18.11.2002

„Ich bin gern das Biest“

Garri Kasparow über seinen Ruf als böser Bube der Schachwelt, seinen Kampf gegen die Rechengewalt der Computer und eine mögliche Zukunft als Politiker in einem demokratischen Russland
SPIEGEL: Herr Kasparow, in der Welt des Boxens heißt es: They never come back - wer einmal den Weltmeistertitel verloren hat, wird ihn nicht mehr zurückerobern. Gilt das auch im Schach?
Kasparow: Das kann ich nicht beantworten. Ich kann Ihnen aber etwas über meine Motivation sagen: Ich bin heiß darauf, mir die WM-Krone wiederzuholen, die ich über 15 Jahre innehatte. Und wenn ich motiviert bin, ist es schwierig, mich zu schlagen.
SPIEGEL: Sie werden im April 40.
Kasparow: Nett, dass Sie mich daran erinnern.
SPIEGEL: Für einen Spitzenspieler ist das im Hochleistungssport schon ein kritisches Alter. Der vom Weltschachverband Fide anerkannte Weltmeister Ruslan Ponomarjow ist 19, der von den meisten anderen akzeptierte Weltmeister Wladimir Kramnik 27 Jahre alt. Kramnik bezweifelt, dass Sie es noch einmal schaffen können.
Kasparow: Vielleicht sollte sich jeder besser um die Qualität seines eigenen Spiels sorgen. Ich führe nach wie vor die Weltrangliste an, kein Spieler hatte je eine höhere Elo-Zahl. Und ich komme gerade von der Schach-Olympiade der Nationalmannschaften im slowenischen Bled, wo man mich für die beste Einzelleistung aller Spieler prämiert hat.
SPIEGEL: Kramnik hatte beim SPIEGEL-Gespräch vor sechs Wochen kaum ein gutes Wort für Sie übrig. Es sei unmöglich für einen Schach-Konkurrenten, mit Ihnen befreundet zu sein. Weil er sie vor eineinhalb Jahren im WM-Kampf besiegt habe, sähen Sie ihn als seinen Feind. Hassen Sie Kramnik wirklich?
Kasparow: Er war mein Schüler, er verdankt mir viel. Davon will er heute nichts mehr wissen, und das zeugt nicht gerade von Größe. Ich habe seine Leistung
im WM-Kampf gegen mich ausdrücklich gewürdigt, allerdings spielte ich da auch sehr schwach. Seither habe ich mir durch zahlreiche Turniersiege und meine Stellung an der Spitze der Weltrangliste längst ein Anrecht auf einen Rückkampf erworben. Diese Revanche verweigerte Kramnik, obwohl seine Resultate weit hinter meinen blieben. Er hat als Weltmeister Verpflichtungen, und er hat vor dieser Herausforderung versagt.
SPIEGEL: Er sagt, Sie müssten sich wie jeder andere qualifizieren. Aber nun scheint einem erneuten Duell nicht mehr viel im Wege zu stehen - die Querelen zwischen den konkurrierenden Schachverbänden sind beigelegt, ab Herbst 2003 wird es nur mehr einen Weltmeister geben.
Kasparow: Dazu muss Kramnik seinen Herausforderer, den Ungarn Peter Leko, schlagen, ich muss im Zweikampf Ponomarjow bezwingen. Erst dann käme es zum Showdown zwischen uns. Ich schätze die Chancen dafür etwa auf 50 zu 50.
SPIEGEL: Da Sie doch sicher von Ihrem Sieg über den Ukrainer überzeugt sind ...
Kasparow: ... ich werde einen Teufel tun, ihn zu unterschätzen ...
SPIEGEL: ... rechnen Sie also mit Kramniks Ausscheiden.
Kasparow: Warten wir es ab.
SPIEGEL: Damit es zu der Einigung über dem WM-Modus kam, haben Sie eine bittere Pille geschluckt: Sie mussten sich mit der Fide versöhnen, einer Organisation, von der Sie einst sagten, ihre Funktionäre seien korrupt wie die "Paten einer Mafia". Hat sich daran wirklich etwas geändert - oder haben Sie einfach nur eingesehen, dass ohne die Herren nichts geht?
Kasparow: In ihrer Haltung mir gegenüber hat sich etwas getan. Sie haben viele meiner Anregungen akzeptiert.
SPIEGEL: Der ehemalige Fide-Chef Florencio Campomanes, der 1995 in die Kasse des Verbands gegriffen haben soll und zurücktreten musste, ist immer noch Ehrenpräsident und lebt gut von und mit dem Club. Der neue Chef Kirsan Iljumschinow aus der russischen Republik Kalmückien ist ein millionenschwerer Geschäftsmann mit dubiosen Geldquellen. Seit wann tolerieren Sie solche Partner?
Kasparow: Es geht mir nicht um Personen, sondern um die Zukunft des Schachs.
SPIEGEL: Sie stehen vor einer zweiten großen Revanche. Im Januar werden Sie in Jerusalem gegen das Schachprogramm "Deep Junior" spielen, ein Parallelrechnerprogramm wie das von "Deep Blue", gegen das Sie 1997 in einem spektakulären Zweikampf "Mensch gegen Maschine" verloren haben. Wie bereiten Sie sich vor?
