21.01.1953

CANNESBeim Aufwachen geweint

Bis tief in die Nacht hinein zerpflückten in Schloß Biebrich bei Wiesbaden vierzehn Herren des paritätischen Auswahlausschusses das schwerwiegende Problem, welche Filme die Bundesrepublik dieses Jahr zu den Internationalen Film-Festspielen nach Cannes schicken solle. Um drei Uhr früh einigten sie sich schließlich resignierend: es sei besser, die Beteiligung diesmal abzusagen, als eine Blamage zu riskieren.
Denn das, was sie im abgedunkelten Vorführraum der Freiwilligen Selbstkontrolle an neueren deutschen Filmen gesehen hatten, gab ihnen wenig Mut, die scharfe Kritik der internationalen Konkurrenz herauszufordern.
Zur Debatte standen:
* "Die große Versuchung" (Rotary-Film);
* "Die Spur führt nach Berlin" (CCC-Film);
* "Der Tag vor der Hochzeit" (Film-Aufbau Göttingen);
* "Rosen blühen auf dem Heidegrab" (Königs-Film).
Mit dem "Heidegrab", das "Heimatglocken"-Produzent Richard König unbefangen zum Wettbewerb mit ausländischen Spitzenfilmen angemeldet hatte, waren die Prüfer in Wiesbaden relativ schnell fertig: "Wir haben geschlafen und beim Aufwachen geweint."
Als ausgesprochen peinlich vermerkten sie, daß in der Hauptrolle Ruth Niehaus, vom brutalen Heidebauern Hermann Schomberg überfallen, sich und ihre Schmach langsam im düsteren Moor ertränkt, dem Vorbild ihrer Ahne folgend, der im Dreißigjährigen Krieg mit einem schwedischen Obristen das gleiche Malheur passiert war. (Grabstein: Wilhelmina, ruh' in Frieden. Anno domini 1631.)
Dem "Tag vor der Hochzeit" hielt man wenigstens zugute, daß er durch die zeitnahe Glossierung eines Staatsbesuches in einer Kleinstadt (eine Anspielung auf einen Theodor-Heuss-Besuch in Göttingen) von dem Heimatfilm-Klischee abweiche. Internationales Format habe er jedoch auch nicht.
Der Film, kritisierte die Kommission, sei nicht durchkomponiert, sondern eine Aneinanderreihung ganz netter kabarettistischer Gags, ohne indessen auch nur den Esprit Werner Fincks oder Curt Goetz' zu erreichen. Da der "Tag vor der Hochzeit" allen Erwartungen nach schon in Deutschland nicht ankomme, könne man nicht hoffen, daß die Ausländer ihn besser aufnehmen würden.
Der CCC-Film "Die Spur führt nach Berlin" fand in Wiesbaden einige ernsthafte Fürsprecher, die auf eine gute Aufnahme in Cannes spekulierten, "weil das stets aktuelle Thema Berlin die Ausländer interessiert". Die Mehrheit indessen fand den politischen Ost-West-Konflikt zu wenig herausgearbeitet und tadelte, mit einer Verbrecherjagd auf den Trümmern der einstigen Reichshauptstadt sei das Problem Berlin noch nicht erschöpfend behandelt. Zweifel wurden laut, ob das etwas frostige Spiel des von CCC-Chef Arthur Brauner neu entdeckten Stars Irina Garden die Gunst des verwöhnten Publikums in Cannes gewinnen könne.
Entscheidend für die Ablehnung war jedoch das Argument eines Prüfers, er habe die Verfilmung der Verbrecherjagd in einer Viersektorenstadt schon besser gesehen, und zwar in Carol Reeds "Der dritte Mann".
"Wir können es uns einfach nicht leisten", warnte Ministerrat Ernst Burkart, Generalsekretär der Kulturminister, "daß es im Ausland heißt: 'Nachmachen können die Deutschen ganz gut'." Zumindest hätte man das aufgegriffene Thema weiterentwickeln müssen.
Aus einem ähnlichen Grunde wurde auch der Dieter-Borsche-Film "Die große Versuchung" abgelehnt. um den es zuvor eine heftige Diskussion gegeben hatte. Immerhin hatte dieser Problem-Film erstmalig in Deutschland das Prädikat "Besonders wertvoll" erhalten. Das Problem: Ein Medizinstudent, der eigenmächtig und ohne Examen als Arzt praktiziert, weil er sich im Kriegseinsatz bereits hundertfach bewährt hat, sei zweifellos hochaktuell und international interessant, fand die Wiesbadener Kommission, aber die Kontraste zwischen den beiden Rivalinnen Ruth Leeuwerik (Seelchen) und Renate Mannhardt (Vamp) seien doch nicht klar genug gezeichnet.
Und was in den kritischen Augen der Auswahl-Kommission noch schwerer wog: sie entdeckte in der dramatisch zugespitzten Herzoperation eine peinliche Ähnlichkeit mit der Hauptszene in dem französischen Film "Unter dem Himmel von Paris", den Julien Duvivier bereits vor zwei Jahren gedreht hat.
