01.04.1953

SOWJET-FREUNDSCHAFTPeter hat Geburtstag

Zur gleichen Zeit, als sich die Elite der Sowjet-Ärzte vergeblich abmühte, dem todkranken Stalin das Leben zu verlängern, wurde ein renommierter westdeutscher Mediziner in das Kreml-Krankenhaus gelotst. Noch wissen seine KP-Freunde in Hamburg nicht:
* Sollte auch er noch an Stalins verkalktem Körper experimentieren oder wurde er selbst als überholungsbedürftiger Patient und Parteifunktionär hinter die Kremlmauern verfrachtet?
Was sie an Hand einiger Postkarten aus Moskau authentisch wissen, ist die Tatsache: "Genosse Dr. Wahl (während des Krieges Stabsarzt mit EK I) ist im Kreml-Krankenhaus."
Dieser KP-Genosse Dr. med. Alfred Wahl aus Hamburg-Groß-Flottbek überließ am 2. Januar 1953 seinen Abgeordnetenstuhl in der Hamburger Bürgerschaft einem anderen kommunistischen Funktionär, um sich mit ganzer Kraft nur noch dem Vorsitz der westdeutschen Sektion der "Gesellschaft für deutsch-sowjetische Freundschaft" zu widmen.
Bald darauf verschwand er "auf Dienstreise" nach Ostberlin. Offensichtlich ahnte Freundschafts-Präsident Wahl selbst nicht, daß diese Reise nicht an der Spree, sondern an der Moskwa enden würde. Er wollte nur 14 Tage lang in Ostberlin bleiben und sich dort beim Zentralvorstand der Freundschafts-Gesellschaft in der Nähe des Ostberliner Thälmannplatzes (früher Wilhelmplatz) die Sorgen von der kranken Leber reden.
Es war eine traurige Bilanz: Gleich Stalin siechte auch die westdeutsche Sektion der deutsch-sowjetischen Freundschaft dahin. In Niedersachsen, Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Hessen mußte die "Gesellschaft" schon vor Monaten ihre Büros schließen.
Jetzt hat auch Bayerns Innenminister Hoegner den bayerischen Freunden der Sowjetunion die Vortragsabende über die umwälzenden Erkenntnisse der sowjetischen Naturreformer Mitschurin und Lyssenko verboten. Der legale Aktionsradius ist auf Nordrhein-Westfalen, Schleswig-Holstein, Hamburg und Bremen zusammengeschrumpft. Dieser Rückschlag
erschwert ein ausgeklügeltes Moskauer Programm.
Gleich nach Kriegsende zog der Präsident der WOKS (russische Abkürzung für "Unionsgesellschaft für kulturelle Verbindung mit dem Ausland"), Andrej Denissow, einen unsichtbaren Kreidekreis um den halben Erdball. Die WOKS entpuppte sich als flott rotierende Organisationsmaschine, die nicht nur in den Ostblockländern, sondern auch hinter dem Eisernen Vorhang sogenannte Gesellschaften der Freundschaft mit der Sowjetunion erzeugte. In den Ostblockstaaten machte die WOKS sogar eigene Nebenstellen auf; für die Sowjetzone in Ostberlin, Friedrichstraße 169/170.
An diesem sowjetischen Ast sproß im Juni 1947 zunächst ein schwaches Reis: die "Gesellschaft zum Studium der Kultur der Sowjetunion" in der Sowjetzone. Sie wurde 1949 - nach Abschluß der Demontagen und Abklingen der Vergewaltigungspsychose - in "Gesellschaft für deutschsowjetische Freundschaft" umgetauft. 1952 zählte diese Gesellschaft 2,8 Millionen eingetragene "Freunde", einschließlich der zwölfjährigen Freundschafts-Pimpfe.
Wer sich in der Sowjetzone nicht öffentlich als Feind der "größten Friedensmacht" anprangern lassen wollte, mußte schon den Aufnahmeschein unterschreiben und seinen nach dem Einkommen gestaffelten Pflichtbeitrag leisten. Da aber die Mitgliedsbeiträge bei weitem nicht ausreichen, um den propagandistischen Aufwand und die original russischen Kulturveranstaltungen zu finanzieren, wurden die Sowjetzonen-Länderregierungen (jetzt Bezirksverwaltungen) angewiesen, Millionenbeträge in die "Gesellschaft" hineinzupumpen. Jahreszuschuß für 1951 : 34 Millionen Mark.
Allein der Bau des pompösen Freundschaftspalastes für den Zentralvorstand verschlang 15 Millionen Mark. Ein Ensemble von 60 russischen Künstlern kassierte für eine Vier-Wochen-Tournee 1,5 Millionen Mark Honorar. Es waren immerhin erstklassige Spitzenkräfte. Die Mitglieder der "Gesellschaft" sahen sich die klassischen
