16.12.1953

PROLETARIER-ROMAN / LITERATURUnd keiner weint mir nach

Als die Kriminalpolizei erschien, saßen bei Verleger Kurt Desch gerade sein Verlagsleiter Hans Josef Mundt und sein Lektor Gunter Groll. Die Polizeibeamten wünschten sich ein Exemplar von Deschs neuestem Verlagswerk, das gerade eben noch Gesprächsthema der drei Männer gewesen war, von Siegfried Sommers Roman: "Und keiner weint mir nach."*)
Desch überreichte den Herren ein Exemplar für das sogenannte Schmutz- und Schund-Referat der Münchner Staatsanwaltschaft: "Ich freue mich sogar, daß dann der Staatsanwalt auch in seiner dienstlichen Eigenschaft mal etwas Gutes zu lesen bekommt."
Dies amtliche Interesse war Nebenresultat einer schon langwährenden Aufregung um das gerade erschienene Buch. Gut zwei Monate nämlich bevor der Roman in Buchform ausgeliefert wurde, hatte Münchens "Süddeutsche Zeitung" mit einem Abdruck in Fortsetzungen begonnen und damit für Diskussionen einen ausreichenden Zeitraum geboten.
So sehr, daß Chefredakteur Werner Friedmann daraus Konsequenzen zog und dem Fortsetzungsroman eine derartige Behandlung angedeihen ließ, daß Sommers harte Kost am 28. November, gerade einen Tag vor dem ersten Adventsonntag, durch "Don Bordas Testament" von Curt Maronde abgelöst wurde. Das ist ein gängiger Zeitungsroman, bei dem der südliche Schauplatz und die geschmeidige Hand des Autors den Süddeutschen Verlag gegen ähnlich leidenschaftliche Anteilnahme der Leser sichern, wie er sie angesichts der photographisch-unerbittlichen Schilderung der Münchner Mondstraße und ihrer Mietshaus-Atmosphäre durch Siegfried Sommer über sich hatte ergehen lassen müssen.
Immerhin hatte der ungewöhnliche Fortsetzungsroman dafür gesorgt, daß auch solche Zeitungsleser, die ihren literarischen Hunger normalerweise nicht in Raten stillen, jeden Morgen interessiert zu dem Münchner Blatt griffen. Ihnen konnte nicht verborgen bleiben, daß besonders zum Ende hin - da hatte sogar Münchens Kardinal Wendel am 15. November sein Bedauern über den Abdruck dieses Romans in einer Tageszeitung ausgesprochen - die
Ereignisse von Fortsetzung zu Fortsetzung ihren inneren Zusammenhang zusehends einbüßten, bis schließlich die tragenden Figuren jäh und unvermittelt - aber eben termingerecht - starben.
Diese Streichungen, mit denen in der Redaktion der "SZ" der Redakteur Dr. Mollier alias Johann Lachner ("999 Worte Bayrisch") den Sommerschen Roman-Erstling um sein eigenes Profil bringen mußte, kamen Kurt Desch gelegen. Gleich unter dem unwiderruflichen "Ende" nach der 53. Fortsetzung vom 27. November konnte er in einer Großanzeige seines Verlages nicht nur den "vieldiskutierten" Roman als Buch, sondern gleichzeitig auch dieses Buch als die "ungekürzte Ausgabe" des Romans von Siegfried Sommer ankündigen. Nicht zu spät fürs Weihnachtsgeschäft.
Das stolze "ungekürzt" nun, so meinen jetzt die Männer des Kurt Desch-Verlages, könnte der Staatsanwaltschaft Anlaß gewesen sein für die Vermutung, daß in das Buch alle jene Passagen sich wieder eingeschlichen haben, die man aus dem Fortsetzungsroman verbannt glaubte. Diese Vermutung trifft nicht ganz zu: Beide Fassungen, Buch und Fortsetzungsroman, gehen voneinander unabhängig und selbständig auf das umfangreiche Originalmanuskript zurück, das in Sigi Sommers kleiner, gleichmäßiger Handschrift und in einem verblaßten gelben Schnellhefter im Schreibtisch des Autors in der Lokalredaktion der "Süddeutschen Zeitung" aufbewahrt wird.
