21.10.1953

TRIEST / INTERNATIONALESDer gordische Knoten

Marschall Titos Triestiner Drohung war ein Steinwurf gegen das Glashaus westeuropäischer Paktpolitik. Sie hat dort Sprünge und Risse verursacht, für deren Deutung es vorläufig noch keine einheitliche Sprachregelung gibt. In Madrid und Paris äußerten am gleichen Tage amerikanische Offiziere in amtlicher Funktion entgegengesetzte Ansichten über die möglichen Weiterungen der Affäre Triest.
In Madrid fragte ein spanischer Offizier auf einer routinemäßigen Lage-Orientierung den Sprecher der amerikanischen Militärmission, Oberst W. Shipp: "Wenn Tito die Italiener in Triest angreift, muß also die Atlantikpakt-Organisation (Nato) der Mitglied-Nation Italien zu Hilfe kommen?" Die Antwort Shipps war bejahend.
Dem Spanier aber machte es offenbar Spaß, weiter dem Filigranwerk möglicher Konsequenzen des Triest-Konflikts nachzuspüren. Er fragte (sinngemäß): Der Aufmarschplan der (nun schon seit fünfviertel Jahren zur Ratifizierung anstehenden) Europäischen Verteidigungsgemeinschaft sieht die Stationierung von zwei deutschen Divisionen in Norditalien vor. Wäre es nun nicht denkbar, daß der Nato-Befehlshaber Süd (zur Zeit US-Admiral Fechteler) die Deutschen an der Seite der Italiener zum Schutze von Triest einsetzt? Die Antwort war das zweitemal bejahend.
Ganz anders waren die Auskünfte, die fast zur selben Stunde in Marly-le-Roi den Abteilungsleitern des Nato-Hauptquartiers gegeben wurden. Danach ist die Atlantikpakt-Organisation "in naher Zukunft" weder in der Lage noch gewillt, Italien im Eventualfall eines jugoslawischen Angriffs auf die A-Zone zu Hilfe zu kommen.
Im übrigen wurde bei dieser Gelegenheit folgendes Resümee der Lage gegeben:
* Tito habe dank seinem energischen Auftreten in der Triest-Frage erstmalig, wie Pella die Italiener, alle Jugoslawen hinter
sich - Kommunisten und Bürgerliche, Katholiken, Griechisch-Orthodoxe und Mohammedaner, Anhänger der jugoslawischen Staatsidee wie auch kroatische und slowenische Separatisten.
* Eben diese nationale Einheit verpflichte ihn unausweichlich, aus seinen Einmarschdrohungen Wahrheit zu machen, falls die anglo-amerikanischen Protektoratsmächte tatsächlich - wie angekündigt - die A-Zone den Italienern übergeben würden.
Der Sprecher gab anschließend zu, daß London und Washington die Wirkung ihres Räumungsentschlusses auf die Jugoslawen falsch eingeschätzt haben.
Denn Titos harte Reaktion ("unsere Geduld ist zu Ende") kam nicht überraschend, da die Triest-Frage längst eine nationale Bewährungsprobe für den jungen jugoslawischen Staat geworden ist.
Dabei kam Tito zu Hilfe, daß die militärische und politische Spannung zwischen Jugoslawien und dem Kreml sich seit Stalins Tod nennenswert verringert hat. Bereits seit geraumer Zeit zielt die strategische Planung der Russen in Südwest-Europa an Jugoslawien vorbei.
Im Frühsommer dieses Jahres stellte das Hauptquartier der Atlantikpaktmächte in Marly-le-Roi in seinem Lagebericht fest, daß in einem europäischen Konfliktfall nicht mehr mit einem sowjetischen Angriff auf Jugoslawien zu rechnen sei.
