05.08.1953

RATIONALISIERUNGUnter den schwarzen Kreuzen

Mit dröhnenden Märschen ihrer Musikkapellen rückte am zweiten Sonntag der Düsseldorfer Rationalisierungs-Ausstellung ein Schub von zwanzigtausend Schützenbrüdern durch das Eingangstor. Am Nachmittag konnten bereits dem 500 000. Besucher, der Hausfrau Christel Polcher, ein Paar Schuhe und ein Kinderkleid als Jubiläumsgabe überreicht werden: Das Motto "Alle sollen besser leben" lockt die Leute. Die wenigsten aber merken, daß ihnen auf der Ausstellung nur das geboten wird, was die Eifersucht gerade der rückständigsten westdeutschen Betriebe übrigließ.
Schon am Anfang hatte diese Eifersucht Pate gestanden, als Wirtschaftsminister Erhard vor gut zwei Jahren die Anregung zu der Ausstellung gab. Ludwig Erhard hatte das Thema so gestellt:
Es soll demonstriert werden, wie man in Westdeutschland lebt und wie man leben könnte, wenn alle Firmen den Fortschritt in Technik und Betriebswissenschaft nutzen würden, um "besser, kostensparender, billiger, schneller, bequemer und unter menschlich besseren Beziehungen" zu produzieren.
Den Männern des Bundesverbandes der deutschen Industrie waren schon damals die praktischen Schwierigkeiten einer
solchen Schau am Horizont erschienen. Sie gaben dem Minister zu bedenken, daß die Fachverbände der Wirtschaft um keinen Preis der Welt zu bewegen sein würden, am klar vorgerechneten Beispiel einiger fortschrittlicher Firmen nachzuweisen, wie rückständig der große Rest noch immer produziert.
Widerwillig benannte der Bundesverband den ehemaligen stellvertretenden Reichskommissar für das Ausstellungswesen, Dr. E. W. Maiwald, als den Mann, der für Erhards Plan vielleicht doch den richtigen Dreh finden würde. Bis zum Ende des vergangenen Jahres wurden unter Maiwalds Regie zwar 200 000 Mark - vor allem für Gehälter - ausgegeben, aber die Ausstellung kam in dieser Zeit ihrer Verwirklichung kaum näher.
Denn schon bei den Vorbereitungen zeigte sich, daß in allen Gremien der Ausstellungsleitung die Vertreter des Handels, des Handwerks und der Industrie die gewichtigste Sprache führten. Gegen sie kämpften die erfahrenen Rationalisierungs-Experten wie gegen Windmühlenflügel. Den Vertretern des Handwerks ist es beispielsweise nur schwer klar zu machen, daß Berufe wie die der Spengler und Schuhmacher in einer rationell arbeitenden Wirtschaft mit wenigen Ausnahmen überholt sind.
So kommt es auch, daß die mit fünf Millionen Mark errichtete Ausstellung auf dem Düsseldorfer Ehrenhof bei ihren im einzelnen oft hervorragenden Fabrikationsbeispielen nur selten einen Preisvergleich in der Branche wagt. Um so gründlicher aber wurden solche Rationalisierungs-Themen aufgegriffen, die keiner Firma direkt wehe tun. Zum Beispiel die Einsparmöglichkeiten durch Typenbeschränkung.
In der Bundesrepublik, wie in Europa überhaupt, werden jährlich Millionenbeträge nutzlos ausgegeben, weil es von den einzelnen Erzeugnissen oder Werkzeugen
unendlich viele Sorten gibt. Ihre Herstellung in kleiner Stückzahl ist äußerst kostspielig, und auch durch die größere Lagerhaltung entstehen unnötige Verteuerungen.
Allein in Westdeutschland gibt es
* 210 Sorten Autowinker,
* 5000 Arten Schaufeln,
* 7000 unterschiedliche Uhrzeiger,
* 100 verschiedene Ackerschlepper,
* 150 Sorten Stahlfensterprofile und
* 76 000 Typen von Mädchen- und Damenschuhen.
Große Kosten für die Entwicklung und Maschinenausstattung werden dadurch verschwendet. Untersuchungen des vor drei Jahren wiedergegründeten Rationalisierungskuratoriums der deutschen Wirtschaft*) (RKW) haben z. B. im Falle einer Maschinenfabrik ergeben, daß durch eine Verringerung der verwendeten 450 Sorten Profileisen auf 150 das Eisenlager von 3500 auf 1200 Tonnen herabgesetzt werden konnte. Ersparnis: 300 000 Mark im Jahr.
