25.11.2002

PROTESTDas letzte Aufgebot

Während Präsident Bush die Welt auf einen Einmarsch in den Irak vorbereitet, hat sich in den USA eine neue Friedensbewegung formiert. Bisher ist sie weder groß noch erfolgreich. 30 Jahre nach Vietnam sind es vor allem die Alten, die vor dem Krieg warnen. Von Alexander Osang
Die Lunte fängt womöglich dort an zu brennen, wo es der Präsident am wenigsten vermutet. In einem Country-Studio am Stadtrand von Nashville (Tennessee), wo man die gleichen Stiefel trägt wie er. Hinterm Eingang hängt ein Foto von Elvis. Die Pförtnerin hat sich ein blau-weiß-rotes Poster ins Fenster geklebt, auf dem steht: "Nashville: Let Freedom Sing". Man muss nicht lange überlegen, welche Art von Freiheit sie im Sinn hat. Sie ist etwa 80 Jahre alt, hat einen rattengroßen Hund auf dem Schoß und raucht lange, schneeweiße Zigaretten. Es ist warm, es riecht nach Warten, nach Kippen, Pizza und dem Schweiß von Country-Musikern. Von der Hallendecke baumelt eine große amerikanische Flagge, aus dem Dunkel hört man ein Schlagzeug. Dort hinten probt Steve Earle für seine neue Tour.
Earle ist Musiker. Er kommt aus Texas wie George W. Bush. Während Bush irgendwo da draußen für einen Krieg im Irak wirbt, übt Earle mit seiner Band hier drinnen die Songs von seinem neuen Album "Jerusalem". Ein Lied heißt "John Walker's Blues". Earle beschreibt den jungen Amerikaner John Walker Lindh, der von US-Soldaten bei den Taliban in Afghanistan gefunden und Anfang Oktober zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Die erste Strophe geht so:
"Ich bin nur ein amerikanischer Junge - aufgewachsen mit MTV / Ich hab all die Kids in der Limonadenwerbung gesehen / Aber niemand war wie ich / So habe ich nach was anderem gesucht, einem Sinn / Und schließlich das Wort Mohammeds gefunden / Friede sei mit ihm."
Earle hat an seinen 20-jährigen Sohn gedacht, als er den Song schrieb.
"Es hätte Patrick sein können, den sie vor Gericht stellen. Er ist auch noch auf der Suche", sagt er und zeigt auf den schlaksigen Jungen an der Orgel. Earle stopft sich den dritten von sechs Tacos in den Mund, die er auf dem Tisch vor sich aufgebaut hatte, und kaut langsam. Er hat ein knappes Dutzend wütende, traurige Lieder für sein Album geschrieben, aber er wirkt weder wütend noch traurig. Er hat aufgehört zu trinken, er nimmt keine Drogen mehr, er ist dick geworden, und seine Haare werden dünn. Ein friedlicher, bärtiger Mann, der seine Jeans unterm Bauch trägt.
Steve Earle ist so gefährlich wie nie.
Zum ersten Mal, seit er Alben veröffentlicht, darf er weder in der Talkshow von Jay Leno noch in der von David Letterman auftreten. Es wird ihn ein paar tausend Platten kosten. Das Einzige, was er dazu sagt, ist: "Pech gehabt."
Earle hat bislang 40 000 "Jerusalem"-CDs verkauft, das Album ist in den Top 50, obwohl keine Radiostation seine Lieder spielt. New Line Cinema hat einen bestellten Song von ihm wieder vom Soundtrack für den Film "John Q." genommen. Er war über Nacht zu kritisch geworden. Die "New York Post" hat gewütet, als sie von "John Walker's Blues" erfuhr.
Wie Bush hat auch Earle am Anfang seines Lebens viel gesoffen. Er hat sich geprügelt und im Gefängnis gesessen. Anders als Bush hat er später nicht angefangen zu joggen. Earle ist Patriot geblieben.
