18.11.2002

GRÜNE„Joschka des Ostens“

Der ehemalige Bürgerrechtler Werner Schulz mischt die Grünen auf - und geht seinem Rivalen Fischer schwer auf die Nerven.
Reden kann der Mann. Das bestreiten nicht einmal seine ärgsten innerparteilichen Widersacher. Und für schlagzeilenträchtige Überraschungen ist Werner Schulz, 52, der letzte übrig gebliebene DDR-Bürgerrechtler in der Grünen-Bundestagsfraktion, auch immer noch gut.
Vor knapp einem Jahr beispielsweise, als er mit einer fulminanten Kandidatenrede die Kreuzberger Partei-Ikone Hans-Christian Ströbele von Platz zwei der Landesliste für die Bundestagswahl fegte - da gratulierte ihm sogar Joschka Fischer. So jedenfalls stand es später in den Zeitungen.
Wenn Schulz die Geschichte erzählt, hört sie sich ein wenig anders an. Während er noch die Glückwünsche der Delegierten entgegennahm, kam Achim Schmillen, Fischers langjähriger Büroleiter, auf ihn zu. Er hielt ihm ein Handy ans Ohr - am Apparat der Meister. Aus dem Hörer kam ein Krächzen: "Werner! Was machst du da für Geschichten" - und wenn Schulz es so intoniert, glaubt man wirklich, den Außenminister zu hören.
"Wie - was machst du für Geschichten?", fragte er zurück, "ich bin gerade zum Kandidaten gewählt worden." - "Das weiß ich", schnarrte Fischer, "aber das ist doch ungewöhnlich!" Ende der Gratulation. So knurren sich Rüden an, bevor sie übereinander herfallen, um die Rangordnung zu bestimmen.
Dabei steht die eigentlich fest: Fischer ist oben, Schulz unten. Fischer bestimmt, wer etwas wird, Schulz wird nichts. Auch dessen zweiter Versuch, an die Spitze der Fraktion zu gelangen, scheiterte. Fischer ist wichtig, Schulz wird von Fischers Freunden als "Wichtigtuer" empfunden. Er sei, sagt ein Fischer-Gefolgsmann, "kein Kraft-, sondern ein Lärmzentrum".
Aber Schulz kann reden. Zumindest darin ist er Fischer nahezu ebenbürtig. Wann immer er das Wort ergreift, lässt er es so schnell nicht wieder los.
Deswegen hängt der Haussegen zwischen dem Ossi und dem großen Zampano wieder mal schief. Denn spätestens seit sich Schulz in der vergangenen Woche bei den Grünen zum Wortführer der jungen Renten-Rebellen aufschwang, wissen die Parteioberen abermals, was sie an ihm haben:
einen ständigen Unruhestifter, der es versteht, mit seinen saftigen, respektlosen Sprüchen in die Medien zu kommen und Wirkung zu erzielen.
Fritz Kuhn, den noch amtierenden Parteivorsitzenden, nennt Schulz mit hartnäckiger Bosheit "Fischers Fritz". Die Führungsriege aus Kabinett, Fraktions- und Parteispitze verspottet er als "die glorreichen Sieben", den Außenminister mal als "heimlichen", mal als "unheimlichen Vorsitzenden".
Irgendwann, polemisiert er, müsse Fischer mal klarstellen, ob er - wie Gregor Gysi bei der PDS oder Jörg Haider bei den Freiheitlichen in Österreich - dem Wahlvolk ewig als Chef des Ganzen gelten wolle, ohne gewählter Vorsitzender zu sein. Diese "Lebenslüge", warnt er, könne den Grünen eines Tages "gefährlich" werden.
Fischer - immer wieder Fischer. Unablässig umkreist der Sachse den Hessen mit einer Mischung aus Bewunderung und Abscheu. Was immer Schulz mache, urteilt der Umweltminister Jürgen Trittin, es laufe nach dem Motto: "Rache ist Blutwurst".
Dafür gibt es Gründe. Als Schulz und Fischer sich 1994 näher kennen lernten, hatte der Ossi vier Jahre lang die kleine Gruppe der Bürgerrechtler im Bundestag gemanagt und "im Bonner Tulpenfeld die Sonnenblumen hochgehalten". 1990 waren die westdeutschen Grünen aus dem Parlament geflogen.
