02.12.2002

VÖLKERMORDTage des Gerichts

In nur 100 Tagen wurden 1994 in Ruanda 800 000 Menschen umgebracht. Weil ein Uno-Tribunal bisher nur acht Angeklagte verurteilt hat, richten nun Laien in Dorfpalavern über 100 000 mutmaßliche Verbrecher - im Namen von Gerechtigkeit und Versöhnung. Von Alexander Smoltczyk
Singend und tanzend sind die Völkermörder den Hügel heraufgekommen, sie haben im Rhythmus geklatscht, stampften mit den Füßen und haben Pappschilder über sich gehalten: "Verzeihen ist besser als Gerechtigkeit!"
Und jetzt sitzen sie vor ihm.
Es ist ein langer Zug gewesen von kahl geschorenen Männern, gewiss einige hundert, und ihre selbst geschneiderten, rosafarbenen Spielanzüge stachen ab vom Lehmstaub der Straße und dem Grün der Bananenbäume. "Dir mein Gott, sei unser Werk" haben sie gesungen und sind immer lauter geworden, je näher sie der Kuppe des Hügels kamen. Da warteten schon die Dorfbewohner. Im Kreis aufgestellt und stumm.
Recht, so hat es Jean Marie Mbarushimana in seinen Seminaren gelernt, Recht sei die Kunst des Guten und Gleichen. Recht habe zu tun mit Regeln, Talaren und Räumen, in die kein Lärm von außen dringt. Wenn seine Professoren ihn jetzt sehen würden.
Mbarushimana ist ein großer, gut aussehender Mann mit dem Auftreten eines Südstaatenpredigers. Damals, im April 1994, als das Töten oberste Bürgerpflicht für Hutus war, konnte er über die Grenze nach Burundi flüchten, später studierte er in Kanada. Heute ist er Oberstaatsanwalt in Butare, einer Provinz im Süden des Landes, und jetzt, in diesem Augenblick, steht er allein auf der fest gestampften Kuppe eines Hügels, in weitem Abstand von ihm anderthalbtausend Menschen, meist Frauen und Alte, unter Sonnenschirmen, die ihn anstarren, einige hundert Kahlgeschorene in Pink, die ihn ebenfalls anstarren - und die ihn damals ohne Zögern erschlagen hätten. In der Hand hat Mbarushimana ein Mikrofon, über sich den leeren, brennenden Himmel. Ein Kind greint, ein Handy piept.
"Es ist jetzt acht Jahre her", fängt er an. "Wir müssen uns versöhnen. Es gibt kein anderes Land. Wir können nicht woanders leben."
Er hat eine Stunde Zeit. Er spricht schnell und beginnt in der Arena herumzulaufen wie ein Dompteur. Er hat die Kahlgeschorenen herüberkommen lassen. Zum ersten Mal haben sie ihr Lager verlassen dürfen. Die Männer warten seit acht Jahren auf ihren Prozess.
"Génocideurs" werden sie genannt, Völkermörder. Ihre Wächter tragen Kalaschnikows und Gummistiefel. Es sind nicht viele Wächter. Die Männer wehren sich nicht. Sie sind wie Schlachtvieh.
Schlacht-Vieh. In den 100 Tagen "Hutu-Power", im Frühjahr und Sommer 1994, sind die Tutsi wie Ungeziefer durch die Straßen gejagt worden, erschlagen auf Anweisung der Regierung. Die Hutu-Power wollte ein für alle Mal Schluss machen mit der anderen Kaste. "Kakerlaken", hatte es geheißen. "Macht ordentliche Arbeit", hatten sie im Radio gesagt, und alle wussten, was gemeint war. Geschätzte 800 000 Tote, darunter auch jene Hutu, die sich geweigert hatten mitzumachen.
"Ruander! Es gibt nur diesen einen Boden, auf dem die Familien der Mörder mit denen der Ermordeten zusammenleben müssen", sagt Mbarushimana. "Wenn ihr immer nur an eure toten Eltern denkt, seid ihr euren Kindern schlechte Eltern."
