28.01.1953

EISKUNSTLAUFWie alles vergänglich ist

(s. Titel)
Wortlos saßen die beiden in dem olivgrünen Wohnwagen hinter der Hamburger Ernst-Merck-Halle und vermieden es, einander anzusehen. Eben noch hatten sie, beklatscht und bejubelt, im Finale des Eisballetts "Circusluft" ihren "unsterblichen" Walzer getanzt. Zwei Zugaben verlangte das Hamburger Publikum von den viermaligen Weltmeistern und Olympia-Siegern im Eiskunstpaarlauf, Maxi und Ernst Baier.
Jetzt, kurze Zeit nach der Vorstellung, war an der großen Ernst-Merck-Halle nur noch das helle Singen der Eismaschine zu hören, die neues glattes Eis auf die Bühne frieren sollte. Da wurde die Tür des Wohnwagens der Baiers aufgerissen und jemand rief: "Fränki wollte sich erhängen!"
Ernst Baier versuchte vergeblich, seine aufgeregte Frau zurückzuhalten. Auf dem Wege in die Pension zu "Fränki" (Frank Sawer), dem 25jährigen kanadischen Tanz-Star des "Eisballetts Maxi und Ernst Baier", erfuhr Maxi Baier von des Tänzers Spezi Wolfram, was geschehen war: Mit einem Lederriemen hatte sich Frank Sawer am Kronleuchter des Pensionszimmers erhängen wollen. Doch sein Bantamgewicht (56 Kilo) genügte, um den Leuchter aus der Decke zu reißen. "Mr. Sawer leidet unter starken Gemütsschwankungen, er ist übernervös", diagnostizierte der von Maxi gerufene Arzt.
Über den Eistänzer Frank Sawer hatte sich noch vor kurzem bei der Generalprobe des neuen Baier-Balletts "Circusluft" Deutschlands bester Eislaufkritiker Dr. Alik Scheel emphatisch begeistert: "Ein Mann, der halb so alt ist wie Ernst Baier, der zwar keinen einzigen großen Titel vorzuweisen hat, nicht einmal einen ganz
kleinen, aber ein Eisläufer, der künstlerisch jeden anderen Könner in den Schatten stellt - auch Ernst Baier".
Dr. Scheel hatte genau dreizehn Tage zuvor in der Münchner "Abendzeitung" angedeutet: "Ernst Baier weiß, daß der immer größer werdende Ruhm dieses Mannes (Frank Sawer) seinen eigenen, olympischen immer mehr verdüstern wird."
Wenige Stunden vor seinem Selbstmordversuch am Abend des 9. Januar 1953 war Frank Sawers Vertrag mit Ernst Baiers Eisballett fristlos gekündigt worden.
Es dauerte lange, bis Ernst Baier sich entschloß, Frank Sawer zu feuern. Aber jetzt hatte er endgültig genug von der eisläuferischen Romanze hinter seinem Zirkuszelt. Hamburg genoß den großen Skandal seiner Wintersaison 1953.
Vor zwei Jahren begann die Geschichte. In der Festhalle am Berliner Funkturm gastierte im April 1950 die englische Eisrevue Tom Arnold. Das deutsche Nachkriegspublikum sah zum erstenmal ein derartiges Sammelsurium amerikanischen Stils von grellem Tand, Artistik und hopsenden Pin-up Girls auf einer Eisbühne. Die Leute waren genau so begeistert wie von den zur gleichen Zeit wieder auftauchenden Catcher-Turnieren und Sechstagerennen.
Um sich auch mit einer Eisrevue am deutschen Vergnügungsmarkt zu etablieren, hatte der Revue-Manager Tom Arnold als Köder das beste und bekannteste deutsche Berufsläuferpaar verpflichtet: Maxi und Ernst Baier.
Warum gerade Maxi und Ernst Baier seit mehr als 17 Jahren stark publikumsmagnetisch geblieben sind, das hat so recht noch keiner begründen können. Die Portokassen-Jünglinge sehen vielleicht in Maxi den begehrenswerten Typ des herben Sportgirls mit Gretchenblick. Die Backfische himmeln den Herrn mit grauen Schläfen in Ernst Baier an. In den Beifall der Alten mischen sich Reminiszenzen an die gute alte Zeit, in der sie selbst zu Walzertakten "holländerten".