"Ich fühle mich in letzter Zeit wie der einsamste Mann Amerikas", schrieb er am Unabhängigkeitstag dieses Jahres, als in Tennessee die amerikanischen Fahnen im Sommerwind knatterten. Jetzt geht es ihm ein bisschen besser. Es kommt in Wellen, sagt er. Die große Oktober-Demonstration in Washington war gut. Die Wahlergebnisse vom November haben auch ihn geschockt.
Earle ist überzeugt, dass sie den Irak angreifen werden.
"Es ist ihr Spiel. Ich denke, sie fangen im Januar an. Vielleicht am 17., wie im GolfKrieg."
Der 17. Januar ist Earles Geburtstag. Er wird dann 48. Ein bisschen alt, um Lunten anzuzünden. Aber einer muss es ja machen.
Die amerikanische Friedensbewegung braucht ihn. Sie sind nicht so viele. Sie wirken wie übrig geblieben, alt, allein und auch ein bisschen seltsam. Sie scheinen aus der Zeit zu fallen, sie scheinen nicht nach Amerika zu passen. Niemand von ihnen ist jünger als 30, es ist schon schwer, jemanden unter 50 zu finden. Der Präsident ist so alt wie sie, aber er sieht gesünder aus. Sie hüten das Feuer, bis es gebraucht wird.
In New York hat Al Pacino gerade für ein paar Wochen in "Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui" an der Pace University gespielt. Pacino reißt sich fast das Herz aus der Brust, um zu zeigen, dass Hitler-Deutschland nicht die einzig mögliche Analogie zu Arturo Ui ist. Damit auch dem Letzten klar wird, dass sie vor der eigenen Regierung warnen, ist die Verfassung der Vereinigten Staaten an die Bühnenwand projiziert. Die Karten kosten 100 Dollar, die Sitze sind hart, aber die Zuschauer schreien am Ende fast vor Begeisterung.
Pacino ist auch schon 62.
Im New Yorker Stadtteil Chelsea kämpft ein anderer älterer Herr vor einer Fernsehkamera für den Weltfrieden. Das ist Ben Cohen, einer der beiden Gründer von Ben & Jerry's, einer Eiscremefabrik in Vermont. Er trägt einen weißen Bart, er hat eine Glatze, das verwaschene T-Shirt hängt ihm aus der Hose. Seine Firma macht 250 Millionen Dollar Umsatz, sie verwendet nur natürliche Produkte, zahlt ihren Beschäftigten übertarifliche Löhne und spendet einen festgelegten Anteil ihres Gewinns für soziale Zwecke. Cohen hat mit anderen Unternehmern die Kampagne "Die wahre Mehrheit" initiiert, die kürzlich auf einer ganzseitigen Anzeige in der "New York Times" erklärte, dass ein Krieg gegen den Irak auch ökonomisch nur Nachteile bringen würde.
Cohen steht vor einem Säulendiagramm aus Schokoladenkeksen und lächelt in die Kamera. Ein Cookie ist zehn Milliarden Dollar wert. Die höchste Säule gehört dem Pentagon. Sie ist 40 Cookies hoch. Die zweithöchste wächst über Russland. Sechs Kekse gibt Russland für seinen Militärhaushalt aus. Die gesamte Achse des Bösen hat nur anderthalb Cookies für Rüstung zur Verfügung.
So simpel ist das.
Cohen zeigt auf den Keksturm des Pentagon und sagt mit seinem freundlichen Eisverkäufergesicht: "Wenn wir von diesen Cookies ein paar für die Ausbildung unserer Kinder und unser Gesundheitswesen verwenden würden, bliebe immer noch mehr als genug, um sich gegen diese bösen Jungs zu verteidigen."
"Und noch mal von vorn, Ben", sagt der Regisseur von Cohens Aufklärungsspot.
Cohen ist 51 Jahre alt. Er hat auf seinem College in New York an ein paar Vietnam-Demonstrationen teilgenommen, aber er war kein Aktivist. Eher ein Hippie. "Und wenn das heißt, dass ich Frieden und Liebe schätze, dann bin ich immer noch ein Hippie", sagt er. "Ich will die Regierung dazu bringen, menschlich zu handeln."
Ben Cohen gibt nicht auf. Er steht seit zehn Stunden in dem warmen, fensterlosen Studio in Chelsea. Er lächelt. Er darf nicht nachlassen.
