18.11.1953

SCHIZOPHRENIE / MEDIZINWahnsinn nach Rezept

Der Student ging ganz gesund in die Wiener Universitäts-Nervenklinik. Eine Stunde später starrte er bekümmert in eine Ecke des Zimmers und verkündete: "Mein Ich ist davongelaufen." Ein Assistent reichte ihm ein Glas Wasser, aber er machte das Gesicht eines Mannes, dem jemand unversehens eine Klapperschlange in die Hand gedrückt hat.
Der Student hatte die Droge "LSD 25" eingenommen und handelte nun für alle Welt genau so unvernünftig wie ein mittelschwerer Fall von Schizophrenie. An dem vorübergehenden Wahnsinnsrausch, den LSD 25 hervorruft, studieren psychiatrische Forschungsanstalten gegenwärtig die inneren Effekte und Abläufe der schwersten und undurchschaubarsten Geisteskrankheit, des Spaltungsirreseins. Die Nervenklinik der Wiener Universität ist mit über 200 Experimenten, die Professor Hoff und Dr. Arnold dort bisher angestellt haben, am weitesten fortgeschritten.
Die unheimliche Wirkung von LSD 25 wurde bereits 1943 entdeckt, doch erst in den vergangenen Monaten sind weitgreifende Versuchsreihen zu Ende gebracht worden. Die Droge ist ein halb synthetisches Mutterkornpräparat*) und wirkt in verblüffend kleinen Dosen - 30 bis 100 millionstel Gramm - durchschlagend, wie der Schweizer W. A. Stoll herausfand, als er 1947 die ersten Selbstversuche und klinischen Experimente mit LSD (ausgeschrieben: Lysergsäurediäthylamid) unternahm.
Wenn eine körperlich und geistig durchaus normale Versuchsperson in Wasser gelöstes LSD trinkt, zerfällt ihr Innenleben in zwei Teile. Der eine Teil versinkt in einen Strudel wüster Wahnvorstellungen, der andere bleibt bei Bewußtsein, beobachtet und registriert - wenn auch etwas benommen - den deliriösen Seelenfilm, ohne etwas gegen ihn ausrichten zu können. Ein LSD-Patient, der eben noch behauptet hat, der Orient-Teppich, auf dem er stehe, sei eine Schlangengrube, antwortet so aufdringlich korrekt wie ein von der Polizei gestoppter angetrunkener Autofahrer, wenn er nach seinen Personalien gefragt wird.
Bei allen künstlich Irrsinnigen verzerren sich die Raumvorstellungen und das eigene Körpergefühl ins Grausig-Groteske. Eine Versuchsperson berichtete: "Meine Füße wachsen in den Boden ... Die Beine dehnen sich immer weiter aus ... Das Zimmer ist unendlich groß ... Mein linker Fuß kilometertief unter mir."
Für andere verloren die Gegenstände ihre Massivität, und sie glaubten, durch die Wand gehen zu können (keiner von ihnen jedoch versuchte es). Viele kamen
sich - wie Alice im Wunderland - abwechselnd käferklein und walfischgroß vor. Sie versicherten erschreckt, ihr Mund vergrößere sich zu einem Urtier-Maul oder ihre Füße und Hände säßen ohne Zwischenglied direkt am Körper. Die sie umstehenden Ärzte erschienen ihnen als zähnefletschende Ungeheuer und hübsche Assistentinnen als Brüder-Grimm-Hexen.
Als man den Delirierenden Pinsel und Palette reichte, hoben sie an, surrealistische Chimären zu malen wie Salvador Dali in seiner besten Zeit - nur natürlich handwerklich nicht so perfekt - , was die verbreitete Banausentheorie von der Geistesgestörtheit vieler moderner Künstler zu bestätigen scheint.
Besonders eigenartig ist der von vielen Versuchspersonen beobachtete "Verlust des Ich-Gefühls". In den Protokollen steht, wenn das Ich entfliehe, könne man zwar noch hören und sehen, aber nicht mehr "persönlich erleben". Was für ein Gefühl das ist, bleibt ein nicht mitteilbares Geheimnis der LSD-Berauschten. Jedenfalls empfinden sie beim Abklingen des Rausches die Rückkehr ihrer Persönlichkeit mit Freude und Genugtuung.
Aber die LSD-Versuchspersonen stürzen nicht nur durch die Kreise der Hölle, sondern entschweben häufig - sie kommen sich dann schwerelos wie ein Ballon vor - in paradiesische Genüsse. In Toronto schilderte der kanadische Reporter Sid Katz, der sich für ein LSD-Experiment zur Verfügung gestellt hatte, wie die Phantasmagorien auf ihn eindrängender Wände, die ihn zunächst überfallen hatten, sich in ekstatisches Wohlgefühl auflösten.
Plötzlich, erzählte Katz später, habe er Technicolor-Szenen aus einer orientalischen Wunderwelt erblickt, Türme, Juwelen, Arabesken. Dann hörte er zauberhafte Musik. (Sie wurde möglicherweise verursacht durch die Hammerschläge von Zimmerleuten, die zur Zeit des Experiments im Saskatchewan-Hospital an der Arbeit waren.) Katz schwebte zum Fenster, sah einen kristallblauen Himmel mit aprikosenfarbenen Wölkchen, einen mit gelbem Glas bedeckten Weg und schließlich schillernde Blasen, die jedesmal, wenn er ausatmete, aus seinem Mund quollen.
Nach durchschnittlich zehn bis vierzehn Stunden läßt die LSD-Wirkung nach, und langsam tastet die Psyche der temporär Irren in die Normalität zurück. Außer bleierner Müdigkeit hatte das LSD-Experiment für keine der 200 in Wien studierten Versuchspersonen schädliche Nachwirkungen. Zudem hält der anwesende Arzt schon während des Rausches ein Gegenmittel bereit, mit dem er das LSD jederzeit schnell neutralisieren kann.
Bei den Versuchen stellte sich heraus, daß das LSD um so heftiger wirkt, je gesünder und ausgeglichener der Geisteszustand des Patienten ist. Nach der Theorie, daß LSD auf Schizophrene im Gegenteil mildernd wirken müßte, wurden Kranke damit behandelt, und die Theorie hielt stand, wenn auch viel stärkere Dosen nur eine sehr viel geringere Wirkung zur Besserung hin erzielten als viel kleinere Dosen bei Normalen in umgekehrter Richtung.
Von einer wesentlichen Linderung der Krankheit durch LSD kann keine Rede sein. Ebenso haben die LSD-Experimente die unmittelbare Ursache der Schizophrenie nicht aufklären können. Professor Hoff in Wien erwartet aber, daß weitere Versuchsreihen einen Zugang zu der Frage eröffnen, welche Rolle frühere psychische Erlebnisse des Geistesgestörten bei der Auslösung und im Ablauf der Krankheit spielen.
*) Mutterkorn heißt ein von einem Schlauchpilz namens "Clavicepspurpurea" durchwuchertes, vergrößertes, schwarzviolett gefärbtes und oft leicht gekrümmtes Getreidekorn.

DER SPIEGEL 47/1953
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