09.12.2002

SCHAUSPIELERDon Quichotte in Kalifornien

Mit seinem Beitrag zum Episodenfilm „11'09''01“ und einem offenen Brief in der „Washington Post“ wendet sich der Schauspieler und Regisseur Sean Penn gegen das Bush-Amerika - und wirkt plötzlich wie ein sehr, sehr einsamer Rebell. Von Thomas Hüetlin
In die Gegend nördlich der Golden Gate Bridge haben sich jene Hippies zurückgezogen, welche den Schlafsack im Laufe der Jahre gegen Villen getauscht haben, die Millionen kosten. "Marin County" heißt jener Landstrich, wo der blaue kalifornische Himmel sich hinter die Hügel schmiegt und wo die reich gewordene Gegenkultur von einst Platinkarten-Status erreicht hat: Yogitees, Bärte, Porsches und nirgends Zigaretten. Aber es gibt chromblitzende Bioläden, und im Autoradio wird einem geraten, zu diesem Thanksgiving einen Truthahn aus Tofu zu braten.
Für die Marin-Leute besteht der Stress nicht - wie im Rest Amerikas - darin, den Ratenzahlungen für das neue Dach nachzukommen oder den Kindern zu erklären, dass wegen des dahingeschmolzenen Aktienportfolios die College-Ausbildung ausfallen muss. Viele Menschen in Marin County haben andere Probleme. Zum Beispiel sollten sie, wenn sie mit ihrem Mountainbike über die enge Dorfstraße gleiten, stets locker und relaxed daherkommen und den Eindruck erwecken, sie hätten zu ihrem inneren Selbst gefunden.
Dummerweise gibt es immer wieder Leute, die in diesem Wellness-Paradies unangenehm auffallen. Einer davon wurde im letzten Jahr in einem mit eiskaltem Wasser gefluteten Tunnel im afghanischen Masar-i-Scharif gefangen genommen, einen Turban auf dem Kopf und die Überzeugung im Herzen, dass es besser sei, in diesem finsteren armseligen Loch für Osama Bin Laden zu sterben, als zurückzukehren ins lichte, reiche Marin County, wo der Vater als Rechtsanwalt sein Glück gemacht hatte.
Der Name des Jungen lautete John Walker Lindh, später besser bekannt als "American Taliban". Mit 14 hat er HipHop gehört, mit 16 sich den Bart des Propheten stehen lassen, mit 20 ist er Gotteskrieger geworden, und mit 21 ist er nur deshalb noch am Leben, weil sich die von Hardlinern wie Justizminister John Ashcroft geforderte Todesstrafe nicht durchsetzen ließ. Der amerikanische Staat war gnädig. Aber die Nachsicht hatte eine Zahl, und sie kannte einen Ort: 20 Jahre hinter Gittern.
Ein anderer Querulant in Marin ist der Schauspieler und Regisseur Sean Penn. Sein Haus liegt versteckt hinter einem hohen Brettertor und ist zweigeteilt: Rechts wohnt er mit seiner Frau Robin Wright Penn und den zwei Kindern Dylan und Hopper Jack, links zwischen einem Billard- und zwei Schneidetischen residiert er in einem ansonsten blutrot gehaltenen Salon.
Es ist ein Uhr mittags. Draußen feiert die Sonne einen späten Sommertag. Penn will nichts davon wissen. Es war spät gestern Nacht, der Kopf schmerzt, die Augen sind eng wie Schießscharten. Sein Frühstück, ein Tunfisch-Sandwich, wickelt er wieder ins Papier und steckt sich eine Zigarette an. Zu seinem 40. Geburtstag hat er aufgehört mit dem Rauchen. Jetzt, knapp 42, hat er wieder angefangen.
Das hat einen Grund. Während Hollywood-Kollegen wie der Komiker Robin Williams nach Afghanistan fliegen, dort die Truppen unterhalten und nach ihrer Rückkehr im Fernsehen erzählen, dass "dort unten jetzt eine Menge Dächer" fehlen, hat Penn von Patriotismus eine andere Vorstellung. Echte Vaterlandsliebe, davon ist
Penn überzeugt, besteht nicht darin, eine Fahne über der Terrasse aufzuhängen und Afghanistan oder den Irak zu bombardieren. Echte Vaterlandsliebe würde bedeuten, die Regierung Bush zu stürzen. Denn diese, sagt Penn, vertrete die Interessen des großen Geldes. "Die Regierung unterstützt effektiv die Interessen von 3000 weißen, älteren Geschäftsleuten", sagt Sean Penn. "Die Tragödie vom 11.9. bietet ihnen die einzigartige Möglichkeit, die Größe ihres Imperiums zu steigern."
