30.09.1953

AUSWÄRTIGER DIENSTUm des Kanzlers Ohr

In Kürze wird in Bonn vor dem Arbeitsgericht eine Klage angestrengt werden, die sich gegen das Auswärtige Amt der Bundesrepublik richtet. Einer der seltsamsten Fälle der bundesrepublikanischen Nachkriegsdiplomatie wird dann wohl gerichtlich geklärt werden können: der Fall des "Irren von Florenz".
Diese Geschichte kurioser Verwicklungen und fataler Pressemeldungen um den ehemaligen zweiten Handelsattaché der deutschen Botschaft in Rom, J. M. Kraus, begann während des ersten Auslandbesuchs Konrad Adenauers in Italien.
Es war am heißen Nachmittag des 21. Juni 1951 in Florenz auf dem Platz vor dem Grand-Hotel und dem Excelsior. Angesichts
einer größeren Zuschauermenge hatte der Bundeskanzler mit Tochter Lotte schon seinen Mercedes zur Abreise bestiegen. Da trat plötzlich ein Herr an den Wagenschlag und bat, zur Besprechung einer wichtigen Angelegenheit auf der Fahrt zum nächsten Etappenziel Gardone im Wagen Platz nehmen zu dürfen.
Der Herr hatte schon im gleichen Hotel wie der Bundeskanzler übernachtet und am voraufgegangenen Abend mehrfach mit der Begleitung Konrad Adenauers gesprochen. Nun, als er am Wagenschlag stand, machte er auf die hochgestellten Insassen des Automobils einen völlig verwirrten Eindruck. Obgleich der Fremde sein Anliegen dringlich machte, verbat sich Konrad Adenauer jede weitere Unterhaltung und fuhr mit Eskorte ab. Der Mann, der zurückblieb, war der zweite Handelsattaché der deutschen Botschaft in Rom, J. M. Kraus.
Nachdem der Attaché Kraus in Florenz bei seinem Kanzler so völlig abgeblitzt und die Kavalkade der schweren Wagen gerade aus seinem Blickfeld geraten war, sah er sich plötzlich von zwei teilnehmenden deutschsprechenden Herren flankiert und zum Hotel begleitet.
Die Herren entpuppten sich später unglücklicherweise als Journalisten. Sie waren Zeuge der Auseinandersetzung gewesen, und es dauerte nicht lange, da lief eine Meldungsserie durch die deutsche und italienische Presse über einen Zwischenfall bei der Abfahrt des Kanzlers aus Florenz, bei der ein Mitglied der deutschen Botschaft in Rom öffentlich als verrückt bezeichnet worden sei.
Für den Attaché Kraus sollte das noch Folgen haben, wie sie in einer Boulevard-Reportage nicht besser erfunden werden könnten. Denn zwei Tage später lag er in einer Zelle der Mailänder Nervenklinik Villa Turno, ohne das Ohr des Kanzlers gefunden zu haben.
Kraus hatte geglaubt, gute Gründe zu haben, dieses Ohr zu suchen. An der Botschaft, die von einem Generalkonsulat gerade zu diesem Rang erhoben worden war, hatte es nämlich seit Monaten internen Ärger zwischen zwei rivalisierenden Gruppen gegeben, die sich auf der einen Seite um den Botschafter von Brentano und auf der anderen Seite um seinen Botschaftsrat Geheimrat Wolf scharten. Der Botschafter, der dieses Streites nicht Herr wurde, hatte mit Hilfe seiner Gattin nach einem der Empfänge den Kanzler am Ärmel gezupft und um Intervention gebeten.
Aber das Gespräch hatte eine nicht erhoffte Wirkung. Konrad Adenauer kündigte an, er werde nach seiner Rückkehr von Bonn aus einen Beamten in Marsch setzen, der die Übelstände in Rom überprüfen solle.
Der Botschafter empfand das als einen solchen Schlag gegen sein Prestige, daß er noch in der gleichen Nacht vor seinen Getreuen im Zorn verkündete, er werde in dem Augenblick, in dem der Kanzler die Grenze überschritten habe, seine Demission nach Bonn telegraphieren.
