04.11.2002

VERERBUNG„Gene sind nur Marionetten“

Gunnar Kaati, 60, Sozialmediziner von der Universität Umeå in Schweden, über seine Studie, nach der die Ernährungsgewohnheiten der Großväter die Gesundheit der Enkel beeinflussen können.
SPIEGEL: Sie haben entdeckt, dass das Diabetes-Risiko von Menschen vierfach erhöht ist, wenn deren Großväter väterlicherseits vor der Pubertät im Überfluss lebten. Nun vermuten Sie, dass die Ernährungsgewohnheiten dauerhaft das Erbgut in den Samenzellen der Großväter verändern und sich so noch bei den Enkeln auswirken - das klingt alles sehr gewagt.
Kaati: Immerhin gibt es inzwischen einen ganzen Wissenschaftszweig, der sich mit dieser Frage beschäftigt, die so genannte Epigenetik. Immer mehr Forscher gehen davon aus, dass die Gene letztlich nur so etwas wie Marionetten in den Händen von Enzymen sind, die die Gene an- oder abschalten können. Auf diese Weise kann das Erbgut durch Umweltfaktoren wie Ernährungsgewohnheiten verändert werden - und diese Prägung kann dann auch weitervererbt werden.
SPIEGEL: Bisher ließ sich das aber nur in Tierversuchen zeigen.
Kaati: Immerhin ist unsere Studie jetzt ein erster Hinweis darauf, dass es so etwas wohl auch beim Menschen gibt. Allerdings haben wir nur 239 Personen untersucht, und das ist zu wenig, um wirklich zuverlässige Ergebnisse zu bekommen.
SPIEGEL: Fast hört es sich an, als würde Ihre Forschung jetzt doch dem verfemten Jean-Baptiste de Lamarck mit seiner berühmten Giraffen-Theorie Recht geben. Der Forscher hatte Anfang des 19. Jahrhunderts behauptet, die langen Hälse der Tiere seien dadurch entstanden, dass sie sich nach Blättern gereckt, dadurch ihre Hälse verlängert und diese Eigenschaft dann an ihre Nachkommen weitergegeben hätten.
Kaati: An Lamarck haben wir überhaupt nicht gedacht! Aber in der Tat müssen wir wohl davon ausgehen, dass bei der Vererbung viele noch unentdeckte Faktoren eine Rolle spielen. Ich frage mich zum Beispiel, was es für zukünftige Generationen bedeutet, wenn zurzeit eine ganze Generation übergewichtiger Kinder heranwächst.

DER SPIEGEL 45/2002
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