07.10.1953

SUEZ / INTERNATIONALESWir geben zu

Links der Straße tost und kreischt Kairos großer Lunapark. Rechts der Straße, die nahe am Ufer der großen Nilinsel Gesireh entlang führt, stehen Posten - meistens Soldaten, zuweilen aber auch muskulöse Herren in ärmelloser brauner Lederweste, den Colt auffällig-unauffällig an der Hüfte. Sie sind vom Typ jener modernen Gralshüter, wie sie in amerikanischen Gangsterfilmen und comic-strips vorkommen. Diese hier hüten die Seele
der ägyptischen Revolution. Hinter dem eisernen Vorhang ihrer martialischen Blicke nämlich tagt - in einem ehemaligen Lustschloß König Faruks - der zwölfköpfige "Rat der Revolution".
Am Montagabend letzter Woche brannten die Lichter in Schloß Gesireh bis tief in die Nacht hinein. Erst nach Einbruch der Dunkelheit war die chromblitzende Auto-Eskorte des Major Abd En-Nassir in das Tor eingebogen.
Der 35jährige Generalstäbler Nassir ist Stellvertreter General Mohammed Nagibs in dessen Eigenschaften als ägyptischer Ministerpräsident und als Vorsitzender des "Rates der Revolution". Man sagt, daß er der mächtigste Mann des neuen Ägyptens sei. Sicher ist, daß er der Pulver-Kopf jener Soldaten-Revolution ist, die am 23. Juli 1952 König Faruk stürzte.
Abd En-Nassir führt außerdem die fünfköpfige ägyptische Delegation, die seit dem 30. Juli mit dem konflikterfahrenen englischen General und ehemaligen Deutschland-Gouverneur, Sir Brian Robertson, und mit dem britischen Geschäftsträger in Kairo, Robert Hankey, Verhandlungen führt, die - offiziell - gar keine Verhandlungen sind, sondern "informative Gespräche"
Am Montagabend hatte Nassir mit den beiden Briten in General Robertsons Villa in Samalek, einem Vorort von Kairo, eines dieser "informativen Gespräche" geführt. Spezieller Gegenstand war diesmal die Frage gewesen, ob man das Ergebnis der in der Vorwoche geführten Gespräche als ein "Festhaken" (a hitch) der Verhandlungen bezeichnen könne oder nicht. Man einigte sich, daß es kein "hitch" gewesen sei.
In Anbetracht der nervösen Atmosphäre, in der die ägyptisch-britischen Verhandlungen
und Gespräche nun seit Monaten geführt werden, war diese Feststellung ein nicht unwesentlicher Fortschritt. Das Londoner Foreign Office prophezeite dann auch zu Anfang letzter Woche (allerdings mit der eingebauten Sicherung einer Warnung vor unerwarteten Entwicklungen), daß die Phase der informativen Gespräche in Kürze durch die Wiederaufnahme der offiziellen Verhandlungen abgelöst werden könne.
Objekt dieser Verhandlungen sind:
* geographisch: 9000 Quadratkilometer Wüste längs des Suez-Kanals;
* finanziell: Kriegsmaterial im Werte von rund 2,4 Milliarden Mark, Bauten und feste Anlagen im Werte von weiteren rund 3,6 Milliarden Mark;
* strategisch: die zentrale Versorgungsbasis der britischen Verteidigungsorganisation für den Nahen Osten, das Mittelmeer und Afrika;
* psychologisch: der schmerzende britische Sporn, der den kitzligen ägyptischen Araberhengst zu immer neuen nationalistischen (und neutralistischen) Eskapaden reizt, und
* politisch: eins der Hindernisse, die Amerika von der Schaffung einer antisowjetischen Verteidigungsorganisation im Mittleren Osten trennen.
Die Engländer behaupten, daß sie im Kriegsfall von der "Zone" aus 45 Divisionen und 65 Luftwaffengeschwader versorgen könnten. Im letzten Krieg ging der gesamte Nachschub von 19 Divisionen über Suez. Damals beschäftigten die Briten 300 000 ägyptische Zivilarbeiter, zum größten Teil in den Arsenalen von Tell el-Kebir.
