02.12.2002

AUTOREN„Hitler war doch nicht dumm“

Raul Hilberg ist einer der bedeutendsten Holocaust-Forscher - nur in Israel sind seine Bücher bis heute nicht erschienen. In München bekommt er jetzt den Geschwister-Scholl-Preis.
Man muss Raul Hilberg entdecken. Er hat sich ganz ans Ende des Landes zurückgezogen. In einem Waldstück im äußersten Nordwesten Vermonts, fast schon in Kanada, steht sein unscheinbarer, brauner Bungalow an einem schmalen Weg. Es gibt kein Namensschild, die Klingel funktioniert nicht. Die Einfahrt ist zugeschneit, es ist ganz still.
Man könnte glauben, Hilberg verstecke sich hier.
Raul Hilberg ist Holocaust-Forscher, vielleicht der bedeutendste lebende Holocaust-Forscher, den es gibt. Er ist 76 Jahre alt, seit 1948 macht er nichts anderes.
Hilberg steht in seinem Wohnzimmer vor der Durchreiche zu der kleinen Küche, vor ihm auf dem runden Esstisch liegt sein Besuchsprogramm für Deutschland. Es ist voll gestopft mit Vorträgen, Arbeitsessen, Zugfahrten, Hintergrundgesprächen und natürlich der Preisverleihung in München. Vorm Fenster rutscht ab und zu ein kleines Schneepaket von einem Baum, am Telefon ist die Frau vom S. Fischer Verlag, die das Preisträger-Programm gemacht hat. Hilberg findet es zu prall. Er braucht Zeit für Spaziergänge, um den Kopf frei zu bekommen, sagt er.
"Ich habe ein ganz schlechtes Gewissen", sagt die Stimme aus Deutschland.
"Gut", sagt er leise.
Er erklärt ihr, dass er nicht über "Die Quellen des Holocaust" reden will, die er in seinem jüngsten Buch beschrieb, für das er jetzt ausgezeichnet wird. Er will über den Widerstand reden, weil es der Geschwister-Scholl-Preis ist, den er diesen Montag in München verliehen bekommt. Er weiß noch nicht, was er sagen wird. Er wird sich und seine Zuhörer überraschen, sagt er. Dann legt er auf. Er lächelt, ein freundlicher alter Herr mit einer roten Nase und einer zu großen Lesebrille.
"Die Deutschen lassen sich nicht gern überraschen", sagt er, und man weiß nicht, wie das gemeint ist.
Hilberg hat sich ein Leben lang mit der bürokratischen Maschine beschäftigt, die die Judenvernichtung ausführte. Mit Erlassen, Verfügungen, Anweisungen, Gesetzen, Verordnungen, Durchführungsbestimmungen und Bekanntmachungen. Er hat die Fahrpläne der Reichsbahn studiert, die die jüdischen Gefangenen in die Vernichtungslager transportierte, und die Baupläne für Gaskammern und Verbrennungsöfen, er hat die Auftragsbücher der Gärtnereien gelesen, die Tarnbüsche um Konzentrationslager pflanzten, und die Erschießungstabellen mit Spalten für russische Soldaten, Juden, Frauen sowie den jeweiligen Erschießungsgrund.
"Die besonderen Merkmale einer Bürokratie sind Zweckrationalität und Routine; ihre typische Haltung ist Leidenschaftslosigkeit", schreibt er.
Er hat einen Stil gesucht, der dem entspricht. Er schreibt kalten Blutes, erklärt die Todesmaschinerie wie ein Ingenieur. Nur manchmal scheint in all dem erbarmungslosen Staub ein bisschen Ironie aufzublitzen, auch wenn man nicht daran zu glauben wagt. Hilberg ringt, er ist fasziniert und abgestoßen zugleich. Raul Hilberg ist ein schwer zu begreifender Mann. Niemand kann ihn einordnen, niemand kann ihn ganz für sich bekommen. Und so liebte ihn auch niemand richtig.