Der Mann nämlich, der diesen Münchner Lokalsturm entfesselte (39 Jahre alt, 1,84 m groß und mit einem unerschöpflichen Reservoir Münchner Sprachschöpfungen gesegnet), ist dort in der Sendlinger Straße 80 Lokalreporter. In der "Abendzeitung", die zwei Stockwerke höher im gleichen Hause gemacht wird, erscheinen als Lokalglossen Siegfried Sommers die Beobachtungen des Spaziergängers "Blasius", eine Folge "Münchner G''schichten aus unserer Zeit".
Für diesen Blasius, der 1948 auf eine Anregung des SZ-Chefredakteurs Werner Friedmann entstand, übernahm Lokalreporter Sommer die Innereien des Gemüts von seinem eigenen Onkel, "einem Postamtmann a. D., der unentwegt prozessierte, schimpfte und sich sein Suppengrün - als Sendlinger - liebevoll in Schwabing einkaufte".
Den Star Sommer von der Lokalredaktion, der - natürlich keineswegs zur Freude aller von ihm Glossierten - zum festen Bestandteil des Münchner Zeitungswesens geworden war, konnte denn auch Bearbeiter Johann Lachner in der SZ Nr. 221 vom Freitag, dem 25. September, als Romanautor den Lesern mit der getrosten Feststellung ankündigen, daß jede Vorstellung überflüssig ist:
"In München (wo denn sonst?) ist Siegfried Sommer am 23. August 1914 geboren, gerade in den ersten Wochen des Weltkrieges Nummer eins. Da fiel dann seine zarteste Jugend, die für den in einem Proletarierviertel Heranwachsenden ohnehin nicht üppig aussah, gleich in die finsteren Dotschen- und Quäkerspeisungs-Jahre der Nachkriegszeit. Dreiviertel des Jahres lief er barfuß (Ehrensache) zwischen den öden Häuserblöcken herum und hinunter in die Isarauen, spielte Indianer und Fußball, bis ihn eines Tages zufällig ein vorbeikommender Arzt dabei erwischte, daß er Blut spuckte. Da kam er in ein Sanatorium, und dort, als es schlecht ging, sogar ins Totenkammerl, und eine Schwester erzählte ihm auffallend viel vom lieben Gott. Aber da begann die Wendung zum Guten, er rappelte
sich heraus, und heute merkt man dem großen, breiten Mannsbild nichts mehr an von damals.
"Seinen Eltern paßte es gar nicht, daß er als Arbeitsloser (es waren die wirtschaftlichen Depressionsjahre von 1928 an) dahinlebte und nur an fruchtloses Schreiben dachte. So bezog er ein Zimmer in der Schillerstraße, hatte seine ersten Gspusi und schloß Freundschaft mit einem älteren Maler, der ihm für gelegentliche Hilfe ein paar Mark zukommen ließ Er lebte mit 20 bis 30 Pfennig am Tag ''ganz gut'' (für 6 Pfennig Milch, für 8 Pfennig Reis), und abends ging er, fein rasiert und mit dem jeweils besten Hemd angetan, durch sämtliche Cafés und Lokale Münchens ... Nichts zu verzehren, aber viel zu sehen, das war sein Sinn. Da ist der ''Spaziergänger'' geboren worden, und zugleich war es das Zeugnis für sein rastloses Beobachten-Müssen. Die intime Kenntnis der Stadt stammt daher, und die schonungslose des Menschen nährte sich hier."
Heute zieht nun der Lokalreporter Sommer durch die Hauptstadt des Föderalismus, des Starkbieres und der länderstolzen Weihnachtsgratifikationen. Was nämlich Blasius zu beschreiben unternimmt, ist ohne die satten Farben des Münchner Alltags nicht denkbar.
Mit diesem Rüstzeug beschreibt "Blasius" Sommer etwa den Faschingsball des "Krankenunterstützungsvereins der Münchner Schweinemetzger", auf dem der Spaziergänger das Fehlen jeglicher Masken bedauert und bei dem festlichen Schwarz, in dem die "Fackerlstecher" (Ferkelstecher) erschienen sind, den Eindruck gewinnt, "als wären sie für den Ball extra in ihre strammsitzenden Trauerhäute eingenäht worden. Nur wenige der Festgäste hatten noch den typischen Ellipsengang der bodenständigen Schweinemetzger, der vom Umkurven des Fleischkorbes auf der Radlenkstange herrührt und früher als Vereinsabzeichen großes Ansehen genoß ... Um ½10 Uhr kam der Faschingsprinz, der
sofort die Schweinemetzgerballkönigin mit einem Walzer in Betrieb setzen mußte, während ein besonders verdienstvoller Zunftgenosse mit abgepaßten Mettwurstfingern und sichtlich erhöhtem Blutdruck das Faschingsprinzeßchen schwenkte. Anschließend wurde das unverschämt behaxte Prinzenballett von den versammelten Bratwursterzeugern mit handwerklichen Augen begutachtet ..."
