25.11.2002

„Gott musste auf mich kommen“

Der britische Popstar Robbie Williams über Entertainment in den Zeiten von Kriegsangst und Terror, das komplizierte Verhältnis zu seiner neuen Wahlheimat USA und sein nun erschienenes Album „Escapology“
SPIEGEL: Mr. Williams, Sie wirken, als wären Sie auf der Flucht: Sie sind nach Los Angeles umgezogen, nennen Ihr neues Album "Escapology", was in etwa "die Kunst, sich zu befreien" heißt, und sollen sogar einige Songs komplett nackt aufgenommen haben. Müssen wir uns Sorgen machen?
Williams: Sie haben mich erwischt! Tatsächlich war es mein Plan, Robbie Williams loszuwerden. Ich konnte und wollte diese anstrengende Rolle nicht mehr spielen. Also zog ich nach Los Angeles, um mir erst mal freizunehmen. Ich hatte vor, ein Best-of-Album zu veröffentlichen und das Kapitel Robbie Williams abzuschließen. Ich wollte einer
Band beitreten. Oder selbst eine gründen. Meinen Namen ändern. Egal, auf jeden Fall etwas komplett Neues anfangen.
SPIEGEL: Und dann haben Sie doch den Weg in ein Studio gefunden, alle Kleider von sich geworfen und den Spaß an Ihrem alten Ego wiederentdeckt?
Williams: Unbekleidet zu sein ist doch was ganz Natürliches - das hat mir geholfen, ohne Druck und nur für mich Musik zu machen, bis meine gute Laune zurückkehrte. Was ist falsch an Nacktheit? Sie haben hier doch dieses Magazin namens "Bravo", in dem jede Woche jede Menge nackte Teenager abgebildet sind, ganz ohne Tabu-Getue. Außerdem: Ich habe in Ihre Saunen gesehen! Die Menschen in deutschen Saunen sind so nackt wie überall. Warum also sollte man nicht in diesem entspannten Zustand Musik machen?
SPIEGEL: Viele der von Ihnen selbst verfassten Songtexte des neuen Albums zeugen außer von Ihrem Humor auch von einer gesunden Selbstkritik: Die schöne Zeile "You''re not as stupid as I look" kann als Kommentar zum Cover verstanden werden, wo Sie wie ein Ersatz-Christus mit ausgebreiteten Armen in der Luft über Los Angeles hängen.
Williams: Sie finden, ich sehe wie Jesus aus?
SPIEGEL: Im CD-Booklet gibt''s jedenfalls ein weiteres Foto, das Sie mit einem Leuchtröhren-Heiligenschein zeigt.
Williams: Sie haben übersehen, dass es mehr als eine Leuchtröhre auf dem Foto gibt: Wenn Sie Recht hätten, dann würde der größte Heiligenschein meinen Penis umstrahlen. Ich weiß: Dafür gäbe es gute Gründe.
SPIEGEL: Könnte es sein, dass der Fluchtreflex, der Sie und die schönen Pop- und Rock-Balladen von "Escapology" antreibt, vor allem dem Erwachsenwerden gilt? Möchten Sie gern für immer der Knabe Robbie Williams bleiben?
Williams: Vielleicht haben Sie Recht, und es handelt sich um eine Flucht vor der Verantwortung. Vielleicht ist es aber auch eine Rettung vor dem Suizid, weil man andernfalls sein Leben und den Zustand der gegenwärtigen Welt manchmal einfach nicht mehr ertragen könnte.
SPIEGEL: Sie haben als 16-Jähriger in der schnell erfolgreichen Boyband Take That angefangen, sind nach dem Abschied von den Jungs böse abgestürzt und halten sich heute, so beteuern Sie, von Drogen und Alkohol fern. Lernt man irgendwann doch, mit den Tücken des Ruhms umzugehen?
Williams: Nein. Es ist ein nicht endender Kampf. Erst tust du alles, um nach vorn zu kommen. Und dann muss man sich anstrengen, den ganzen Wahnsinn zu überleben.
SPIEGEL: Menschen, die alles tun, um nach oben zu kommen, sieht man im Fernsehen in höchst erfolgreichen Pop-Talentshows wie "Popstars", die in Deutschland Retorten-Bestseller wie die No Angels oder Bro''Sis hervorgebracht haben. Wie finden Sie diese TV-Shows?