Er weiß, dass unter den Gefangenen auch einer ist, dem sie im Zentralgefängnis manchmal ein Fünf-Francs-Stück unter den Teller legen. Um ihn zu ärgern. Mbarushimana kann die Geschichte nicht vergessen.
Der Mann war Milizionär. Er war zu einer Tutsi-Familie gegangen, um sie zu erschlagen. Zuerst konnte der Vater seine Familie freikaufen. Er gab 20 000 Ruanda-Francs, 125 Euro, beim zweitenmal 10 000. Dann hatte er kein Geld mehr und wurde erschlagen. Die Milizleute zerhackten auch die Mutter, die Großeltern, die Brüder.
Dann rief die sechsjährige Tochter, sie hätte noch Geld. Ganz viel Geld. Sie rannte ins Hinterzimmer. Da hatte sie ihre Ersparnisse versteckt.
Das Mädchen kam zurück und hielt dem Mann mit der Machete ein Fünf-Francs-Stück hin. Das war alles, was sie hatte. Zusammengespart für Bonbons. Oder Buntstifte. Für sie war das viel Geld. Und der Milizmann?
Erschlagen hat er sie. Mbarushimana peitscht mit dem Mikrofonkabel auf den Lehmboden. In Ruanda gibt es Geschichten, die möchte man gar nicht aufschreiben. Aus Angst, die Welt zu beschädigen. Er hört sie jeden gottverfluchten Tag in seinem Büro. Er trägt sie ein in Formulare, auf denen neun Zeilen freigelassen sind für das Verbrechen, darunter der Hinweis: "Bei Bedarf die Rückseite benutzen".
Nicht an die Geschichten denken. Einfach weiterreden: "Ihr Gefangenen - gesteht! Und ihr Überlebenden - versucht zu verzeihen. Schreit euch nicht an. Verletzt nicht das Herz der anderen. Deswegen machen wir jetzt Gacaca."
Ga-tscha-tscha. Es ist das ehrgeizigste, das größte, das unmöglichste Unternehmen in der Rechtsgeschichte. In jedem Dorf ein Kriegsverbrechertribunal. 10 000 kleine Nürnbergs. Das Volk selbst soll richten, soll seine Bananenhaine im Stich lassen, in jedem größeren Dorf 19 "Intègres" zu Richtern wählen und einmal pro Woche den Genozid verhandeln. Davon muss Mbarushimana die Leute auf dem Platz überzeugen. Denn es war auch seine Idee.
Ob sie gut ist, weiß er nicht. Es gibt nur keine andere.
"Wir haben", ruft er jetzt über den Platz, "100 000 Menschen in den Gefängnissen. Wir können sie nicht alle umbringen, es gibt schon genug Tote. Die ordentlichen Gerichte würden 120 Jahre brauchen, um allen einen Prozess zu machen. Deswegen machen wir Gacaca. Dein Anwalt ist dein Nachbar, dein Staatsanwalt ist dein Nachbar, und dein Richter ist ebenfalls dein Nachbar!"
Niemand klatscht. Alle warten. Manche winken einem Gefangenen zu. Andere starren die Kahlgeschorenen nur an. Es war ein demokratischer Genozid. Professoren beteiligten sich und Putzfrauen auch. Fast alle. Und sei es, dass sie einen Flüchtling verrieten. "Eigentlich", sagt Mbarushimana später, "brauchten wir eine kollektive Therapie. Eine Gehirnwäsche."
Ruanda war früher deutsche Kolonie. Das Land ist in knapp 10 000 Zellen aufgeteilt, in Sektoren und Distrikte. Für jedes Gacaca müssen die Richter mindestens 100 Vertreter des Volks versammeln. Damit wären 1,1 Millionen Bürger einen Tag der Woche mit Rechtsprechung und Wahrheitsfindung beschäftigt. Das sind 13 Prozent der Bevölkerung. Es kann nicht funktionieren.
"Es muss. Es ist schon ein Erfolg, wenn die Leute anfangen, vom Genozid zu reden. Erst muss die Stille gebrochen werden. Die Versöhnung kommt später."