Mit ihrem Eiswalzer wurden die Baiers zum Idol. Daran änderte auch die Tatsache nichts, daß Ernst heute mit seinen 47 Jahren nicht mehr so elastisch ist wie ehedem und daß er während des Tanzes oft sein Gesicht vor Anstrengung verzerrt. Die 32jährige Maxi gleitet immer noch mühelos und federnd-leicht über das Eis.
Unter den übrigen, ausschließlich ausländischen Eisstars, die Tom Arnold 1950 in seiner Revue präsentierte, war nur einer, der außer den Baiers Applaus auf offener Szene für sich buchen konnte: Der Kanadier Frank Sawer, ein Tanzgenie, das mit 15 Jahren als Star von der größten amerikanischen Revue "Ice Folles" verpflichtet wurde, ohne mehr vom Tanzen zu verstehen als man beim Zuschauen einiger russischer Balletts und aus Büchern und Bildern lernen kann.
Erzählt Frank Sawer: "Als ich Maxi Baier in Berlin zum erstenmal laufen sah, war ich begeistert. Sie lief wie mein unerfüllter Traum. Ich wußte sofort, nie würde ich mit einer anderen Frau zusammen laufen können. Ich liebte Maxi des Eislaufens wegen." Auch Maxi war von dem Können des jungen Kanadiers beeindruckt.
Die Baiers hatten genug vom Revue-Geschäft gesehen, als Tom Arnold die Bundesrepublik abgegrast hatte und nach England zurückkehrte. 1951 gründeten sie das "Eisballett Maxi und Ernst Baier". Als für dieses Ballett ein Solo-Tänzer gesucht wurde, entsann sich Maxi des wunderbaren Frank Sawer. Sie machte ihm ein Engagements-Angebot. Sawer antwortete telegraphisch: "Maxi, ich komme gern zu Dir."
Auch Ernst Baier versprach sich viel von der Arbeit mit Frank Sawer. Denn Maxi und Ernst Baier waren in ihrem Eislaufstil an einem Punkt angelangt, von dem aus es ohne Blutauffrischung nicht mehr weitergehen konnte.
Das Streben nach einer neuen Form des Eiskunstlaufes hatte bei den Baiers eingesetzt, als sie sportlich auf ihrem Höhepunkt standen. Drei Jahre nach ihrem Garmischer Olympia-Sieg 1936 traten Maxi und Ernst in Zakopane zum letztenmal als Amateure an und holten sich ihre vierte Paarlauf-Weltmeisterschaft.
Mit der olympischen Goldmedaille, fünfmaligem Sieg in der Europa-Meisterschaft und siebenmaligem Sieg in der Deutschen Meisterschaft hatten sie die meisten Titel eingeheimst, die bisher je im Eiskunstlauf ein Paar aufweisen konnte. Maxi und Ernst waren klug genug, als Sportler abzutreten.
Als der Krieg vorbei war, startete das Berufsläuferpaar Maxi und Ernst Baier. Folgerichtig hatte sich auch ihr Laufstil verwandelt. Er war dem Sportlichen völlig abgekehrt.
Zuerst lehnten sie sich in ihrer Choreographie noch an die auf dem Parkett gepflegten klassisch-modernen Tänze wie Tango, Foxtrott, Rumba und Walzer an. Dann zeigten schon die Namen, die sie
ihren Tänzen gaben, wie sich ihr Eislauf immer mehr zum reinen Ausdruckstanz wandelte: Spanische Suite, Mexikanische Impressionen, Andalusischer Tanz.
Hätten die Baiers diesen Tanzstil weiter kultiviert, wie sie es bis vor zwei Jahren versuchten, dann hätten sie vielleicht erreicht, was bisher keinem Sportler vergönnt war: Aus einer Sport-Disziplin eine Kunst zu machen. Aber sie wären dabei verhungert. Damals, da sie sich an ein kunstsachverständiges Publikum wandten, kamen zu ihrem Schaulaufen nicht mehr 5000 Zuschauer, sondern nur noch 500.
"Die Baiers vor leeren Stadien" hießen Zeitungsschlagzeilen. Und auf den Sportseiten stand ohne Unterschied für Sechstagerennen wie für Eiskunstlauf: "Die Masse braucht für alle Zukunft den sportlichen Wettstreit. Sie verlangt für ihr Geld den prickelnden Reiz der Konkurrenz. Sie will Stürze sehen."
