25.11.2002

NEW ECONOMYFinales Tremolo

Einer der letzten Pioniere der Internet-Ära erlebt den Ausverkauf: Pixelpark-Gründer Paulus Neef steht vor den Trümmern seiner Träume. Ist das Unternehmen noch zu retten?
Sie waren Pioniere unendlicher Weiten: Captain Kirk und seine Crew, die mit ihrem Raumschiff U. S. S. Enterprise in Galaxien vordrangen, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat. Ähnlich fühlten sich die Programmierer von Pixelpark, wenn sie in den Cyberspace vorstießen: "U. S. S. Pixelpark" steht in den Fluren ihrer Berliner Zentrale an der Wand, darunter Fotos von der Crew. Die von "Lieutenant Commander Lars Bartel" und "Lieutenant Silke Jendeck" etwa hängen noch. Dazwischen aber klaffen große Lücken.
Von den meisten Bildern bleibt nur noch ein Streifen Tesafilm an der Mauer. Pixelpark, einst Deutschlands größte Multimedia-Agentur, Börsenstar und Vorzeigeunternehmen der New Economy, erlebt den freien Fall. Firmengründer Paulus Neef hat seine Kunden ins Netz gebracht. Er baute ihnen Plattformen und bunte Homepages. Jetzt steht er vor den Trümmern seiner Visionen: Der Hauptaktionär Bertelsmann verliert die Geduld. Die Zukunft ist Geschichte. Die Mannschaft wurde weitgehend von Bord gestoßen.
750 Mitarbeiter weltweit wurden schon entlassen. Weitere 200 sollen folgen. Von null auf 1200 Beschäftigte und wieder zurück - was andere Firmen an Euphorie und Drama in Jahrzehnten durchlaufen, hat Pixelpark im Zeitraffer erlebt.
Prestigeträchtige Standorte von Brasilien bis Spanien wurden bereits geschlossen. Jetzt steht selbst die völlig überdimensionierte Berliner Zentrale, wo ein zehnjähriger Mietvertrag die Kosten treibt, vor dem Aus. Pixelpark, so ein Sanierungsplan, wird künftig als Rumpfgesellschaft betrieben - vor allem in Köln, Österreich und in der Schweiz. Mit vielleicht nur noch 50 Leuten in Deutschland. Wenn überhaupt.
"Mit dieser Erfahrung", sagt Neef, "werden Sie in den USA zum wertvollen Unternehmer und gefragten Manager." Er ist aber nicht in Amerika.
Sein Absturz markiert so etwas wie das finale Tremolo im Orchester der New Economy. Systematics? Weg. Kabel New Media? Pleite. Intershop? Im Keller. Pixelpark? Tja. Kaum einer hat so früh die Chancen der virtuellen Welt erkannt und genutzt wie der oberste "Pixel". Und niemand hat so lange durchgehalten wie er.
Paulus Neef, das war schon 1993 ein "Master of the Universe" ("Der Handel"). "Der deutsche Bill Gates" ("Tempo", 1996) brachte sogar den ehrwürdigen Bertelsmann-Konzern in Wallung - Thomas Middelhoff kaufte Neef die Mehrheit ab, fortan galt ihm Pixelpark als Juwel.
Beweis der Größe war auch der Firmensitz in Berlin: fünf Etagen in den alten Fabrikgebäuden der Osram-Werke, wo ein Jahrhundert lang Glühbirnen produziert wurden. Dann zogen irgendwann rund 500 Pixels ein und bauten kräftig um. Kunstinstallationen in den Fluren, unten im Foyer stolz die Trophäen: der "e Oscar - powered by Intershop" zum Beispiel oder ein "Interactive Design Award" für die Webpage von Wacker Chemie.
Jetzt verlieren sich vielleicht noch rund 100 Mitarbeiter in den weiten Fluren. Oben unter dem Dach ist es besonders trist. Das "Kathedrale" genannte Kreativzentrum ist fast leer. Auf der einen Seite montiert ein Handwerker schon Tische auseinander, Lampen sind säuberlich nebeneinander gelegt, alle Stühle in eine Ecke geschoben - wie zur Inventur, oder zur Insolvenz.
Wenige Meter daneben stehen noch die Oma-Sofas und Stehlampen, die sich Grafiker und Art-Directoren vom Recyclinghof organisierten: Man hatte es sich bequem gemacht zwischen den kühlen Firmenfarben Blau und Weiß, ein bisschen Gemütlichlichkeit zwischen dem grassierenden Größenwahn aus Chrom und Glas.
Nun versammeln sich hier ein paar Kreative im Schummerlicht und diskutieren die Perspektiven. "Viele haben keine Hoffnung mehr", sagt Betriebsratschef Markus Kemken; das Management wirke "orientierungslos" - dabei seien doch "endlich klare Entscheidungen gefragt".
Manchmal klingelt das Telefon. Es ist mal wieder eine so genannte Outplacement-Agentur dran, wie sich jene Rausschmiss-Berater heute nennen, die am Niedergang verdienen wollen. "Das ist immer so, wenn wir mit Entlassungen in der Zeitung stehen", sagt Kemken.
Wer in diesen Tagen die fast verlassenen Stätten der Internet-Kathedrale besucht, kann spüren, wie erst die Verzweiflung hier einzog, dann der Galgenhumor, schließlich die Stille. "Seid gerecht. Sucht nicht Schuldige, sondern Ursachen", lautet einer der Sprüche, die an den Wänden hängen wie Fürbitt-Tafeln in katholischen Kapellen.