Einige Männer stehen jetzt in der Mitte des Platzes. "Groupe de la Vérité", "Wahrheitsgruppe", nennen sie sich. Sie trommeln auf selbst gebauten Schlagzeugen, singen im Wechselgesang, verzückt und ausgelassen, und auch sie tragen Pink, auch sie sind Gefangene. Jeder Einzelne kann Kinder wegen eines Fünf-Francs-Stücks enthauptet haben, geschändet, geschlachtet, gemartert - es ist die Völkermörder-Band von Butare, jetzt singen sie: "Ruanda, das Land des Friedens und der Versöhnung! Gacaca, das ist Strafe und Verzeihen - Strafe und Verzeihen. Wir sind gekommen, die Wahrheit zu sagen. Und ihr verzeiht!", kräht der Vorsänger, strahlend wie ein Prediger in Harlem; "verzeiht, verzeiht" echoen die Mörder im Hintergrund.
Oberstaatsanwalt Mbarushimana schaut auf die Tänzer, die mitklatschenden Männer in Pink, das weite Rund der Frauen. Er sagt: "Dieses Land ist krank, krank, krank."
Es war kein industrielles Morden, eher ein agrarisches. Die Menschen wurden mit Feldgeräten umgebracht. Mit Macheten zerstückelt, sie waren von der Regierung vorher containerweise aus China importiert worden, erstochen mit Eisenstäben, Messern, Klingen, mit Nagelkeulen erschlagen oder in Kloaken, Flüssen, Brunnen ertränkt.
In Butare hatte sich die Vernichtung zunächst verzögert. Der alte Präfekt hatte sich geweigert, seine Untertanen umzubringen. Er wurde abgesetzt, verhaftet und ist nie wieder aufgetaucht. Die Regierung schickte Kommissare in den Süden, um die Arbeit zu machen. Darunter auch die Ministerin für Familien- und Frauenangelegenheiten.
Sie erschien Mitte April 1994 in Butare. Es gibt einen Bericht von "Human Rights Watch", und es gibt Zeugenaussagen; danach habe jene Ministerin die Milizen auf Flüchtlinge und alle Frauen gehetzt, die Schutz bei ihr gesucht hätten. Sie habe auch die jungen Mädchen für Vergewaltigungen ausgesucht, habe Bier für die Soldaten besorgt und Benzin für die Scheiterhaufen danach. Mindestens einmal, so heißt es, habe sie vor den Vergewaltigungen Kondome verteilt. Denn sie war immer noch Familienministerin. Die Leute in Butare nannten sie nur bei ihrem Vornamen: Pauline.
Pauline Nyiramasuhuko sitzt rund 800 Kilometer Luftlinie von ihrer Heimat Butare entfernt, nahe am Kilimandscharo. Sie ist 56 Jahre alt, sieht jünger aus und trägt ein goldenes Kreuz um den Hals. Sie sieht aus wie eine gelernte Sozialarbeiterin, ihren Sohn hat sie den Namen Shalom gegeben.
Pauline Nyiramasuhuko ist zusammen mit ihrem Sohn Shalom angeklagt vor dem Uno-Kriegsverbrechertribunal in Arusha, im Nordosten Tansanias. Die Dame mit dem Goldkreuz wird des Völkermordes beschuldigt, des Kriegsverbrechens und der Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Wohl nie zuvor ist einer Frau eine solche Anklage gemacht worden. Unter anderem ist sie angeklagt, zur Massenvergewaltigung von Tutsi-Frauen aufgerufen zu haben.
Arusha ist eine Stadt voll Diesel, Staub und Blütenduft, Safari-Landrovern und Massai als Parkplatzwächtern. Seit 1996 arbeitet hier der Internationale Strafgerichtshof für Ruanda, das Pendant zum Haager Gerichtshof. In Den Haag geht es um 260 000 Tote, in Arusha um 800 000. In Jugoslawien hat das Morden neun Jahre gedauert, in Ruanda 100 Tage.