Ballettmäuschen aus Leningrad ganz gern an und hörten mit Vergnügen die Donkosaken zur Balalaika singen.
Aber nach dieser Kultura-Welle folgte eine menschenfressende Betreuungsinflation von Lehrfilmen und Vorträgen über das spontane sowjetische Arbeitsethos. Die deutschen "Freunde" wurden bekniet, mehr Selbstverpflichtungen für den "verstärkten Aufbau des Sozialismus" zu übernehmen. Kommando-Freundschaft und Kommando-Selbstverpflichtungen trieben seltsame Blüten. Auf dem volkseigenen Gut Schöngleina in Sachsen-Anhalt verpflichtete sich der Sowjetfreund Futtermeister Leonhard Blankartz am 21. Dezember 1952, bis zu Josef Wissarionowitsch Stalins 74. Geburtstag einen zu erwartenden Ferkelwurf innerhalb von acht Monaten auf ein Gewicht von einer Tonne Fleisch zu bringen. (Er wird auch nach Stalins Tod dafür einstehen müssen, daß jedes Schwein seiner Herde täglich 1200 Gramm Fleisch und Fett ansetzt.)
Jetzt ruft die "Gesellschaft" zu einer neuen Selbstverpflichtungswelle auf: "Baut Sowjetpavillons!" In Sachsen sind bereits die ersten "stolzen lebendigen Denkmäler unverbrüchlicher deutsch - sowjetischer Freundschaft" errichtet worden. Das sind große kitschige Rotunden mit überdimensionalen Stalin- und Lenin-Büsten, wie sie in jeder russischen Stadt stehen, mit Auslagen sowjetischer Bücher und Propagandamaterials.
Als Tempelwächter und Aufklärer wurden "fortschrittliche Rentner" angestellt, die sich mit auswendig gelernten Referaten über "de jroßartichen Jroßbauden des Gommunismus" ein Zubrot verdienen.
Als Musterbild der Sowjetpavillons gilt der "in Tag- und Nachtarbeit von freiwilligen Helfern aus allen Schichten" errichtete Stalin-Tempel von Chemnitz. Darüber berichtet das Organ der "Gesellschaft", "Freundschaft in Aktion":
"Eine Hausfrau arbeitete fast täglich in unermüdlicher Begeisterung an der Errichtung
des Pavillons, auf dessen Dach sich heute weithin sichtbar der rote Stern der siegreichen Arbeiterklasse erhebt."
Der Chemnitzer Stalintempel ähnelt dem Grabmal des Ostgotenkönigs Theoderich bei Ravenna und der Stern einem Riesenauge, das nachts, elektrisch erleuchtet, kalte Magie ausstrahlt.
Unsichtbar bleiben dagegen die Ausstrahlungen der "Gesellschaft" nach Westdeutschland. Dafür ist der ehemalige Oberleutnant und Moskau-Umschüler Klaus Willerding, 35, zuständig. Er versiegelt jeden Abend die Türen seiner Dienstzimmer Nr. 216 und 217 im zweiten Stock (linker Seitenflügel) des Ostberliner Prachtbaues des Zentralvorstandes.
Siegelbewahrer Willerding leitet die "Gesamtdeutsche Kommission" (Westabteilung) der "Gesellschaft" und ist verantwortlich für den Versand von Propagandaflugblättern, Broschüren, Schmalfilmen, Diapositivserien und Vorführgeräten nach Westdeutschland.
Er transferiert auch die für die Freunde und Gönner in der Bundesrepublik bestimmten Geldbeträge über die grüne Grenze. Der Etat für die Westarbeit wurde für das laufende Haushaltsjahr von 30 auf 35 Millionen Mark erhöht. (Für die Sowjetzone stehen "nur" 25 Millionen zur Verfügung.) Ferner traktiert Willerding die kleinen Gesellschaftsmitglieder mit dem Auftrag, Freundschaftsbriefe nach Westdeutschland zu schreiben: "Ihr müßt euch an namhafte parteilose Persönlichkeiten oder an linksstehende SPD- und Gewerkschaftsfunktionäre wenden, um die SPD und den westdeutschen DGB zu spalten. Nichts von Politik schreiben, schreibt harmlos, rein freundschaftlich."
Besondere Mühe geben sich Generalsekretär Grünberg und sein gesamtdeutscher Kommissar Willerding mit der Entsendung westdeutscher Delegierter nach Moskau. Sie werden auf Gesellschaftskosten ausgeflogen. Nach der Rückkehr mit dem
weniger komfortablen Expreß wird den tiefbeeindruckten Moskau-Fahrern auf einem Abschiedsabend beigebracht, daß man für die ausgeworfenen Reisespesen nun "gesteigerte Aktivität im Kampf um Westdeutschland" erwarte.
