11.11.2002

RUDOLF AUGSTEIN 1923 - 2002Meinungen, ein wenig verschieden

Streitfall Wiedervereinigung: Rudolf Augsteins Antwort auf Erich Böhme
Im Herbst 1989 schrieb der damalige SPIEGEL-Chefredakteur Erich Böhme zehn Tage vor der Öffnung der Mauer einen Kommentar zum Thema Wiedervereinigung mit dem Kernsatz: "Ich möchte nicht wiedervereinigt werden." In der folgenden Ausgabe antwortete ihm Rudolf Augstein, der schon früher unter dem Pseudonym Jens Daniel (siehe Faksimile Seite 134) für die Wiedervereinigung eingetreten war: -------------------------------------------------------------------
Mein Freund und Kollege Erich Böhme hat den SPIEGEL-Lesern - und mithin auch mir - letzte Woche mitgeteilt, er wolle nicht wiedervereinigt werden.
Der Artikel war von einem Format, dass man ihn auch dann hätte drucken müssen, wenn nur zwei Leute allein eine Zeitung machen würden und ganz entgegengesetzter Ansicht wären.
Nun bin ich gar nicht entgegengesetzter, sondern nur anderer Ansicht. Ich möchte aber klarmachen, wo ich mich in dieser Diskussion politisch von Erich Böhme unterscheide.
Zur Person: Erich Kuby hat mich kürzlich einen Nationalisten genannt, und das bin ich auch, wie Mitterrand und Thatcher, um ganz hoch zu greifen. Lieber allerdings lasse ich mich als Patrioten bezeichnen, diesen Begriff habe ich in aller Subtilität vor 40 Jahren von Carlo Schmid geerbt. Damals schimpfte man mich "Kommunist", weil ich als einer der ganz wenigen die Gebiete jenseits der Oder und Neiße auf immer abgeschrieben hatte.
Kein vernünftiger Mensch strebt in den Bismarckschen Reichsverband zurück, der auf dem Müllhaufen der Geschichte sein Unwesen treibt. Aber kann man, wie Erich Böhme zu meinen scheint, das Geschehen (ehedem "die Geschichte") planerisch vergewaltigen?
Er spricht von einer "spontanen Freiheitsbewegung" im Osten, zu Recht, wie ich meine. Dergleichen gewinnt immer ein Eigengewicht.
Möglicherweise ist ihm der Gedanke des alten Friedrich Engels fremd, dass jeder Handelnde seine eigenen Interessen vertrete, am Ende aber das herauskomme, was niemand gewollt hat. Früher hätte man von Gottes Wegen gesprochen, die nicht unsere Wege sind, damals, als Gott noch nicht in Rom wohnte, sondern der "Herr der Geschichte" war.
Ich bin auch nicht bereit, den Gneisenau von Waterloo und "den emotionalen Paulskirchen-Klimbim von 1848" dem Kehricht der Geschichte zuzugesellen, und Bismarck bleibt immer noch ein verhängnisvoll großer Mann.
Erich Böhme macht eine Rechnung auf, die dem Staatsoberhaupt von Weizsäcker und dem Außenminister Genscher erlaubt, ja vorgeschrieben sein mag: "Europe first". Aber auch das lässt sich ja nicht dekretieren. Wir haben es hier mit zwei, vielleicht nur scheinbar gegenläufigen, Bewegungen zu tun.
Wir wissen nicht, was schwieriger zu bewältigen ist, die expandierende europäische Einigung - wo soll sie enden, am Ural etwa? - oder die Beendigung der bisherigen deutschen Geschichte mit einem Neuanfang.
Bonn kann ja Hauptstadt bleiben. Es ist auch gar nicht gesagt, dass Deutschland in seinen jetzigen Grenzen militärisch neutralisiert werden müsste; vielleicht ja, vielleicht nein. Im Übrigen sind wir durch die bisherige Überrüstung ohne eigenes Bestimmungsrecht bereits neutralisiert, wir merken das nur nicht oder nur bei den Tiefflügen.
Dass die Westdeutschen um jeden Preis "bei der europäischen Stange" (Böhme) bleiben müssen, ist erstens, siehe die Wirtschaft, eine Weisheit der Binse, versteht sich aber zweitens gleichwohl nicht von selbst. Das Ende dieser Fahnenstange, denn das ist sie immer noch, können wir nicht sehen.
Hier sind zwei miteinander konkurrierende Prinzipien, die beide von der Bundesrepublik, nach Fug und Recht, vorangetrieben werden, wobei wir mit einer recht langen Latte im Maul durch einen dichten Wald laufen. Hier hat kein Prinzip Vorrang. Das Erreichbare ist wichtig. Möglich auch, dass die beiden bislang konkurrierenden Prinzipien an derselben Stelle aus dem Wald wieder heraustreten und in eins gehen; möglich ja, aber doch nicht sicher.
Kann sein, dass beides zusammen geht und einander bedingt; kann sein, kann aber auch nicht sein. Wir dürfen uns nicht im Vorhinein auf etwas festlegen, was erst in unbekannter Gestalt auf uns zukommt.
Darf man annehmen, Präsident Bush würde die Nato auflösen, wenn Gorbatschow dasselbe mit seinem Paktsystem täte? Dafür gibt es nun nicht den geringsten Anhaltspunkt. Vielmehr: Gorbatschow soll seinen recht locker gewordenen "Pakt" auflösen, und dafür wird die Nato so gnädig sein, ihre jeweils allermodernsten Atomwaffen nicht über die Elbe hinaus vorzuschieben. So ist es gemeint.
