11.03.1953

KINDESRAUBZum Heile ihrer Seelen

Untersuchungsrichter Vignon wird den 4. März 1953 so bald nicht vergessen. Eigentlich wollte er sich an diesem Tage alle von ihm in Sachen "Entführung der Finaly-Kinder" festgesetzten Personen im Amtszimmer des Grenobler Justizpalastes vorführen lassen, samt und sonders gläubige Katholiken, einige sogar geistlichen Standes. Die draußen tobende Menge ließ ihn aber auf diesen 15.30-Uhr-Termin verzichten.
Er begab sich lieber seinerseits - durch ein Hintertürchen des Justizpalastes - in das feste Gefängnis mit dem frommen Namen: "Heiliger Joseph."
Dort erwartete ihn die große Überraschung dieses ereignisreichen Tages. Seit Wochen hatte er wissen wollen:
* in welchem spanischen Kloster sich die im Januar verschwundenen Finaly-Kinder aufhielten und
* wer den Auftrag erteilt habe, die beiden Knaben nach Spanien zu bringen.
So unbezweifelbar auch die christlichkatholischen Tugenden seiner beiden Dauergäste, Mademoiselle Brun und Schwester Antonine, waren - die vier "Neuen" waren erst am 2. März zu ihnen gestoßen - , in diesem Punkt hatten sie der Sünde der Verstocktheit gefrönt. Aber nun geschah ein Wunder: Schwester Antonine sprach. Jawohl, sie habe, ehe sie die Flucht der Finaly-Kinder nach Spanien vorbereitete, die Sache telefonisch mit Mr. X besprochen. Mr. X sei - der sehr katholische Handelsminister Guy Petit.
Untersuchungsrichter Vignon zeigte nicht das frohe Gesicht, das diese Krönung seiner zähen Bemühungen eigentlich verdient hätte. Er kam sich auf einmal zu erfolgreich vor. Die Aussage der Schwester Antonine mußte auf die öffentliche Meinung Frankreichs wirken wie ein brennendes Streichholz auf eine Ladung Dynamit.
Denn die Affäre Finaly war unter erregter Beteiligung der Öffentlichkeit längst von einer Bettlektüre für kriminal-sensationslüsterne Bürger zu einer hochexplosiven Angelegenheit zwischen Kirche und Staat, Klerikalen und Antiklerikalen geworden. Außenminister Bidault hatte seinen Besuch in Rom dazu benutzt, im Vatikan
auch den Fall Finaly zu beraten. In der Nationalversammlung steht eine Große Anfrage bevor und das Baskenland ist, ähnlich wie das Elsaß im Fall Oradour, am Kochen. Frankreich hat einen "Fall" wie seit dem "Fall Dreyfus" nicht mehr.
Die Grundfrage lautet: was geht vor, das Recht des natürlichen Vaters (bzw. seiner gesetzlichen Vertreter) oder das Recht des "geistigen Vaters", in diesem Falle der Katholischen Kirche? Anders: darf man zwei unmündige Kinder, die ohne Wissen ihrer jüdisch-mosaischen Verwandten katholisch getauft wurden, ihrer Familie vorenthalten, weil man befürchten muß, daß sie zur Religion der Väter zurückgeführt werden?
Dr. Fritz Finaly war 1936 zusammen mit seiner Frau aus Österreich nach Frankreich emigriert. Von 1943 an wiederholte er seiner Hauswirtin in La Tronche bei Grenoble, Madame Poupaier, die Bitte, sich unverzüglich wegen der Kinder mit seinen Schwestern in Neuseeland in Verbindung zu setzen, falls ihm ein Unglück zustoße. "Ich will, daß meine Söhne in meiner Familie bleiben." Er wünschte nachdrücklich, daß Robert und Gerald im mosaischen Glauben erzogen würden: obwohl er sie dadurch gefährlich kennzeichnete, hatte er sie eigenhändig beschnitten.
Wenige Tage vor seiner geplanten Flucht in die Schweiz wurde das Ehepaar Finaly am 14. Februar 1944 verhaftet und nach Auschwitz gebracht. 1950 folgte die offizielle Todeserklärung.