Kasparow: Sehr gründlich. Die Computer werden immer besser. Ich muss versuchen, Schwachstellen zu finden ...
SPIEGEL: ... was ja Kramnik in seinem Kampf gegen die Maschine "Deep Fritz" im letzten Monat in den ersten Partien gut gelungen ist. Er tauschte die Damen früh, und es kam zu Stellungen, bei denen das Programm hilflos wirkte. Allerdings schlug es zurück, erkämpfte sich ein 4:4.
Kasparow: Die Schachwelt hat von diesem Duell nicht profitiert. Kramnik konnte die Maschine vorher bis ins Detail studieren, das Programm blieb während des Wettkampfs eingefroren - ein riesiger Vorteil gegenüber meinem Computerkampf 1997, wo nach meiner festen Überzeugung während des Spiels noch Menschen ins Programm eingegriffen haben und ich keine der früheren Computerpartien kannte. Dass Kramnik jetzt den Wettkampf dennoch nicht gewann, ist erstaunlich.
SPIEGEL: Sie neigen dazu, Ihren Gegner am Schachbrett durch aggressives Spiel zu verblüffen, ihn auf komplizierte falsche Fährten zu locken, ihn durch überraschende Wendungen zu zerstören. Das hat manchem Kontrahenten am Brett schweißnasse Hände verschafft und Ihnen, wohl in Verbindung mit Ihrer gelegentlichen Arroganz, den Spitznamen "das Biest von Baku" eingebracht. Kränkt Sie das?
Kasparow: Wenn es dem Schach dient, bin ich gern ein Biest.
SPIEGEL: Aber Computer bekommen keine schweißnassen Hände und haben auch keine Angst vor der Demütigung.
Kasparow: Richtig. Sie machen einfach immer cool weiter und rechnen und rechnen. Wenn sie in bestimmten Endspielen Wendungen erzwingen können, spielen sie wie Gott - fehlerlos. Dennoch glaube ich, dass ich derzeit mit taktischen Manövern gute Chancen habe, gegen die Maschine zu gewinnen. In einigen Jahren wird das vielleicht bei einem längeren, ermüdenden Wettkampf nicht mehr so sein. Aber auf absehbare Zeit wird der beste Schachspieler immer mal eine Partie gegen den Computer gewinnen. Darauf kommt es an. Auf diese eine Partie, in der wir Menschen uns durch Kreativität durchsetzen - solange das geht, sind wir noch vorn.
SPIEGEL: Und Sie brauchen wirklich nicht den menschlichen Faktor, um optimal zu spielen? Sie müssen sich nicht aufputschen, den Gegner auf der anderen Seite des Bretts dämonisieren?
Kasparow: Sie hängen einem Vorurteil nach.
SPIEGEL: Ihren langjährigen Widerpart Anatolij Karpow haben Sie einmal "Kreatur der Dunkelheit" genannt.
Kasparow: Die Auseinandersetzung mit Karpow war politisch geprägt. Er stand für das kommunistische System, wurde von dessen Repräsentanten gehätschelt. Ich war der Oppositionelle. Jeder Schachweltmeister spiegelt auch die gesellschaftlichen Verhältnisse wider. Kramnik steht für die Börsen-Generation des Neuen Markts, ideologiefrei, zahlenfixiert.
SPIEGEL: Mit der Neue-Markt-Euphorie ist es längst vorbei.
Kasparow: Sie sagen es.
SPIEGEL: Es fällt auf, dass viele Weltklassespieler keine anderen Interessen haben als Schach. Die 64 Felder sind ihr Parallel-Universum, ihre Welt-Flucht.
Kasparow: Das ist sicher so, und ich bedauere es. Schach ist für mich ein wichtiger, zentraler Bestandteil meines Lebens. Aber es ist nicht alles. In den Jahren nach der Wende in der Sowjetunion war ich sehr engagiert, habe die Demokratische Partei mitgegründet. Diese Zeiten der Begeisterung sind vorbei, aber mein politisches Interesse ist deshalb nicht erlahmt.
SPIEGEL: Sie sind Kolumnist des konservativen "Wall Street Journal".
Kasparow: Ich lasse mich nicht in politische Schablonen pressen. Ich bin allerdings der Meinung, dass US-Präsident Bush bei seinem Kampf gegen den weltweiten Terror jede Unterstützung verdient. Ich kann da das Zögern der Europäer nicht verstehen. Wir sollten keinen Kreuzzug gegen den Islam führen. Aber ein Teil der muslimischen Welt, die militanten Fundamentalisten, haben uns den Krieg erklärt. Und gegen die müssen wir mit aller Härte vorgehen. Nicht nur die Terroristen sind unsere Feinde, sondern auch diejenigen, die Terror fördern, auch wenn sie in so genannten moderaten arabischen Ländern leben.
SPIEGEL: Billigen Sie das Vorgehen der russischen Regierung in Tschetschenien?