Die Maske des Spaziergängers gestattet Blasius eine Unbefangenheit, deren sich kein Reporter und kein Kritiker sonst bedienen dürften, die aber Sigi Sommer zum Teil seines Stils gemacht hat:
"Er beobachtet auf dem Adelsball im Münchner Fasching: ''In den langen Kleiderregalen sagen sich Fuchs und Hase gute Nacht, auf ''Wildschütz Jennerwein'' umgebaute Fähnrichsmäntel hängen dazwischen, grüne Holzhackerpelerinen und verwegene Scheitelhülsen aus Ganghofers Schloß Hubertus. Nur ein einziges Zobelchen kann Blasius entdecken, das aber sichtlich von den Motten heimgesucht wurde wie der Schwarzwald von unseren künftigen Waffenbrüdern. Hinter einem Wandschirm im Foyer vernimmt Blasius ein verdächtiges Geräusch und kommt gerade noch zurecht, um zu sehen, wie sich ein verschämtes Barönlein die Brösel eines heimlich verzehrten Eierweckerls von der hohlklingenden Frackbrust klopft."
Wer in den vier Blasius-Bänden blättert, die bisher im Süddeutschen Verlag erschienen sind, stößt aber neben solchen Themen immer wieder auf das eigentliche Gebiet, in dem Siegfried Sommers Beobachtungen sich mit den langen, monotonen Jugenderfahrungen decken: auf die Ausweglosigkeit und Verlassenheit der Armen und Alten, auf die Lieblosigkeit der Mietskasernen und Hinterhöfe, die Welt ohne Güte. Und hier beweist er schon bei den kurzen Stilproben, daß er ohne Anklage und ohne künstlichen Effekt mit knapper Härte zu berichten versteht und seine Kraft in den Bildern und in der glasklaren Sicherheit seiner Beobachtungen liegt.
Im Flüchtlingslager sieht Blasius "am Ende des Elendsdörfchens einen Kinderspielplatz. Dort vergnügen sich die frühreifen Kleinen mit den Produktionsabfällen unserer Zivilisation. Ein putzwollhaariges Mädchen, dem die alte Rittmeisterhose, die es trägt, bis zu den Ohren geht, hat einen Gasmaskenfilter auf dem nahen Schutthaufen gefunden und bläst ''Hänschen Klein'' darauf. Ein Bub mit bloßen Brikettfüßen zieht an einer Schnur den Henkel eines Nachtgeschirrs hinter sich her und sagt ''Hü!'' dazu".
In einem mit zwölf Personen belegten Raum "wäscht sich gerade ein siebzehnjähriges Mädchen die Füße, ihre Freundin färbt sich die Wangen mit Kornfrankpapier, und eine Frau, die guter Hoffnung ist, lobt laut ihren Mann, der an einem fünfstrangigen Expander zieht. Die anderen Aftermieter und die Kinder kommen erst abends heim. Zwei von den Barackenbambinos wurden in diesem Raum geboren. Die Ballade vom Storch ist ihnen unbekannt".
An einer Barackenwand entdeckt er, mit Kalkbrocken gemalt, in "holprig trostlosen Worten" einen Vers, der das Gemeinschaftsschicksal der Vertriebenen "mit den fröstelnden Zeilen" beschreibt:
... Die Baracken sind kalt;
Warte nur, bald
Flüchtest auch du.
Nach dem Bericht über den Adelsfasching, der ganze Geschlechter empörter Blaublütiger an den Schreibtisch treibt und der "Abendzeitung" ernsthafte Abhandlungen über die soziale Misere des
heimatvertriebenen Adels pfundweise ins Haus zaubert, erscheinen sogar "zwei Bürscherln in schwarzer Hose und engem Sakko", um ihn zu fordern. Der Sommer-Sigi bedauert, er sei nicht satisfaktionsfähig.