Von einer solchen Entwicklung wiederum glaubte sich Brentanos Anhänger Kraus nicht viel versprechen zu können. Denn dann hätte seine, Krausens, Karriere forthin unter dem ihm widrigen Stern des Geheimrats Wolf gestanden. Es reifte in ihm der Plan, in diesen schlechten Gang der Dinge tatkräftig einzugreifen.
Kraus fuhr mit Genehmigung des Botschafters von Brentano aus Rom ab, um, wie er angab, die Messen in Padua und Venedig besuchen zu dürfen. Er hatte zwar gesagt, daß er vielleicht
auch auf dieser Reise dem Herrn Bundeskanzler über ein für Deutschland interessantes wirtschaftliches Projekt der Italiener einen Vortrag halten könnte, aber Clemens von Brentano nahm diese Andeutung nicht weiter ernst.
Daß dies die letzte Reise des Attachés als Mann des Auswärtigen Dienstes wurde, lag nicht nur an der Szene in Florenz. Kraus reiste in der Nacht, die auf den florentinischen Vorfall folgte, mit einem Taxi an die Schweizer Grenze, um Konrad Adenauer auf diese Weise noch zu erreichen.
Die Vorstellungswelt des Diplomaten war jedoch durch einen Familienstreit, das Rotieren in Rom, die verwickelte Jagd hinter der Kanzler-Kolonne in der brütenden Hitze und eine Serie schlafloser Nächte so sehr durcheinandergeraten, daß deutsche Freunde in Mailand, die der Attaché schließlich aufsuchte, sich veranlaßt sahen, zunächst ihren Hausarzt und dann einen Nervenarzt herbeizurufen.
Der Nervenarzt hielt die Einlieferung des deutschen Diplomaten in eine Nervenheilanstalt für zweckmäßig. Diese Einweisung ließ sich jedoch nur unter Gewaltanwendung und mit Hilfe kräftiger italienischer Krankenwärter bewerkstelligen. Der Mailänder deutsche Generalkonsul Dr. Kreutzwald war bei der zwangsweisen Überführung seines Kollegen dabei, um sich von dem angemessenen Vorgehen der italienischen Krankenwärter zu überzeugen.
J. M. Kraus hat es dem Generalkonsul bis heute noch nicht recht verziehen, daß er ihn nicht erst einmal ein paar Tage ins Bett zum Ausschlafen steckte, sondern ihn gleich in nervenärztliche Behandlung gehen ließ.
Nach vier Wochen wurde der deutsche Diplomat wieder entlassen, wobei man ihm
die Diagnose mitgab, es habe sich bei ihm um einen Erregungszustand psychomotorischer und manischer Art gehandelt.
Kraus wurde von Mailand nach Bonn zurückbeordert und nach einigen Wochen Nachkur aus seinem Angestelltenverhältnis mit dem Auswärtigen Amt entlassen.
Was ihn demnächst vor die Schranken des Arbeitsgerichts treiben wird, sind die
noch anhaltenden Folgen seines Ausflugs in die bundesdeutsche Nachkriegsdiplomatie, den der nervlich etwas labile Exportkaufmann nicht gut überstanden hat.
Der Zwischenfall von Florenz hängt Kraus bei seinen Versuchen, in die Wirtschaft zurückzukehren, noch immer an. In seinem Lebenslauf klafft bei Bewerbungen dort eine Lücke, wo er das jähe Ende seiner kurzen Diplomatenkarriere erklären müßte.
Die ganze Geschichte, meint Kraus, habe nur darum so fatale Folgen angenommen, weil aus Diskretion weder der Botschafter von Brentano noch er bisher den eigentlichen Grund seiner versuchten Intervention bei Dr. h. c. Adenauer erwähnt hätten, nämlich die Entsendung eines Bonner Untersuchungsbeamten nach Rom und damit den Rücktritt des Botschafters zu verhindern. So ist für Kraus, der als Nachkriegs-Landrat in Wangen unter anderem mit einer Empfehlung seines damaligen Vorgesetzten Carlo Schmid in die Kategorie der Handelsattachés einsteigen wollte, die Diplomatenkarriere nur sehr kurz gewesen.
Der Botschafter von Brentano hat zu allem Überfluß gar nicht demissioniert.
*) Mit dem Präsidenten der italienischen Republik, Luigi Einaudi (l.)

DER SPIEGEL 40/1953
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