"Das Ganze noch mal", sagt der Regisseur.
Cohens Kampagne "Die wahre Mehrheit" ist eine von vielen Aktionen, die sich gründeten, als die US-Regierung einen Krieg gegen den Irak in Aussicht stellte. Die größte ist "Nicht in unserem Namen", die von vielen Prominenten unterstützt wird. Eine der kleineren ist "Kein Blut für Öl", die von dem New Yorker Hausbesetzer Michael Schenker mitbegründet wurde. Schenker ist so was wie der Kern von "No Blood for Oil", und so kann man auch an ihm die Schwierigkeiten der amerikanischen Friedensbewegung beschreiben.
Schenker ist 46, er ist auf Long Island groß geworden. Er ist mit 14 von zu Hause weggerannt, um ins East Village zu ziehen. Da ist er immer noch. Mit 17 trampte er nach Washington, um gegen den Vietnam-Krieg zu protestieren. Er erinnert sich, wie er über einen grünen Hügel stieg und plötzlich die Massen vor dem Pentagon sah. Er war nicht mehr allein. Sie haben ihn gleich in der ersten Nacht verhaftet und seitdem noch 48-mal. Seine längste Haft dauerte drei Tage.
Schenker lebt in einem besetzten Haus, das die Stadt ihm und seinen Mitbesetzern vor einem Jahr verkauft hat. Es gibt noch keinen Fußboden, keine richtige Heizung, aber in dem kleinsten Zimmer hat er seine drei Aquarien, sein Bett und sein elektrisches Piano aufgebaut, morgen kommt vielleicht der Gasinstallateur, um einen Herd anzuschließen. Er hat seit dem Vietnam-Krieg an verschiedenen Friedensinitiativen teilgenommen. Vor sechs Wochen hat er mit ein paar Freunden "Kein Blut für Öl" gegründet.
Das erste Ziel war eine Demonstration vorm Uno-Gebäude. Es haben sich ein paar Studenten von der New York University angeschlossen, die auch für eine Nacht verhaftet wurden. Schenker selbst möchte nicht mehr verhaftet werden. Er weiß ja, wie es ist. Aber er hat die Studenten vor dem Gerichtsgebäude abgeholt, wo sie von der gelangweilten New Yorker Justizmaschine ungewaschen und mit roten Augen ausgespuckt wurden. Er war auf der Demonstration im Central Park, und er war in Washington. Die Sonne schien, 150 000 Leute waren da, es erinnerte ihn ein wenig an 1972. Die Lunte brannte, die Friedensbewegung lebte. Schenker hat gleich am nächsten Tag einen Trommel-Workshop vor der Uno initiiert. Er musste das kleine Feuer am Leben halten. Aber es war ein kalter, windiger Nachmittag, es kamen nur wenige Menschen, um für den Frieden zu trommeln. Zwölf Tage später verabschiedete der Uno-Sicherheitsrat einstimmig die neue Irak-Resolution.
Das Feuer war aus.
"No Blood for Oil" verlor vorübergehend die Orientierung. Ihr erstes Ziel schien ihr einziges gewesen zu sein. Schenker sitzt wieder viel in dem einzigen fertigen Zimmer. Er übt Mussorgski, schaut den Fischen zu und denkt über neue Aktionen nach. "Klar ist, dass wir nicht nur bei schönem Wetter kämpfen können. Wir müssen auch bei Regen rausgehen", sagt er.
Die Friedensbewegung scheint in den vergangenen Wochen an Schwung verloren zu haben. Bush hat die Wahlen gewonnen und die Uno überredet, seiner Resolution zuzustimmen. Die Zeitungen haben die Demonstrationen verschwiegen oder kleingeschrieben. Der Sniper hat die Leute auf näher liegende Gefahren gelenkt, und dann ist auch noch Paul Wellstone mit dem Flugzeug abgestürzt, einer der wenigen demokratischen Politiker, die offen gegen den Krieg auftraten.
Das hat gereicht, um das kleine Feuer auszublasen.