Bis zum 11. September 2001 war der "beste Schauspieler seiner Generation" ("New York Times") durch poetische Leistungen als Darsteller und Regisseur, durch Prügeleien, seine Anwesenheit im Bett von Madonna, mit der er verheiratet war, und seine Abwesenheit bei den jährlichen Oscar-Partys aufgefallen.
Regeln, vor allem die Gesetze Hollywoods, schienen jahrelang nur erfunden worden zu sein, um von Penn gebrochen zu werden. Lobeshymnen zum Trotz erklärte er immer wieder seinen Abschied von der Schauspielerei und fing doch stets wieder an, weil er bankrott war oder Geld für seine Regiearbeiten brauchte. Die Abneigung gegen seine Zunft ging so weit, dass nicht einmal drei Oscar-Nominierungen (für "Dead Man Walking", "Sweet and Lowdown" und "I Am Sam") ihn locken konnten, doch bei Hollywoods großer Nacht zu erscheinen. "Eine einzige peinliche Erniedrigung", sagt Penn über jene vermeintlich goldenen Abende der Filmindustrie. "Die meisten Filme, die gemacht werden, interessieren mich sowieso nicht. Vielleicht ist das Ganze ja spannend für irgendwelche jungen Schauspieler, weil sie hoffen, später irgendwo flachgelegt zu werden. Ich würde mich bei den Oscars fühlen wie ein Statist bei einer miesen Fernsehserie."
Ähnlich angenehme Gefühle müssen vor dem 11. September politische Veranstaltungen jeder Farbe bei Penn ausgelöst haben. Er hat politisches Engagement gemieden wie eine entstellende Krankheit. Wahrscheinlich, weil er etwas gegen Leute hat, die sich gern wiederholen. Viele Politiker haben schließlich mit Schauspielern eine Menge gemein: Sie suchen sich eine Rolle. Und dann leiern sie den Rest ihres Lebens wie ein Schraubenschlüsselvertreter den ewig gleichen Text mit der ewig gleichen Masche herunter.
Solche Überlegenheitsgefühle zählen seit dem 11. September nicht mehr. Und deshalb hat Penn beschlossen, sich der Politik zuzuwenden.
Eine eigene Regiearbeit stoppte er, um eine Episode für ein Kinoprojekt namens "11''09''''01" zu übernehmen. Elf Regisseure aus aller Welt haben elf Minuten, neun Sekunden und ein Bild zur Verfügung, um sich Gedanken über den 11. September zu machen. Penns Film zählt zu den radikalsten. Er zeigt einen alten Mann, welcher in einer dunklen Wohnung mit ebenso finsteren Träumen wohnt. Seine Frau - seit Jahren tot - wähnt er immer noch am Leben, er legt ihre Kleider zurecht, unterhält sich mit ihr, während in der Ecke verdorrte Blumen herumstehen. Als das World Trade Center zusammenbricht, fällt Licht in die Wohnung, der Mann erwacht unter Schmerzen aus seinem Vergangenheitswahn, die Blumen beginnen wieder zu blühen. Die Katastrophe vom September als Metapher der Hoffnung auf Veränderung - kein Hollywood-Regisseur hat sich bislang an eine solche Deutung herangewagt.
"Die Regierung und die Medien scheinen darin übereinzustimmen, dass Rache die tröstlichste Reaktion auf die Tragödie ist und anscheinend auch die profitabelste", sagt Penn.
Als solle Penns These bestätigt werden, fand sich prompt kein Verleih, welcher "11''09''''01" in den USA zeigen wollte. Penn kehrte wieder zu seinem Broterwerb als Schauspieler zurück, begann vier Produktionen, darunter einen Film von Clint Eastwood, eine Komödie mit Woody Allen und einen Thriller, wo er als Flugzeug-Attentäter ins Oval Office von Richard Nixon fliegt. Er war wieder beim Business as usual, als er mit seiner Tochter Dylan im Auto fuhr und ihn ein Gefühl von Hilflosigkeit und Wut überkam. Kurz danach setzte er sich hin und schrieb einen offenen Brief an George W. Bush, überwies 56 000 Dollar an die "Washington Post" und ließ ihn abdrucken, ganzseitig.