Williams: Ganz schlimm. Wer da durch muss, hat nichts zu lachen. Ich weiß, wovon ich rede, weil ich Ähnliches mitgemacht habe, als ich damals bei einem Casting für Take That angenommen worden bin: Du gewinnst so was und bist fast auf einen Schlag berühmt. Von null auf hundert bekannt zu werden ist die irrste Bewusstseinsexplosion, die man sich nur vorstellen kann. Aber was kommt dann? Eine Welt, in der du belächelt, beschimpft und wie Dreck behandelt wirst.
SPIEGEL: Klingt Mitleid erregend. Und wie erklären Sie sich diese Attacken?
Williams: Die meisten Menschen sind auf den Erfolg anderer neidisch, lassen Sie sich das von einem bevorzugten Neidobjekt sagen. Sehen Sie diesen "Popstars"-Gewinnern genau in die Augen - und Sie sehen, dass die alle verdammt unglücklich sind. Diese Shows sind die Hölle, die totale Überforderung.
SPIEGEL: Heißt das, Sie würden den Kandidaten raten, es lieber bleiben zu lassen?
Williams: Nein, um Gottes willen! Ich kenne das ganze Elend - aber ich würde es jederzeit wieder machen. Also lautet mein Rat: Seid tapfer! Und viel Glück - auch wenn der Kampf niemals aufhören wird.
SPIEGEL: Im Grunde könnten doch gerade Sie sich nun ein paar Momente lang entspannt zurücklehnen: Sie haben vor kurzem einen der höchst dotierten Plattenverträge der Popgeschichte über eine Summe von angeblich 80 Millionen Pfund abgeschlossen. Beruhigt das nicht ungemein?
Williams: Okay, ich war eine halbe Stunde lang sehr erschrocken - und fragte mich, wie ein 80 Millionen Pfund teurer Musiker sich künftig verhalten muss. Aber dann hab ich mir gesagt: Ich hebe mir das Geld für all meine zukünftigen Ex-Gattinnen auf und tue einfach so, als hätte ich einen Vertrag über zwei Pfund abgeschlossen. Seither bin ich verdammt gut gelaunt. Im Übrigen war mein neues Album "Escapology" fertig, bevor ich meine Unterschrift unter diesen Vertrag gesetzt habe. Und auf die Platte bin ich so stolz, dass mir nichts mehr Angst einjagen kann.
SPIEGEL: Die Musikkritiker sind ja auch des Lobes voll - und tragen trotzdem zwei schwere Bedenken vor. Das erste heißt: Wird Robbie Williams je wieder so wunderbare Melodien wie auf diesem Album singen können, das die letzte Zusammenarbeit mit seinem langjährigen Songwriting-Partner Guy Chambers markiert, dem Komponisten von Hits wie "Angels"?
Williams: Es betrübt mich nicht nur, dass diese Kerle offenbar glauben, Robbie Williams allein kriege keine brauchbaren Songs zu Stande - es macht mich sogar sehr, sehr wütend. Warum tun die so, als hätte ich bei meinen eigenen Alben bisher nur eine Nebenrolle gespielt? Auf den Covern stand jedenfalls groß mein Name drauf und nicht der von Guy Chambers, und um zu bemerken, welchen Anteil ich am Schreiben der Lieder hatte, muss man sich nur mal die Guy-Chambers-Songs anhören, die er ohne mich verfasst hat. Ich sage nicht, dass die schlechter sind. Sie sind anders. Ich finde es ziemlich erniedrigend, dass für manche Kritiker nach all meinen Erfolgen immer noch nicht bewiesen ist, dass ich selber über künstlerische Kraft verfüge.
SPIEGEL: Geht es Ihnen ein bisschen wie einer langbeinigen Blondine, die eine brillante Atomphysikerin ist und trotzdem ihren Kollegen immer aufs Neue beweisen muss, was sie drauf hat?
Williams: Tolles Kompliment! Vielen Dank auch!