Die Baiers glaubten nicht an die ausschließliche Anziehungskraft von Sport in Reinkultur. Die wenigen Nur-Sportenthusiasten füllen genau so wenig die Hallenbauten wie die Fanatiker der Kunst. Die große Masse will von jedem etwas. Der Weg der Baiers vom Eisport zum künstlerischen
Eislauf war instinktiv richtig gewesen. Nur prellten sie zu weit in das Gebiet der Kunst vor. (Es ging den Baiers genau umgekehrt wie den Olympia-Siegern 1952 im Eiskunst-Paarlauf: Ria und Paul Falk waren als Sport-Amateure Lieblinge des Publikums. Für eine Stargage in der amerikanischen Eisrevue "Holiday on Ice" Profi geworden, laufen sie ihre sportliche Olympia-Kür vor halb leerem Haus.)
Wie heute die Falks so hatten vor zwei Jahren die Baiers die Wirkung ihres Eiskunstlaufens falsch beurteilt. Dennoch waren Maxi und Ernst Baier überzeugt: "Der künstlerische Eistanz verlangt ein Zusammenfassen der tänzerischen und musikalischen Werte, bei denen die sportliche Eislauftechnik nur noch Mittel zum Zweck und nicht mehr selbsttragendes Element ist."
Bei Tom Arnolds Eisrevue lernten die Baiers genug vom "show business", der Reklame und den Wünschen des Publikums. Jetzt wußten sie, warum sie mit ihren Ausdruckstänzen vor leeren Zuschauerbänken gelaufen waren.
Es fehlte zu dem Kunst-Tanz auf dem Eis der große Rahmen, die Ausstattung und ein Ballett, mit Maßen dosiert für ein gefühlvolles, konservatives deutsches Publikum. In dem Ragout, das die Baiers auf eigener Eisbühne zubereiteten, sollte der alte Bekannte mit den tollen Eissprüngen aus Tom Arnolds Eisrevue, der kanadische Wundertänzer Frank Sawer, der Pfeffer sein.
Er wurde es in einem ganz anderen Sinne als es sich Ernst Baier gedacht hatte. Das simple Thema des ersten Eisballetts Ernst Baiers, das unter dem Sondertitel "Olympische Reise" auch in dem Film "Der bunte Traum" colorfarben über die Leinwand lief: Das Gute siegt - nach einigen Verwirrungen der Gefühle auf Maxis Seite - über das Böse. Das Böse tanzte Frank Sawer.
"Wir machen eine Show, die more attractive (noch besser) wird", begann der Tänzer Sawer - Lieblingsbeschäftigung Choreographie - seine Zusammenarbeit mit Ernst Baier und Maxi. "Damals achtete ich in dem Künstler Frank auch den Menschen und sah über manche Entgleisung hinweg", sagt Ernst Baier heute.
Trotz aller Freundschaft gab es manchmal Krach. Oft lief Frank Sawer einfach fort und kam ein paar Tage nicht zur Vorstellung. Aber er kehrte immer wieder zurück. Den Kopf voll neuer Pläne.
Ernst Baier hatte nicht ahnen können, daß der Tänzer Frank Sawer genau so skurril und hemmungslos war, wie seine Sprünge auf dem Eis. Heute weiß er: "Frank muß wie ein kleines Kind alles haben, was er sich wünscht. Gleichgültig, ob es sich um ein Auto handelt oder um einen Menschen."
Im Programmheft des neuen Eisballetts "Circusluft", das am 25. Dezember 1952 in Hamburg uraufgeführt wurde, steht unter
dem Rubrum Idee und Choreographie, wo sonst der Name Ernst Baier zu finden war: Maxi Baier und Frank Sawer.
In Hamburg entluden sich die Hochspannungen explosionsartig. Nach seiner Ballett-Glanznummer als kurdistanischer Räuberhauptmann kam Sawer laut fluchend in seine Garderobe gerannt: Die Szene sei ohne sein Wissen gekürzt worden.
Außer sich vor Wut begann er die Garderobeneinrichtung zu demolieren. Maxi wollte ihn beruhigen. Er aber deckte sie mit Schimpfworten ein, deren Deutlichkeit selbst die Damenpatrouillen auf der Reeperbahn erstaunt hätte. Ernst Baier schmiß seinen Star raus.
