15.04.1953

McCARTHYHallo, Franco!

Hals über Kopf brach der Direktor des Amtes für öffentliche Angelegenheiten bei der amerikanischen Hohen Kommission in Deutschland, Alfred ("Micky") Boerner, seinen österlichen Italientrip ab. So schnell raste er über die Via Appia nordwärts, daß er seinen Wagen mit Panne in Basel stehenlassen mußte. Per Expreß ging die Hast weiter zurück nach Bonn. Wo andere flohen, griff Mickey Boerner wacker an: Zwei Abgesandte des großen amerikanischen Kommunistenjägers Senator McCarthy waren im US-Hauptquartier in Mehlem am Rhein aufgetaucht.
Joseph B. McCarthy ist Vorsitzender des Komitees zur Überwachung der Regierungsausgaben. Um sein Hobby, die Kommunistenjagd, mit seinem Auftrag, für Sparsamkeit zu sorgen, in Einklang zu bringen, fand Joseph folgende Formel: "Überall dort, wo verkappte Kommunisten beschäftigt werden, wird Geld hinausgeworfen."
Und also schickte Senator McCarthy seine beiden Chefagenten Roy Marcus Cohn und Gerard David Schine - beide Jahrgang 1927 - als furchteinflößende Sendboten zur Untersuchung der amerikanischen Informations- und Propagandatätigkeit nach Europa.
26 Stunden hatten die Untersuchungen von Cohn und Schine in Paris gedauert, bevor sie nach Deutschland kamen. Anschließend an ihren Deutschlandbesuch werden sie in Wien, Belgrad, Rom und London weitere Untersuchungen führen.
Am Abend des Ostersonntags trafen sie in Bonn ein. Sie begannen ihre Mission mit einem 100-Mark-Diner im Godesberger Hotel "Adler".
Der Ostermontag brach an. Für 9 Uhr hatten Cohn und Schine alle Beamten der Public Affairs-Abteilung bestellt. Sie selbst kamen erst gegen elf Uhr. Solange mußte auch der amtierende Hohe Kommissar Sam Reber auf die beiden warten.
Gegen Mittag vermißte Schine sein Notizbuch. Erst mußte ein Fahrer seine andere Hose holen, damit er darin nachforschen konnte, dann brauste er zusammen mit Cohn selbst in den Godesberger Hof, das amerikanische HICOG-Hotel am Rhein, zurück.
Ein schrecklicher Verdacht stieg dabei in dem von Beruf mißtrauischen Schine hoch. Hatte nicht sein Kollege Cohn das größte Interesse an dem Buch?
Schon im Vestibül des Hotels schlug Schine dem Cohn wütend mit der neuesten Nummer des "Time"-Magazins über den Kopf; die Ausgabe enthielt einen scharfen Angriff gegen McCarthys Methoden. Oben auf dem Zimmer griff Schine sogar zum Aschenbecher. Cohn wehrte sich nach Kräften.
Als "Neutralen" baten die beiden Untersucher schließlich einen Beamten der amerikanischen Hohen Kommission, ihr Gepäck nach dem verlorenen Notizbuch zu durchsuchen. Der tat''s und fand nichts. Da entsann sich Schine: "Ich kann es auch in Kalifornien liegengelassen haben."
Auf der Nachmittags-Pressekonferenz vor amerikanischen Korrespondenten revanchierte sich Cohn für dieses Geständnis seines so wieder gewonnenen Freundes. Er stellte ihn als Untersuchungs-Experten für den Kommunismus vor. Schines bescheidene Anmerkung: "Ich habe das Fach studiert."
Cohn fuhr schwungvoll fort: "Mister Schine hat auch ein Buch darüber geschrieben: Die Definition des Kommunismus." Schines bescheidene Anmerkung: "Ich habe zufällig ein paar Exemplare davon bei mir. Sie werden sehen, wenn Sie es durchgelesen haben, daß Mister Cohn sehr oft darin vorkommt, weil er bei der Strafverfolgung der Kommunistenführer in Amerika eine solch wichtige Rolle gespielt hat."
Sprach''s und zog einen Acht-Seiten-Prospekt aus seiner Aktenmappe: Die Definition des Kommunismus. Verlegt vom amerikanischen Schine-Hotel-Konzern. Der Konzern gehört Gerard David Schines Vater; Gerard David selbst ist Generaldirektor.
Die Zeit bis zum Abflug der planmäßigen US-Kuriermaschine nach Berlin reichte für Schine am Ostermontag nach der Pressekonferenz nicht mehr, um New York an den Apparat zu bekommen.