Der Normenausschuß der deutschen Industrie, eine weitere Organisation, die sich mit Rationalisierungsfragen beschäftigt, hat errechnet, daß eine Reduzierung der fast zwanzigtausend Typen Kolbenringe auf zweitausend in einem einzigen Werk bereits 1,2 Millionen Mark Betriebskapital frei machen würde.
Diese Typenbegrenzung ist in den hochindustrialisierten USA längst auf breiter Basis durchgeführt. Obwohl die Amerikaner siebenzig Prozent aller Automobile der Welt produzieren, haben sie nur sechzig verschiedene Pkw-Typen. Europa dagegen, auf das sich ein gutes Viertel der Weltproduktion verteilt, baut weit über hundert Automodelle.
Über dem großen Teich liegt auch der Ursprung jener Einsparungsmethode, die den technischen Arbeitsvorgang revolutionär beeinflußt hat: die Fließband-Produktion. Wo in Detroit am Roten Fluß heute die Mammuthallen der Ford-Werke stehen, hatten die Arbeiter des Gründers Henry Ford zu Anfang noch alle fünftausend Teile eines Autos an eine Stelle in der Fabrikhalle schaffen müssen. Anschließend wurde der Wagen am Fußboden zusammengesetzt.
Dann aber wendete Ford als erster das Fließbandsystem an, nach dem bis dato nur in den Chikagoer Fleischfabriken Schweine und Rinder zerlegt wurden. Ford berichtete darüber selbst:
"Am 1. April 1913 machten wir bei der Zusammensetzung von Schwungradmagneten unseren ersten Versuch mit einer Montagebahn. Früher, als der ganze Herstellungsprozeß in den Händen eines Arbeiters lag, brauchte er zwanzig Minuten je Stück. Jetzt wurde seine Arbeit in neunundzwanzig verschiedene Einzelleistungen zerlegt. Die Zeit für die Zusammensetzung konnte dadurch auf dreizehn und, nachdem wir das Förderband um acht Zoll höher in eine bequemere Grifflage brachten, auf sieben Minuten vermindert werden.
"Bald versuchten wir dasselbe auch bei der Montierung der Chassis. Dabei sind 45 verschiedene Operationen zu verrichten und eine entsprechende Anzahl Arbeitsstationen vorhanden. Die ersten Arbeitsgruppen befestigten vier Schutzbleche an dem Chassisgerüst; auf der zehnten Station wird der Motor eingebaut. Bei Station 34
erhält der jungfräuliche Motor sein Benzin, und bei Station 45 fährt der fertige Wagen aus der Halle.
"Kurz ausgedrückt", so erklärte Ford nach einigen Jahren Rationalisierungspraxis, "ist das Ergebnis folgendes: Mit Hilfe wissenschaftlicher Experimente ist ein Arbeiter heute imstande, das Vierfache von dem zu leisten, was er noch vor verhältnismäßig wenigen Jahren zu leisten vermochte."
Diese Experimente wurden in Amerika über Fließband und Typenbeschränkung hinaus auf alle Einzelheiten des Fertigungsvorganges, des Materialflusses und des Einsatzes der Arbeitskräfte ausgedehnt. Wichtigstes Arbeitsgerät dabei war die Stoppuhr.
Verbunden mit einer Fülle praktischer Einfälle - von der hydraulisch versenkbaren Lkw-Rückwand, auf deren waagerechter Fläche ein einzelner Arbeiter schwere Kühlschränke abladen kann, bis zu der Doppelrolle am Rande des Scheuereimers, die das Auswringen mit der Hand erspart - konnten die Experten diese Rationalisierung auf alle Gebiete des Wirtschaftslebens ausdehnen.
Ihr Vorsprung ist ungebrochen. Durchschnittlich produziert der amerikanische Arbeiter je Arbeitsstunde viermal soviel wie sein deutscher Kollege (s. Graphik). Sein Lebensstandard ist deshalb der höchste der Welt, womit das amerikanische Beispiel auch die Gewerkschaftsthese widerlegt, jede Rationalisierung müsse die Arbeitslosigkeit erhöhen.
Deutsche Volkswirtschaftler haben bereits während der Rationalisierungskonjunktur der zwanziger Jahre immer wieder versucht, in amerikanischen Fabriken selbst hinter die letzten Geheimnisse einer billigen Produktion zu kommen. Auch Westdeutschlands bekanntester Rationalisierungsfachmann, Dr. Kurt Pentzlin, Manager in Bahlsens hannoverscher Keksfabrik und Vorsitzender der Sozialpolitischen Arbeitsgemeinschaft der Ernährungsindustrie Niedersachsens, hat an den Auto-Fließbändern von Detroit praktisch gearbeitet.