Frank Sawer jedoch spielte seinen Bajazzo-Tanz weiter, den er auf der Eisfläche nach Leon Cavallos Musik allabendlich gezeigt hatte (Idee: Maxi Baier und Frank Sawer).
Taktvoll hatte Ernst Baier das Ausscheiden seines Stars mit "Nervenzusammenbruch" begründet. Frank Sawer wollte sich für den Rausschmiß rächen. In einer von ihm einberufenen Pressekonferenz ließ er sich photographieren: In der Hand ein Kästchen mit Manschettenknöpfen und einen Strauß Mimosen.
Dann zeigte Frank Sawer den Presseleuten den dazugehörigen Brief: "Frank, please take this with good memories for the happy moments we had together. Yours Maxi." (Frank, nimm dies als Erinnerung an die glücklichen Stunden, die wir zusammen verlebten. Deine Maxi.)
Erst durch die Morgenzeitungen erfuhr Ernst Baier von Maxis Brief und Geschenk.
Maxis glückliche Stunden waren das Morgentraining mit Frank Sawer gewesen. Die Lust, mit der die beiden in gewagten Sprüngen über das Eis fegten, hatte jeder bemerkt. Das war bis dahin bei Maxi so ganz anders gewesen.
Nie hatte Maxi am Eislaufen Spaß gehabt. War sie von ihrem fünften Lebensjahr an von ihrem Vater, einem kleinen verabschiedeten Offizier des ersten Weltkrieges, Tag für Tag auf dem Eis gedrillt worden, so nahm sie später ihr Gatte, Ernst Baier, noch schärfer heran.
Selbst an dem Tage, an dem Maxi Herber und Ernst Baier kurz nach ihrem Olympia-Sieg 1936 in Garmisch-Partenkirchen zum Standesamt gingen, überredete Ernst Baier seine Verlobte noch am Vormittag zum Training. Die Heirat befreite Maxi aus dem ihr so verhaßten Reichsarbeitsdienst.
Unlustig, aber befehlsgewohnt hatte Maxi auf der kleinen Unsoldschen Eisbahn an der Münchener Galeriestraße ihre Schleifen gedreht. Wie die meisten Eislaufväter hatte auch Vater Herber gedacht. Ist das Kind erstmal soweit, wird sich mit dem Erfolg auch der Ehrgeiz einstellen. Maxis Vater irrte.
Die Erfolge kamen zwar: 1930, als Maxi 9 Jahre alt war, wurde sie Bayrische Damenmeisterin. Zwei Jahre später war sie bereits zweite bei der Deutschen Meisterschaft, und mit 12 Jahren trug sie den Titel einer Deutschen Meisterin im Eiskunstlauf. Der Ehrgeiz aber blieb aus. Maxi wußte, was sie konnte. Ihr Vater wünschte, daß sie sich Eislauftitel holte, so tat sie es.
Doch hätte sie sich statt zu einer Eiskunstläuferin viel lieber auf einer Münchener Malschule zur Modezeichnerin ausbilden lassen. Noch heute entwirft sie nicht nur ihre eigenen Kostüme, sondern auch die des gesamten Eisballetts.
Als die 12jährige Maxi Herber in Oppeln ihre erste Deutsche Meisterschaft gewonnen hatte, gab es Tränen die Menge. Das ist im Eiskunstlaufsport bei den Damen-Konkurrenzen nichts Außergewöhnliches, besonders dann nicht, wenn die Entscheidungen knapp ausgefallen sind. Die Mütter pflegen dann mit ihren "betrogenen" Töchtern um die Wette zu heulen.
Ernst Baier, der gleichfalls 1933 in der Einzelwertung zum erstenmal Deutscher Meister im Eiskunstlauf wurde, erinnert sich in seinem Buch "Maxi und Ernst Baier erzählen ..."*):
"Drei Teilnehmerinnen hatte die Konkurrenz gehabt. Drei weinten beim Festbankett. Die eine weinte, weil sie zum erstenmal seit längerer Zeit in der Kür geschlagen worden war, obwohl sie durch ihr gutes Pflichtlaufen gesiegt hatte. Die andere weinte, weil sie trotz ihres zweiten Platzes nicht zur Olympiade mitgenommen werden sollte. Und die dritte weinte, weil sie letzte geworden war. Es blieb nicht aus, daß ich mir schon damals gewisse Gedanken über Frauensport und seine Begleiterscheinungen machte."