Die Zigeuner haben ihm aufgelauert, die Metzger ihm den Besuch weiterer Bälle verboten, die gesellige Vereinigung "Turmfalken" hat ihr Entsetzen darüber geäußert, wieso ein Mann, der ohne Hut zu ihren Veranstaltungen erscheint, auch noch Glossen darüber schreiben kann, und die Schweizer haben ihm sogar das Visum verwehrt.
Das war, nachdem er ein sommerliches Feuerwerk in Brunnen am Vierwaldstätter See beschrieben und von den bewaffneten Söhnen Wilhelm Tells berichtet hatte, bei jedem Böller hätten die Kolben ihrer Karabiner erschreckt am Pflaster geklappert.
In den Briefen, die pausenlos auf seinen Schreibtisch segeln, figuriert er abwechselnd als
* Kommunistenstrolch,
* berüchtigter SS-Kommandant oder
* "dieser Judenschwengel".
Die Geschichte des Mietshauses 46 in der Mondstraße nimmt sich Blasius vor, als er sich endlich doch an einem Münchner Roman versucht. Er will Straße und Hausnummer rein zufällig gewählt haben, sozusagen mit dem Finger über den Stadtplan fahrend. In "Und keiner weint mir nach" wird "in einer kühnen und plastischen Sprache das Schicksal einer ganzen Generation von Mietern dargestellt - so eindrucksvoll, und nachhaltig, daß einem manchmal der Atem wegbleibt. Und die leise Melancholie, die sich über das Schicksalhafte der Handlung breitet, ist nicht gesucht, nicht reflektierend ausgesprochen - sie wächst mit der Gewalt des Unvermeidlichen aus den Dingen und Menschen selbst".
So Bearbeiter Johann Lachner. Andere kritische Stimmen verglichen Sommer mit Norman Mailer. Denn so, wie der junge Amerikaner seinen ganzen abgrundtiefen Haß gegen den Kommiß in die 800 Seiten seiner "Nackten und Toten" gepackt hatte, so leuchtete jetzt Siegfried Sommer 400 Seiten lang diese Welt ohne Güte aus, nuancierte die gesellschaftliche Stufung der rissigen Mietshäuser, zwischen Etagenbad und Kunsthonigbrot, und trieb seine Sonde unerbittlich unter den Mantel der Illusion, wo die Armut anfängt häßlich, übelriechend und auch für das ernste Bemühen der Wohltätigkeitsvereine höchst unangenehm zu werden. Er kennt diese Armut bis in ihre entlegenste Äußerung, und er zeigt sie absichtslos, ohne Kunstgriffe und ohne geistreiche Überhöhung, so nackt, wie sie sein Auge registrierte, und so nüchtern.
Auf der achten Seite des Romans heißt es: "Das Haus, in dem Leonhard Knie wohnte, gehörte einer großen Versicherungsgesellschaft. Die Versicherung hatte viele solcher Häuser. Sie waren alle häßlich und besaßen Etagenbäder. Laut Rentabilitätsberechnung waren sie eben im Begriff, sich zum fünften Male zu amortisieren. Gegenwärtig wurden vom Mietüberschuß des einen Hauses folgende Ausgaben bestritten: Das Grundieren der Balkongitter mit roter Mennige, zwei 15-Watt-Lampen für Waschhausbeleuchtung und ein Kanister minderes Bodenöl für die Treppen. Ferner wurden bezahlt: Der Kuraufenthalt des Prokuristen Amend in Badgastein, eine Brücke im linken Unterkiefer seiner Frau, mehrere zweiteilige Brüsseler Kombinations für die sechsundzwanzigjährige, etwas lesbische Tochter des Hauptaktionärs sowie das Aufbinden
der Maréchal-Niel-Rosen im Seegrundstück des Aufsichtsratsvorsitzenden. Nicht zu vergessen auch dessen Putzfrau. Den Rest des Gewinns versteckte der flaschenköpfige und sehr ergebene Hauptbuchhalter in seiner Jahresbilanz wie der Osterhase die Eier."
Die eigentlichen Helden Sigi Sommers sind die Söhne dieses Hauses. Von allem, was sich da tut, während sie ihre Pubertät als Schulbuben, Stifte und Stenze hinter sich bringen, bleibt eigentlich nichts unausgesprochen. Zwischen ihnen wächst glitzernd Marilli Kosemund auf, von der alles einstimmig sagt: "Die wird einmal recht ..."