Den dreijährigen Gerald und den zweijährigen Robert Finaly' brachte Madame Poupaier zunächst im Mädchenpensionat des Ordens "Notre Dame de Sion" in Grenoble unter. Von dort kamen die beiden in das Städtische Kinderheim. Dessen Vorsteherin Mademoiselle Antoinette Brun, sollte die Hauptgegenspielerin der Familie Finaly in der späteren Affäre werden.
Die ebenso fromme wie resolute Frau - ein "Ungeheuer der Wohltätigkeit" haben
ihre Feinde sie genannt - nahm die beiden Finaly-Söhnchen ohne Furcht und Bedenken auf; sie hielt bereits zehn andere jüdische Kinder versteckt. Als ein städtischer Beamter sie drei Tage nach der Aufnahme Geralds und Roberts bat, die Knaben um Himmels willen aus dem Haus zu entfernen, da "sonst die Gestapo das ganze Heim in Brand stecken würde", mietete sie kurz entschlossen ein Schlößchen bei Vif.
Dort "überwinterte" sie dann mit zwölf jüdischen Kindern während der NS-Besatzungszeit. Diese ebenso gefährliche wie christliche Tat brachte ihr später den Ehrentitel "das gutherzige Fräulein" und den Dank der Jüdischen Familien ein, die nach und nach ihre Kinder wieder abholten. Gerald und Robert blieben zurück.
Die fromme alte Dame war gern bereit, den beiden, wie es schien, endgültig verlassenen Kindern die Mutter zu ersetzen. Sie betrachtete sie von nun an als ihre eigenen Söhne. Soweit war alles gut und bewundernswert. Nun aber überschritt die wackere Kindergärtnerin die Demarkationslinie zwischen angewendeter Nächstenliebe und gutherziger Gewalttätigkeit. Inzwischen hatten sich nämlich die Verwandten der Finaly-Kinder gemeldet. Bereits 1945 schrieb Frau Fischel aus Auckland, Neu-Seeland, sie wolle die beiden Neffen zu sich holen. Fräulein Brun stellte sich taub. Ebenso gegen dringendere Bitten von Hedwig Rossner aus Cedeta in Israel (desgleichen einer Tante der Finaly-Kinder).
Langsam wurde der Familie klar, daß das "gutherzige Fräulein" entschlossen war, Robert und Gerald gegen die eigene Familie ebenso löwenmütig zu verteidigen wie einst gegen die Gestapo.
Zunächst wurde in einer langjährigen Justizkomödie mit der Vormundschaft Ball gespielt. Vom November 1945 bis zum Juni
1950 sprachen Erste Instanzen und Appellationsgerichtshöfe die gesetzliche Vertretung des toten Dr. Finaly abwechselnd Frau Rossner und Fräulein Brun zu. Endlich blieb die Tante aus Israel auf der Appellations-Wippe oben sitzen. Aber sie hatte die Kinder noch nicht. Und wenn sie glaubte, nach jahrelangem Tauziehen die Pflegemutter ganz genau zu kennen, so irrte sie.
Frau Rossners Bevollmächtigter, Dr. Keller aus Grenoble, klopfte vergeblich an die Tür des "gutherzigen Fräuleins", als er ihr seinen richterlichen Auslieferungsbefehl vor die Nase halten wollte. Niemand war da.
Alle Versuche, die Kinder zu entdecken, blieben vergeblich. Auch als Mademoiselle Brun wieder auftauchte, weigerte sie sich standhaft, das Geringste über den Verbleib der Knaben zu verraten.
Bis die Polizei schließlich herausfand, daß die beiden Klosterschüler und frommen Ministranten Louis und Marc Quadri, die hintereinander in verschiedenen Kollegs religiöse Studien betrieben, mit den einst vom Chirurgen Finaly beschnittenen Kindern identisch waren.
Frau Rossner flog nach Marseille, um endlich ihre Neffen zu sehen, aber nun waren die auch hier schon wieder verschwunden.
Niemals hätten der am 29. Januar wegen Kindesraubs im "Heiligen Joseph" festgesetzten Antoinette Brun so viele Versteckmöglichkeiten für "ihre" Kinder offen gestanden, wäre es ihr nur um ihre Pflege-Mutterliebe gegangen. Es ging ihr und ihren Freunden um die Seelen. Im Jahre 1948 hatte sie Robert und Gerald katholisch taufen lassen. Das war
* drei Jahre nach dem ersten Lebenszeichen der jüdischen Verwandten und
* zwei Jahre vor der amtlichen Todeserklärung der Eltern.