Trotz dieser Bedenken plädierte Dr. Wulf von der Wiesbadener Bewertungsstelle für den Film, und nach anfänglichem Zögern hoben sich noch zwei weitere Hände. Wulf: "Überhaupt keine Filme nach Cannes zu schicken, ist psychologisch unklug. Die Franzosen könnten uns vorwerfen, daß wir kneifen, weil wir nun schon zwei Jahre bei ihnen keinen Preis bekommen haben."
Im vorigen Jahr kam Deutschland über einen mehr oder minder wohlwollenden Achtungserfolg für seine drei Filme "Das letzte Rezept", "Die Stimme des Anderen" und "Das Herz der Welt" nicht hinaus. Vorher hatte allerdings die Bundesregierung freimütig, wenn auch taktisch unklug erklärt, zu einem deutschen Filmpreis lange es 1952 nicht.
Für die "Große Versuchung" trat Dr. Hans Schmidt von der Arbeitsgemeinschaft deutscher Filmjournalisten ein: "Mit diesem Film könnten wir wenigstens unsere Visitenkarte in Cannes abgeben. Tränen werden die nicht gerade darüber lachen."
Mit vorrückender Nachtstunde wurde die Ehrenrettung des deutschen Films in Schloß Biebrich immer fragwürdiger. Des Debattierens müde, schickten sich einige Mitglieder der Auswahlkommission an, die Anwesenheitsliste durch Namen wie "Rasputin", "Karl Valentin" usw. zu ergänzen. In den hinteren Reihen wurde der Wunsch geäußert, man solle jetzt ein Gedicht von Morgenstern vortragen.
Daß es mit dem Selbstvertrauen der deutschen Produzenten in diesem Jahr schlecht bestellt ist, hatte in Wiesbaden schon der dreiköpfige kleine Vorausschuß erkannt, der in jedem Jahr die für Cannes eingesandten Filme zu sichten hat, um dann sechs davon der Auswahl-Kommission einzuschicken. Dieses Jahr gab es absolut nichts zu sichten. Außer den vier Filmen hatte die Filmindustrie nichts angeboten.
Trotz dieses ernüchternden Fazits hat Bonn die Hoffnung noch nicht aufgegeben, wenigstens mit einem Film in Cannes Guten Tag zu sagen: Ende Januar soll der Maria-Schell-Film "Der träumende Mund" fertig werden, dessen Uraufführung für den 29. Januar in Stuttgart angesetzt ist. Wenn er so gut wird wie seine Vorpropaganda, und wenn die Franzosen ihn ausnahmsweise noch annähmen - der letzte offizielle Anmeldetermin ist bereits mit dem 15. Januar abgelaufen - , hätte die Bundesrepublik, so mutmaßt man in Bonn, noch eine Chance.
Vorerst aber sind sich Regisseur und Produzent noch nicht einmal über den Schluß des "Träumenden Mundes" einig. Regisseur Josef von Baky ("Für mich gibt es nur eine Lösung, und die ist tragisch") besteht unerbittlich darauf, daß die ungetreue Gattin (Maria Schell) ins Wasser geht, wie in der ersten Filmfassung mit Elisabeth Bergner vor zwanzig Jahren. Produzent F. A. Mainz hingegen findet, Selbstmord als einziger Ausweg für den Fehltritt einer Frau sei heute etwas unglaubhaft - und will Maria Schell leben lassen. Nun soll das Publikum in einem Preisausschreiben selbst über Leben und Tod der Heldin entscheiden.
Überraschenderweise war Produzent F. A. Mainz gar nicht so erfreut von der Idee, den "Träumenden Mund" nach Cannes zu schicken. Er habe, erklärte Mainz, mit seinem "Letzten Rezept" im vorigen Jahr finanziell schlechte Erfahrungen gemacht. Damit teilt er die auffallende Müdigkeit der deutschen Filmproduzenten, sich in diesem Jahr für Cannes zu melden.
Mehr als in den vergangenen Jahren scheut die finanziell geschwächte Filmwirtschaft heute die Kosten, die mit der Ehre, nach Cannes zu gehen, verbunden sind: die 10 000 bis 20 000 DM, die der Produzent für die französischen Untertitel, das Pressematerial in französischer Sprache, für Zoll, Reise- und Aufenthaltskosten blechen muß. Kommt er aber ohne Preis zurück, so hat sein Film zumindest im Exportgeschäft an Wert eingebüßt.
Was F. A. Mainz außerdem nur andeutete, sprechen andere Produzenten heute bereits offen aus: man ist nicht mehr so scharf auf einen Preis in Cannes, nachdem die Filmtheaterbesitzer beim deutschen Publikum eine gewisse Aversion gegen preisgekrönte Filme beobachten. Immer mehr verbreite sich unter den Kinogängern der Bundesrepublik die gesunde Ansicht, künstlerisch wertvolle Filme seien nicht so amüsant.

DER SPIEGEL 4/1953
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