Dann die handschriftliche Notiz vom Chef: "Jetzt erst recht: Ich nehme noch einmal neu Anlauf", hat "der Paulus", wie ihn alle nennen, auf einen Zettel geschrieben. Seine Angestellten haben darauf ein Strichmännchen gemalt, das auf einen Abgrund zurennt.
Mittlerweile liegt die Bibliothek, wie eine überdimensionierte Kanzel als fast frei schwebende Plattform unter das Gebälk montiert, still und verlassen über den Räumen. Alle Regale sind leer, auf dem Boden der Müllhaufen der Geschichte: Zeitschriften wie das Kultblatt "Wired", wo "The Art of the High-Speed Deal" nachzulesen wäre - eine Titelgeschichte vom Dezember 2000.
Atemraubend schnell waren ja auch die Geschäfte und Projekte von Pixelpark, die jetzt in zwei schwarzen Aktenschränken gelagert werden: Schubladen voller Speicher-CDs, ab Jahrgang 1991, die laufende Nummer reicht bis über 800. Mercedes, Siemens, Allianz - die ersten Adressen der deutschen Industrie ließen bei Pixelpark virtuelle Bilderwelten bauen.
"Wir konnten uns die Kunden aussuchen", schwärmt Christiane Stöhr, die Neef schon im ersten Jahr als Presse-Frau engagierte, als die Firma gerade mal acht Beschäftigte hatte und schon ein PR-Problem: "Wie heißt das Unternehmen? Tickeltack?", erinnert sie sich an die ersten Anfragen.
Es begann eine goldene Zeit: "Visionär, evolutionär, revolutionär" hieß das Motto. Und so haben sie sich ja wirklich gefühlt. "Wir lassen uns nicht verbiegen, wir sind anders als die angepassten Werbeagenturen", glaubte damals Stöhr, die selbst schnell zum Mitglied der Geschäftsführung aufstieg.
Alles schien möglich: Der Finanzchef kam, 27-jährig, direkt von der Uni und hatte nicht mal einen Abschluss in der Tasche. Programmierer saßen nur in Shorts und Schlappen vor ihren Computern und grinsten, wenn "der Paulus" per E-Mail bat, wenigstens ein T-Shirt zu tragen.
Den Börsengang haben die Pixels beim Wandern geplant: Auf einer österreichischen Berghütte packte Neef 1997 erstmals seine Pläne aus. Bewundernd betrachtete selbst Bertelsmann, seit 1996 als Hauptaktionär an Bord, das Treiben: Es war die Zeit, als auch in Gütersloh vorübergehend die Schlipse fielen und Nachnamen oder gar Titel aus der Mode kamen.
Pixelpark und Gütersloh: Der Aufstieg und Niedergang der jungen Multimedia-Agentur ist auch die Geschichte einer verrückten Liebe zwischen einer attraktiven Internet-Elevin und einem alten Medienhaus. Und es ist die Geschichte eines tiefen Einverständnisses zwischen dem Paulus (Neef) und dem Thomas (Middelhoff), den es mittlerweile bei Bertelsmann auch nicht mehr gibt.
"Da haben sich zwei ähnliche Unternehmerpersönlichkeiten getroffen", ist Ingo Stein, der 1996 von Bertelsmann als Finanzchef zu Pixelpark kam, noch heute überzeugt. Mit dieser Eintracht ist es längst vorbei: Dass Neef neue Partner, neue Konzepte und einen harten Sanierungsplan braucht, war in Gütersloh schon vor Middelhoffs Abgang im Sommer bekannt.
Viele in der Rest-Belegschaft haben sich nur noch nicht entschieden, wem sie die Schuld für das Versagen geben: Dem Hauptaktionär Bertelsmann, weil der zu lange die Zügel schleifen ließ? Oder ihrem Paulus, der im "expansion modus" weitermachte, als längst der Rückwärtsgang gefragt war?
Verzweifelt sammeln viele jetzt Belege. Zum Beispiel jenen Brief von Ex-Bertelsmann-Vorstand Klaus Eierhoff, bis Jahresanfang Aufsichtsratschef der Pixels: "Ich möchte jedem Einzelnen von Ihnen die Unterstützung des Hauptgesellschafters Bertelsmann für die Pixelpark AG deutlich machen", hatte er am 12. April 2001 versichert: "Ihre Gehälter sind sicher. Pixelpark braucht Sie!" Nur: Wer braucht jetzt noch Pixelpark?
Und Paulus Neef? Der schmiedet weiter Pläne für die Zukunft. Am vergangenen Mittwoch hat er die Berater von Roland Berger engagiert. "Skalierbare Business-Modelle" und Geschäftsverlagerungen nach St. Petersburg sollen die Wende bringen.
"Jetzt bleibt kein Stein auf dem anderen", sagt der Chef der Ruine.
FRANK HORNIG
* Mit Boris Becker, Ex-RTL-Chef Helmut Thoma und Manfred von Richthofen, Präsident des Deutschen Sportbundes, am 8. August 2000 bei der Präsentation der Internet-Plattform Sportgate vorm Brandenburger Tor in Berlin.
Von Frank Hornig

DER SPIEGEL 48/2002
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