Das Uno-Strafgericht soll die Verantwortlichen der Verbrechen von 1994 zur Rechenschaft ziehen, die Hintergründe aufdecken. Das Problem: Es gibt keinen Hitler, keinen Milosevic. Es gibt sympathische Sozialarbeiterinnen mit Goldkreuz und fröhlich tanzende Génocideurs.
Zurzeit verhandeln die drei Kammern gegen Offiziere, Medienleute und gegen die Verantwortlichen aus Butare. Gegen 80 mutmaßliche Verantwortliche des Völkermords ist Anklage erhoben worden. Es hätten auch 800 oder 8000 sein können. 60 von ihnen konnten festgenommen werden. Darunter auch Pauline Nyiramasuhuko und ihr Sohn. Shalom sitzt einige Stühle von ihr entfernt neben seinem Anwalt. Er ist dicklich und tippt auf einem Laptop herum.
Damals hatte er sein Studium abgebrochen und war Chef der Milizen in Butare. Er war eng mit seiner Mutter. Er tat, um was sie ihn bat. Auch an jenem Tag, als Zeugen sie sagen hörten: "Bevor ihr die Kakerlaken-Mädchen umbringt, vergewaltigt sie."
Der Prozess läuft seit dem 12. Juni 2001. Im klimatisierten Sitzungssaal sitzt der Richter, ein phlegmatischer Tansanier, neben ihm seine Mitrichter aus Lesotho und Madagaskar, davor die Reihen der Gerichtsschreiber, Stenografen und Gerichtsdiener. Oberstes Gebot ist: "Die Richter müssen die international akzeptierten Normen eines fairen Prozesses gründlich und gewissenhaft beachten, mit vollem Respekt für die Rechte des Angeklagten."
So wird jedes "Euer Ehren" in die drei Gerichtssprachen hin und her übersetzt, Englisch, Französisch, Kinyaruanda. An der Decke bewegen sich, unsichtbar gesteuert, fünf Kameras. Unter www.ictr.org kann dem Prozess weltweit gefolgt werden. In Ruanda weiß kaum jemand, was gerade in Arusha verhandelt wird.
Neben den Angeklagten sitzen ihre Verteidiger, junge gut frisierte Männer aus Paris und afrikanische Advokaten, deren Schuhwerk die Nähe zur Macht anzusehen ist. Jede Verteidigerstunde wird mit bis zu 125 Dollar abgerechnet.
In den sieben Jahren seiner Arbeit in Arusha hat das Tribunal acht Festgenommene verurteilt, darunter den ehemaligen Premierminister. Ein Angeklagter wurde freigesprochen. Bisher sind 548 Millionen Dollar ausgegeben worden. Das sind 61 Millionen Dollar pro Urteil.
Pauline Nyiramasuhuko schweigt. Sie schüttelt manchmal lächelnd ihr gepflegtes Haupt, wispert etwas zu ihrer Anwältin, schreibt sorgfältig mit und wirkt auch sonst, als säße sie in einer Fortbildung über Familienplanung. Soeben hat die geladene Zeugin der Anklage erklärt, sie fühle sich heute nicht wohl, und so wird die Sitzung wieder einmal vertagt.
Die Angeklagten werden ins Untersuchungsgefängnis zurückgebracht. Auch diese Einrichtung wird nach Uno-Standard geführt. Es gibt Fitnessgeräte für die Génocideurs, Sprachunterricht, gemeinsame Gottesdienste und Vorlesungen über klassische Musik. Internationales Strafrecht ist die Kunst, es allen recht zu machen.
Die 872 Mitarbeiter des Arusha-Tribunals kommen aus über 80 Ländern, ein deutscher ist nicht dabei. Es ist schwer, hoch qualifizierte Juristen für ein Tribunal im toten Winkel der Welt zu finden. Viele kommen aus Kanada und Australien. Gebiete, in denen man Kriege und Völkermorde heute nur aus Büchern kennt.
Den Juristen ist es verboten, nach Ruanda zu reisen. Sie sollen neutral bleiben. Sie wohnen in blütenduftenden Compounds und treffen sich abends bei "Stiggy's & George" zum Essen. "Oh, Sie waren bei den Gacaca?", fragt eine weiße Frau in Stiff-upper-Lip-Englisch. "Ist es nicht eine gespenstische Veranstaltung? Keine Verteidiger, keine Kreuzverhöre, keine Prozessordnung?"
