11.02.1953

NATUR-KATASTROPHENDie große Flut

Die Natur setzt ihre Mittel ökonomisch ein", erkannte der schwedische Orkanforscher Bergerow nach langjährigem Studium der Sturmfluten. Wenn die Natur eine vollendete Katastrophe durch möglichst ökonomischen Einsatz ihrer Mittel erreichen wollte, so hat sie in der vergangenen Woche ihr Plansoll erfüllt:
* ein mittelstarker Südwestwind, der von einem anscheinend harmlosen Tief (siehe "Der Motor des Orkans") angesaugt wurde, schob tagelang Atlantikwasser durch den Kanal in die Nordsee. An den Küsten stieg die Flut;
* dasselbe Tief drückte die mit Atlantikwasser verstärkten Wellen der Nordsee gegen die Deiche der Niederlande und Englands;
* die Sturmflut verbündete sich mit der Springflut, dem alle vierzehn Tage eintretenden Höchststand der Flut.
Die Seewetterwarten Englands und Hollands hatten überhaupt keine Sturmwarnung gegeben. So überraschend brach der Orkan los.
Während die Menschen an der Küste ihren verzweifelten Kampf gegen den wildgewordenen blanken Hans begannen, rief Madame Le Poutrel (Pressechef des niederländischen Roten Kreuzes) beim "Rote-Kreuz"-Direktor Alfred van Amden an. Ein Freund habe ihr gerade mitgeteilt, daß in der Nähe des Städtchens Hasselte in Nordbrabant ein Deich gebrochen sei. Zwar seien offensichtlich keine Menschenleben in Gefahr, andererseits sei es vielleicht doch gut, einige Rotkreuzler in die Gegend zu entsenden. Madame entschuldigte sich wiederholt, daß sie den Herrn Direktor "wegen einer Kleinigkeit" zu nachtschlafender Zeit aus dem Bett geholt habe.
Van Amden versicherte, er sei wegen des frühen Anrufs gar nicht ungehalten. Die Beteuerung fiel ihm nicht schwer. Schon seit Monaten spielte er mit dem Gedanken, einmal probeweise auf den großen Alarmknopf zu drücken. Ihn quälte die Frage: wieviel Zeit ist nötig, um die
15 000 Mitglieder des Roten Kreuzes in ganz Holland auf die Beine zu bringen. Zwei waren schon wach. Warum sollten die restlichen 14 998 weiterschlafen?
Direktor van Amden, durch den Schildbürgereinfall erfrischt, griente schadenfroh und eilte unrasiert zum Gebäude des Roten Kreuzes in der Koninguine Gracht. Dort drückte er auf den Knopf. Heute hält van Amden diesen Einfall für den besten seines Lebens. Als die Rotkreuzler, die der ahnungslose van Amden alarmiert hatte, und die ersten Nothilfetrupps in den Gefahrengebieten eintrafen, klingelte der Telegraphenbote den Leutnant der Königlich Holländischen Luftwaffe, Taco Mulder, 23, vom Frühstück weg. Das Telegramm beorderte Mulder zum Flugplatz von Valkenborg. Mulder erhielt Befehl:
* sich sofort mit Leutnant R. I. Idzerda, dem Piloten des einzigen holländischen Hubschraubers in Verbindung zu setzen;
* zusammen mit Leutnant Idzerda loszufliegen und mittels Seil und Motorwinde
soviel Menschen wie möglich zu evakuieren.
Leutnant Mulder berichtete über seine Einsätze: "Am ersten Tage war es ganz furchtbar. Ich sah nur die vor Angst weit aufgerissenen Augen. Viele Menschen waren zu ängstlich, sich dem zu ihnen herabgelassenen Kabel anzuvertrauen und gaben mir mit Zeichen zu verstehen, daß sie es vorzögen, weiter auf den Bäumen zu bleiben."
Die Katastrophen-Einsätze rissen an Mulders Nerven. Dreimal mußte er sein Prinzip, die auf Rettung Bedachten nur als "Fälle" anzusehen, durchbrechen:
* bei seinem zweiten Flug sah Mulder zunächst nur eine Hand, die aus der Luke eines aus dem Wasser ragenden Daches winkte. Die Hand holte das herabgelassene Kabel durch die Dachluke. Als der Besitzer der Hände herauskletterte, war nicht nur er, sondern auch sein riesiger Wolfshund am Kabel befestigt. Alle Befehle, den Hund zurückzulassen, wurden entrüstet abgelehnt. Es blieb nichts anderes übrig, als beide hochzuziehen;
* dann versagte die Winde, als gerade ein Greis am Kabel hing. Mulder machte ihm per Zeichensprache klar, daß er ihn wieder absetzen müsse. Für die möglichst sanfte Landung des Pendelnden suchte er ein weites Schneefeld aus. Der Greis befreite sich nach einer Rutschpartie vom Kabel.
Die Augen des "Dicken" aber, erzählte Leutnant Mulder, "werden mich noch nach zehn Jahren in meinen Angstträumen verfolgen. So etwas kann man nicht vergessen."
Es war ein älterer, besonders dicker Mann, der die einfache Schließvorrichtung des an dem Kabel befestigten Gurtes so schlecht festgezurrt hatte, daß sie sich in der Luft öffnete. Er hatte gerade noch Zeit, sich am Kabel anzuklammern. Leutnant Mulder: "Wir waren schon in Höhe von einigen hundert Metern, und diese entsetzten Augen, die zehn Meter unter mir waren, erzählten mir in ihrer stummen Sprache, daß der erschöpfte Dicke seine Kraft schon enden fühlte."
Ein nervöser Befehl an den Piloten. Eiligst flogen sie dem seichten Wasser zu. Der Dicke fiel aus etwa fünf Meter Höhe. Leutnant Mulder schloß die Augen. Als er sie wieder zu öffnen wagte, sah er den
Dicken scheinbar unverletzt bis zum Kopf im Wasser stehen und ihm zuwinken.
Rasch wurde das Kabel wieder zu ihm herabgelassen. Der Dicke winkte traurig ab und Leutnant Mulder mußte weitere zehn Minuten sehr energisch stumm Zeichen machen, bis der Dicke sich endlich entschließen konnte, einen zweiten Versuch zu wagen. Der gelang.
Gegen Ende der vergangenen Woche hatten die Regierungen der betroffenen Länder bereits einen ziemlich genauen Überblick über die erschreckenden Dimensionen der Katastrophe: In Holland überschwemmte der blanke Hans ungefähr ein Sechstel des Landes (Bevölkerung des überschwemmten Gebietes: eine Million) Verluste: 1355 Tote (nach den letzten Schätzungen). 15 000 Stück Vieh. Obendrein wurden 175 000 Hektar besten Ackerbodens durch das Salzwasser auf Jahre hinaus sterilisiert. Der Gesamtschaden beläuft sich auf drei bis fünf Milliarden Gulden (etwa drei bis fünf Milliarden DM). Für Rüstungsaufwendungen im Jahre 1953 waren 1,7 Milliarden Gulden vorgesehen.

DER SPIEGEL 7/1953
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NATUR-KATASTROPHEN:
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