29.07.1953

BUNDESTAGS-KANDIDATENWir seh'n uns wieder

Kaum aus Amerika zurück, bekam es Bayerns Ministerpräsident Dr. Hans Ehard zu spüren, daß zu Hause in der Bundesrepublik eine Wahl vor der Tür steht. Die erste Arbeitswoche in der Münchner Prinzregentenstraße begann mit einer Besprechung, zu der Bundesminister Prof. Dr. Wilhelm Niklas von seinem Gut in Achatswies herübergekommen war.
Minister Niklas war in seiner Eigenschaft als Bundestagsabgeordneter der CSU in der Bayerischen Staatskanzlei erschienen. Er wollte sich von seinem Landesvorsitzenden Dr. Ehard persönlich bestätigen lassen, was er vorher dem stellvertretenden Landesvorsitzenden MdB Franz Josef Strauß und dem Leiter der Bayerischen Staatskanzlei, Ministerialdirektor Karl Schwend, nicht hatte glauben wollen: daß nämlich Bayerns CSU und auch ihr Landesvorsitzender es aus verschiedenen Gründen für besser halten, wenn das MdB Prof. Wilhelm Niklas nicht auf einer
erneuten Nominierung als Bundestagskandidat der CSU im Wahlkreis Donauwörth bestehe. Es ging um das parlamentarische Sein oder Nichtsein des Ministers.
Hier in Donauwörth hatte der Bundesminister für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten, der ursprünglich kein Bundestagsmandat innehatte, nach dem Tode des Druckereibesitzers Martin Loibl, der die CSU und den Wahlkreis Donauwörth solange im Bundestag vertreten hatte, die Nachwahl gewonnen. Die CSU-Prominenz des Landes Bayern hatte dabei dem jetzt 65jährigen Bundesminister, der zeitweise bis zum späten Nachmittag das Bett hüten mußte und dann erst nach einer Spritze zur Versammlung erschien, kräftig unter die Arme gegriffen.
An diese Vorgänge und an die sonstigen Krankheitstage des (katholischen) Bundesministers Niklas hatten die CSU-Verantwortlichen gedacht, als sie für Donauwörth einen namhaften Protestanten als Kandidaten in Aussicht nahmen, in der Annahme, Wilhelm Niklas wolle sich diese Strapazen eines öffentlichen Amtes nicht mehr zumuten.
Sie waren im Irrtum. Heute glauben sie nun, ihr geschätzter Parteifreud Niklas habe möglicherweise Konrad Adenauers charmant und unverbindlich hingeworfenes Abschiedswort: "... Na, mein Lieber, wir beide sehen uns ja dann wieder ..." als Aufforderung verstanden, sich für das kommende Bundeskabinett das Startloch eines Abgeordnetensitzes zu sichern.
Solche Erwägungen wechselten mit Versuchen ab, den Bundesminister zum Verzicht zu überreden, als kurz nach der Monatsmitte höhere Gewalt sich einschaltete und den Minister mit einer Gallenkolik erneut aufs Krankenlager warf.
Alle an diese Erkrankung geknüpften Vermutungen erwiesen sich aber als falsch: Er erhob sich nach kurzer Zeit mit dem gefestigten Entschluß, doch wieder in Donauwörth zu kandidieren. Tatsächlich wurde er dann von den CSU-Delegierten des Wahlkreises auch als Kandidat nominiert. Er fühlte sich, als evangelische Bedenken erneut und telegraphisch angemeldet wurden, beim Portepee gepackt und war entschlossen zu kämpfen. Am 20. Juli 1953 hat Ministerpräsident Dr. Ehard seinen Parteifreund Prof. Niklas dann aber doch zum Verzicht bewegen können - allerdings nur zum Verzicht auf Donauwörth.
Nun war es ein anderer, von bedeutsamen Vorgängen der jüngsten Vergangenheit nicht unberührter Wahlkreis, in dem sich Prof. Wilhelm Niklas als Kandidat zeigen wollte. Es ist ein sicherer CSU-Wahlkreis, nämlich Würzburg.
Zunächst hatte der stellvertretende Landesvorsitzende Strauß den Würzburger Parteifreunden zugesagt, sich von ihnen nominieren zu lassen. Aber dann wurde Strauß in seiner Wahlheimat Schongau, die er gegenwärtig im Bundestag vertritt, von den örtlichen Parteifreunden an ältere Zusagen erinnnert und entschloß sich, wieder dort zu kandidieren.
Schließlich war der Chefredakteur des katholischen "Fränkischen Volksblattes", Dr. Max Rößler, aussichtsreichster Würzburger CSU-Kandidat. Rößler opferte die Aussicht, in den zweiten Bonner Bundestag einzuziehen, auf dem Altar der konfessionellen Aussöhnung in Franken, auf dem auch Wilhelm Niklas sein Donauwörther Mandat hatte niederlegen müssen.
Seine Beständigkeit und Beharrlichkeit hat für den Politiker und Parlamentarier Niklas nun in Würzburg echte Chancen gezeitigt. Er liegt gut im Rennen um die Ehre, für die Christlich-Soziale Union hier kandidieren zu dürfen.

DER SPIEGEL 31/1953
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