Die Frau heißt Diane Ellis. Sie ist eine der Verteidigerinnen in der 1. Kammer. Allerdings ist sie kaum wiederzuerkennen. Im Gericht trug sie eine weiße Wollperücke wie die britischen Lords.
Gacaca bedeutet eigentlich "Gras". Zu vorkolonialen Zeiten sammelte sich das Dorf auf dem Grasplatz, um Zwistigkeiten zu beheben. Es ging nicht um Strafe, sondern um Entschädigung. Wer eine Kuh stahl, musste sie ersetzen. Es war eine Urgerichtsbarkeit, in der es um Konsens ging, nicht um Urteile. Um den Zusammenhalt des Dorfes.
Jetzt soll die alte Form das abgründigste aller Rechtsprobleme verhandeln: den Bürgerkrieg. Das Verbrechen der Mehrheit an der Minderheit. Es ist, als ob 1945 Polen, das Volk Israel und Deutschland in den selben Grenzen vereinigt worden wären, mit dem Auftrag: Nun einigt euch, wer schuld an dem Gemetzel war. Und dann vertragt euch wieder.
Wie das gehen soll, steht in einem gelben, mit Hilfe des Berliner Entwicklungshilfeministeriums erstellten "Erklärendem Handbuch". Darin ist auf 198 Seiten, mit Zeichnungen und Lernfragen, beschrieben, wie ein Genozid zu richten ist.
Zuerst müsse "die Wahrheit zu Tage gefördert" und in Listen die Toten, Zeugen, Verdächtigten notiert werden. Dann werden die Fälle sortiert von "Kategorie 4" (Plünderei) bis "1", den Himmlers und besonders blutdürstigen Mördern und Vergewaltigern.
Erst Ende nächsten Jahres sollen die eigentlichen Prozesse beginnen, je nach Schwere auf Dorf-, Distrikts- oder Landesebene. Bei jedem Schritt, heißt es, sei auf die Beteiligung des Volkes zu achten sowie die Beachtung der "Acht Regeln der Wortergreifung": "(3) Zuerst sprechen die von weither angereisten, die Alten und Gehbehinderten. (4) Wer spricht, muss von der Sorge um Wahrheit bewegt sein ... (6) Es ist verboten, zu beleidigen, grob zu sein oder Drohungen auszustoßen."
Keine Gebrauchsanweisung könnte präziser sein, kein Regelwerk demokratischer. Das Handbuch muss von Gelehrten geschrieben sein, die irgendwo mit gutem Willen und Ärmelschonern saßen. Vermutlich in einem Raumschiff.
Das Dorf in der Nähe von Butare liegt am Ende einer Straße, an der Ziegelöfen qualmen. Männer laufen mit Hacken über den Schultern, Kinder tragen in Kanistern Wasser zu Hütten aus Lehm und Blättern. "Gacaca! Die Wahrheit sagen!" steht auf einem Schild, auf einem anderen: "20 Jahre Partnerschaft Ruanda-Rheinland-Pfalz".
Das Land hier ist sauber, weil es für Müll zu arm ist. Es ist eines der 106 Dörfer, in denen das Gacaca bereits angelaufen ist. Seit zwei Stunden hocken die Menschen unter einem Banyanbaum und warten. Es ist ihnen gesagt worden, sie sollten sich jetzt versöhnen. So wie ihnen damals gesagt wurde, sich umzubringen. Sie sitzen in Gruppen, es sind meist Frauen und Kinder. Die Männer der einen sind tot, die der anderen sind im Gefängnis oder halten es für besser, ihr Gesicht heute nicht zu zeigen.
Unter dem Vordach des Dorfhauses warten auch die 19 Laienrichter, vor sich die Listen und Dossiers. Eine elegante Emigrantin, zwei, drei Jüngere. Gewiss Tutsi, aber die Regierung hat den Gebrauch dieser Kategorien für unerwünscht erklärt. Als "Intègrer" gilt, wer kein Blut an den Händen hat. In vielen Bezirken ist es schwierig, 19 Reine zusammen zu bekommen.