Doch dann kam Fischer zurück und verdrängte Schulz von der Fraktionsspitze. Der Mann aus dem Westen war der Boss,
der aus dem Osten sein Geschäftsführer. Als aber Schulz 1998 Fischers Nachfolger werden wollte, sorgte Leitwolf Joschka dafür, dass Rezzo Schlauch es wurde.
Er brauchte halt einen, wie er zwei Jahre danach den tief verletzten Parteifreund nach dessen Erinnerung wissen ließ, "den ich nachts um zehn Uhr aus Washington anrufen und ihm sagen kann: Hör zu, ich erkläre dir die Gründe später, aber du musst morgen in der Fraktion dafür sorgen, dass das so und so läuft". Mit ihm, Schulz, fügte er schonungslos offen hinzu, "wäre das nicht möglich. Mit dir müsste ich darüber erst eine Stunde diskutieren, und dazu hätte ich keinen Nerv".
Fischer, klagt Schulz, dulde "niemanden neben sich, der sich ihm nicht unterordnet" - aber gilt das nicht auch für ihn? Selbst gute Freunde empfinden den Kollegen aus Zwickau als widerborstig, aufmüpfig und stur. "Zwei an der Spitze", sagt ein langjähriger Weggefährte, "das ist eben immer einer zu viel."
Als der Ostdeutsche jetzt nach der Bundestagswahl einen zweiten Anlauf auf den Fraktionsvorsitz nahm, ging das Spiel von vorn los: Freund Joschka, so Schulz, habe ihm stattdessen "andere Möglichkeiten" eröffnet - "du könntest der grüne Thierse werden". Dieses Angebot sei für ihn aber schon Antje Vollmers wegen, die nach Fischers Ansicht auf dem falschen Stuhl sitzt, unannehmbar gewesen: "Ich bin nicht die Kugel, mit der ihr die abschießen könnt."
Schulz über den Rivalen: "Der wollte zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen - mich demütigen und zugleich Antje Vollmer erledigen." Also war er "ehrlich entsetzt", für "ein solches Charakterschwein" gehalten zu werden - aber noch kränkender fand er, dass Fischer offenbar immer noch glaubte, er, der Ossi Schulz, werde auf die Offerte hereinfallen.
Vor ein paar Jahren verriet ihm Marianne Birthler, eine der Mitstreiterinnen gegen die DDR-Diktatur und inzwischen Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Fischer habe gesagt, "dass der Werner einmal der Joschka des Ostens" werden könne. Das empfand er als "echtes Kompliment" und begriff erst später, dass "es eine Kampfansage war".
An der aktuellen Diskussion darüber, ob die von den Grünen bestätigte Trennung von Amt und Mandat doch noch aufgehoben wird und Fischer und Co. den Kraftakt schaffen, mit einer Satzungsänderung den Vorsitzenden Kuhn und Claudia Roth beide Funktionen zu retten, beteiligt sich Schulz eher verhalten.
Aber dabei muss es nicht bleiben. Immerhin hat sein Kreisverband Pankow bereits auf dem Bremer Parteitag kräftig Stimmung gegen das Projekt gemacht. Man sei doch nicht "in Italien bei Berlusconi", stänkerte ein Delegierter. "Die machen sich hier ihre Regeln selbst." Wenn die Sache im Dezember auf der Kippe steht, könnte der gefürchtete Redner ans Pult gehen und zuschlagen.
Denn die Rede, sagt Werner Schulz - auch im Namen ehemaliger Bürgerrechtler -, sei "die einzige Gewalt, die ich auszuüben im Stande bin". Das unterscheide ihn und die Seinen "von der Frankfurter Putztruppe". HARTMUT PALMER
* Im Hintergrund Fraktionsgeschäftsführer Volker Beck. * Am 18. Oktober in Bremen.
Von Hartmut Palmer

DER SPIEGEL 47/2002
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