein Übermaß an Leidenschaft geschenkt hatte, sondern auch das Talent, Popsongs zu schreiben, die sich nicht für das Herunterdudeln im Fahrstuhl eigneten, sondern die Zuhörer oft in euphorische Raserei versetzten. Der einzige Sohn einer geschiedenen Hausfrau aus Aberdeen im US-Bundesstaat Washington schaffte es, die Energie und Wut des Punk mit der feinsinnigen Melodiosität eines Beatles-Songs zu kombinieren.
Blond und blauäugig und zerlumpt wie ein auf einer Müllhalde ausgesetzter romantischer Ritter stand er im Inferno der Gitarren und sang Zeilen, die den moralischen Bankrott jener bilanzierten, die ihn dorthin gebracht hatten: "I feel stupid and contagious / Here we are now, entertain us", brüllte Cobain der amerikanischen Plastik- und Siegerkultur entgegen - und doch war dieser Hohngesang auf den Primat des Entertainments zu- gleich eine bittere Kapitulationserklärung.
Er brandmarkte sich mit den Insignien der Verlierer, färbte seine Haare rot, lief in Frauenkleidern herum, stigmatisierte sich als Vergewaltigter. Rock''n''Roll war für ihn das Medium, mit seiner Angst zurechtzukommen - und auch wenn ihm das letztlich nicht gelang, fand er für seine innere Pein eine Stimme, die millionenfach gehört wurde.
"In der Schule war ich allein", sagte Cobain, "die Leute hatten Angst vor mir. Die einzige Rolle, die man mir zutrauen würde, war, dachte ich: der Typ, der wahrscheinlich alle seine Klassenkameraden bei einem High-School-Tanz ermordet."
Just zu dem Zeitpunkt, als er vom Reichtum made in America überschüttet wurde, richtete er eine abgesägte Schrotflinte gegen sich selbst. Ausgebrannt, depressiv, den Drogen verfallen, wollte er nicht zum Verräter seiner Leidenschaft werden.
"It''s better to burn out than to fade away", diesen Neil-Young-Satz schrieb Cobain in seinen allerletzten Abschiedsbrief, der seinen Selbstmord adeln und die Praktiken der Musikindustrie anprangern sollte. Ironischerweise hätte er den Bossen seines Medienkonzerns keinen größeren Gefallen tun können.
"Stirb jung, und hinterlasse eine gut aussehende Leiche", heißt eines der ungeschriebenen Gesetze der Branche.
Kurt Cobain hinterließ nicht unbedingt eine ansehnliche Leiche. Aber er schenkte der Popkultur die besonders eindrucksvolle Neuauflage der Legende vom zor-nigen Idealisten, der lieber in den Tod geht, als seine Werte zu verraten. Unschlagbar. Achteinhalb Jahre nach seinem Ableben hoffen jetzt eine Menge Menschen, sich damit das Alter vergolden zu können.
CHRISTOPH DALLACH, THOMAS HÜETLIN
Cobains Texte - und ein neuer Nirvana-Song
Aus 23 Notizbüchern mit insgesamt rund 800 eng beschriebenen Seiten sind die Texte ausgewählt, die Anfang November in der amerikanischen Originalausgabe der Tagebücher Kurt Cobains im Verlag Riverhead Books erscheinen wird. Ende des Monats soll die deutsche Übersetzung im Kölner Verlag Kiepenheuer & Witsch veröffentlicht werden (circa 352 Seiten; 19,90 Euro). Schon in der kommenden Woche kommt die neue CD "Nirvana" in den Handel, die außer den großen Hits der Cobain-Band auch den bislang nicht veröffentlichten Song "You Know You''re Right" enthält.
* Charles R. Cross: "Der Himmel über Nirvana". Hannibal Verlag, München; 452 Seiten; 25,90 Euro.
Von Christoph Dallach und Thomas Hüetlin

DER SPIEGEL 43/2002
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