Patti Smith glaubt, dass die Leute noch nicht wütend genug sind. Sie hat auf der großen Friedensdemonstration in Washington "People Have the Power" gesungen, eine Demonstrantenhymne, die sie und ihr verstorbener Mann geschrieben haben, während des Afghanistan-Kriegs der Sowjetunion.
"Als ich da oben stand, fühlte ich, dass die Leute noch unsicher sind, sie ahnen, dass sie das Richtige machen, sind sich aber noch nicht sicher. Es erinnert mich an die frühe Phase der Anti-Kriegs-Bewegung gegen Vietnam", sagt sie. "Ich hab damals auch nicht gewusst, was ich machen soll. Ich habe mit einem Haufen von Künstlern im Chelsea-Hotel gesessen und an Projekten gearbeitet. Ich habe Energie gespürt, aber war verwirrt. Heute sehe ich die Dinge klarer. Wir müssen was tun."
Patti Smith hat auch einen Song über John Walker Lindh geschrieben. "Poor Fellah" heißt das Lied. Aber sogar Leute aus der Künstlergemeinde New Yorks haben ihr davon abgeraten, es auch zu singen.
"Viele meiner Freunde sind verwirrt. Sie sagen: 'Wer weiß, vielleicht müssen wir ja doch in den Irak reingehen. Vielleicht ist es richtig so.' Sie wissen einfach zu wenig. Und das sind aufgeklärte Leute. Der Durchschnittsamerikaner verwechselt den Islam mit Fundamentalismus, und niemand hat Interesse daran, ihn über seinen Irrtum aufzuklären. Ich sollte vor der großen Demonstration in Washington vier- oder fünfmal ein Interview für CNN geben, sie haben mich jedes Mal wieder ausgeladen, weil sie rund um die Uhr über den Sniper berichtet haben. Aber über die hunderttausend Leute in Washington gab es nichts bei CNN. Wir waren als Friedensbewegung nie besonders populär, inzwischen ignorieren uns die Medien völlig."
Patti Smith sitzt in ihrem Atelier, an der Wand lehnt ein Porträt Ho Tschi-minhs, das sie aus Vietnam mitgebracht hat. Sie reist viel. Sie erzählt mit leuchtenden Augen von dem Gespräch, das sie im Sommer mit Gerhard Schröder führte, als sie durch Deutschland tourte. Er habe ihr mit seiner Anti-Kriegs-Haltung Mut gemacht.
"Ich weiß nicht, wie er sonst so ist, aber er stellt sich gegen Bush. Das ist mutig. Er hat mich empfangen. In meinem Land würde das nie passieren. Ich würde nie einen Anruf vom Präsidenten bekommen, denn ich gelte als subversiv." Sie schaut auf ihre Hände und schweigt. Nach einer Weile sagt sie, dass Ho Tschi-minh ein großer Kenner der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung gewesen sei.
"Die Leute halten mich für unpatriotisch. Aber in Wahrheit ist Bush unpatriotisch. Er müsste eigentlich abtreten. Aber das Schlimme ist, dass die Terroristen ihn stark gemacht haben. So wie die Geiselnehmer damals Jimmy Carter schwächten, den vielleicht menschlichsten, gutwilligsten Präsidenten, den wir nach dem Krieg hatten. Die Terroristen haben Reagan mächtig gemacht und jetzt Bush. Es ist ein einziges Missverständnis. Es gibt so wenig Kommunikation in der Welt."
Draußen auf der Straße laufen gut gekleidete junge Menschen durch einen sonnigen New Yorker Herbsttag, Patti Smith driftet durch die Zeiten, sie lässt sich zurückfallen. Sie schwärmt vom Chelsea Hotel, von der Energie, die es in den Sechzigern und Siebzigern in New York gab, als die Stadt noch keine Shopping Mall war, Rock'n'Roll eine ernst zu nehmende Stimme und Ruhm und Geld nicht alles, was die Menschen trieb.
"Es gab mehr Spirit", sagt sie und erzählt von einem Traum, den sie neulich hatte. "An einem bestimmten Tag zu einer bestimmten Zeit müssten alle friedliebenden Menschen auf die Straße gehen und 'No war!' rufen. Das wäre eine Massenbewegung. Es wäre die Stimme der Welt. Niemand könnte uns hindern."