"Das kleine vaterlose Geschöpf besaß schon früh den Mut zu seinen Gefühlen. Sie tat ganz unbewußt immer das Unkomplizierteste und war sehr natürlich. Demnach war sie sehr hungrig, eigensinnig, unbescheiden, eitel, faul und alles das, was viele Menschen zu gerne wären, wenn sie sich trauen würden und nicht die Meinung ihrer Mitgenossen zu sehr fürchteten."
So ausgerüstet geht sie durch ein Leben, das zu schnell gelebt wird. Sie stirbt später jäh und ohne einen Laut, und der Mann, der oben im zweiten Stock in ihrer Wohnung auf der Ottomane liegt und der sie zum Holzholen in den Keller geschickt hatte, schreit: "Märry, he, Märry." Aber er rührt sich nicht.
Bevor Sommer seinen Roman mit diesem harten Schnitt schließt, spannt er den epischen Bogen mit dem Leben des Gegenspielers der Marilli, Leonhard Knie, der aus diesem Milieu heraus will, statt sich pudelwohl darin zu fühlen. Ihm geht alles schief.
Das einzige, was dem Leo treu bleibt, ist sein Pech. Und dieses eigenartige Gefühl, das ihn beschleicht, wenn er etwa vor der Marilli, die beinahe seine erste Freundin geworden wäre, den eingesetzten Hosenboden verstecken muß. Und dann bleibt die Monotonie der Kammer, in der er mit seiner halbblinden Großmutter haust, der er täglich das Bier holt, das mit eingebrockten Brotstücken und einem Hering ihre Nahrung ist. Nach dem Hering riecht die schmucklose Wohnung, in der neben zwei anderen fragwürdigen Kunstwerken nur eine farbig ausgemalte Photographie König Ludwig des Zweiten hängt, mit blasser Goldstaubunterschrift:
Dem Bayernland starbst Du zu früh - Dein treues Volk vergißt Dich nie.
Eine im Bumslokal "Maskottchen" aussichtsreich begonnene Freundschaft zerstört der erfolgreichere Friseurstift Biwi Leer. Der Leo ist inzwischen durch die Pleite seiner Firma arbeitslos geworden - "er war mithin ein 99-Pfennig-Mensch, der es nie zu einer Mark bringen würde".
Endlich landet Leo bei einer, die Fanny heißt und bei der er zum ersten Male einen ekelerregenden Erfolg hat. "Erst bei Tage sah er, daß ihre Gesichtsporen alle
mit kleinen Talgpfropfen gefüllt waren. Den Leo würgte es. Das hatte er abends nicht gesehen, weil sie da gepudert war ... Sein Verhältnis zu dem gewöhnlichen Mädchen mit den mächtigen Formen hatte gar nichts mit Liebe zu tun. Es waren vielleicht nur die grenzenlose Verlassenheit, die ihn zu ihr hindrängte, und das Gefühl der Genugtuung, daß es mit ihm so schnell abwärts ging.
"Man müßte sich vielleicht ein Schild vor die Brust hängen und sich auf den Hauptplatz stellen, und auf dem Schild müßte stehen: Tue alles gegen Güte."
Er nimmt Luminal, das er immer für die Großmutter hat holen müssen, und der junge Arzt, der die Sektion der Leiche vornimmt, sagt dann zu seinem Kollegen: "... ein junger Selbstmörder, aber schon eine perfekte Lues im Blut. Wenn''s nur den jungen Leuten nicht gar so pressieren würde, ans Leben ranzukommen. Ist doch lang genug."
Die Überraschung dieses Romans war, daß er nicht am Alexanderplatz in Berlin spielte, sondern in München. Und ein Irrtum war es, ihn als Fortsetzungsroman zu drucken. Hier, in Stücke aufgespalten, blieb nicht der zwingende Fluß des Erzählens, der Sommer vorantreibt, hier wurde das Einzelereignis vorherrschend, das, aus dem Zusammenhang gelöst, aufhörte Symptom zu sein.
*) Siegfried Sommer: "Und keiner weint mir nach." Kurt Desch Verlag. München. 394 Seiten, 12,60 Mark.

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