Die Zone ist neben den Atomstädten der Vereinigten Staaten und der UdSSR der wohl "explosivste" Ort der Welt. 50 000 bis 60 000 Tonnen Munition sind hier gelagert. Darüber hinaus rund eine halbe Million Tonnen sonstiges Kriegsmaterial.
Eine Fahrt auf der 35 Kilometer langen Kanalufer-Straße von Ismailia nach Fayid, dem Hauptquartier von General Sir Cameron Nicholson, dem britischen Commander-in-Chief für den Mittleren Osten, gleicht einer Fahrt durch Englands kriegerische Soziologie und Geschichte. Naafi-Läden, Tennisplätze, Klubgebäude der vielen sportlichen Offiziersvereine sind verteilt zwischen die Eingänge zu den verschiedenen Truppenlagern.
Über 80 000 Mann englische Truppen stehen heute in der Kanalzone, darunter drei sofort einsetzbare Divisionen in Stärke von insgesamt 45 000 Mann. Der Unterhalt der Truppen und der Lagereinrichtungen kostet Großbritannien je Jahr fast 600 Millionen Mark.
Das ist übrigens einer der Gründe dafür, daß England sich mehr und mehr mit dem Gedanken befreundet, Suez aufzugeben. Die Zone hat Ausmaße angenommen, die die Kräfte Englands zu überschreiten drohen. Ein anderer ist, daß der britische Generalstab die drei Suez-Divisionen gern für die Erfüllung eines anglo-amerikanischen Lieblingswunsches einsetzen möchte: die Aufstellung einer strategischen Reserve, einer Art mobiler Feuerwehr für die Verteidigung Europas. Schließlich verfügt England im übrigen rings um Suez noch über eine ganze Reihe anderer Stützpunkte: im Süden Aden, im Osten Transjordanien, im Norden Cypern und im Westen Libyen (siehe Graphik).
Im Herbst 1950 begannen auf britischamerikanisches Betreiben die Verhandlungen über den Aufbau einer Middle East Defence Organisation (Medo). Suez mit seinen jahrzehntelang ausgebauten militärischen Einrichtungen sollte das Rückgrat dieser Organisation sein. Seine Anlagen sollten von der Organisation gekauft und weiter finanziert werden. Den Posten aber eines Oberkommandierenden der Medo forderten die Briten für ihren General Sir Brian Robertson.
Das wäre eine für Großbritannien geradezu ideale Lösung gewesen. Englands finanzielle Belastung wäre auf ein Minimum gesunken, während gleichzeitig sein politischer und militärischer Einfluß nur unwesentlich gemindert worden wäre.
Die Geschichte aber nahm einen anderen Verlauf. Am 8. Oktober 1951 kündigte der damalige ägyptische Ministerpräsident Nahas Pascha den anglo-ägyptischen Vertrag von 1936. Gleichzeitig erklärten die Ägypter, daß sie nicht daran dächten in eine Debatte über die Medo einzutreten, wenn ihnen nicht zuvor die Briten die Kanalzone mit allem Drum und Drin übergeben hätten. Das war der Standpunkt, den König Faruks Paschas vertraten. Es war auch der, den die jungen Offiziere General Nagibs geltend machten.
Auch ihr Elan sollte sich sehr bald in den zähen Realitäten der internationalen Mittelost-Politik verfangen. Am 27. April 1953 machte Sir Brian Robertson die Ägypter mit den Bedingungen bekannt, unter denen Großbritannien bereit sein werde, die Zone zu räumen:
* Betreuung und Beaufsichtigung des in der Zone lagernden Kriegsmaterials durch etwa 12 000 britische "Techniker", die ausschließlich London unterstehen sollten, für die Dauer von 25 Jahren.
* Das Recht Großbritanniens, die Zone wieder zu besetzen, sofern irgendein verbündeter Staat Großbritanniens im Mittelmeer oder im Nahen Osten angegriffen werde oder sich bedroht fühle.
Nassir und sein ziviler Adlatus, Außenminister Mahmud Fausi, bezeichneten Robertsons Vorschlag als "für eine Debatte ungeeignet". Mit dem Abbruch der Verhandlungen aber warteten sie aus spektakulären Gründen bis kurz vor der Ankunft des amerikanischen Außenministers John Foster Dulles in Kairo.