Ein Aufschrei der Welt.
Der Traum gefällt Martin Luther King III., der zwei Flugstunden südlich von New York in seinem Büro sitzt. Er ist der älteste Sohn Martin Luther Kings. Er leitet die Menschenrechtsorganisation, die sein Vater gründete, hinter ihm wacht ein großes Ölbild seines Vaters, und es ist die Stimme seines Vaters, die aus ihm spricht. "Mein Vater pflegte zu sagen: ,Man kann Gewalt nicht mit Gewalt schlagen. So wie man Dunkelheit nicht mit Dunkelheit löschen kann, sondern nur mit Licht.'"
Martin Luther King III. ist der Geist der sechziger Jahre in einem winzigen, dunklen Büro in Atlanta (Georgia) im Jahr 2002.
Kann die Friedensbewegung wieder so stark werden wie in den Zeiten des Vietnam-Kriegs?
"Die Bewegung existiert noch", sagt er. "Mein Vater sagte 1968: ,Die Bomben, die wir auf Vietnam werfen, werden eines Tages zu Hause explodieren.' Das war damals wahr und ist es auch heute noch, wenn wir über den Krieg im Irak reden", sagt er. "Du erntest, was du säst."
Jesse Jackson hat auf der Friedensdemonstration in Washington Martin Luther King zitiert. Er hat unter ihm gearbeitet, er führt sein Werk fort. Aber dieser 45-jährige Mann trägt den Namen seines Vaters. Er trägt die Flamme in seinem Körper.
Auf dem Flur laufen seine Mitarbeiter im Neonlicht langsam zwischen Gummibäumen entlang. Die einzige Post, die heute kam, ist ein Paket mit einem T-Shirt, das er nicht einordnen kann. In einem Schrank stehen zwei Gandhi-Bücher und sechs verschiedene Flaschen mit neuen Sprite-Geschmacksrichtungen in exotischen Farben. Coca-Cola gehört zu den größten Sponsoren der Bürgerrechtsorganisation. Er sagt, dass sie Coca-Cola sehr dankbar sind. An der Wand hängen Anerkennungsurkunden von Universitäten aus dem Mittelwesten und ein Schreiben, das ihn als Honorarberater eines afrikanischen Königs ausweist.
Sein Name stand unter der "Nicht in unserem Namen"-Resolution. Er kann sich nicht erinnern, wann er die Resolution unterschrieben hat. Er weiß nicht mal, ob er sie überhaupt unterschrieben hat.
"Wahrscheinlicher ist, dass die Organisatoren wussten, welche Position ich habe und mich aufgenommen haben. Und das ist völlig in Ordnung. Ich war immer gegen den Krieg", sagt Martin Luther King III. und schnurrt die dazugehörigen Argumente herunter.
"Ich glaube, wenn man die Menschen wirklich mit Würde und Respekt behandelt, muss man weniger Angst vor Terrorismus haben. Weil wir die einzig verbliebene Supermacht sind, haben wir die Möglichkeit, die Welt auf einen neuen Weg zu führen. Nicht mit Gewalt, sondern mit gutem Beispiel. All die großen Reiche der Griechen oder Römer zerbrachen, als sie zu gierig wurden, zu aggressiv."
Es ist alles gesagt, und es stimmt alles. Aber es fehlt die Leidenschaft. Vielleicht auch nur der Kontext. Zu der jüngsten Demonstration in Atlanta erschienen 1000 Leute. Es waren kaum Jugendliche dabei.
Der New Yorker Rechtsprofessor Paul Chevigny hat die Petition "Nicht in unserem Namen" schon als Entwurf bekommen, irgendwann im Spätsommer. Er hat noch ein paar Striche gemacht, dann hat er sie unterschrieben.
"Es haben all die Leute daran mitgearbeitet, die in der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung groß geworden sind. Die übliche Meute. Mich und meine Frau eingeschlossen", sagt er. Er ist 64, er ist seit über 30 Jahren an der New York University und vertritt seit 35 Jahren Bürgerrechtler. "Es ist, als würden wir uns gegenseitig versichern, dass wir noch da sind", sagt er.