Die Erkenntnis der neuen Situation stellte die Westmächte vor die Alternative, ob sie sich in ihrer Verteidigungsplanung eher auf Italien als auf Jugoslawien stützen sollten. Zum zweiten Male hatte sich die Situation des nicht sowjet-hörigen kommunistischen Staates grundlegend geändert. Die prinzipielle Feindschaft des Kreml gegenüber Jugoslawien, die als Voraussetzung jeglicher strategischen Planung im Mittelmeer betrachtet worden war, ist bereits ein halber Anachronismus. Es scheint, als wolle die alliierte Planung auf diesem unberechenbaren Terrain von der bisher geübten Taktik der halben Zwischenlösungen zugunsten klarer Positionen abgehen. Dies waren die Stationen der Halbheit:
* Durch die Artikel 21 und 22 des Pariser Friedensvertrages mit Italien vom
10. Februar 1947 wurde der Freistaat Triest ohne Rücksicht auf die nationale Komposition des Gebietes und die Wünsche seiner Bevölkerung als ein Kompromiß zwischen den auseinanderklaffenden Interessen der West-Mächte und denen der Sowjet-Union konstituiert. Die sogenannte A-Zone mit dem Hafen, überwiegend italienisch besiedelt, wurde unter amerikanisch-britische Kontrolle gestellt, die B-Zone mit überwiegend slowenischen Volksteilen unter jugoslawische Verwaltung.
* Am 20. März 1948 schlugen die Regierungen der USA, Großbritanniens und Frankreichs der Sowjet-Union vor, die A-Zone dem italienischen Staatsgebiet zuzuschlagen. Am 13. April 1948 wies die UdSSR den westlichen Plan als "unannehmbar" zurück.
* Im Frühsommer 1948 fiel Tito vom Kreml ab. Seither befindet sich die Politik der West-Mächte um die Triest-Frage in der Zwickmühle der italienischen und jugoslawischen Ansprüche.
Der Hieb, mit dem die Regierungen der USA und Englands im Einverständnis mit Frankreich das Knäuel ihrer eigenen Nachkriegspolitik zu lösen versuchten, fiel am 8. Oktober:
* Die West-Mächte ließen in Belgrad und Rom eine Note überreichen, in der sie den Entschluß mitteilten, ihre Truppen aus der Zone A des Freistaates zurückzuziehen und die Verwaltung des Gebietes an Italien zu übertragen.
Ein Sprecher des State Department in Washington kommentierte: "Die USA und Großbritannien betrachten diesen Schritt als die einzig denkbare Methode, um aus dem Engpaß herauszukommen, in dem sich Italien und Jugoslawien in dieser Frage befinden."
Doch der Streich, mit dem sich der Westen von dem heiklen Problem befreien wollte, saß zunächst im Fleisch der Jugoslawen. Der Sender Capodistria drohte sofort: "Es kann kein Zweifel darüber bestehen, daß Jugoslawien, falls es dazu kommen sollte, energische Gegenmaßnahmen treffen wird, um seine Interessen zu wahren."
Welcher Art die geplanten Gegenmaßnahmen sind, ließ Marschall Tito am 10. Oktober anläßlich einer Jahrzehntfeier der Partisanenbrigaden von Leskovac (an der bulgarischen Grenze) vor 100 000 Demonstranten wissen: "Den Einmarsch italienischer Truppen in die A-Zone von Triest werden wir als einen Angriff auf unser Land betrachten ... Unsere Geduld ist zu Ende."
Und noch deutlicher wurde der Marschall einen Tag später vor 250 000 Zuhörern in der mazedonischen Hauptstadt Skoplje: "Jugoslawien wird mit wachsamen Augen jede italienische Bewegung verfolgen. In dem Augenblick, in dem die Italiener in die A-Zone einmarschieren, wird auch Jugoslawien marschieren."
Tatsächlich marschiert Jugoslawien schon. Zwei Panzer-Divisionen und eine Infanterie-Division ließ Tito, unmittelbar nachdem ihm US-Botschafter James W. Riddleberger den englisch-amerikanischen Entschluß mitgeteilt hatte, in die B-Zone verlegen.
Den strategischen Wahnsinn eines Truppenaufmarsches im Küstengebiet der B-Zone sah Tito jedoch bald ein. Das Gebiet, durch nur eine gute Straße mit dem Hinterland verbunden, ist gegenüber einem italienischen Angriff von der See her vollkommen offen. So wurde in den letzten Tagen eine Umgruppierung der Truppen vorgenommen. Sie werden aus der B-Zone in die Drei-Länder-Ecke des Freistaates (Italien, Jugoslawien und A-Zone) verlegt.