Im November des Jahres der Oppelner Meisterschaft mußte Maxi Baier bei einem amtlichen Olympia-Vorbereitungskurs ihren Trainer wechseln. Die Rolle des Rekrutenausbilders auf dem Eisacker - bis dahin ausschließliches Privileg ihres Vaters - übernahm bei Maxi der damals beste deutsche Eisläufer: Ernst Baier.
Er beschreibt die erste Begegnung in Berlin: "Maxi hatte ein für diese Jahreszeit viel zu dünnes Mäntelchen an, machte einen erfrorenen und übernächtigten Eindruck. An sich bin ich alles andere als sentimental. Aber das Bild ging mir irgendwie nahe, und ich wurde das Gefühl nicht mehr los, daß ich mich um die kleine Herber kümmern müsse."
Der Berliner Olympia-Vorbereitungskursus im November 1933 endete für die Eisläufer Maxi Herber und Ernst Baier mit dem ersten gemeinsamen Walzer. Zur Eis-Saison-Eröffnung des Berliner Sportpalastes sollten die beiden Deutschen Meister im Einzellauf ihn zusammen tanzen.
"Nach dem ersten Schlaganfall", war Ernst Baiers ablehnende Antwort. Paarlauf interessierte ihn nicht.
Wenn damals ein Eis-Sportler im Einzellauf nicht weiterkam, wurde er Paarläufer. Baier: "Man konnte sich dabei so wunderbar am andern festhalten; große Sprünge und schwierige Pirouetten, wie sie die Einzelläufer zeigen, waren dabei nach der gültigen Meinung gar nicht erforderlich; denn die einfachen Figuren zusammen gelaufen hielt man für wirksam genug. Dagegen empörte sich mein sportliches Empfinden."
Nur "weil es nicht für immer sein sollte", gelang es den Veranstaltern, Ernst Baier breitzuschlagen, mit Maxi Herber zusammen zu laufen. Und so fing die Geschichte des im deutschen Sport bald schon historisch gewordenen Eislaufpaares Maxi und Ernst Baier an, deren Walzer seit 17 Jahren die Zuschauer von den Bänken hochreißt.
Weil sowohl Maxi Herber wie auch Ernst Baier zwei gute Einzelläufer waren, revolutionierten sie den internationalen Paarlaufstil.
Es wäre Ernst Baier ein leichtes gewesen, Maxi in die Luft zu heben und mit ihr in großem Bogen auf der Eisbahn spazierenzufahren. So hatte es früher der norwegische Meister Arne Lie mit Sonja Henie gemacht. Baier: "So ist es leider auch heute wieder bei den Amateur-Paaren Mode geworden."
Für Ernst Baier war dieses simple Hochheben und Durch-die-Gegend-Fahren nicht das, was er sich unter Eiskunstlauf vorstellte. "Ich wollte versuchen, das Sportliche mit dem Künstlerischen zu verbinden."
Sämtliche schweren Sprünge und Pirouetten, die bis dahin nur zum Repertoire des Einzelläufers gehört hatten und von den Paarläufern ängstlich gemieden worden waren, wurden von Maxi und Ernst in die Kür eingeflochten.
"Dadurch mußten wir uns oft trennen. Ein interessantes, reizvolles Wechselspiel entstand. Ich ließ zum Beispiel Maxi andere Schritte machen, als ich sie lief, und versuchte, dabei männliche und weibliche Elemente zu einem neuen Paarlaufstil zu vereinigen."
Kaum sechs Wochen trainierten Maxi Herber und Ernst Baier auf Paarlauf. Dann wagten sie sich im Februar 1934 nach Skandinavien. In Oslo und Stockholm wurden große internationale Wettbewerbe im Eiskunstlauf veranstaltet. In Helsinki sollte als Abschluß der Nordlandreise entschieden werden, welches Paar die Weltmeisterschaft verdiente.
Die Diskussion nach Herber-Baiers erstem Skandinavien-Start war überall die gleiche:
Wie läuft das neue deutsche Paar? Ist denn so etwas überhaupt erlaubt? Die prominenten Preisrichter wußten nicht, wie sie den neuen Stil bewerten sollten. Genau genommen wissen sie es auch heute noch nicht.