Diese Erwartungen fallen in das Ressort der Kaderabteilung der "Gesellschaft", die der Verbindungsmann der Sowjetischen Kontrollkommission, Major Tolstikow, mit seinem Informationsbüro in Karlshorst, Rolandseck 3, koordiniert. Was MWD-Major Tolstikow konkret von den Freundschafts-Aktivisten erwartet, wurde bekannt, als sich der persönliche Referent des Generalsekretärs Grünberg, Franz Golly, am 15. Dezember 1952 nach Westberlin absetzte.
Golly plagten heftige Skrupel, als er im Herbst von MWD-Tolstikows Weisungen erfuhr, daß wieder zwei geeignete Funktionäre für den Besuch einer sowjetischen Spionageschule abgestellt werden sollten. Schon im vergangenen Jahr wurden auf der Zentralschule der "Gesellschaft" in Mönchswinkel bei Straußberg linientreue Funktionäre als "Spezialisten für die Westarbeit" gebimst*).
MWD-Major Tolstikow sucht mehr solche Nachwuchszöglinge wie den Mitarbeiter der Agitationsabteilung des Zentralvorstandes der "Gesellschaft", Heinz Ossburg, der während seiner Kriegsgefangenschaft in der Sowjetunion umgeschult wurde und heute - zusammen mit seiner Frau - die Spezialaufträge ausführt, die vor allem die MWD-Westspionage-Zentrale in Magdeburg interessieren.
Der geflüchtete Referent Golly weiß: Ossburg wirbt unter den ehemaligen Moskau-Umschülern, die jetzt in der Bundesrepublik wohnen, geeignete Mitarbeiter, um sie dann illegal über die Grenze zu schleusen und sie mit der Zentrale Magdeburg in Verbindung zu bringen.
Hauptjagdgebiet seien die Lüneburger Heide, Oldenburg und Rheinland-Westfalen. Ossburg habe hier militärische und wirtschaftliche Schwerpunktanlagen auskundschaften lassen. Einer seiner Hauptspitzel sitze in Bielefeld. Golly: "Ich habe persönlich gesehen, daß Heiner Ossburg Pläne, in diesem Fall Pläne des Reichsbahnausbesserungswerkes Bielefeld oder so ähnlich, auf die Adresse seiner Frau (in Nylonstrumpf-Verpackungen) zugeschickt bekam. Es war ein offenes Geheimnis bei uns im Sekretariat, daß alle in Westdeutschland eingesetzten Mitarbeiter Informationsaufträge für den sowjetischen Geheimdienst - politisch-militärischer Art - auszuführen hatten."
Wenn die MWD-Zentrale in Magdeburg einen neuen Auftrag lancieren wollte, sei Ossburg durch freundliche Tarnbriefe benachrichtigt worden, in denen es harmlos geheißen habe: "Lieber Heinz, wir erwarten Dich am ... in Magdeburg. Peter hat Geburtstag. Du wirst am Bahnhof abgeholt."
Während der westdeutsche Sektionschef der "Gesellschaft", der intellektuelle Altkommunist Dr. Alfred Wahl, der sich stets um eine aufrichtige Freundschaft zwischen Russen und Deutschen bemühte, auch nach Stalins Tod weitere geheimnisvolle Postkarten aus dem Moskauer Kreml schrieb, schickte der Zentralvorstand in Ostberlin seinen qualifiziertesten Westinstrukteur
auf eine neue Tournee durch die Bundesrepublik.
Er ist den eingeweihten "Freunden" unter zwei Namen bekannt: einmal als Genosse Bert Gnerich vom Zentralkomitee der SED; zum anderen unter dem Decknamen "Tironti". Gnerich-Tironti wird große Mühe haben, den Ukas zu erfüllen, den der Zentralvorstand der "Gesellschaft" auf seiner Januar-Sitzung herausgab: "Das Schwergewicht unserer Arbeit muß nun erst recht in Westdeutschland liegen."
*) Leiter dieser Schule war bis vor kurzem der in der Sowjetunion aufgewachsene 34jährige SED-Funktionär Max Hahn, der sich während des zweiten Weltkrieges als Offizier des sowjetischen Geheimdienstes ausgezeichnet hat. Da er im Mönchswinkel bei allen Kursus-Freundinnen Hahn im Korbe sein wollte, wurde er wegen "schwerer moralischer Verfehlungen" abgesetzt. Für knifflige Westaufträge ist er aber noch gut genug.

DER SPIEGEL 14/1953
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 14/1953
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

SOWJET-FREUNDSCHAFT:
Peter hat Geburtstag

  • Ex-US-Botschafterin über Trump: "Das passiert halt in sozialen Netzwerken"
  • Airline testet Ultralangstreckenflug: Stretchen nicht vergessen!
  • Dreidimensionales Bild: Ein Hologramm zum Anfassen
  • Emotionaler Hoeneß-Abschied: "Dieser Tanker muss geradeaus fahren"