Die Straßen von Laibach nach Görz und nach Triest wimmeln von Panzern, schweren Geschützen und Infanterie-Kolonnen, ebenso die Straßen, die aus der B-Zone um Triest herum in die Drei-Länder-Ecke führen. Es sind im italienisch-jugoslawischen und triestinisch-jugoslawischen Grenzgebiet 13 Divisionen aufmarschiert. Fünf Divisionen sind in den letzten Tagen eingetroffen: die 2. und 4. montenegrinische Division, die 4. bosnische, die 14. slowenische Division und zwei Eliteeinheiten, die 6. Division Lika und die 2. Proletarische Brigade. Die Divisionsstärke beträgt jeweils annähernd 9000 bis 10 000 Mann.
Die Masse der jugoslawischen Truppen steht im Dreieck Görz-Monfalcone-Triest. Hier sind etwa 500 Panzer versammelt. An der Spitze des Dreiecks, an der Nahtstelle zwischen Italien und Triest bei Duino, ist der Freistaat von der jugoslawischen Grenze bis zum Meer nur etwa zwei Kilometer breit. Die Jugoslawen beherrschen den Berg Hermada, jenen Höhenzug, an dem im ersten Weltkrieg der italienische Vorstoß nach Triest zum Stehen kam.
In Jugoslawien herrscht Kriegsstimmung, die durch die Einberufung der Jahrgänge von 1923 bis 1929 verschärft wurde. In Slowenien und Istrien tätigt die Bevölkerung Panik-Käufe. Mehl, Salz, Zucker und Fette sind Mangelware geworden. "La Voce del Popolo", eine Tito-Zeitung, gibt Befehle der Behörden wieder, in denen vor Angstkäufen energisch gewarnt wird. Die jugoslawischen Grenzbewohner erklären: In 20 Tagen sind wir in Triest.
Worüber sich alle italienischen Kreise in Triest einig sind, das ist die Einsicht über das Bestehen einer klaren Gefahr, der Gefahr des Partisanenkrieges in der Triester Umgegend. Italienische Dienststellen behaupten zu wissen, daß an Terror-Gruppen in den italienischen Vororten und in der Umgegend von Triest große Mengen hochbrisanten Sprengstoffs und Infanterie-Waffen verteilt worden sind. Die Gruppen werden von erfahrenen Partisanen-Kämpfern sicher über die Grenze gebracht. Es dürfte ein leichtes für
Jugoslawien sein, in der A-Zone des Freistaates einen Kleinkrieg mit Bombenanschlägen, Sprengungen und Überfällen auf italienische Posten zu entfachen, wobei sie immer wieder betonen könnten, daß es sich um örtliche Rebellen und nicht um Truppen handle.
Informationen über die jugoslawischen Partisanenkampf-Vorbereitungen werden zur Zeit in Triest gehandelt wie Wassermelonen. Selbst die Büros der Kommunistischen Partei Italiens beteiligen sich an ihrer Verbreitung.
Das ist vielleicht eine der interessantesten Nebenwirkungen des an internationalen und an innenpolitischen italienischen und jugoslawischen Aspekten so reichen Triestkonflikts: In Rom gibt es seit der amerikanisch-englischen Ankündigung von dem bevorstehenden, allerdings noch nicht datierten Abzug der Besatzungsstreitkräfte
eine innerpolitische Einheitsfront wie sonst nur in Volksdemokratien jenseits des Eisernen Vorhangs.
Ex-Ministerpräsident De Gasperi erklärte: "Wenn es sich (bei der beabsichtigten Übergabe der A-Zone an Italien), wie es den Anschein hat, um eine Akontozahlung handelt, die neue Anstrengungen für eine totale und endgültige Lösung zuläßt, glaube ich, daß wir den Beschluß der Alliierten mit Befriedigung aufnehmen müssen. Von nun an werden wir mit größerer Wirksamkeit auf die Erreichung des Endziels (nämlich die Eingliederung auch der B-Zone in die italienische Souveränität) bestehen können."
Und De Gasperis alter Gegner, der Führer der Linkssozialisten und Stalin-Preisträger Pietro Nenni, stellte in Neapel fest, daß die Regierung Pella die Aufgabe habe, das Eisen zu schmieden, solange es heißt ist. Zwar sei die Rückgabe des Hafens Triest an Italien eine große Sache, aber der alliierte Beschluß bedeute praktisch die endgültige Teilung des Gebietes und die Isolierung des Hafens von seinem ohnehin schon engen Hinterland (siehe Graphik). Falls sich Ministerpräsident Pella in drei Wochen oder drei Monaten, so drohte Nenni, mit nichts anderem als dieser Teilung in der Hand dem Parlament vorstellen sollte, würde er eine schwierige Rechenschaft zu geben haben.