Doch der pastorale amerikanische Außenminister bereitete den jungen Offizieren Nagibs ihre erste Enttäuschung. Zwar fand er sich bereit, General Robertson nach Washington einzuladen, um einen mäßigenden Einfluß auf ihn auszuüben, aber auch er bezweifelte, daß die Ägypter genug Fachkräfte aufbringen könnten, um die Kommandogeräte der Zonen-Luftverteidigung zu bedienen.
Dieser Enttäuschung folgte eine weitere. Nach der Abreise des amerikanischen Außenminsters brach eine wahre Inflation makabrer Führer-Worte über Ägypten herein. Er wolle sich lieber den Kopf abschneiden lassen, meinte Nagib, als sich zu einem Kompromiß in der Suezfrage herzugeben. An anderer Stelle dichtete er, der wahre Preis des Friedens sei heißes, strömendes Blut: "Wir nähern uns einer großen Schlacht."
Major Nassir ließ sich sogar dazu hinreißen, Großbritannien ein oratorisches Ultimatum zu stellen: Wenn die Kanalzone nicht innerhalb von zwei oder drei Monaten geräumt sei, werde die Stimmung des ägyptischen Volkes ein Weiterbestehen des britischen Stützpunktes nicht mehr gestatten.
Solche und andere rednerischen Glanzleistungen der neu-ägyptischen Führerelite verfolgten offenbar in der Hauptsache innerpolitische Zwecke. Nebenbei aber sollten sie der Welt vor einem orientalischen Kladderadatsch Angst machen.
Im Juni 1953 reisten der indische Ministerpräsident Jawaharlal Nehru und der pakistanische Premier Mohammed Ali von den Londoner Krönungsfeierlichkeiten über Kairo nach Hause. Nagib und Nassir hofften, die beiden Anti-Kolonialisten für ein großes propagandistisches und diplomatisches Unternehmen gegen die Briten gewinnen zu können. Beide lehnten jedoch kühl und höflich ab.
Das war für die Ägypter das letzte Signal, vorsichtiger zu werden. Propagandaminister und Mitglied des Rates der Revolution, Salah Salim: "Wir haben begriffen, daß es nicht zweckmäßig ist, vorzeitig einen Kampf zu beginnen. Wir werden niemals einen Kampf beginnen der uns zu einer sicheren Niederlage führen würde."
Und Abd En-Nassir selbst sagte: "Ägypten ist bereit, die Verteidigung des Kanals zu diskutieren. Aber die Militärbasis muß völlig ägyptisch werden. Wir sind Soldaten und Realisten. Wir wissen, daß wir gegenwärtig nicht in der Lage sind, eine so ausgedehnte Basis zu unterhalten, und daß wir Techniker benötigen."
"Hinsichtlich der Nahostverteidigung geben wir zu, daß die arabischen Länder noch schwach und hilfsbedürftig sind. Abediese Hilfe darf nicht im Widerspruch zu den Landesinteressen stehen."
Nassirs Erklärung war die Grundlage für die Wiederaufnahme der Verhandlungen - nunmehr aber in der Form "informativer Gespräche". Eine weitere Kompromißbasis boten die Vorschläge des amerikanischen Präsidenten Eisenhower:
* Die Zahl der britischen Techniker brauche nach seiner Ansicht nicht höher als 4000 zu sein. Ihre Beaufsichtigung solle zunächst für die Dauer von nicht 25, sondern für fünf Jahre geplant werden.
* Das Recht Großbritanniens, nach Suez zurückzukehren, solle nicht durch entsprechende Forderungen der Türkei, Griechenlands. Jordaniens oder des Iraks ausgelöst werden, sondern durch einen Beschluß der Arabischen Liga.
Das ist nach amerikanischer Ansicht überhaupt der springende Punkt der angloägyptischen Verhandlungen: Suez kann den Ägyptern nur übergeben werden, wenn diese bereit sind, sich in dieser oder jener Form an das westliche Verteidigungssystem gegen die Sowjetunion zu binden. Die Einschaltung der Arabischen Liga, auf deren Mitglieder nicht nur England, sondern auch Amerika (über Saudi-Arabien) nicht unerheblichen Einfluß ausüben können, würde eine Lösung sein, die - und das ist besonders wichtig - den Selbstrespekt der arabischen Völker als ausschlaggebenden Faktor der Politik im Mittleren und Nahen Osten anerkennt.

DER SPIEGEL 41/1953
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