"Es entsteht eine neue Bewegung, aber sie ist diffuser. Es gibt keine Wehrpflicht mehr, also gibt es keine Leute, die direkt betroffen sind. Damals mussten die Männer in den Krieg, ihre Frauen hatten Angst und ihre Eltern auch. Ein Aspekt des militärisch-industriellen Komplexes ist, dass er die Wehrpflicht aushebelt. Es gibt nur noch bezahlte Befehlsempfänger."
Oliver Stone kam aus dem Krieg nach New York zurück an die Universität. Er war freiwillig nach Vietnam gegangen und mochte seine demonstrierenden Mitstudenten nicht. Sie waren die reichen, privilegierten Jungs, und sie hatten nicht gedient. Die Söhne armer Eltern waren mit ihm im Krieg gewesen. Er war verwirrt, traumatisiert. Er verhielt sich ruhig.
Seitdem hat sich einiges getan. Der Oliver Stone, der an einem Nachmittag 30 Jahre später die Bar in Midtown betritt, wirkt, als wäre er bis hierher verfolgt worden. Er spricht gehetzt, wie jemand, der kurz noch eine Botschaft hinterlassen will. Etwas, was ihn überlebt, falls er draußen später niedergeschossen wird.
"Mich erinnert das alles an Deutschland in den frühen dreißiger Jahren", sagt Stone. "Die Paranoia ist dieselbe. Und wie damals ist Wut wieder ein Argument. Die Amerikaner sind wütend, weil sie 3000 Menschen im World Trade Center verloren haben. Die Medien und die Politiker wollen keine Diskussion, sie wollen diese Wut. Aber wenn man sich Bush mit Bart vorstellt, würde er wie Hitler aussehen. Ich weiß, in einer deutschen Zeitung sollte man so was nicht sagen. Als Regisseur weiß ich: Er könnte Hitler spielen." Stone hat zwei Präsidentenfilme gemacht. "JFK" und "Nixon". Er glaubt nicht, dass man ihn noch einen drehen lässt. Es sei im Moment schwierig für ihn, überhaupt einen Spielfilm zu drehen. Er hat zwei Dokumentationen gemacht. Eine in Jerusalem für das französische Fernsehen und ein Fidel-Castro-Porträt für den Privatsender HBO. Er hat 60 Stunden mit Castro geredet, er fand ihn charmant. Er bittet, die Filme zu erwähnen, als fürchte er, sie könnten sonst verschwinden. Er hat ein Drehbuch zu einem Spielfilm über Alexander den Großen geschrieben. Eine Figur, die ihn als Analogie interessiert, weil sie den Osten mit dem Westen verbinden wollte.
Der Barkeeper empfiehlt Champagner, Stone überlegt einen Moment lang, bestellt dann Wasser.
"Ich glaube, ich habe Vietnam lange verdrängt. Es war ein komisches Gefühl damals in New York. Taub, unwirklich. Dem Land ging es extrem gut. Die Ökonomie lief auf Hochtouren, stimuliert durch den Krieg. In gewisser Weise hat sich Amerika da als selbstsüchtiges Land entblößt. Das ist das, was das Land ausmacht. Es besteht aus Stämmen von Leuten, die hierher kommen, um Geld zu machen. Dieses Land hat keinen anderen Sinn. Deswegen gehen sie auch in den Irak. Ein Bombenkrieg ist, militärisch gesehen, völliger Unsinn. Wir müssten einen Untergrundkrieg führen, die Israelis könnten uns das lehren. In dem Moment, wo sie wussten, dass Osama Bin Laden in dem Gebiet an der Grenze zu Pakistan ist, hätten sie ihn schnappen müssen. Aber sie hatten Angst, das Leben amerikanischer Soldaten zu riskieren, es wären vielleicht 50 oder 100 Tote gewesen. Das wollten sie nicht. Vietnam hat sie geschreckt, all das Totenzählen, jeden Tag die Zahlen. Die Lektionen von Vietnam waren: Lass nicht die Söhne der Mittelklasse sterben. Und: Pass auf die Medien auf. Lass sie im Dunkeln, solange es geht."
