25.11.2002

„Wir werden auswandern müssen“

Die Umweltkatastrophe an der Küste Galiciens vernichtet die Existenz Tausender Fischer.
Gischt spritzt gegen die Kaimauern, Meterhohe Wellen lassen die wenigen im Hafen liegenden Fischerboote einen verrückten Tanz aufführen. Auf der Mole des bei den Sommergästen so beliebten Dorfs Laxe an der Nordwestküste Spaniens stehen Kisten voller Fisch. Möwen umfliegen die Leckerbissen kreischend. Aber keiner der sonst so gierigen Räuber macht sich an dieser Nahrung zu schaffen.
Die Fischauktionshalle ist geschlossen an diesem stürmischen Novembertag, die Männer in Parka und Gummistiefeln drängen sich im winzigen Büro der Fischereigenossenschaft. Seit der Tanker "Prestige" vor der galicischen Küste leckschlug und vergangenen Dienstag schließlich gesunken ist, haben bis zu 20 000 Tonnen Schweröl aus den zerborstenen Tanks das Geschick der Menschen hier gewendet.
"Unseren Fisch will keiner mehr, nicht mal die Möwen", stellt bitter Luis Suena vom Genossenschaftsvorstand fest.
200 Mitglieder hat die Fischereigenossenschaft von Laxe. Hier wie in den Nachbarorten an der Todesküste Costa da Morte leben alle vom Meer. Die Tankerhavarie, zehn Jahre nach der letzten Ölpest vor Galicien, ist "das Schlimmste, was ich je erlebt habe", sagt der Bootseigner Suena. Seit 28 Jahren trotzt er dem Meer Fisch, Schalentiere und Muscheln ab. Sein von Sonne und Wind gegerbtes Gesicht durchfurchen tiefe Sorgenfalten.
Gerade zu dieser Jahreszeit vor Weihnachten machten die Fischer ihr Hauptgeschäft. An den Felsen beim Leuchtturm von Laxe krallen sich die Entenmuscheln mit ihren orangefarbenen Füßen in den Stein. Für diese in ganz Spanien begehrte Spezialität der Percebes erhalten sie pro Kilo an die 120 Euro. Jetzt sind die Felsen wie von schwarz glänzendem Lack überzogen, die Mollusken tot.
"Va para largo", das kann dauern, bis wieder gesunde Percebes nachgewachsen sind. Die jungen Percebesjäger sitzen wie ihre älteren Kollegen untätig in der Genossenschaftsbar und schlagen die Zeit tot mit Dominospiel und Flippern.
Vor Weihnachten, so hat die galicische Landesregierung versprochen, sollen die Geschädigten ausgezahlt werden. 30 Euro pro verlorenen Tag für die Fischer, 21 für Bootseigner wie Suena. "Armselig", sagt der kleine stämmige Mann im handgestrickten grünen Pulli, "wenn wir wochenlang nicht fischen dürfen, gehen wir Pleite."
Mindestens 3000 Arbeitsplätze sind schon verloren gegangen, auf 90 Millionen Euro Verdienstausfall kommen allein die Fischereigenossenschaften an der Todesküste.
Einen Tag und eine Nacht lang haben deshalb die meisten der 3000 Bewohner von Laxe geschuftet, um die Hafeneinfahrt von der zähen schwarzen Masse zu befreien. "Wir hätten die Dorfstraßen damit teeren können", sagt Suena mit trockenem Witz. Vier Tonnen Ölschlamm haben sie zusammengekratzt.
Am achten Tag nach der Tankerhavarie besuchte endlich Umweltminister Jaume Matas die verzweifelten Fischer. Er versprach 42 Millionen Euro zur Beseitigung der Schäden und meinte heiter, in einem halben Jahr sei alles vergessen.
Da können die Männer und Frauen in der Bar nur Hohn lachen. "Uns geht's wie den Bauern mit den vacas locas", sagt Carmen, die im Hinterland der Costa da Morte aus ihrem kleinen Caravan Fisch verkauft. So wie keine Hausfrau mehr Fleisch holte, als die Zeitungen täglich über neue Fälle von Rinderwahn in galicischen Bauernhöfen schrieben, habe jetzt keiner Appetit auf Fisch. Um vier Uhr früh war Carmen 100 Kilometer weit bis auf den Großmarkt von La Coruña gefahren, um sich mit bester Ware einzudecken. Doch ihre Kunden nahmen kaum etwas ab.
