14.10.1953

SENDEREIHE / RUNDFUNKBlubbern mit dem Mund

Genau vier Wochen nach dem Staats-Begräbnis, das Autor Wolfgang Menge genießerisch mit großem Trauer-Gepränge seiner Sendereihe "Adrian und Alexander" im NWDR Hamburg bereitete, am 10. Oktober, konnten die Hörer zu ihrer Freude wieder das "All the things you are ...", den altvertrauten Aufblender, hören.
Dann kam die Stimme eines "Reporters", der die Rückkehr Adrians und Alexanders aus der Welt der Schatten dem Publikum gemütvoll schilderte.
"Hier vor den Toren des Sendegebäudes haben sich viele alte Freunde der beiden eingefunden. Vor Begeisterung über die Rückkehr wissen sie sich kaum zu halten ... In silbernem Grün leuchtet aus der grauen Masse der neue Spezial-Packard Michael Jarys hervor ..."
Das war der gewohnte Tonfall. Gerade Michael Jary hat "Adrian und Alexander" gewiß keine Träne nachgeweint. Sie hatten sich allzu unschuldig über gewisse Ähnlichkeiten der Einfälle bei Jarys "Mäcki-Boogie" und - Adrian: "Das hab'' ich doch schon mal gehört" - dem amerikanischen "Undecided" gewundert. Aber auch anderen Ohren war diese Sendung nicht immer Musik.
Das - vorläufige - Ende einer der wenigen NWDR-Sendungen, die Schema und Klischee mit Erfolg durchbrachen, fiel auf den 12. September. Das war sechs Tage nach der Bundestagswahl. So sah die Mehrzahl der entrüsteten, erstaunten, betroffenen Briefschreiber in der Einstellung der Sendung, die nicht unbedingt das einer steil aufsteigenden Großmacht gemäße Klima förderte, eine der ersten Folgen der Konsolidierung der deutschen Demokratie.
"Wieder ist einem eine Freude, die noch geblieben ist, genommen worden", stellte resigniert eine Hörerin aus Rostock fest. "Warum die Sendung eingestellt wird, wurde nicht ganz klar, jedenfalls schien es nicht an Einfallsmangel beim Autor zu liegen", fühlte die "Neue Ruhr-Zeitung" in ihrem Nachruf in einer Richtung vor, die in anderen Schreiben drastischer angesprochen wurde.
"An die Mörder der Reihe ''Adrian und Alexander''" kam ein wütender Brief, während andere den Intendanten Schnabel direkt apostrophierten: "Bedauerlich, daß Sie die falsche Sendung absetzten. Herr Intendant!" Und die Frage: "Sind ''Adrian und Alexander'' auf höheren Befehl gestorben oder einfach an Altersschwäche?" war der Tenor, der durch viele Briefe geisterte. Andere wieder zogen das nüchterne Fazit: "Ich höre ohnehin schon kaum mehr den NWDR, aber einmal möchte ich doch meine 2 Mark abhören!"
Den NWDR-Abteilungsleiter Albin Stuebs ärgert dieses ihm unbegreifliche Argewöhnen, daß da dunkle Machenschaften irgendwelcher grauer NWDR-Eminenzen im politischen Hintergrund der Rundfunkanstalt im Gange seien. Er nimmt alle Schuld auf sich: "Die Sendung war
doch zwei Jahre gelaufen, ich meinte einfach, sie müßte nun mal ein Ende nehmen."
Aber abgesehen von den schweren Verdächtigungen hat er sich über den Umfang des Echos gefreut (Stuebs: "Es ist wirklich selten, daß eine Sendung eine so feste Gemeinde hat") und aus der beharrlichen Liebe so vieler Hörer die Konsequenz gezogen. Vergnügt registriert er, daß nach Bekanntgabe des NWDR - Rückziehers - er machte das selbst am Mikrophon - die Dankschreiben ebenso prompt einrollten wie die wütenden Proteste vorher.
Der deutsche Rundfunk hat mit der Neigung, gut ankommende Sendungen einfach abzustellen, weil sie "zu lange laufen", nach dem Kriege schon manche erfolgreiche Sendereihe kaputtgemacht.
Noch heute jammern viele Hörer einer Sendung aus der Steinzeit des Rundfunks nach: den Kölner "lustigen Gesellen". Was sich jetzt bei "Adrian und Alexander" tat, geschah ähnlich vor Jahresfrist, als Just Scheu seine alteingeführte Funklotterie völlig auf den Kopf stellen wollte. Die stille Revolte der Hörer erzwang, daß die alte Form beibehalten wurde.