Sie sind 36 Stunden lang geschult worden, saßen hungrig vor einer Schiefertafel, auf die jemand geschrieben hatte: "Damit ein Geständnis als vollständig erachtet werden kann, muss es eine Entschuldigung beinhalten." Nicht alle Richter können lesen. Niemand wird für seine Arbeit Geld erhalten. Nicht 125 Dollar die Stunde und auch nicht 5 Ruanda-Francs. Es sind Barfußrichter, die die Schweigenden zum Reden bringen sollen, die Hassenden zu Geduld und die Mörder zur Einsicht.
"Sie kommen!" Die Männer in Pink stehen wie Schulbuben in Reihe, kauen Gummi, suchen nach bekannten Gesichtern, winken ihren Familien zu. Es ist das erste Mal, dass sie wieder zu Hause sind. Zu Hause am Tatort.
Es liegen viele Steine herum. Niemand wirft. Niemand brüllt. Einer nach dem anderen werden die Gefangenen in die Mitte geführt. Es sind Fälle, deren Dossier noch unvollständig ist. Der Vorsitzende hebt den Arm eines Mannes in Bergstiefeln und kurzen rosa Hosen hoch. "Kennt jemand diesen Mann? Klagt jemand ihn an? Entlastet jemand ihn?" Der Mann läuft einmal den Kreis ab. Er schaut den Leuten ins Gesicht und kaut Gummi. Es ist wie bei einer Versteigerung.
Drei, vier Frauen gehen in die Mitte. Noch nie haben sie in ein Megafon gesprochen. Sie reden laut hinein, als würden sie über eine Wiese rufen. Dann sagen sie Sätze wie: "Er hat meine Mutter weggeschleppt." - "Er hat unsere Kuh gegessen." - "Er hat meinen Mann verstümmelt." Sie versprechen sich nicht und reden ohne Grimassieren. Eine Frau in plissierter Bluse ist frühmorgens den Weg vom Nachbarhügel herübergekommen. Es ist ihre Sonntagsbluse. Die Frau heißt Godelieve Nyinawabega. Sie ist 43 Jahre alt, ihre Söhne Alexander und Emmanuel wurden 13 und 3.
Sie schaut dem Mann in den Bergstiefeln ins Gesicht: "Er hat meinen Mann geschlagen und in den Fluss geworfen und meine Söhne auch." "Nein", sagt der Gefangene. Er kaut mit offenem Mund. "Doch. Wir durften nicht fragen, warum."
Wer gesteht, bekommt die Hälfte der Strafe erlassen. Wer gesteht, muss noch fünf, sechs Jahre Gemeinarbeit leisten und ist frei. Aber der Mann gesteht nicht.
Die Frau in der Bluse wird zu den Richtern geführt, um ihren Namen in ein Formular zu schreiben. Sie bleibt bei den Richtern stehen. Als erwarte sie, dass der Mann in den Bergstiefeln gleich sein Urteil erhalte, als reiche schon ihr Wort dazu aus, nachdem sie es acht Jahre lang für sich behalten hat. Aber vor dem Urteil liegen etliche Sitzungen unterm Banyanbaum.
"Das Gacaca", sagt sie später, "soll wohl nur die Gefängnisse leeren. Wer denkt an Entschädigung für uns Überlebende?" Dann bittet sie, ein wenig beiseite zu gehen. Einmal hätten sie ihr nachts Steine aufs Dach geworfen. Es sei nicht einfach im Dorf. Sie sagt, sie sei heute früh zum Gacaca gekommen, "pour expliquer la mort" - um den Tod zu erklären.
Sie ist enttäuscht. Verzeihen heißt verzichten. Auf noch mehr verzichten? Ist das Gerechtigkeit? Godelieve Nyinawabega sagt: "Ich bitte Gott nur um eines: Ich will diese Welt so unschuldig verlassen, wie meine Kinder gegangen sind."