Vorerst jedoch errang die Regierung in der Parlamentssitzung über die Triest-Frage einen sicher von ihr selbst nicht erwarteten Erfolg. Einstimmig billigte die Kammer die bisherige Triest-Politik Giuseppe Pellas. Die Sensation dabei war: Die italienischen Kommunisten wichen von der bisherigen Linie Moskaus ab. Der Kreml hat sich seit je auf die Internationalisierung des Gebietes festgelegt.
Vollends verwirrend wurde schließlich die Situation, als sich am Dienstag letzter Woche die Russen in den Konflikt einschalteten und die westlichen Vorschläge als "schwerwiegende Verletzung des Friedensvertrages mit Italien" bezeichneten. Wyschinski forderte die sofortige Einberufung des Uno-Sicherheitsrates und die "Ernennung eines Gouverneurs für das Freie Gebiet Triest".
Auf den vielleicht wichtigsten Aspekt der Triest-Streitigkeiten kam Tito jedoch schon am 11. Oktober in Skoplje zu sprechen: Die Alliierten, meinte er, sollten
nicht die jugoslawische Friedensliebe dazu ausnutzen, die "imperialistischen Gelüste der Italiener zu befriedigen und diese zur Ratifizierung des Vertrages über die Europäische Verteidigungs-Gemeinschaft anzutreiben". Italien, so moralisierte der Seitenspringer Tito weiter, habe schon viele Bündnisse und Verträge geschlossen und sie in einem späteren Augenblick wieder gebrochen. "Die EVG wird mit der Unterschrift Italiens nichts gewinnen und nichts verlieren."
Das Junktim zwischen Triest und der EVG hatte Ministerpräsident Pella Anfang Oktober recht drastisch herausgestellt: Die Ratifizierung der EVG würde "unendlich viel leichter" sein, wenn eine "Lösung der Triest-Frage gefunden werden könnte", hatte er dem Korrespondenten von Associated Press gegenüber erklärt. Und um seinen Druck zu verstärken, drohte Pella am Samstag mit dem Rücktritt seiner Regierung, falls die Westmächte ihren Beschluß über die Rückgabe Triests rückgängig machen sollten.
Als "Erpresserpolitik" bezeichnete Tito diese Ausführungen des italienischen Ministerpräsidenten. Und tatsächlich dürfte es ungewiß sein, ob die durch Triest geschmiedete Einheitsfront der italienischen Kammer auch nur annähernd stabil bleiben wird, wenn die EVG zur Debatte steht. Das in Fragen italienischer Politik sehr sachkundige Organ der deutschsprachigen Südtiroler "Die Dolomiten" meinte: "Voraussagen zu machen, wäre bei der großen
'Beweglichkeit' der verschiedenen Parteien, um einen beschönigenden Ausdruck zu gebrauchen, jedenfalls verfrüht."
Bei den Betroffenen, den Triestinern selbst, hat der Wirbel um ihre Stadt wie ein vorzeitiges Einsetzen der berüchtigten Bora gewirkt, jenes Wintersturmes, der in den Schluchten des Karstes entsteht und bei starker Kälte und strahlendem Himmel mit 120 Kilometerstunden brausend über die Stadt herfällt. Dann werden auf den Straßen Seile gespannt, um den von den Wirbeln erfaßten, geschobenen und hin- und hergeschleuderten Passanten einen Halt zu geben. Da gibt es abgedeckte Häuser, entwurzelte Bäume und umgestürzte Fahrzeuge. Unter leuchtender Sonne überrollen sich die aufgepeitschten stahlgrauen Wellen der Adria. Die kalkweiße, menschenleere Stadt fluoresziert dann in schimmeliger Leichenblässe.
Bora-Atmosphäre herrscht zur Zeit in Triest. Vermögende Italiener schickten ihre Familien in die Schweiz. Amerikanische Besatzungsfamilien wurden bereits evakuiert. Das Gerücht beherrscht die Straße, und die Angst die Seelen.