Darum bat er eine Sekretärin der Hohen Kommission, für ihn ein Gespräch dorthin zu führen. So wurde der staunenden Mitwelt überliefert, was Senator McCarthys Abgesandter dringend über den Atlantik zu telephonieren hatte: Verhaltungsmaßregeln an seine Sekretärin für den Fall, daß beim Flug nach Berlin die Maschine in der Sowjetzone notlanden müsse und er, Schine, von Volkspolizei oder Rotarmisten festgenommen werde.
Nach Cohn- und Schine-Manier begannen die beiden in Berlin ihre Untersuchung
ebenfalls gegen Mittag. Die planmäßige Kuriermaschine nach Frankfurt am Nachmittag konnten sie daher nicht erreichen Sie buchten einen Sonderflug. Kosten etwa 1300 Mark.
In Frankfurt galt ihr Interesse vor allem der Bibliothek des Amerika-Hauses. Taft-Anhängerin, Ex-Kommunistin und Schriftstellerin Freda Utley hatte ihnen eine Liste kommunistisch infizierter Bücher mitgegeben, die sie dort finden würden. Sie fanden keines davon. Sie beschlossen, sich statt dessen über ein Buch von Freda Utley selbst zu mokieren.
Außerdem beanstandeten sie, daß kein rein antikommunistisches Magazin in den Amerika-Häusern in Deutschland ausliege. Von der Sorte gibt es in den USA zwei oder drei. Statt dessen liegen über 300 gute und unterhaltende periodische Schriften in den Amerika-Häusern aus, angefangen von "Foreign Affairs" über "Time" bis zur "Saturday Evening Post". Cohn und Schine: "''Time'' ist ein übles Machwerk.
Kostbarstes Wild für Cohn und Schine in Deutschland ist Theodore Kaghan, Stellvertreter Mickey Boerners im Amt für öffentliche Angelegenheiten. Kaghan warfen sie vor, verkappter Kommunist zu sein.
Der Vorwurf geht zurück auf die Aussage des ehemaligen amerikanischen Angestellten Thompson bei der "Stimme Amerikas" in München. Aus jener Zeit will Thompson wissen, daß sich Kaghan, wie Boerners Vorgänger Shepard Stone und der Chef der US-Radio-Abteilung in Mehlem, Edmund Schechter, um eine Stellung bei der Stimme Amerikas bemüht hätten. Sie seien alle abgelehnt; er, Thompson, nehme an, daß das aus Sicherheitsgründen erfolgt sei.
Kaghan bestreitet, sich je bei der Stimme Amerikas beworben zu haben.
Cohn und Schine werfen ihm weiter vor, in den dreißiger Jahren drei kommunistische Theaterstücke geschrieben zu haben. Nur einer von ihnen kann sich aber, auf Fragen festgenagelt, überhaupt auf einen Titel der Stücke besinnen: "Hallo. Franco!" Gelesen haben beide keins.
Eine Unterhaltung mit Kaghan wurde von Cohn und Schine erst unter dem Druck der amerikanischen Korrespondenten geführt, die darauf bestanden hatten. Sie dauerte ganze zehn Minuten. Der Beitrag der Untersucher Cohn und Schine: "Haben Sie irgendwelche Fragen an uns. Mister Kaghan?"
Theodore Kaghan hatte nicht. Er nannte die beiden öffentlich "Reisende Schnüffler" und "Gummisohlenschleicher", die noch zur Schule gegangen seien, als er schon antisowietische psychologische Kriegführung betrieben habe. Er lehne es ab, sich zu Cohn- und Schine-Vorwürfen jetzt zu äußern. Er sei wie alle Beamten des amerikanischen Außenamtes durchleuchtet worden, bevor er eingestellt wurde.
Obgleich Cohn und Schine es heute so darstellen möchten, als ob sie als Erfolg ihres Besuches in Bonn Kaghan vor den Ausschuß McCarthys laden werden, kann Kaghan selbst nachweisen, daß er schon vor vier Wochen in Washington sein Recht gefordert hat, vor dem McCarthy-Ausschuß aussagen zu können.
Das könnte, so hoffen amerikanische Beamte und Korrespondenten in Deutschland, der Anfang vom Ende McCarthys sein. Wenn es Kaghan gelingt, eindeutig nachzuweisen, daß McCarthys Beschuldigungen null und nichtig sind, könnte das Spiel des Kommunistenjägers sich seinem Ende zuneigen. So hofft man wenigstens in Bonn-Mehlem.
*) Katholiken unter 21 und über 60 sind an die Fastenvorschriften nicht gebunden.

DER SPIEGEL 16/1953
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