Die Versammlung dauert vier Stunden, die Menschen hocken still in der Hitze. Manchmal bildet sich eine Wolke am Himmel, dann löst sie sich wieder auf. Kinder werden gestillt, jemand erklärt: "Es stimmt, ich wollte ihm den Kopf abschlagen. Aber dann kam Elias und hat eine Granate in die Hütte geworfen. Deswegen bin ich unschuldig. Fragt doch Elias, der wohnt doch noch hier!"
Manchmal, wenn eine besonders brutale Tat geschildert wird, ist ein "Ooooh" zu hören, manchmal ein unwilliges Murmeln, wenn jemand etwas abstreitet. Und einmal klatschen die Leute. Da ist jemand freigelassen worden. Das freut sie. Der Freigelassene hat acht Jahre lang unschuldig in Haft gesessen. Er trottet genauso unbewegten Gesichts zurück in die Freiheit, wie die anderen zurück in ihr Gefängnis.
Ruandas Völkermord ist ein Verbrechen mit vielen Spuren, aber wenig Beweisen, kaum Dienstanweisungen, keinen Fingerabdrücken. Den Gerichten bleibt nur das Wort. Aber was ist das Wort? Es löst sich auf in anderen Worten. Eindeutig ist nur die Tat.
"Alors Madame, sagen Sie mir bitte, um wie viel Uhr Pauline Nyiramasuhuko angeblich in der Präfektur von Butare eintraf." Die Anwältin aus Québec dreht die Augen zur Decke des Uno-Sitzungssaals in Arusha. Sie hat die Frage schon zweimal gestellt. Jetzt wartet sie, bis ihre Frage ins Englische, dann ins Kinyaruandische übersetzt ist, wartet auf die Reaktion der Zeugin, auf die Rück- und Weiterübersetzung und bekommt als Antwort: "Können Sie die Frage bitte wiederholen?"
Es ist ein neuer Verhandlungstag im Butare-Prozess. Pauline Nyiramasuhukos Verteidigerin Nicole Bergevin im Kreuzverhör der Zeugin "SU". Weil es nur das Wort gibt, will die Verteidigerin die Zeugin in Widersprüche verstricken. Immer wieder fragt sie nach Uhrzeiten und Orten: "Madame, wären Sie damit einverstanden zu sagen, dass Sie in Ihrer zweiten Vernehmung von 1996 angaben, dass ..."
In Arusha werden die Zeugen der Anklage geschützt wie die Pentiti der Mafia. Sie treten unter Codenamen auf und sind in geheim gehaltenen Häusern untergebracht. Sie sind wertvoll, weil es nur wenige gibt. Die Hutu-Power hatte es darauf angelegt, keine Zeugen übrig zu lassen.
Im Saal sitzen sie hinter blickdichten Vorhängen. Von SU ist nur ihre Stimme zu hören. Sie spricht wie die Frauen aus dem Dorf bei Butare. Sie hat noch nie in ihrem Leben in einem Flugzeug gesessen. Sie sitzt zum ersten Mal in einem klimatisierten Raum, zum ersten Mal wird sie von einem Weißen etwas gefragt. Zum ersten Mal hört ihr jemand zu.
Sie sitzt allein neben ihrem Übersetzer. Sie möchte ihre Geschichte schnell erzählen. Sie versteht nicht, weshalb Uhrzeiten wichtig sind, weshalb sie immer wieder gefragt wird, was für ein Lastwagen es war, auf dem die Flüchtlinge weggefahren wurden und nicht wiederkamen.
Bergevin ist der Typ einer strengen Lehrerin. Vermutlich hat es in ihrem Leben keine größeren Katastrophen gegeben als den Verlust ihres Schlüsselbunds. Sie redet wie mit einer Begriffsstutzigen. Mittlerweile mit nervösen Flecken im Gesicht.