5950 Triestiner sind bei den Alliierten angestellt, 6000 bis 7000 sind bei der aufgeblähten Zivilpolizei. Das sind 12 000 Menschen, die davor zittern, beim Abzug der Alliierten das jetzige Heer von 17 000 Arbeitslosen (bei einer Bevölkerung von rund 300 000 Einwohnern) zu verstärken.
Dazu kommt, daß unzählige Triestiner, von den angesehenen Geschäftsleuten bis zu den lockeren Mädchen, den dicken Brieftaschen der alliierten Soldaten nachweinen würden. Sie leben von den zwei Millionen Pfund Sterling und zehn Millionen Dollar, die von der alliierten Besatzungsmacht im Jahr ausgegeben werden.
Die Triestiner Unabhängigkeitspartei, die für die Freistaats-Konzeption eintritt, schlug in diese Kerbe. Bei der Sitzung des Triester Gemeinderates am Mittwochabend, in der mit großer Mehrheit eine freudige Adresse an Italien beschlossen wurde, behauptete der Gemeinderat Belihar, stellv. Chefredakteur des "Corriere di Trieste", daß infolge der Tätigkeit des italienischen Finanzdirektors in der A-Zone, Dr. Sartori, im ersten Semester 1953 500 000 Tonnen aus dem Triester Hafenverkehr nach Venedig hinübergewechselt seien. Sartori sei der Mann des venezianischen Großindustriellen Cini, die Italiener hätten nur den Wunsch, den Triester Hafen lahmzulegen. Dafür bekommt Belihar seit ein paar Tagen telephonische Morddrohungen.
Noch größer als die Angst vor der wirtschaftlichen Zukunft ist die Furcht vor den Gegenmaßnahmen Titos. Die Italiener der B-Zone sind der Wut der enttäuschten Slowenen ausgeliefert. Bis heute sind 50 ausgewiesen worden. Eine Reihe italienischer Schulen wurde zerstört. In der B-Zone, einem Gebiet, das zum großen Teil von der Fischerei lebt, ist das Fischen seit einigen Tagen aus militärischen Gründen verboten. Seither fehlt den Istrianern ihr Hauptnahrungsmittel.
In dieses nervöse Klima hinein beruhigte die Stimme des britischen Oberbefehlshabers, Sir John Winterton, durch die Mikrophone des Senders Triest. Der Termin für den Abzug der Truppen sei noch nicht festgelegt. Das Londoner Foreign Office begrüßte Titos Vorschlag, zunächst einmal auf einer Vierer-Konferenz die Probleme zu diskutieren, bevor man zu überstürzten Maßnahmen schreitet.
Das plötzliche englische Entgegenkommen unterstrich die Rätselhaftigkeit der alliierten Initiative vom 8. Oktober. Zwei Fragen blieben bislang ungelöst:
* Warum haben die USA Tito so offen brüskiert, nachdem sie vorher jahrelang die jugoslawische Armee aufgerüstet hatten?
* Warum haben sich die Engländer an der amerikanischen Brüskierung Jugoslawiens beteiligt, obgleich bislang sie es waren, die auf dem Balkan eine Politik des Ausgleichs durchzuführen versucht hatten?
Möglicherweise haben die katholischen Verbündeten Amerikas in Süd-Europa - Portugal, Italien und neuerdings auch Spanien - das State Department zum Verzicht auf ein Bündnis mit dem atheistischen Jugoslawien gedrängt, und möglicherweise sind dem Pentagon die neuerworbenen Stützpunkte in Spanien und die Aussicht auf eine italienische Beteiligung an der EVG ein ausreichendes Äquivalent für den Brückenkopf jenseits der Adria.
Englands Haltung allerdings bleibt weiterhin ungeklärt. England dürfte kaum an der Festigung eines mittelmeerischen Blocks katholischer Staaten interessiert sein, der sich einerseits auf die USA stützt und andererseits gute Beziehungen zu den englandfeindlichen Staaten der Arabischen Liga unterhält.

[Grafiktext]
TRIEST: GESCHÄFT UND POLITIK
EINFUHR ÜBER TRIEST
IM JAHRE 1952
BUNDESREPUBL. 4%
ÖSTERREICH 77%
ITALIEN 17%
JUGOSLAWIEN 1%
UNGARN 1%
SCHIFFSVERKEHR IM HAFEN TRIEST 1952
Einlauf: 3,1 Mill. t Auslauf: 0,9 Mill. t
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 43/1953
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