"Für seinen Einsatz für die Leistungssteigerung der deutschen Wirtschaft und maßgebliche Mitarbeit im Rationalisierungskuratorium" wurde Dr. Pentzlin das Bundesverdienstkreuz verliehen. Auf Unternehmertagungen und durch die Refakurse*) versuchen Pentzlin und die deutsche Rationalisierungs-Elite ihre Erkenntnisse auf breiter Front voranzutreiben. Zwar sind heute in der Bundesrepublik eine Reihe von Spitzenbetrieben hervorragend durchrationalisiert, das Gros jedoch hinkt mit bis zu dreißig Jahre alten Maschinen weit hinterher.
Pentzlin berichtet aus der Praxis: "Es kommt vor, daß ich von Unternehmern gebeten werde, ihnen Spezialisten der Rationalisierung zu empfehlen. In einem Fall, dem eines bekannten Betriebes der Ernährungsindustrie, lud mich ungefähr drei Monate später der Vorsitzende des Aufsichtsrates zu einem Besuch ein und sagte in scherzendem Ton, aber es war bitter ernst gemeint:
"''Nehmen Sie uns den Mann wieder ab. Er hat bis jetzt schon so viel Erfolg gehabt, daß das Finanzamt niemals glauben wird, daß wir jemals so unwirtschaftlich gearbeitet haben, wie es unsere Bücher bisher auswiesen.''"
Viele Unternehmer denken nicht daran oder nehmen sich nicht die Zeit, zu rationalisieren, solange sie ihre Ware auch ohne das loswerden. Erst wenn es in den Auftragsbüchern brenzlig riecht, erinnert man sich oft der Refamänner.
Manchmal aber ist der einzige Ausweg, den die absatzgeklemmten Betriebe wissen, der Ruf nach einem sie schützenden Kartell. Erst kürzlich drang dieser Ruf aus der Seifenindustrie an Ludwig Erhards
taubes Ohr. Ebenso verlangt das nachweislich übersetzte westdeutsche Mühlengewerbe statt nach Rationalisierung nach einem Quotensystem.
Dr. Pentzlin meint: "Im Aufschwung glaubt man es nicht nötig zu haben, zu rationalisieren, und dann in der Krise fürchtet man, um so härter zupacken zu müssen."
Eine kräftige Bremswirkung geht überdies vom Publikum selbst aus. Säumige Produzenten können ihr Gewissen ungerührt auf das sanfte Ruhekissen jenes Regenmantel-Beispiels legen, bei dem ein Warenhaus Mäntel gleicher Qualität mit zwei verschiedenen Preisen auszeichnete. Alle Kunden griffen nach den teureren.
Auch die Düsseldorfer Ausstellung liefert dafür Beweise. Dort ist eine Schuhproduktionsstraße der pfälzischen Firma Seibel errichtet, die von dem US-Fachmann Goyette durchrationalisiert wurde. Goyette verringerte die Zahl der Schuhmodelle von fünfzig auf fünf, das Sohlenmaterial auf zwei Sorten und die verschiedenen Fertigungsmethoden auf eine.
Mit verblüffendem Erfolg. Die Tagesproduktion stieg von 400 auf fast 550 Paar. Die Durchlaufzeit des Materials schrumpfte von vierzehn auf sieben Tage, und durch Vereinfachung der Kalkulations-, Abrechnungs- und Versandverfahren wurden die Unkosten um die Hälfte gesenkt. Der Lohnanteil der Akkordarbeiter stieg dabei um 20 Prozent.
Aber: Die neue Kalkulation ermöglichte einen Endverbraucherpreis von 18 Mark. Was das Rationalisierungskuratorium dann in der Praxis herausfand, sah jedoch anders aus. Die Handelsfirmen erklärten dem Hersteller, die Schuhe dürften nicht billiger sein als 19,50 Mark. "Wenn die Schuhe billiger ausgezeichnet werden, würden sie von den Kunden nicht mehr gekauft, weil sie glauben, daß der Preis auf schlechte Verarbeitung zurückzuführen sei."