Seit die Baiers Sport mit Kunst verquickten, ist den richtenden Sportfunktionären die schematische Bewertungsmöglichkeit genommen, wie sie beim 100-Meter-Lauf oder beim Hochsprung besteht, wo Stoppuhr oder Bandmaß eindeutig dem besten Sportler den Sieg nachweist. Das ist eine reelle, objektive Wertung. So war es damals auch beim Eiskunstlauf.
Von den 69 Pflichtübungen müssen beispielsweise die Schlinge, der Doppeldreier oder der Gegendreier-Schlangenbogen so exakt angelegt werden, daß sich bei mehrmaligem Durchlaufen der Kreise und Bögen die Spuren der Schlittschuhe decken. Dann erst gibt es die höchste Punktzahl.
Die Kür - aus Pflicht und Kür ergibt sich beim Einzellauf die Endnote - war nach dem Überwiegen des Künstlerischen im dennoch sportlichen Paarlauf von Maxi Herber und Ernst Baier nicht mehr objektiv zu werten. Ein Urteil über Wert oder Unwert einer künstlerischen Form ist subjektiv. Die Subjektivität aber hielt jetzt auch im Sport den Konkurrenten selbst die Tür in die Privatzimmer der angeblich Unparteiischen offen.
Vorwürfe dieser Art gegen die Punktrichter beim Eiskunstlauf haben nie aufgehört. Wie berechtigt sie zum Teil sein mögen, geht daraus hervor, daß sich Rivalen in internationalen Wettkämpfen ihre "eigenen" Punktrichter mitbringen.
Diese Auswirkung des neuen künstlerischen Laufstils von Herber-Baier ließ sich aber 1934 bei der Weltmeisterschaft noch nicht erkennen. Maxi Herbers und Ernst Baiers erster internationaler Erfolg: Ein guter dritter Platz und eine Änderung der Wettlaufbestimmungen für den Eiskunstlauf.
Der Baier-Stil, international "shadow skating" (Schattenlaufen) genannt, wurde für internationale Konkurrenz bindend:
* Einzellauf beim Paarlaufen, bei dem beide Partner, ohne sich zu berühren, so exakt nebeneinander Figuren laufen, daß sich die körperlichen Konturen decken.
Maxi Herber und Ernst Baier bekamen schon zwei Jahre später selbst als erste die Folgen des von ihnen gefundenen Laufstils zu spüren. Den hatten ihnen in der Zwischenzeit alle internationalen Konkurrenten abgesehen. Die beste künstlerische Gestaltung der Kür, nicht mehr das sportliche mit ein paar Sprüngen gemischte Herunterlaufen der Kür nach fünf Minuten Musik, war jetzt das Kriterium.
Aber wer nun seine Kür am kunstvollsten angelegt hatte, das war nicht mehr dem objektiven Urteil, sondern der Ansicht der Punktrichter überlassen. Über Meinungen läßt sich streiten, zumal, wenn das Beifallklatschen des zuschauenden Publikums die Unparteiischen beeinflußt. Bei den Olympischen Winterspielen 1936 in Garmisch kam es bei der Eislauf-Wertung zum ersten Krach.
Wie Maxi Herber und Ernst Baier die Goldmedaille erkämpften, und daß es ihnen gar nicht leicht fiel, das junge österreichische Geschwisterpaar Ilse und Erik Pausin immer wieder auf den zweiten Platz zu verweisen, das gehört genau so zur klassischen Geschichte des Eislaufsportes wie die Feindschaft zwischen den Baiers und den Pausins.
Als die beiden Paare in Garmisch um die goldene oder silberne Medaille kämpften, war der Applaus für die Pausins größer als bei den Baiers. Ilse und Erik Pausin meinen, der Applaus sei echt gewesen. Baier behauptet, Hitler habe damals die Leistung seiner Landsleute durch Klatschen anerkennen wollen, wodurch die Menge nicht umhin gekonnt habe, dasselbe zu tun. Mit der knappen Differenz von einem Zehntelpunkt siegten Herber-Baier.