Sogar fromme Parteigänger von ihr meinen, sie hätte das lieber unterlassen sollen. Denn nach Kanonischem Recht dürften Kinder nicht christlicher Eltern nur getauft werden, wenn diese oder ihre gesetzlichen Vertreter zustimmen oder wenn sie sich in Lebensgefahr befinden. Von beidem konnte 1948 nicht die Rede sein.
Dieser Aspekt der Finaly-Entführung alarmierte Frankreichs Antiklerikale. Sie erinnerten sich noch gut des vorjährigen Schulstreits. Damals rüttelten die Klerikalen an dem republikanischen Dogma der Trennung von Kirche und Staat. Heute, so sagen ihre Gegner, zeigten sie nun, wie wenig ernst es ihnen mit dem Recht der Familie dann sei, wenn es sich statt um eine katholische um eine jüdische Familie handele und wenn das Recht statt gegen den Staat gegen die katholische Kirche durchgesetzt werden solle. Damit war das Stichwort für eine Riesendebatte gegeben, die von Tag zu Tag heftiger anschwoll.
Die französischen Zeitungen konnten sich keine spannendere Fortsetzungsgeschichte wünschen: Grundsatzstreit, Reportagen und Suchaktionen, Klerikerverhaftungen in Serie und Straßentumulte. Im Fall Finaly ist alles enthalten: Religion und Hintertreppe, Staatsaffäre und menschliche Tragikomödie.
Wäre die eigentliche Entführung das Phantasieprodukt eines Autors, so könnte man ihm allerdings den Vorwurf nicht ersparen, allzu malerisch-romantisch verfahren, und zu reichlich Victor-Hugo-Requisiten verwendet zu haben.
Da reist ein Fräulein Setoin, Sprachlehrerin an den Instituten von "Notre Dame de Sion" am 26. Januar nach
Bayonne und bittet Abbé Silhouette, den Rektor von "St. Louis de Gonzague": "Können Sie zwei kleine Knaben jüdischer Herkunft, aber katholischen Glaubens, deren Eltern tot sind, in Pension nehmen? Eine fromme Dame, Madame Brun, ist ihr Vormund. Man will ihr die Kinder fortnehmen. Aber der Appellationshof wird unverzüglich zu ihren Gunsten entscheiden. Die falschen Papiere der Knaben dienten zur Tarnung während der Besatzungszeit. Wenn Sie uns helfen, unterstützen Sie eine gute Tat."
Abbé Silhouette sagt im guten Glauben zu. Am 30. Januar bringt ihm die Oberin von "Notre Dame de Sion" in Marseille die Finaly-Kinder - mit falschen Papieren, die sie selbst angefertigt hat.
Am 31. liest der Abbé in der Zeitung vom Urteil gegen das "gute Fräulein" Antoinette Brun und meldet die Anwesenheit der Knaben der örtlichen Staatsanwaltschaft. Am anderen Morgen sind die Finaly-Kinder verschwunden.
Herr Keller und Frau Rossner erscheinen zum dritten Male zu spät. Sie können nur noch die Polizei bewundern, die in den mittelalterlichen Katakomben unter "St. Louis de Gonzague" herumkriecht und Gänge ausmißt, die von dort zur Kathedrale führen.
In den folgenden Tagen leuchteten dann die Kriminalkommissare mit ihren Taschenlampen in verschiedenen Pensionaten des Ordens "Notre Dame de Sion" unter die Schlafsaalbetten erschreckter höherer Töchter. Sie konnten nichts finden.
Denn inzwischen war die Affäre ins Schmugglermilieu übergewechselt, dank Radiohändler Etchezaharetta aus St. Jean de Luz. Als zentralgewalt-feindlichem grenznahen Basken, waren ihm alle polizeiwidrigen Handlungen ein Element der Lebensfreude wie Pernod und Fandango Gern brachte er die Knaben als menschliche Konterbande zum Curé des Pyrenäendörfchens Biriatou, dem Abbé Ibarburu Ein bärtiger Schafhirte, als bis dahin noch
fehlende romantische Figur, wies dann den Weg übers Gebirge durch Schnee und Eis, wobei der Abbé den jüngeren der beiden frierenden und weinenden Jungen auf seinen Schultern trug.