SPIEGEL: Entschuldigung. Was wir sagen wollen, ist: Es hängt Ihnen bis heute nach, dass Sie Ihre Karriere in der Boyband Take That gestartet haben, deren Mitglieder unter anderem wegen Ihres Aussehens ausgewählt wurden.
Williams: Das stimmt, und doch wurmt es mich, wenn ich wieder mal so eine höhnische Schlaumeier-Musikkritik lesen muss, in der daran gezweifelt wird, ob ich wirklich einen Song schreiben kann.
SPIEGEL: Kommen wir zum zweiten Einwand gegen Ihr neues Album: Viele Songs seien Ranschmeiße an den amerikanischen Musikgeschmack, weil Sie derzeit zwar ein Superstar in Europa sind, aber den großen Durchbruch in den USA nicht geschafft haben. Hüpfen Sie deshalb im Video zum Song "Feel" als Cowboy mit der Schauspielerin Daryl Hannah durch die Wüste?
Williams: Totaler Blödsinn. Was bitte ist der amerikanische Musikgeschmack? Ich habe gerade beinahe ein Jahr in den USA gelebt und trotzdem nicht die geringste Ahnung, wie eine Platte, die in Amerika erfolgreich sein soll, klingen muss. So wie der Rock''n''Roll von Linkin Park? Oder wie der Rhythm''n''Blues von Missy Elliott? Ich weiß es nicht. Nichts auf dem neuen Album wurde geschrieben mit Amerika im Kopf.
SPIEGEL: Ulkigerweise wurde Ihnen die Sucht nach Erfolg in den USA auch unterstellt, als Sie vor einem Jahr "Swing When You''re Winning", Ihre Hommage an Frank Sinatra und das Rat Pack, herausbrachten. Dabei ist die Platte auf dem US-Markt bis heute nicht erschienen - in Europa aber schaffte sie eine Millionenauflage. Wie erklären Sie sich diesen Erfolg?
Williams: Ich fand es selbst unfassbar, aber die Songs von Sinatra und Dean Martin sind einfach wundervolle Musik. Und vielleicht wartete Gott nur auf einen geeigneten Kandidaten, der diese Musik wieder einem großen Publikum zuführt. Er musste dabei auf mich kommen. Ich habe diese Lieder von Kind auf geliebt. Sie liefen zu Hause und im Pub meiner Mutter. Ich kenne jeden Ton und jeden Text der großen Hits der Swing-Ära. Es muss eine tolle Zeit gewesen sein damals: glamourös und unschuldig. Und so waren diese Songs.
SPIEGEL: Gehört Ihr Herz eher Sinatra oder Dean Martin?
Williams: Dean war der Don! Frank Sinatra hatte eine sagenhafte Stimme, aber er war immerzu sehr angespannt. Dean Martin war ein toller Sänger, hatte Witz und war total relaxt. Ich liebe Sinatra, aber ich vergöttere Dean Martin.
SPIEGEL: Auch Sie haben den Ehrgeiz, Witz auf der Bühne zu zeigen. Wird es in Zeiten der globalen Ängste und des Terrorismus schwieriger, den Spaßvogel zu geben?
Williams: Ganz im Gegenteil. In düsteren Zeiten wie diesen braucht man Humor zum Überleben. Es sind perfekte Tage für Spaß und Showbusiness, wenn die Menschen unterhalten werden wollen, um zu vergessen, wie grau es da draußen ist.
SPIEGEL: Haben Sie selbst Angst?
Williams: Natürlich habe ich Angst. Jeden Tag. Wenn ich einen Flughafen betrete, im Flugzeug sitze oder sonstwie unterwegs bin, habe ich Angst. Auf der Bühne nicht, woran man sieht: Auch ich brauche Ablenkung durch Entertainment.
SPIEGEL: Ihr Vater arbeitet als Comedian. Hat er Ihnen je Ratschläge gegeben, was gutes Entertainment ausmacht?
Williams: Jeder seiner Auftritte ist eine Lek-
tion. Aus jeder seiner Bewegungen und Pointen habe ich gelernt. Aber ich habe auch bei vielen anderen Profis und Künstlern geklaut. Im Grunde bei allen - bei Freddie Mercury, Axl Rose und Tina Turner, bei Mick Jagger, David Bowie und Dean Martin. Ich habe mir bei allen Guten etwas abgeguckt und meine eigene Masche daraus entwickelt.