Raul Hilberg wurde 1926 in Wien geboren und floh 1939 von dort mit seinen Eltern über Frankreich und Kuba nach Amerika. Sie schafften es im letzten Moment; die meisten Verwandten der Familie wurden von den Nazis ermordet. Hilberg kehrte 1944 mit der U. S. Army nach Deutschland zurück. Er entdeckte in München die Privatbibliothek Hitlers. Da war er 18. Mit 20 begann er an der Columbia University in New York zu studieren, mit 22 nahm er an den Nürnberger Prozessen teil, 1956 ging er als Professor nach Burlington (Vermont). 1961 veröffentlichte er in Amerika sein Buch "Die Vernichtung der europäischen Juden".
Hilberg war erst 34 Jahre alt. Das Buch war dick und schwer, aber es gab ihm keinen richtigen Halt. Er war ein Wiener Jude aus Vermont. Er hatte die Täter beschrieben und eine diffuse Furcht, dass man das missverstehen könnte. Boykottieren Sie Deutschland?", fragte ihn eine New Yorker Rundfunkreporterin 1961, kurz nachdem das Buch erschienen war. "Ja", sagte Hilberg. "40 Jahre lang. Bis zum 8. Mai 1985."
Es war nicht genau klar, was er damit bezweckte, doch es klang zumindest entschieden - später hat er sich dann doch nicht daran gehalten. "Ich wollte nicht mahnen oder anklagen", sagt er heute. "Das war wahrscheinlich ungewöhnlich. Ich habe nur beschrieben, festgestellt. Der Täter ist kein besonderer Mensch. Er entspricht dem Querschnitt der Gesellschaft."
Aber es war erst 1961.
"Die Vernichtung der europäischen Juden" wurde ins Französische, Italienische, Deutsche, Japanische, Spanische und Rumänische übersetzt, aber bis heute nicht ins Hebräische. Keines seiner Bücher ist in Israel erschienen.
"Man darf sich dort nur mit jüdischer Geschichte beschäftigen, aber nicht mit den Tätern, man macht ein paar Schritte und stößt schon an die Ghettomauer. Man müsste auf sie hinaufklettern, aber das will keiner. Deswegen ist in Israel auch die Holocaust-Forschung in sich zusammengefallen. Sie haben sich isoliert", sagt er ruhig. Und dann, schneller: "Dass sich die Juden zu wenig gewehrt haben, verstehe ich nicht als Kritik. Ich habe das nur festgestellt. Das jüdische Volk hatte beschlossen, sich nicht gegen den Staat aufzulehnen, um ihm keine Argumente für Gewalt zu liefern. So gingen die meisten wehrlos in den Tod. Die Tatsache kann man nicht ändern."
Hilberg war hin- und hergerissen zwischen seinen Erkenntnissen und seinen Ängsten. Er versteckte zwei Waffen in seinem Bungalow in Vermont, um sich verteidigen zu können. Er hatte die Pistolen aus Deutschland mitgebracht. "Eine Walther und eine Schmeisser. Schöne Waffen. Ich hatte das Gefühl, dass ich sie brauche", sagt er. Ein jüdischer Flüchtling und zwei deutsche Pistolen.
Wenn er konnte, floh er aus Vermont in die Archive des Holocaust. Seine Streifzüge durch Europa rüttelten ihn durch. Er fand Ruhe in den Archiven, Ordnung. Aber draußen packte ihn das Grauen. Im Restaurant unten im Wiener Mietshaus, aus dem er 40 Jahre zuvor geflohen war, fragte er eine alte Kellnerin, ob sie sich an die Hilbergs erinnere. "Zweiter Stock", sagte sie, ohne zu überlegen - als wäre nichts passiert. Zweimal lehnte er die Ehrendoktorwürde der Universität Wien ab. In den sechziger Jahren verhandelte er mit Droemer in München über die Veröffentlichung seines Buches. "Die sagten, mein Buch würde den Antisemitismus fördern." Am Kiosk lag die "Deutsche Soldaten-Zeitung". Sie nannte ihn einen Zionistenführer. 1976 erzählte ihm ein Düsseldorfer Oberstaatsanwalt, wie er seine jüdische Mutter verheimlicht hatte. "Er wollte immer noch nicht, dass das rauskam", sagt Hilberg. "30 Jahre danach."