Dagegen vermochten auch kräftige Hörerproteste nicht, die Familiensendungen Wolf Schmidts über 50 Sendungen am Leben zu erhalten. Im Gegensatz zum angelsächsischen Rundfunk, der einmal erfolgreiche Reihen*) viele Jahre hindurch fortführt, sind die deutschen Funkleute, obwohl alle Erfahrung dagegen spricht, immer wieder der Meinung, daß der Hörer die Abwechslung liebe. Daß der Hörer konservativ ist, beweisen viele Beispiele.
Mit "Adrian und Alexander" startete Ullstein-Korrespondent Menge im November 1951 die unterhaltsame Form des NWDR-Nachtprogramms. Alle 14 Tage am Sonnabend zwischen 23.30 und 24 Uhr läuft die Sendung. Ihre Idee hatte Polizeireporter
Menge schon beim "Hamburger Abendblatt" zu verwirklichen gesucht: Alltags-Geschichten zu bringen und zu glossieren, die normalerweise in den Papierkorb wandern (Schluß einer Neujahrsglosse: "Drücken wir die Daumen, daß wir sie nicht im nächsten Jahr anlegen müssen.").
Als Menge nach der ersten Sendung einen Brief erhielt, es sei so gewesen, als ob der Sprecher mit im Zimmer gesessen hätte, merkte er, daß er auf dem rechten Wege war. Die Wirkung der Sendung erklärt sich aus
* der persönlichen Form, die in der Anrede "Nachbar" oder "Leute", aber auch in der gewollten Saloppheit der Sprachtexte zum Ausdruck kommt. Es ist wirklich so, als ob der Sprecher mit dem Hörer allein sei;
* der schrägen Musik, die in der Sendung reichlich erklingt, und der stetigen, oft damit verbundenen Verhöhnung der Schmalz-Schlager, die das sonstige NWDR-Programm reichlich serviert;
* der Keßheit, mit der Menge gegen Institutionen und Denkträgheiten zu Felde zieht, wobei er selten versäumt, seinem Brötchengeber NWDR einen leisen Seitenhieb zu versetzen;
* der Idee des Zwiegespräches mit einem blubbernden, nichtssagenden Homunkulus, eben jenem Alexander, dessen mit bbb im Manuskript gekennzeichnete Laute doch so ausdeutbar sind, daß ein Dialog mit ihnen möglich ist. (Adrian über Alexander: "Der einzige Mensch im NWDR, der seine wahre Meinung zu äußern wagt.")
Die ursprüngliche Idee der Sendung ist im Laufe der Zeit, zweifellos nicht immer zu ihren Gunsten, verwässert worden. Menge hoffte, durch eine "live"-Sendung in der Lage zu sein, sogar Anspielungen auf die um 24 Uhr folgenden Nachrichten machen zu können. Als aber seine Forderung nach einem erhöhten Honorar (Menge am 10. Oktober: "Nun - ganz ehrlich - wenn ich nicht so scharf aufs Geld wäre und so, ich hätte nicht wieder angefangen") sich durchsetzte, mußte er die spätere Wiederholung auf UKW in Kauf nehmen, die natürlich jede aktuelle Anspielung ausschließt.
Zu Anfang der Sendereihe sprach Menge noch vom Wetter. "Es gibt dem Hörer so ein angenehmes Gefühl, wenn man von dem Wetter spricht, das bei einem herrscht."
Oft rückt Menge auch jetzt mit der Schreibmaschine im Studio an, um am Vortage des Sendeabends, an dem die Sendung zwischen 23 und 2 Uhr auf Band produziert wird, noch spontane Einfälle ins Manuskript zu flicken oder die letzte Seite überhaupt erst zu schreiben. "Wenn uns der Regisseur nicht zu sehr stört, schaffen wir die Aufnahme oft schon in einer halben Stunde."
Regisseur Wagner hat allerdings dabei auch noch anderes zu tun, als einfach Regie zu führen. Er nimmt neuerdings auch quasi schöpferisch Anteil an der Sendung. Alexanders Blubber-Laut, der eigentlich dann entsteht, wenn ein besprochenes Magnetofonband rückwärts läuft, wird mitten im perfekt technifizierten NWDR-Funkhaus gleichsam per Handbetrieb erzeugt. Regisseur S. O. Wagner, wohltrainiert auf präzisen Einsatz, macht das schlichtweg mit dem Mund.
*) "Dick Barton, special agent", "Mrs. Dale''s Diary", "Ray''s a Laugh", "Twenty Questions" bei der BBC.

DER SPIEGEL 42/1953
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