25.11.1953

IRIS-DIAGNOSE / MEDIZINBalken im Auge

Seit vor über hundert Jahren eine flügellahme Eule angstvoll ihre Fänge tief in den Arm des zehnjährigen Ignaz von Pézely krallte, hat die Medizin ein dankbares Streitobjekt. Der Ungarnknabe Ignaz mußte dem Tier damals, um sich zu befreien, den rechten Fuß brechen. Während er in die Vogelaugen starrte, beobachtete er eine seltsame Veränderung: Im rechten Auge der Eule wurde ein dunkler Strich sichtbar.
Das, so geht die Legende, war die Geburtsstunde der modernen Augendiagnostik. Als Ignaz von Pézely herangewachsen war und sich als Dr. med. niedergelassen hatte, betastete er nämlich nicht nur die Körper seiner Patienten, sondern schaute ihnen auch tief in die Augen. Erstaunliche Diagnosen kamen dabei zustande.
Immer das Eulen-Erlebnis vor Augen, bemerkte Dr. von Pézely in Tausenden von Fällen, daß bestimmte Felder der Iris in ihrer Beschaffenheit, Faserung und Färbung mit bestimmten Organen und Krankheiten korrespondierten. Aus den Veränderungen der Iris, kombinierte er, müsse man auf entstehende Krankheiten und auf ihren Heilungsverlauf schließen können. Als er 1881 seine "Anleitung zum Studium der Diagnose aus dem Auge" veröffentlichte, glaubte er, eine neue Wissenschaft entdeckt zu haben.
Doch die Schulmediziner meuterten. Pézely wurde angegriffen, beschimpft und veralbert. Verbittert erklärte er als alter Mann einem Freund: "Mich hat 20 Jahre die Sonne nicht beschienen."
Der Bannstrahl der Schulmedizin, einmal auf die Augendiagnose gelenkt, blieb bis heute wirksam. Nur die von der offiziellen Wissenschaft nicht anerkannten Außenseiter und Naturheilkundigen beschäftigten sich mit ihr. Sie schworen auf die Methode mit dem gleichen Fanatismus, mit dem die Schulmediziner sie verbannten. Aber es wäre nicht das erste Mal, daß eine von der Schulmedizin anfangs bekämpfte, verlachte, boykottierte Methode nicht eines Tages doch fester Bestandteil der medizinischen Wissenschaft geworden wäre. Und bei der Augendiagnose scheint es jetzt so weit zu sein.
Im Rathaus von Ulm trafen sich am 14. und 15. November die Mitglieder der "Arbeitsgemeinschaft für Erfahrungsheilkunde". Professoren und Ärzte, die gegen eine allzu starre Dogmatik der Schulmedizin rebellieren, haben sich darin zusammengeschlossen.
So war auf dieser Tagung etwas möglich, was auf keinem anderen medizinischen Kongreß angängig ist: ein Naturheilkundiger referierte vor Ärzten.
Augendiagnostiker Josef Deck aus Mörsch bei Karlsruhe sprach über das von ihm zusammen mit dem Oberarzt Dr. Franz Vida verfaßte Werk "Klinische Prüfung der Organ- und Krankheitszeichen in der Iris"*), das am gleichen Tag im Haug Verlag in Ulm herauskam.
Den Anstoß zu diesem Buch hatte fünf Jahre vorher Dr. E. Volhard, Leiter
der ersten Medizinischen Klinik der Städtischen Krankenanstalten Karlsruhe, gegeben. Er ließ seinen Oberarzt Dr. Vida bei Augendiagnostiker Deck in die Schule gehen, um die Methodik zu erlernen und Wert und Unwert des Verfahrens klinisch zu überprüfen.
Dr. Volhard wußte, daß er damit wider den Stachel der Schulmedizin löckte: "Es ist mir wohl bekannt, daß es als standesunwürdig gilt, mit einem Naturheilkundigen zusammenzuarbeiten. Ich glaube, es ist Zeit, daß wir, ohne unser Standesbewußtsein aufzugeben, doch unseren Standesdünkel etwas fallen lassen."
Kein Wunder, daß nach solchen Worten die ersten Angriffe gegen ihn bereits gefahren werden. Dabei wurde in sorgfältiger Überprüfung bewiesen, daß an der Augendiagnose "etwas dran ist".
Von 640 untersuchten Fällen der inneren, der chirurgischen und der gynäkologischen Klinik stimmte in 476 Fällen die Augendiagnose mit dem klinischen Befund voll überein, ein Erfolg von 74,4 Prozent. Nur bei den restlichen 25,6 Prozent fanden sich keine Veränderungen in der Iris, obwohl Organerkrankungen klinisch festgestellt wurden.
Als besondere Zielgebiete der Augendiagnostik erscheinen:
* Zwölffingerdarm-Geschwüre: 80,5 Prozent Erfolg;
* Lungentuberkulose: 85,7 Prozent Erfolg.
Zunächst beurteilt ein Augendiagnostiker (Iridologe) die Konstitution des Kranken. Aber schon hier beginnt das Mißverständnis zwischen dem Heilkundigen und dem Schulmediziner. Der Iridologe versteht unter Konstitution nicht die Typenlehre von Kretschmer (in erster Linie eine Einteilung nach dem Körperbau im anthropologischen Sinne), sondern die im Organismus selbst gelegenen Bedingungen für den Krankheitsablauf.