Hilberg fand keine Ruhe. Er verstand nicht, wie man in Frankfurt am Main die Uraufführung von Rainer Werner Fassbinders Stück "Der Müll, die Stadt und der Tod" planen konnte. Einmal ging er auf einen Jungen mit einem Anti-Nato-Anstecker zu und fragte ihn: "Sollen wir euch den Kommunisten überlassen?"
Hilberg taumelte, er tauchte wieder in die Archive. Er konnte jetzt auch nach Osteuropa. In Lemberg versank er in den Plänen der Feuerwehr und des Straßenbauamtes. "Die hielten mich für einen Trottel aus Amerika, der nicht wusste, was er wollte. Doch nur hier fand ich die Details, über die niemand redete", sagt er.
Den mündlichen Quellen vertraute er kaum noch, auch weil die Angeklagten, die er bei den Holocaust-Prozessen traf, immer gebrechlicher wurden. Er verlor das Interesse an den Verhandlungen. Der letzte Prozess, an dem er teilnahm, wurde gegen einen litauischen Polizeioffizier geführt, der nach dem Krieg in Philadelphia als Architekt arbeitete. "Der Mann hatte der Erschießung von 10 000 Juden beigewohnt. Die Staatsanwaltschaft wollte noch irgendwelche anderen, eher privaten Verfehlungen gegen ihn vorbringen. Ich habe das verhindert, weil ich dachte, dass 10 000 Tote genug sind. Der Mann war immer noch ein verbitterter Antisemit. Am Ende des Prozesses hat er sich bei mir bedankt. Es war ein Missverständnis", sagt Hilberg. "Danach habe ich damit aufgehört. Ich wollte da nicht mehr mitmachen."
Er unterrichtete noch bis 1991 an der Provinzuniversität in Vermont weiter, bei der er eigentlich nur übergangsweise angefangen hatte. Die Bibliothek in Burlington war viel zu klein für seine Bedürfnisse. In den ersten Jahren ließ er die Koffer gepackt, um jederzeit zu einer der großen Universitäten abreisen zu können. Irgendwann packte er den Koffer aus. Niemand hatte ihm ein Angebot gemacht.
In Princeton unterrichtete Hannah Arendt. Sie hatte großen Erfolg mit dem Buch "Eichmann in Jerusalem" - er hält es für fragwürdig. "Sie beschreibt Eichmann als einen banalen Mann. Aber Eichmann war weder banal, noch log er stets. Es ist nicht so einfach. Hitler war doch nicht dumm, nur weil er kein Abitur hatte", sagt Hilberg.
In Harvard gibt es Daniel Goldhagen, der mit Thesen berühmt wurde, die Hilberg lächerlich findet. "Das Ende des Kalten Krieges bedeutete für die jüdische Gemeinde in Amerika eine Redefreiheit, die sie vorher nicht hatte. Wir können ja hassen, warum nicht. Goldhagen hatte diese Haltung. Seine Thesen über Hitlers zahllose willige Vollstrecker waren ein Rückschlag, das hätte man 1942 sagen können, nicht in den Neunzigern", sagt Hilberg.
"Die meisten Leute haben ein Bedürfnis nach einfachen Erklärungen. Die Menschen wollen einen Grund haben. Eine These. Wenn du sagst, es gibt aber mindestens vier Gründe und vielleicht keine Erklärung, dann hört dir keiner mehr zu. Aber es gibt kein Ende in der Forschung. Die Tür muss ein wenig offen bleiben."
Einmal fragte ihn ein Junge in Deutschland: "Waren Zuschauer nicht auch schuldig?" Nein, hat er geantwortet. So einfach sei das nicht. Aber der Junge schien ihm nicht zu glauben.
Seine Arbeit schien umsonst gewesen zu sein. Hilberg rutschte ins Dunkel, und als er 1992 von seinem amerikanischen Agenten die vernichtende Besprechung der "New York Times" zu seinem Buch "Täter, Opfer, Zuschauer" geschickt bekam, verlor er den Boden unter den Füßen.
"Vielleicht war meine schöpferische Kraft schon seit drei Jahrzehnten erschöpft, und ich hatte mich längst überlebt", schrieb er damals. Er verfasste ein letztes Buch, "Die Quellen des Holocaust"*. Er erklärte sein Werk. Er begründete seinen Stil. Er suchte Halt.