"Wir werden die Koffer packen müssen und auswandern", sagt der Percebeiro Juan resigniert im Dorf Camelle, das für seinen feinsandigen weißen Strand bekannt ist. Seine Vorfahren betrieben schon das gefährliche Gewerbe mit den Entenmuscheln, der Großvater und ein Onkel ließen für die kostbare Beute ihr Leben. Jetzt liegt ein halber Jahresverdienst verklumpt unter einer zähen Schlammdecke.
Juan, 45, und sein älterer Bruder haben während früherer Krisenzeiten im fernen Bremerhaven malocht. Aber jetzt, so vermuten die Fischer, werden sie auch da keine Arbeit mehr finden. "Uma tristeza", murmelt der Vater von drei kleinen Kindern, "zum Heulen". Seit der Schlamm ihre Existenz zerstört hat, haben die Fischer untätig zusehen müssen, wie die Behörden sie im Stich lassen.
Keiner der von der Regierung abgestellten 150 Soldaten ist hier aufgetaucht. Nur fünf Männer unter Leitung des Zivilschutzes pumpen endlich am Mittwochmorgen stinkenden Brei aus Öl und Sand in einen auf der Mole geparkten Zisternenwagen. Bald jedoch verschwinden die Helfer. Abends stehen die orangefarbenen Blechtonnen, bis zum Rand mit dem giftigen Schlamm gefüllt, am Kai. Um zu verhindern, dass der mit 110 Kilometern Windgeschwindigkeit tobende Sturm die Kanister wieder ins Meer reißt, schafft sie schließlich der Patron der Genossenschaft weg. Wohin die hochtoxische Substanz entsorgt wird, bleibt unklar.
Jugendliche aus Camelle suchen täglich zwischen den ölgelackten Felsen nach kranken Vögeln. Auf die verlockend glänzenden, fetten Öltümpel im gelben Sand setzen sich gern Möwen. Ihre Brustfedern sind verklebt. Verzweifelt versuchen sie sich mit dem Schnabel zu reinigen und schlucken dabei das tückische Gift.
Helfer der Umweltschutzbehörde Galiciens bringen verletzte Tiere bis hinter La Coruña in ein kleines Haus inmitten grüner Wiesen. Dort hat der Tierarzt Pascual Calabuig eine Notstation für die von der Ölpest bedrohten Vögel eingerichtet.
Calabuig, der eigens eingeflogene Leiter der Tier-Rettungsstation auf Gran Canaria, und sein galicischer Kollege Pablo Teixeiro versuchen die über 200 Tordalke, Basstölpel, Kormorane, Gimpel und Möwen zu säubern und mit Vitaminspritzen und Fischbrei wieder aufzupäppeln. Höchstens fünf Prozent der kranken Vögel werden gefunden, schätzt Calabuig. Fast die Hälfte der an Galiciens Küsten lebenden Vögel, so der Wissenschaftler, "sind dem Tode geweiht".
Und das Schlimmste für Tiere und Menschen ist möglicherweise noch gar nicht eingetreten. Denn im Unglückstanker, der 130 Seemeilen vor Galiciens Westküste auf dem Meeresgrund liegt, stecken noch an die 60 000 Tonnen Schweröl. Zwar beruhigte der Landesvater Galiciens, der greise ehemalige Tourismusminister von Diktator Franco, Manuel Fraga, seine Untertanen, das Öl werde in der Kälte verklumpen, "nix wird mehr geschehen".
Und doch spekulieren die Fischer an den Hafenmolen der Todesküste, was passieren könnte, wenn die restlichen Tanks des altersschwachen Schiffs bersten. Wenn der schwarze Tod die fischreichen Rías Baixas überzieht und der Ölteppich gar bis nach Portugal treibt, verlieren Zehntausende Familien ihre Existenz.
"Wir hoffen auf die Gunst der Winde, wie schon vor Jahrtausenden", sagt der Fischer Suena in Laxe und blickt gelassen in den Sturm hinaus. "Wir sind so ruhig geblieben, weil wir noch gar nicht wissen, was auf uns zukommt." HELENE ZUBER
Von Helene Zuber

DER SPIEGEL 48/2002
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