Abbé Ibarbaru aber wurde nach seiner Rückkehr zusammen mit einigen Kollegen verhaftet und Anlaß zu vaterländischem Zorn der Basken. Ihnen summten noch die elsässischen Sturmglocken in den Ohren. Meinten sie: die Elsässer Angeklagten waren frei bis zum Verhandlungsbeginn. Das könnten sie für ihre Priester auch verlangen. Um so mehr, als "die Finaly-Kinder sich besserer Gesundheit erfreuen als die von Oradour".
"Schutz für unsere Geistlichen", Schutz für die Zöglinge unserer kirchlichen Schulen", drehten sie den Finaly-Spieß um. Die Spitze zeigte nach Paris. Sie war von unmißverständlichen Drohungen baskischer Abgeordneter mit einem "Komitee zur Wahrung baskischer Freiheiten" geschärft. Ministerpräsident Mayer versprach dann auch, von Kabinettsmitgliedern und Massenprotesten bedrängt, gleichermaßen die Gefühle seiner lieben Basken und das Gesetz zu respektieren: am 5. März verfügte der Appellationshof von Pau die Freilassung sämtlicher von ihm festgesetzter Untersuchungsgefangener von Bayonne (mit einer Ausnahme).
Während der Erzbischof von Paris, Kardinal Feltin, und der Erzbischof von Lyon, Kardinal Gerlier, die antiklerikale Sturmflut durch immer neue Aufrufe zu beschwichtigen suchen, rühren die Linksparteien die Grundsee des Verhältnisses Republik und Kirche auf. Die Polizei blamiert sich still und verbissen mit ihrem ergebnislos laufenden Riesenapparat. Der Quai d'Orsay weiß nicht, ob er sich überhaupt freuen soll, wenn der spanische Aufenthaltsort der Finaly-Kinder bekannt wird. Ohne Zweifel freut sich dafür Madrid auf ein französisches Finaly-Auslieferungsbegehren, nachdem ihm Paris so manchen ähnlichen Wunsch in umgekehrter Richtung abgeschlagen hat. Und der Mantel der spanischen Kirche ist weit ...
Francois Mauriac, 67, einer der großen katholischen Schriftsteller Frankreichs, hat im "Figaro" vorsichtig für Mademoiselle Brun Partei genommen. Er plädiert dafür, die Kinder doch selbst entscheiden zu lassen, welchem Glauben sie angehören wollen. Damit erregte er, trotz seiner grünbefrackten Akademie-Würde, große Heiterkeit im linken Lager und den Zorn des Oberrabbiners von Frankreich. Dem ist die Congregation "Notre Dame de Sion" ohnehin nicht lieb. Sie wurde 1842 von zwei jüdischen Konvertiten gegründet und hat den besonderen Auftrag, sich der Erziehung und Betreuung zum christlichen Glauben bekehrter Juden zu widmen. Außerdem soll der Orden das aktive mit dem kontemplativen Leben verbinden.
Für "Monde"-Leitartikler Paul Benichou hat "Notre Dame de Sion" diese seine Aufgaben allzu kräftig erfüllt. Er schrieb am 2. März:
"Ist es nicht an der Zeit, daran zu erinnern, daß das Gesetz allein in Frankreich souverän ist, daß keine Kirche mit gesetzlicher Macht ausgestattet ist, daß kein Sakrament irgendeiner Religion zivilrechtlichen Wert hat? So ist es seit wenigstens 150 Jahren. Man möchte glauben, daß es darüber keinen Streit mehr geben könne. Der Fall Finaly beweist das Gegenteil."
Durch das Geständnis der würdigen Mutter Antonine, ausgerechnet ein Kabinettsmitglied habe die Entführung nach Spanien angeraten, wird die Sache kaum leichter. Eines aber steht fest: je größer der politische Fall wird, desto weniger ist vom Schicksal der Kinder die Rede.

DER SPIEGEL 11/1953
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