Vielleicht macht sie nur ihren Job. Vielleicht gehört es dazu, zu vergessen, was die Stimme einige Tage zuvor gesagt hatte. Als SU berichtete, wie sie nach Butare geflüchtet war, nachdem ihre Familie abgeschlachtet worden war. Dass sie nur noch ihr Vierjähriges in einem Tuch getragen hatte und die Milizen ihr das Kind auf dem Rücken in Stücke hackten. Dass sie blutend in der Präfektur Zuflucht gesucht hatte, an diesem 27. Mai 1994. Sie hat es schon zweimal gesagt, sie sagt es jetzt noch ein drittes Mal, weil ihr im Leben nichts anderes mehr geblieben ist als diese Erinnerung: "Ich hatte keine Uhr. Ich konnte Tag und Nacht nicht unterscheiden, weil es in meinem Kopf kochte."
Pauline folgt den Aussagen mit aufgestütztem Kopf und schreibt mit. Es wird noch viele Worte geben, und was sind schon Worte? Wenn sie zu den Zuschauerbänken schaut, sieht sie dort junge Männer mit eleganten Schuhen. Es sind Hutu. Auf ihren Ansteckern steht "Defense Investigator". Sie schreiben mit, was die Zeugin sagt. Sie werden nach Ruanda reisen, um andere Aussagen zu finden. Sie haben die nötigen Mittel.
So müht sich die Wahrheitsfindung durch das Procedere, 800 Kilometer von den Tatorten entfernt, Stunde um Stunde à 125 Dollar. Dann geschieht etwas. Die Anwältin Bergevin hat im gleichen gelangweilten Ton gesagt: "Madame, wir werden noch auf die Nacht zu sprechen kommen, als Pauline die Vergewaltigung der Mädchen befohlen hat ..."
Die Zeugin ist nicht zu sehen. Aber zu hören. Beim Wort "Vergewaltigung" kommt ein Würgen aus dem Lautsprecher, ein Brechen. SU hat sich übergeben müssen, es ist, als bräche auch die Wirklichkeit der Dörfer, als brächen all die Geschichten, die man nicht erzählen mag, plötzlich in die klimatisierte Gerechtigkeitsmaschine des Tribunals ein.
Die Anwältin wendet sich ab, mit verzerrter, angeekelter Miene. Es ist das einzige Mal, dass sich auf ihrem Gesicht eine Regung zeigt.
Das Weltgericht in Arusha wird wohl noch bis 2008 tagen. Es wird elf Minister und gut drei Dutzend andere Verantwortliche verurteilen, vermutlich zu lebenslangen Haftstrafen, in einem Gefängnis von internationalem Standard. Es wird Urteile geben, aber keine Wahrheit. Kein Angeklagter hat bislang gestanden, ob und wie der Genozid geplant wurde. Und weil nur Hutu angeklagt sind, werden die Urteile wenig zur Versöhnung beitragen - falls sie überhaupt in Ruanda wahrgenommen werden.
Die Gacaca-Dorfgerichte sollen fünf Jahre lang tagen. Das "Volk" wird sein Interesse verlieren. Es wird seine Felder bestellen müssen, statt einen ganzen Tag lang der Wahrheit hinterherzuforschen. Recht ist der Luxus der Wohlhabenden. Die Überlebenden werden ihren Auftritt gehabt haben. Ihre Worte werden zumindest einmal gehört und aufgeschrieben. Vermutlich wird es eine Amnestie geben müssen.
Arusha wird das Weltgewissen beruhigen und vielleicht sogar die Tyrannen schlechter schlafen lassen.
Die Gacaca werden die Alpträume der Opfer sichtbar werden lassen. Gegenüber den Geschichten, die in Ruanda zu hören sind und die man nicht aufschreiben möchte, wirken beide Versuche, Gerechtigkeit zu finden, ungelenk, hilflos und stammelnd.
Ruanda wird das Land der 1000 Hügel genannt. Die nächsten 30 Jahre lang wird es das Land der 1000 Höllen sein. Das Land, in dem Hetzer, Schlächter, Denunzianten mit den Entstellten, Genarbten, den Davongekommenen und Einsamen zusammenleben müssen. Bis dass der Tod sie scheidet.
Von Alexander Smoltczyk

DER SPIEGEL 49/2002
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VÖLKERMORD:
Tage des Gerichts

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