09.12.2002

EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTEMiles & More

Wenn der Nachbar im Flugzeug lebensbedrohlich dick ist
Am Morgen hatte es für einen Moment so ausgesehen, als sei das Glück mit Barbara Hewson. Zwar hatte ihr Mann Roy die Flugscheine, zusammen mit ein paar alten Zeitungen, in den Hotelpapierkorb geworfen, doch dann hatte das Zimmermädchen sie in letzter Minute gefunden, ein Bote brachte ihnen die Tickets zum Flughafen nach.
Die beiden hatten drei Wochen Kalifornien gebucht, nach einem anstrengenden Jahr. Sie waren am Vorabend von Swansea in Wales Richtung London gefahren und hatten im Hotel am Flughafen übernachtet; sie freuten sich auf die Reise und auf die Sonne.
Sie entdeckten die Frau am Gate beinahe gleichzeitig. Sie war etwa Mitte 60, von grobem Knochenbau, mit Oberarmen so mächtig wie die Schenkel eines Mannes. "Meine Güte, ist die riesig!", dachte Barbara Hewson. Sie bedauerte den Armen, der neben ihr würde sitzen müssen. Wenig später wurde die Frau im Rollstuhl an Bord geschoben.
Barbara Hewson hatte für sich und ihren Mann Sitze hinter der Trennwand zur ersten Klasse reservieren lassen. Seit Jahren leidet die 63-Jährige an Arthritis und an einem Bandscheibenschaden. Der Nonstop-Flug nach Los Angeles dauert elf Stunden. Sie brauchte Platz für ihre Beine.
Als die beiden ihre Reihe erreichten, saß die dicke Frau vom Gate schon auf dem Platz neben dem Sitz von Barbara Hewson. Die Armlehne dazwischen hatte sie hochgeklappt. Nicht einmal ein Kleinkind passte jetzt noch auf den Sitz neben ihr.
Barbara Hewson hat in ihrem Leben viele Transportmittel ausprobiert. Sie ist mit der Gondel gefahren und auf einem Elefanten geritten, sie ist im Kanu unterwegs gewesen und im Ballon. Niemand hat sie darauf vorbereitet, dass die beschwerlichste Reise ihres Lebens in einer Boeing 747 der Virgin Atlantic Airways stattfinden würde, von London nach Los Angeles, Economy-Klasse.
Barbara Hewson bat eine Stewardess um Hilfe. Sie habe zwei Möglichkeiten, bekam sie zur Antwort: Entweder steige sie aus und versuche, in einer der nächsten Maschinen nach Los Angeles noch einen Platz zu finden - oder sie frage im voll besetzten Flugzeug herum, ob jemand bereit sei, den Platz mit ihr zu tauschen.
Barbara Hewson nahm also schräg unter ihrer Nachbarin Platz, deren Bein auf ihrem Oberschenkel ruhte und deren Ellenbogen auf ihrem Brustkorb lag; halb gegen ihren Mann gedrückt, halb auf die Schnallen der Sicherheitsgurte und die Bedienleiste für den Fernseher gequetscht, hoffte sie auf ein Wunder.
Es wurde der längste Alptraum ihres Lebens. Sie konnte weder schlafen noch lesen; weil sich das Tablett nicht herunterklappen ließ, blieb ihr zum Essen nur eine Tafel Schokolade, die sie in ihrer Handtasche fand.
Es dauerte eine Weile, bis sie bemerkte, dass die dicke Frau nicht allein reiste. Deren Ehemann, normalgewichtig und unbeschwert, hatte in der Reihe hinter ihr Platz genommen. Als sie ihm in die Augen blickte, sah er zur Seite.
Bald nach ihrer Ankunft in Los Angeles spürte Barbara Hewson ein Pochen in ihrer Brust, das sich allmählich in einen dumpfen Schmerz verwandelte. Der Schmerz wanderte den linken Arm herunter und kam schließlich als schwarz schimmernder Bluterguss in ihrer Hand zum Vorschein; als er sich verteilte, färbte sich der Handteller blau. Als dazu auch noch die Schmerzen im rechten Bein unerträglich wurden, fuhr sie endlich ins Krankenhaus. Der Arzt stellte einen beschädigten Ischiasnerv fest und spritzte ihr ein Schmerzmittel. Für den Rückflug, empfahl er, müsse Barbara Hewson unbedingt in eine höhere Klasse umgesetzt werden.
Den Brief des Arztes faxte sie umgehend an Virgin Atlantic. Als die beiden für den Rückflug einchecken wollten, wusste am Schalter niemand etwas von dem Upgrading. Noch im Flugzeug verweigerte man ihr einen breiteren Sitz - ein Upgrading sei den Erster-Klasse-Passagieren nicht zuzumuten, die schließlich viel mehr bezahlt hätten als sie.
Erst als drei andere Passagiere an ihr vorbei nach vorn gewunken wurden, weil sie sich über irgendetwas beschwert hatten, beschloss Barbara Hewson, Virgin Atlantic zu verklagen. "Es geht nicht ums Geld", sagt sie. "Es geht ums Recht." Sie hat einen Sohn großgezogen, der mit einem Hirnschaden auf die Welt gekommen war. Sie hat gelernt zu kämpfen.
Zwei Wochen nachdem sie wieder zu Hause waren, bekam sie Post von Virgin Atlantic. Offenbar sei sie "unzufrieden mit bestimmten Begleitumständen Ihrer Reise", hieß es darin. Damit sie Virgin Atlantic indes nicht in allzu schlechter Erinnerung behalte, gehe ihr in den nächsten Tagen ein kleiner Geschenkkorb zu. Die Post brachte Konservendosen im Wert von annähernd 15 Pfund. Barbara Hewson nahm die Herausforderung an.
In den nächsten 17 Monaten schrieb sie rund 50 Briefe und E-Mails. Als Virgin Atlantic ihr zwei Economy-Flüge zu einem Ziel ihrer Wahl und zwei Hotelgutscheine in einem Haus der Virgin-Gruppe anbot, wusste sie, dass sie gewonnen hatte. Am Ende akzeptierte sie eine außergerichtliche Einigung über 13 000 Pfund, rund 20 000 Euro.
Seither verging kein Tag ohne Schmerzen. Schon der Gedanke an einen Langstreckenflug ist ihr unerträglich. Im Januar war ihr Mann in Ägypten, zusammen mit ihrem Sohn. Es war der erste Urlaub in 43 Ehejahren, den sie getrennt voneinander verbracht haben. HAUKE GOOS
Von Hauke Goos

DER SPIEGEL 50/2002
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