Es fehlt nun nur noch der "Mantel der Geschichte", dessen Zipfel dann offenbar Genscher zu erhaschen gehalten sein soll. Dankenswerterweise spricht Erich Böhme da nur von der "Gunst der Stunde". Sie mag ja kommen, wer weiß das? Aber bis dahin möge doch der Kunsthandwerker Genscher in seinem "Work in progress"-Shop durchprobieren, was er in vielen Jahren gelernt hat. Nicht ein Bismarck soll Genscher, sondern Genscher soll er sein.
Je bedrohlicher den Alliierten ihr vielleicht doch demnächst nicht zu vermeidender Abzug aus Berlin vor Augen steht, desto strikter beharren sie auf ihrem Recht. Ein, zugegeben, minderer Marschierer wie der amerikanische Verteidigungsminister Cheney kann sich seine Rolle in Berlin anders als die eines Leuchtturms in der immer noch roten Flut nicht vorstellen.
Die Präsenz der vier Siegermächte in Berlin ist gewiss derzeit noch notwendig, vielleicht sogar für eine lange Zeit. Aber offenkundig wollen sie da auch nicht weg. Schließlich haben sie ihre Rolle für Deutschland als Ganzes wahrzunehmen, und das hieß bislang: aufzupassen, dass die Deutschen westlich der Oder und Neiße nicht wieder zusammenfinden.
Schon bei der Viermächtekonferenz 1955 in Genf gingen "beide Seiten mehr oder weniger unverhüllt von der Existenz zweier deutscher Staaten aus und richteten ihr Hauptaugenmerk auf die Frage der Sicherheit in Europa" (Ludolf Herbst).
Wiedervereint samt "Polen raus!", wiedervereint mit Annaberg-Gedenken möchte auch ich nicht werden. Das werden andere oder sogar die Deutschen selbst verhindern. Aber niemand kann voraussagen, wie denn das künftige Deutschland aussehen solle. Böhme würde es bei einem "nachbarlichen oder konföderierten Zusammenleben" bewenden lassen.
Meine Phantasie reicht nicht aus, mir das vorzustellen. Die drüben haben es doch in der Hand, welche Deutschen sie sein wollen, wenn der vielleicht trotz allem noch langwierige militärische Prozess abgeschlossen sein sollte. Eine amphibische Macht kann sich kontinental am ehesten zurückziehen, aber sie zögert damit auch am längsten.
Warum eine Mauer mitten durch Deutschland, wo doch alle Mauern bis zum Ural fallen sollen? Warum ein geteiltes Berlin, wo doch für Jerusalem trotz aller ethnischen und Annexionsprobleme gelten soll und gelten wird: Zweigeteilt? Niemals.
Dies falsche Gewicht wird die junge Generation, weil das nichts mit Auschwitz zu tun hat, nicht mehr mittragen.
Was ist der Unterschied zwischen der "Wiedervereinigung und der unvermeidbaren Einigung der beiden Deutschlands"? Diese Frage findet man in dem Pariser Wirtschaftsblatt "Les Echos". Man wird nicht sagen können, dass Frankreich der Gemeinschaft bisher übertriebene Opfer dargebracht hat. Aber auf diesem klassischen Exerzierfeld der Revolutionen spricht man unsere Probleme klarer, man muss sogar sagen, ehrlicher aus.
Es findet auf unterer Ebene ein Dialog statt. "Les Echos": "Im Augenblick werden auf unserer Seite der Maginot-Linie diese Perspektiven - sehr Fair Play - noch relativ gelassen erwogen. Es ist aber nicht sicher, dass hier und da verdrängte Empfindsamkeiten nicht mit einiger Heftigkeit wieder erwachen, wenn plötzlich die wirtschaftliche und politische Schlagkraft der neuen deutschen Realitäten erkannt wird."
Hier haben wir den Knackpunkt. Die USA sind stolz auf ihre Wirtschaftsmacht, ebenso Japan. Aber Deutschland, zerstückelt und verkürzt, soll seine Wirtschaftsmacht, tatsächlich dann die drittstärkste der Welt, nicht nutzen dürfen.
Was wäre denn da so gefährlich? Das Prestige der Franzosen, die 1939 in den Krieg geprügelt werden mussten; das Prestige Englands, das Falkland noch nötig hatte und das uns zweimal, 1918 und 1945, besiegt hat. Sollen sich doch beide ein Beispiel an den Polen nehmen, denen übler mitgespielt worden ist als allen anderen zusammen! Sie wissen die deutsche Wirtschaftsmacht zu schätzen, sie wünschen sie sich geradezu herbei.
"Die Gelegenheit ist günstig", sagt Erich Böhme. Ich weiß das nicht so recht, ich sehe nur ungeheuerliche Verwerfungen, die günstig oder nicht günstig auslaufen können. Und, anders als er, will ich wiedervereinigt oder neu vereinigt werden, wenn auch nicht um jeden Preis.
Mindestens 250 Jahre waren seine und meine Vorfahren mit den Vorfahren der auf dem Staatsgebiet der DDR Lebenden verbunden, seit 1871 sogar in einem Bundesstaat; mit den Österreichern hingegen nur ganze sieben Jahre.
Und darum sollen alle vier Siegermächte aus Berlin verschwinden, sofern sie sich über eine neue Friedensordnung einigen können. Sie werden dann nicht mehr gebraucht, sie fallen uns dann nur noch zur Last. AUS DER SPIEGEL 45/1989
Von Rudolf Augstein

DER SPIEGEL 46/2002
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DER SPIEGEL 46/2002
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