Auch auf Firma Seibels Stand in Düsseldorf findet der Ausstellungsbesucher keine Kalkulationsvergleiche über die Betriebsmethoden, denn die Sortenverminderung durch Goyette verstößt noch gegen eine andere Vorliebe mancher westdeutscher Firmen. Sie wollen lieber den Verdienst am Einzelstück erhöhen, statt die Einnahmen durch vergrößerten Absatz billiger Waren zu steigern.
Auf Düsseldorfs Ehrenhof demonstriert auch die Firma Metz-Radio ihre Erfolge. Vor der Rationalisierung stellte die Fabrik sieben Typen aus 2625 verschiedenen Einzelteilen in 3000 Arbeitsgängen an sieben Bändern her. Nach der Rationalisierung wurden nur noch zwei Typen aus 500 Teilen in 760 Arbeitsgängen an zwei Bändern gebaut. Kamen vorher auf einen Arbeiter 13 erstellte Geräte im Monat, so waren es nachdem 20.
Aber bei Metz fehlt auf den Schaubildern ebenfalls der Preisvergleich. Die Vertreter des Handels in der Ausstellungs-Organisation wollten keine Darstellung der Kosten des Zwischenhandels. Sie verzichteten sogar auf die von Technikern des Arbeitsstabes vorgeschlagenen Schaubilder zur Demonstration der volkswirtschaftlichen Bedeutung durchrationalisierter Handelsstufen.
Über die zwingende Notwendigkeit der Rationalisierung, allein schon um auf dem Weltmarkt konkurrieren und die Rohstoffimporte sichern zu können, besteht überall in Westdeutschland Einigkeit. Aber hier trifft das Thema Rationalisierung auf einen Punkt, wo es den Beteiligten an den Lebensnerv geht: auf die Organisation des Handels.
An diesen Punkt rührte in den letzten Tagen auch ein verhaßter Außenseiter, der
Westdeutschlands Textilindustrie schon seit den Tagen des Jedermann-Programms auf die Nerven fällt. Gerade zur Eröffnung der Düsseldorfer Ausstellung konnte Alfons Müller in Wipperfürth seinen 280 Meter langen Fabrikneubau einweihen. Darin wird an drei nagelneuen Groß-Fließbändern von je 150 Metern gearbeitet.
Müller macht nur Mäntel, Hosen, Sakkos und Anzüge. Da er in großen Serien gleiche Stoffmuster verwendet und seinen Vertragswebereien ohne Saisonrisiko laufende Aufträge sichert, wird in Wipperführth bereits der Stoff bis zu 20 Prozent billiger eingekauft als anderswo. Hinzu kommt eine genaue Aufteilung der einzelnen Arbeitsphasen. Die Fertigung eines Anzuges beispielsweise ist in über hundert Einzelarbeiten zerlegt.
Durch eine Serie neuentworfener Bügelpressen fällt weiterhin die meiste Handbügelei fort. Insgesamt ist die Arbeitszeit je Anzug durch die verschiedensten Einsparmöglichkeiten bis auf rund 200 Minuten herabgedrückt worden. Täglich verlassen rund 1200 Anzüge die Fabrik.
Alfons Müller verkauft in 62 eigenen westdeutschen Filialen direkt an den Endverbraucher (was sich nicht mit jeder Ware machen läßt). Verständlich also, daß er in der Textilbranche nicht beliebt ist. So mußte auch der Plan, die Wipperfürther Produktionsweise in Düsseldorf zu zeigen, aufgegeben werden. Die Bekleidungsindustrie hatte gedroht: Dann machen wir nicht mit!
Was die Kleiderfabrik Müller aber zwei Tage nach der Eröffnung am Düsseldorfer Ehrenhof verkündete, brachte die ganze Textilwirtschaft aus der Fasson. Müller senkte die Preise für sämtliche Erzeugnisse um ein Drittel.
Damit hatte der rheinische Kleiderfabrikant einen Teil der um diese Zeit des Sommerschlußverkaufs sowieso üblichen Preissenkungen vorweggenommen. Ein anderer Teil aber stellt einen echten Rationalisierungsgewinn dar, der dem Käufer zugute kommt. Triumphierend ließ Alfons Müller nach der Preisverkündung drei seiner Reklameflugzeuge über dem Düsseldorfer Ausstellungsgelände kreisen.