Noch heute sehen die Baiers rot, wenn sie die Namen Pausin hören oder lesen. Umgekehrt ist es genau so. Niemals konnten
die Wiener Geschwister Pausin die Baiers schlagen. Fünfzehnmal lagen sie hinter Herber-Baier auf dem zweiten Platz, nicht nur bei den Olympischen Spielen in Garmisch 1936, sondern auch auf den Kampfbahnen in Europa um Weltmeisterschaften.
Weil beim Eiskunstlauf Punktrichter-Streitigkeiten auch während der Olympischen Spiele 1948 und 1952 in Skandale auszuarten drohten, je mehr sie sich mit nationalem Prestige verzahnten, überlegt jetzt der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees, der Amerikaner Avery Brundage, ob nicht überhaupt die Eiskunstlauf-Konkurrenzen bei den Olympischen Spielen 1956 gestrichen werden sollen.
Die olympischen Nachfolger der Baiers, das Paar Ria und Paul Falk, wären dann die letzten Gewinner einer Eislauf-Goldmedaille geworden. Kenner behaupten, daß dies ihr einziger Ruhm als Eiskunstläufer bleiben wird.
Der einträgliche Profi-Vertrag der Falks bei der amerikanischen Eisrevue "Holiday on Ice" endet im Monat März. Das kleinste Chormädchen der "Holiday" ist davon überzeugt, daß die Falks entweder gar keinen neuen oder aber einen wesentlich ungünstigeren Vertrag bekommen.
Die Schau kann diese beiden "ewigen Sportler" (ohne die künstlerischen Ambitionen eines Architekten Ernst Baier oder
einer Modezeichnerin Maxi Baier) nicht gebrauchen, denen das "Keep smiling" und das ganze Drum und Dran des "show business" so schwerfällt. Aber mit dem sportlichen Eislauf, so schön er sein und soviel Training er erfordern mag, ist kein Geld mehr zu verdienen.
Die Olympia-Sieger im Eiskunstlauf von 1952 werden die ersten prominenten Opfer einer Entwicklung von der Eisrevue zur Revue, die zufällig auf einer Eisfläche stattfindet.
Die großen amerikanischen Revuen gehen damit einen anderen Weg als das "Eisballett Maxi und Ernst Baier". In den nächsten Wochen schon muß es sich entscheiden, ob die Baiers mit ihrer Schöpfung eines ballett-ähnlichen Stils im Eiskunstlauf wieder einmal recht behalten haben. Möglich aber auch, daß die amerikanische Massierung prächtiger Kostüme*), daß Schaubilder, Artistik und Eisclowns siegen.
Seit dem 21. Januar 1953 nämlich kämpfen im ärmsten Bundesland Schleswig-Holstein fast zur gleichen Zeit das Baiersche Eisballett in Neumünster und die amerikanische "Holiday on Ice"-Revue in Kiel um die Gunst des Eintrittzahlers. Der Star der Revue "Holiday on Ice" (mit Dreijahres-Vertrag) ist nach dem Versagen des Paares Falk der kanadische Wundertänzer Frank Sawer. Derselbe, den Ernst Baier fristlos entließ.
In dem olivgrünen Wohnwagen des "Eisballetts Maxi und Ernst Baier" beobachtet Maxi voller Gedanken die weitere Entwicklung ihres einstigen Partners "Fränki". Der Eiskritiker Dr. Alik Scheel weiß als Luella Parson der deutschen Eiskunstläufer zu berichten, daß Maxi ihrem Gatten Vorwürfe macht: er, der alternde Mann, habe sie, die junge Unerfahrene, an sich gezogen, um sie von ihrer erfolgversprechenden Karriere als Einzelläuferin wegzulocken. Alleine wäre er nie weiter gekommen.
Dessen ungeachtet verehrt Ernst Baier seine Maxi trotzdem, selbst wenn er resigniert: "Wenn sie es auch nicht mehr wahrhaben will, so weiß ich es doch von ihr aus einer kleinen schwachen Stunde, daß sie mich von weitem schon immer bewundert hatte. Nur schade, daß alles vergänglich ist."
*) "Maxi und Ernst Baier erzählen ...": Herausgegeben von Benno Wellmann, Droste-Verlag, Düsseldorf, 166 Seiten, 8,80 DM.
*) Baiers investierten in die Ausstattung 75 000 DM, "Holiday on Ice" das Sechsfache.

DER SPIEGEL 5/1953
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