Stone hat das alles aufgesagt wie ein Gedicht. Er überlegt, ob er noch etwas vergessen hat. In diesem Moment versteht man, warum er mitmacht bei der Friedensbewegung. Er will etwas sagen, er muss. Die Medien hören ihm nicht zu, und er dreht keinen neuen Film. "Ich bin kein Aktivist. Ich gehe nicht auf die Straße und lasse mich verhaften. Ich bin Regisseur. Das ist mein Mittel, Filme machen. Schwer genug. Vielleicht mache ich künftig mehr Filme in Europa", sagt Stone und steht auf. Das Gespräch ist zu Ende.
"Man muss stark sein, sehr stark", sagt er schon nur noch zu sich selbst. Stone geht raus auf die Straße. Er rennt nicht vor seinen Feinden weg.
Am nächsten Abend läuft "Platoon" in Brooklyn. Etwa zur gleichen Zeit spricht der Bostoner Linguistikprofessor Noam Chomsky an der Harvard Kennedy School zu 2000 Leuten über die terroristische Außenpolitik der USA. Etwa genauso viele Leute mussten sie wegschicken. Am Tag zuvor sprach er in Milwaukee, in einer Arbeitergegend, vor einigen tausend Leuten. Davor in Texas, dasselbe. Er ist ein Phänomen. Er reist durch das Land und liest den Leuten vor, was die Zeitungen nicht drucken würden. Er ist ein wandernder Leitartikel. Er spricht zu jedem gewünschten außenpolitischen Thema, immer vor vollem Haus.
Chomsky ist ein kleiner, dünner Herr, mit einer Stimme, die so leise ist, dass sie der Regen, der auf Cambridge fällt, beinahe verschluckt.
"Das, was wir im Moment erleben, ist doch nicht neu. Nachdem Reagan Präsident wurde, hat er sich ganz genauso verhalten wie Bush jetzt. Er erklärte, die nicaraguanische Armee sei nur zwei Tagesmärsche von Texas entfernt."
Chomskys Rede wandert von den Achtzigern in die sechziger Jahre, von Chile nach Washington und von dort nach Israel, sie überquert spielerisch Weltmeere und Jahrhundertgrenzen, er zitiert innerhalb von drei Minuten einen Catfish-Importeur aus dem Mittelwesten, George Orwell aus einem unveröffentlichten Vorwort zu "Farm der Tiere" und einen Leitartikler der "Washington Post". Wenn man dem Mann eine halbe Stunde zugehört hat, unterschreibt man jede Petition.
Chomsky hat seine Argumente über die Auswirkungen des 11. September in einem schmalen Buch zusammengetragen. Es heißt "9-11". 250 000 Exemplare sind verkauft worden, ohne dass jemand dafür geworben hätte.
"Es gibt ein großes Bedürfnis nach Aufklärung, die Leute lassen sich auch nicht mehr alles gefallen. Diese Demonstrationen sind ohne Beispiel, sie finden ja statt, bevor der Krieg angefangen hat. Aber die Bewegung ist nicht verknüpft. Das Land ist so groß, so atomisiert. Sie sind ängstlich, weil jeder denkt, er ist für sich allein."
Chomsky versucht eine Linie zu ziehen, die seine Landsleute miteinander verbindet. Er hat keine Zeitungen zur Verfügung und keine Fernsehsender. Da ist nur er. Er macht sich auf die Reise. Er ist 73 Jahre alt und führt einen altmodischen Kampf.
Chomsky, Smith, Cohen, Stone, Earle, Schenker, Chevigny und King wirken übrig geblieben - und auch ein bisschen seltsam. Aber im Augenblick sind sie wohl die amerikanische Friedensbewegung.
Der kleine alte Herr bricht auf. Er muss noch so viele Menschen erreichen. Chomsky verschwindet im heftigen Bostoner November-Regen.
Von Alexander Osang

DER SPIEGEL 48/2002
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