Sofort eröffnete der Handel scharfes Flakfeuer. Dr. Franz Effer, Syndikus der Hauptgemeinschaft des deutschen Einzelhandels, ging mit einer öffentlichen Stellungnahme auf den billigen Alfons los:
"Preissenkungen sind im volkswirtschaftlichen Wettbewerb in erster Linie dann möglich, wenn eine entsprechende Senkung der Produktionskosten erfolgt ist. Das trifft zur Zeit einwandfrei nicht zu. Weder sind die Rohstoffpreise gesunken, noch sind Lohnsenkungen eingetreten, noch sind auf dem Gebiete der Steuern, Frachttarife usw. irgendwelche nennenswerten Reduktionen erfolgt. Die Begründung, daß die Kostensenkung durch technische Umstellung möglich gewesen sei, klingt für den Fachmann höchst unwahrscheinlich."
Diese Erklärung wurde am fünften Tage einer von der Bundesregierung getragenen Ausstellung veröffentlicht, deren erklärter
Zweck es sein sollte, große volkswirtschaftliche Ersparnisse durch Umstellung in Technik und Organisation innerhalb der Gesamtwirtschaft zu erzielen.
Sowohl Wirtschaftsminister Erhard als auch Dr. Pentzlin haben Westdeutschlands Handelsfirmen wiederholt darauf hingewiesen, daß es auch bei ihnen genug zu rationalisieren gibt. Beide forderten, daß der Handel die schematische Zuschlagskalkulation aufgeben müsse.
Einzelne Großhändler, besonders der Lebensmittelbranche, haben sich daraufhin zu einer Rationalisierung in Form von "freiwilligen Ketten" entschlossen. Sie gingen davon aus, daß bei vielen kleinen Bestellungen durch den Einzelhandel je Auftrag relativ hohe Kosten und damit auch hohe Preise entstehen. Deshalb konzentrieren sie freiwillig die vielen Kleinaufträge auf einen oder wenige Großhändler.
Beispiel: Fünfzehn Lebensmittelgroßhändler haben sich zu einer Kette zusammengeschlossen. Alle Bestellungen der Einzelhandelskunden aller fünfzehn Großhändler auf etwa Nudeln gehen absprachegemäß an den Großhändler Nr. 1. Er kann beim Produzenten einen rabattgünstigen Sammelauftrag einreichen. Alle Bestellungen auf Fischkonserven etwa gehen an den Großhändler Nr. 2. Und so weiter.
Das ist eine Möglichkeit zur Rationalisierung auch des Warenvertriebs. Besucher der Düsseldorfer Ausstellung allerdings können die 117 000 Quadratmeter am Ehrenhof mit der Lupe absuchen, sie werden
kaum etwas über die freiwillige Kettenmethode im Handel finden.
Eine ganz deutliche Bremsspur der Interessenten aber findet sich auf dem rotgelben Prospekt, der in Tausenden von Exemplaren an die Ausstellungsbesucher verteilt wurde. Bei den darin aufgeführten acht Punkten, "auf die es ankommt", ist der dritte in allen neueren Ausgaben nachträglich noch einmal durch die Maschine gejagt und übergedruckt worden.
Man muß schon scharf hinsehen, um zu erkennen, was unter den schwarzen Kreuzen vorher geschrieben stand. Als Rationalisierungsmethode Nr. 3 hatte es dort geheißen: Verminderung der Handelsspannen.
[Grafiktext]
AMERIKA SCHAFFT VIERMAL MEHR
RANGSTUFEN DER RATIONALISIERUNG: PRODUKTIONSWERT DER INDUSTRIE
1952 IN DOLLAR JE BESCHÄFTIGTEN
ENGLAND 1830
USA 6300
BUNDESREPUBL. 1600
FRANKR. 1735
[GrafiktextEnde]
*) In enger Zusammenarbeit mit dem Rationalisierungskuratorium laufen in der Bundesrepublik gegenwärtig acht Programme zur Steigerung der Produktivität. Als Zuschüsse oder Kredite sind dafür insgesamt 1,2 Mrd. Mark vorgesehen. Davon 117 Mill. Mark aus MSA-Mitteln.
*) Der Reichsausschuß für Arbeitsstudien (Refa) wurde 1924 gegründet. Seine Hauptaufgabe war die Verbesserung des Arbeitsablaufs, zu der vier Grundsätze aufgestellt wurden: 1. Falsche wie überflüssige Arbeitsgriffe und Arbeitswege werden beseitigt. 2. Jede Arbeit ist lückenlos vorzubereiten. 3. Die Maschinen müssen den höchstmöglichen Ausnutzungsgrad beibehalten. 4. Durch organisatorische Gestaltung der Arbeit innerhalb der Arbeitsgruppe ist ein kontinuierlicher Arbeitsfluß herzustellen.

DER SPIEGEL 32/1953
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