Er teilt seine Typen nach Grundfarbe und Struktur der Iris ein, an deren Zustandekommen das vegetative Nervensystem wesentlich beteiligt ist:
* Blaue Iriden haben eine sehr zart und differenziert gezeichnete Struktur; die von der Pupille aus radiär verlaufenden "Balken" lassen sich einzeln gut unterscheiden. Blonde, hellhäutige Menschen sind meist Träger blauer Iriden. Es handelt sich um sogenannte Bindegewebsschwächlinge. Sie neigen zu Haut- und Schleimhauterkrankungen, allergischen Krankheiten und überhaupt zur Krankheitsbereitschaft.
* Braune Iriden haben eine sattbraune, zeichenarme, samtartige Irisgrundfarbe. Träger dieser Iriden neigen zu Stoffwechselerkrankungen wie Fettsucht, Diabetes, Steinbildung.
* Graue, grün-blaue, grüne Iriden gehören konstitutionsmäßig in die Gruppe der blauen Iriden.
Diese Konstitutionsmerkmale sind dem Augendiagnostiker wertvolle Hinweise für die eigentliche Untersuchung: das Auffinden spezifischer Krankheitszeichen in der Iris, die ihm, gleich den Lichtsignalen auf einer Kontrolltafel, erkrankte Organe und Art der Erkrankung anzeigen sollen.
Mit Irismikroskop, Kamera, Farbfilm und Elektronenblitz geht er auf die Suche nach den vielfältigen pathologischen Iriszeichen, die in Form, Art und Farbe so verschieden sind, daß der Diagnostiker schon ziemlich erfahren sein muß, um sie alle richtig deuten zu können.
Akute Krankheiten zeichnen sich nur oberflächlich auf der Iris ab, und zwar durch eine Aufhellung der Irisgrundfarbe. Chronische Erkrankungen dagegen verursachen Krankheitszeichen, die tief in die Struktur der Iris hineinreichen. Die Augendiagnostiker unterscheiden
* Vertrocknungszeichen: meist wabenförmige Zeichen, die angeblich lokale Durchblutungsstörungen eines bestimmten Körperteils anzeigen;
* Lakunen: ovale Lücken zwischen den radiär verlaufenden Balken. Sie zeigen angeblich eine Ernährungsstörung und Degeneration des Gewebes von einem bestimmten Körperteil an;
* Krypten: länglich geformte Gebilde, aus denen angeblich auf die Krankheitsdauer geschlossen werden kann. Je chronischer ein Prozeß verläuft, desto tiefer sind die Krypten. Der tiefschwarze Untergrund einer Krypte wird als Zeichen von Gewebszerstörung eines Organs gewertet.
Mit diesen Krankheitssymptomen allein ist allerdings noch nicht viel getan, solange der Mediziner nicht weiß, welches Organ an einer Durchblutungs- und Ernährungsstörung oder an einer Gewebszerstörung leidet.
Nun hatte schon Dr. Pézely festgestellt, daß jedem Körperorgan ein ganz bestimmter Punkt auf der Iris zugeteilt ist, der sogenannte Organsektor. Wie in einem modernen automatischen Stellwerk eine Lichttafel dem Fahrdienstleiter Signal- und Weichenstellung angibt, zeigt dem Augendiagnostiker ein Krankheitszeichen auf dem Magensektor der Iris automatisch eine Erkrankung des Magens an.
Alle Organe der rechten Körperhälfte projizieren sich dabei auf die rechte, die der linken Körperhälfte auf die linke Iris. Körperorgane, die in der Mittellinie des Körpers liegen, auf beide Iriden. A und O der diagnostischen Auswertung ist deshalb die Beherrschung der Iris-Geographie (siehe Abbildung).
Zweifelsohne hat die Augendiagnose bei ihrer klinischen Überprüfung in Karlsruhe ein Gefecht gewonnen. "Auf Grund unserer Untersuchung", konnte Oberarzt Dr. Vida verkünden, "besteht darüber kein Zweifel, daß zwischen der Lokalisation der Iriszeichen und erkrankten Organen Zusammenhänge bestehen."
Er machte allerdings eine wichtige Einschränkung: "Man darf den Wert der Irisdiagnostik auch nicht überschätzen. Sie kann in der Feststellung des erkrankten Organs gelegentlich Gutes leisten. Beschränkt sind jedoch ihre Grenzen in der Beurteilung hinsichtlich der Art der Erkrankung."
So wird zukünftig die Augendiagnose in der Klinik bestenfalls eine diagnostische Methode unter vielen sein. Dr. Volhard bezeichnete ihren Platz: "Sie kann in Zweifelsfällen einmal richtungsweisend sein."
*) Vida-Deck: "Klinische Prüfung der Organ- und Krankheitszeichen in der Iris", Karl F. Haug Verlag, Ulm/Donau. 272 Seiten mit 530 Abbildungen, 68,80 Mark.

DER SPIEGEL 48/1953
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