Kasparow: Ich habe wenig Zweifel, dass sich unter den tschetschenischen Rebellen auch eine kleine Anzahl al-Qaida-Terroristen befinden, und dass sie die Unterstützung von radikalen islamischen Gruppen genießen. Die tschetschenischen Rebellen sind eine nationale Bewegung, die auf Ideologie basiert, ähnlich wie die IRA in Nordirland und die ETA in Spanien. Anders als al-Qaida stellen sie keine Bedrohung der zivilisierten Welt dar. Das Tschetschenien-Problem lässt sich nicht allein mit militärischen Mitteln lösen, Putins Politik stürzt das ganze Land in eine Katastrophe.
SPIEGEL: Was ist Ihr Traum für Russlands Zukunft?
Kasparow: Ich träume von einem wirklich freien Russland. Es sollte nicht weiterhin von KGB-Offizieren regiert werden, die das alte Denken ja mit der Muttermilch aufsaugten und bislang nicht aus ihren Adern spülten. Zwar hat Russland ein gewähltes Parlament und manche andere demokratische Einrichtungen. Aber ihnen fehlt die Grundlage, den Willen des Volkes zu erfüllen. Und noch ist es nicht so weit, dass die Russen sich ihre Rechte erzwingen. Im Gegenteil, ich erkenne gegenwärtig: Die Angst kehrt wieder.
SPIEGEL: Sie leben in Moskau und gelten vielen in Ihrer schachbegeisterten Heimat als Vorbild. Nach Ihrem kurzen Gastspiel in der aktiven Politik vor einem guten Jahrzehnt und Ihrer Unterstützung für Jelzin im Wahlkampf 1996 sind Sie kaum mehr in den Vordergrund getreten. Wäre es nicht an der Zeit, sich um ein Amt zu bewerben?
Kasparow: Politik macht zurzeit in Russland keinen Sinn, wird durch bürokratische Kompromisse geprägt. Ich werde nur dann in die Politik gehen, wenn ich wirklich etwas verändern, einen Unterschied für mein Land machen kann. Die Chancen dazu sehe ich im Moment nicht. Außerdem habe ich mir in der Welt des Schachs noch sehr viel vorgenommen.
SPIEGEL: Sie glauben an den erzieherischen Wert des Spiels?
Kasparow: Ja. Schach sollte überall auf der Welt Schulfach werden. Es fördert die geistige Auseinandersetzung. Es lehrt die Demut in der Niederlage.
SPIEGEL: Gilt das für Jungen wie Mädchen? Sie haben ja einmal gesagt: Frauen sind von Natur aus keine außergewöhnlichen Schachspieler.
Kasparow: Mein Gott, dieser Satz geht mir nach. Er ist oft fehlinterpretiert worden. Ich wollte damit nur eine Bestandsaufnahme machen; es ist nun einmal Fakt, dass es mit Ausnahme von Judith Polgar keine Frau in der Schach-Weltklasse gibt. Aber der Abstand zwischen den Geschlechtern wird deutlich geringer, die Zeiten, als ein Weltmeister wie im letzten Jahrhundert einer Frau eine Figur vorgeben konnte, sind endgültig vorbei. Und bei meinem Programm für Schulen geht es um den Breitensport Schach. Natürlich profitieren Mädchen in ihrer Erziehung davon genauso wie Jungs.
SPIEGEL: Sie spielen Schach seit Kindesbeinen, trainierten schon mit fünf Jahren. Die Begeisterung für eine geniale Kombination hat nie nachgelassen?
Kasparow: Das Glück über einen bahnbrechenden Zug geht nie vorbei. Aber ich hatte meine Tiefpunkte. Das hing mit der Motivation zusammen, damit, dass ich alles erreicht, jeden Titel, jedes Großmeisterturnier gewonnen hatte. Ich war satt geworden. Wer jeden Krieg gewinnt, muss seine Waffen nicht mehr schärfen.
SPIEGEL: Sie müssten gegenüber Kramnik und dem Schachcomputer im Grunde eine gewisse Dankbarkeit empfinden. Sie verschafften Ihnen die Erkenntnis, dass auch Sie bezwungen werden können - und damit einen entscheidenden Motivationsschub.
Kasparow: Sie haben Recht. Meine Mutter hat das auch gesagt: Gut, dass du verloren hast. Und natürlich habe ich alle beglückt, die sich an der Schadenfreude weiden. Wenn einer seinen Sport so lange dominiert, ist das vielleicht verständlich.
SPIEGEL: Formel-1-Weltmeister Michael Schumacher erlebt das gerade auch.
Kasparow: Und wie lang beherrscht der den Rennsport, fünf, sechs Jahre? Bei mir war das dreimal so viel. Dann kam der Rückschlag. Nun aber ist Schluss damit, dass ich den Menschen eine Freude mache. Ich will wieder gewinnen - alles.
SPIEGEL: Herr Kasparow, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Gespräch führte SPIEGEL-Redakteur Erich Follath.
Von Erich Follath

DER SPIEGEL 47/2002
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