SPIEGEL: Was macht gutes Entertainment aus?
Williams: Die hohe Kunst, dich aus der Gegenwart an einen magischen Ort zu transportieren, auf den du nicht vorbereitet warst und den du erst wirklich kapierst, wenn du ihn wieder verlassen hast. Unterhaltung ist für mich aber auch, in einem Coffeeshop in L. A. zu sitzen, andere Menschen zu beobachten und dabei selbst nicht erkannt zu werden. Das ist das Allergrößte.
SPIEGEL: Es heißt hin und wieder, Sie wollten Filmstar werden. Haben Sie in Los Angeles schon Schauspielunterricht gehabt?
Williams: Keine Minute. Hatte ich auch nie vor. Und bevor Sie weiterfragen: Nein, ich wollte und will nicht als James Bond auftreten. Ich liebe 007, aber ich schau mir die Filme lieber an, als da auch noch mitzumischen. Mein Leben ist turbulent genug. Danke sehr.
SPIEGEL: Was tun Sie dann in Ihrem Anwesen in den Hollywood Hills, wenn Sie nicht gerade eine Platte produzieren?
Williams: Ich tue absolut nichts. Diesen Luxus hatte ich nicht, seit ich mit 16 bei Take That einstieg. Dabei war zum Beispiel das frühe Aufstehen für mich immer eine Katastrophe. In Los Angeles konnte ich jetzt immer irgendwann am Nachmittag aus dem Bett rollen. Nach und nach habe ich begriffen: Das Nichtstun ist eine Kunst, die man lernen muss. Aber ich habe es darin während der vergangenen Monate fast zur Perfektion gebracht.
SPIEGEL: Gab''s zwischendurch irgendwelche Ausflüge zu berühmten Nachbarn?
Williams: Ab und zu habe ich die Hunde ausgeführt. Und ich war auf einigen glamourösen Partys, wie man das halt so macht, wenn man in L. A. wohnt. Ansonsten blieb ich zu Hause.
SPIEGEL: Könnte es daran liegen, dass Sie in L. A., der Stadt ohne Bürgersteige, keinen Führerschein besitzen? Haben Sie sich für Fahrstunden angemeldet?
Williams: Das wird nichts. Ich bin enorm kurzsichtig. Glauben Sie mir: Es ist für die Gesundheit meiner Mitmenschen besser, wenn ich das Autofahren sein lasse.
SPIEGEL: Ist es wirklich so viel besser, in einem Land zu leben, in dem man nicht an der Spitze der Hitparaden steht und in dem einen kaum wer auf der Straße erkennt?
Williams: Was ich in den USA wirklich vermisse, sind die Fußball-Übertragungen im Fernsehen. Natürlich denkt der Entertainer Robbie Williams, es wäre eine Schande, den Amerikanern etwas so Tolles wie seine Kunst vorzuenthalten. Der Privatmann Robbie Williams dagegen wünscht sich, seine Kinder an einem Ort aufzuziehen, wo seine Familie ihre Ruhe hat, weil keiner weiß, wer er ist. Und da wäre Amerika schon ideal im Vergleich zu dem Wahnsinn, dem ich in England ausgesetzt wäre.
SPIEGEL: Sie wünschen sich Kinder?
Williams: Natürlich will ich Kinder. Und ich möchte ein richtig guter Vater sein und nicht ein Popstar, der auch Kinder hat.
SPIEGEL: Sie werden also einen sehr langen Erziehungsurlaub nehmen?
Williams: Darauf können Sie wetten. Schon jetzt brüllt der Teil meines Verstandes, in dem die Vernunft beheimatet ist, immer lauter: Robbie, hör endlich auf mit dem Popstar-Mist. Aber noch antwortet mein Ego genauso laut: Gib mir mehr von dem Wahnsinn!
SPIEGEL: Mr. Williams, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Gespräch führten Mitarbeiter Christoph Dallach und Redakteur Wolfgang Höbel. * Nicole Kidman.
Von Christoph Dallach und Wolfgang Höbel

DER SPIEGEL 48/2002
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