14.10.1953

AFFÄRE / TheaterKinnhaken in der Kulisse

Im Parkett der Gründgens-Bühne applaudierten noch die Zuschauer, als Regisseur Peter Gorski*), 28, die Leistung des Schauspielers Ludwig Linkmann in der Düsseldorfer Erstaufführung von Hofmannsthals "Der Unbestechliche" mit einem soliden Kinnhaken quittierte. Dieser einseitige Faustkampf - es folgten noch zwei weitere Volltreffer an den Kopf des ehemaligen Grobschmiedes und späteren Filmschauspielers Linkmann - war die Vorbereitung der 48 Stunden später von Gustaf Gründgens ausgesprochenen fristlosen Entlassung des Düsseldorfer Publikumslieblings Linkmann.
Ludwig Linkmann, 51, und seit seiner frühesten Jugend gleichermaßen mit körperlicher Arbeit vertraut, wie auf kluge Zurückhaltung trainiert, ließ die Schläge ohne Widerstand passieren. "Wer Gorski schlägt, trifft Gründgens", hatte es Wochen vorher bei der Auseinandersetzung zwischen Regisseur Fritz Peter Buch und Regieassistent Peter Gorski geheißen. Buch und Gorski waren grundsätzlich verschiedener Ansicht über die Inszenierung des "Unbestechlichen". Zwei Tage vor der Premiere wechselte die Regiebesetzung: Buch ging, Gorski rückte vom Assistentenplatz auf den Regisseurstuhl.
An den Ausgang der Differenz Buch-Gorski dachte Linkmann, als er auf die Folgerung von "Aug'' um Auge, Zahn um Zahn" verzichtete. In der gleichen Samstagnacht
mied Linkmann die inoffizielle Premierenfeier und besuchte statt dessen offiziell seinen Hausarzt. Der bestätigte ihm eine mittelschwere Gehirnerschütterung und unterschrieb das Attest. Ludwig Linkmann meldete sich am nächsten Tage krank.
Gustaf Gründgens wog währenddessen zwischen dem Regisseur und Menschen Gorski und dem Schauspieler und Menschen Linkmann ab. Am Schluß senkte sich die Waage zugunsten Gorskis. Ludwig Linkmann, seit Offenbachs "Banditen" im Düsseldorfer Opernhaus, 1948, beliebtes Mitglied des Gründgens-Ensembles, wurde fristlos gekündigt. Grund: mangelnde Disziplin, Nichtbefolgen der Regieanweisung, Gefährdung der Ensembleleistung.
Tatsächlich war Linkmann bei der Hofmannsthal-Premiere nach Ansicht einiger Kritiker aus der Reihe getanzt. Der Regieauffassung von Fritz Peter Buch nahestehend, hatte er sich an dessen Anweisungen gehalten. Bei der Premiere stand Gorski hinter der ersten Kulisse und kreidete Linkmann seine schauspielerischen Fehler an.
Linkmann verbat sich nach dem ersten Akt die Störungen des Regisseurs. Es gab eine kurze Auseinandersetzung. Linkmann spielte seine Rolle weiter, wie sie ihm und Buch vorschwebte. Er stieß sich an den Einwänden Gorskis genau sowenig, wie er viel früher im "Alpenkönig und Menschenfeind" Differenzen mit Fritz Kortner aus dem Wege gegangen war.
Am Schluß jubelte das Premierenpublikum Linkmann zu. Als er zum wiederholten Male auf die Bühne gerufen wurde, ließ Gorski den Vorhang endgültig schließen. Die Besucher applaudierten vergebens. Im Geiste noch in der Titelrolle des "Unbestechlichen", ging Linkmann zu seinem Regisseur und sagte ihm im hessischen Dialekt zwei wenig schmeichelhafte Worte. Gorski stellte den sich brüsk Abwendenden hinter den Kulissen. Der Rest war Anlaß zu Linkmanns Krankheitsurlaub.
Wenige Tage nach dem Premierenzwischenfall waren alle Rollen Linkmanns
in Düsseldorf bereits umbesetzt. "Ihr seid so liebe Menschen", hatte Linkmann bei seiner Antrittsfeier zu Kolleginnen und Kollegen der Gründgens-Bühne gesagt. Sein Abschied vollzog sich weniger feierlich. Der Name Linkmann verschwand über Nacht von allen Plakaten der Gründgens-Bühne.
Ludwig Linkmann hat, trotz seines unbestrittenen Niveaus als Vollblutkomödiant, nie zum engen Kreis der Gründgens-Bühne gehört. Freunde nennen ihn einen verträumten, weichherzigen Menschen, der auf eine von ihm eigenhändig und mit allen Raffinessen der Kochkunst aufgegossene Kanne Kaffee stolzer als auf seine schauspielerischen Leistungen sei. in Hofmannsthals "Der Unbestechliche" spielte er den redlichen Diener Theodor.
*) Adoptivsohn von Gründgens.

DER SPIEGEL 42/1953
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