Wie kann er wissen, dass es das letzte Buch ist? "Ich habe keines mehr", erwidert Hilberg. Es klingt, als habe er aufgegeben. Oder seinen Frieden gefunden.
Irgendwann brach jemand in sein Haus ein und stahl die deutschen Pistolen. Die Polizei sagte ihm, es seien Jugendliche gewesen, die die Waffen weiter nach New York verkauften. "Wahrscheinlich wird mit meiner Walther gerade ein koreanischer Gemüsehändler in Brooklyn überfallen." Hilberg lacht. Er merkte, dass er die Waffen nicht vermisste. Er akzeptierte schließlich sogar die Ehrendoktorwürde in Wien, "weil die Leute, die sie mir anboten, ja eigentlich guten Willens waren". Bei seinem Besuch in seiner Geburtsstadt entdeckte er, dass das Ghetto unterm Judenplatz ausgegraben wurde. In Deutschland erschienen seine Bücher. Man hatte ihn gefunden.
"Wenn man sich dem Thema widmet, wird man irgendwann auch den Hilberg finden. Auch wenn er in Burlington (Vermont) wohnt", sagt Hilberg und schaut hinaus in den weißen Wald. Er ist nicht reich geworden und auch nicht berühmt. Ehrlich gesagt weiß er nicht, ob er den Bungalow halten kann, jetzt, wo die Grundstücksteuern steigen sollen. Vielleicht muss er noch einmal umziehen. "Aber ich bin noch da", sagt er.
"Die Deutschen emanzipieren sich. Sie testen ihre Freiheit aus. Man sollte unseren Präsidenten nicht mit Hitler vergleichen, aber ich glaube, die deutsche Justizministerin hat sich da auch nur versprochen. Ich sympathisiere ja eher mit der amerikanischen Außenpolitik, aber es ist im Grunde ein Fortschritt, dass die Deutschen Bush kritisieren. Sie sind auf dem richtigen Weg." Hilberg lächelt.
Sein Blick streift das Faxpapier mit seinem deutschen Besuchsprogramm. Er liest die Attribute "geschlossen", "handverlesen" vor seinen Veranstaltungen, er ahnt, was ihn erwartet. Er redet kaum vor jungen Leuten, erzählt er. Selbst an Universitäten sind oft die Studenten gar nicht zu den Lesungen eingeladen. Er wird beschützt. Vielleicht sucht man auch Schutz vor ihm. Die Deutschen werden nicht gern überrascht. Es ist noch nicht ganz vorbei. Für sie nicht und nicht für ihn.
Gefühlsmäßig versteht Hilberg immer noch nicht, wie Juden wieder zurück nach Deutschland ziehen können. Er ringt weiter. Er hält die Tür offen.
"Irgendwann wird es in Deutschland auch möglich sein, einen Juden zu kritisieren", sagt er. "Es gab mal eine Kontroverse gegen mich im SPIEGEL. Aber die wurde natürlich von einem Auschwitz-Überlebenden vorgetragen. Das war gar kein Akademiker, ich habe mich auch nicht darauf eingelassen. Aber es war interessant. Man braucht einen Juden, um mich als Juden anzugreifen**. Die Deutschen werden nicht unabhängig sein, bis sie allein, ohne fremde Hilfe Juden kritisieren können. Wenn sie das für möglich halten als Gesellschaft, also nicht nur die Regierung, sondern die ganze Gesellschaft, dann erst sind sie frei", sagt Hilberg.
Er ahnt, dass er das nicht mehr erleben wird. Vielleicht ist er sogar ganz froh darüber. ALEXANDER OSANG
* Raul Hilberg: "Die Quellen des Holocaust". S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main; 256 Seiten; 22,90 Euro. ** Im SPIEGEL 7/1993 griff der jüdische Publizist Arno Lustiger Hilbergs Buch "Täter, Opfer, Zuschauer" an, weil es "schmerzliche Fehlurteile" enthalte; so werde der damalige jüdische Widerstand unzureichend gewürdigt.
Von Alexander Osang

DER SPIEGEL 49/2002
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