Nach einem verbindlichen "Good Morning, Sir" wirft Penn dem Präsidenten - durchaus höflich - vor, unpatriotisch zu handeln, weil viele seiner Aktionen die Grundlagen verletzten, auf die die Vereinigten Staaten aufgebaut seien. Penn warnt vor einer "Verbreitung der Angst", "dem Abbau bürgerlicher Freiheiten", dem "merkwürdigen Grinsen", welches Bush jedes Mal befalle, wenn er "von einer neuen Art Krieg" spricht, und einer Ära von Scham und Horror, die der Präsident drauf und dran sei einzuläuten.
Normalerweise gibt es in den amerikanischen Medien ganze Abteilungen, die darauf spezialisiert sind, das Lieben und Leben ihrer Stars zu beobachten, aber nach Penns Aktion war es nicht so, dass in den darauffolgenden Tagen die Telefonhörer in seinem Büro von ihren Basisstationen gefallen wären.
Die Vögel zwitschern im Garten. Penns Augen blinzeln. Langsam hört das helle Spätherbstlicht auf zu schmerzen. Er rundet sein Frühstück mit einer Cola und einer Zigarette ab. Dazu kaut er auf den Eiswürfeln herum. Er sieht müde aus, aber nicht resigniert. Eher wie einer, den nichts mehr überraschen kann.
"Viele Leute im ,High Profile Business'', das Kino eingeschlossen, haben bislang nicht viel gesagt. Und ich dachte, vielleicht liegt es daran, dass sie fürchten, einen Fehler zu machen. Was ist, wenn einer hier eine schmutzige Bombe reinbringt. Ich bin dagegen der Auffassung: Wenn es nicht morgen passiert, dann in zehn Jahren - und das ist keinen Deut besser."
Penn ist kein Verschwörungstheoretiker, aber er hat ein Leben in Hollywood verbracht. Er hat mehr als 20 Jahre lang gelernt, wie man eine Kamera bedeutungsvoll einsetzt, und er kann nicht umhin anzuerkennen, dass das konservative Establishment, welches Amerika jetzt fest im Griff hat, die Medien so virtuos dirigiert, als wären sie ein Symphonieorchester.
Da ist einmal der Präsident. Er kommt rüber wie einer, der keine intellektuelle Leuchte ist, aber mit Charme, Humor und gesundem Menschenverstand die Welt meistert. Genauso werden Helden in der Traumfabrik entworfen. "Präsident Bush war nie besonders neugierig auf die Welt außerhalb unserer Grenzen. Er scheint zu glauben, dass der Blick auf John-Wayne-Filme das Äquivalent ist für einen Blick auf die Welt. Dies ist ein Mann, der privilegiert aufwuchs und sich nie die Mühe machte, hinter die Zäune der Ranch in Texas zu schauen."
Genau das mögen viele Amerikaner. Den Eindruck, dass ihr Präsident die Ranch nie verlassen hat. Keine Friedenspläne für den Nahen Osten, keine Samenspuren auf blauen Cocktailkleidern. Die Ranch.
Und wenn es Probleme gibt: draufschlagen. Penn, der früher, wenn es eng wurde, gern mit seinen Fäusten antwortete, klingt jetzt wie ein humanistischer Cowboy. Einer, dem die Weltlage keine Wahl ließ, als den schwarzen Hut des Outlaws gegen den weißen Hut des Bürgers einzutauschen.
Politik für diese Regierung wird nach der Frage entworfen, was ist gut fürs Geschäft und was sieht gut aus im Fernsehen, sagt Penn. Johnny America, der Durchschnittsbürger, wurstele sich seit 30 Jahren mit dem gleichen Gehalt durch und habe inzwischen seinen zweiten Job angenommen, um das kleine Haus abbezahlen zu können: Wenn er nach Hause komme, seine Kinder kaum 15 Minuten lang sehe und wenn er, der von nichts eine Ahnung habe, aus dem Fernseher erfahre, dass es Terroristen auf ihn abgesehen hätten und dann auf CNN das Logo "Show Down in Iraque" erscheine - dann sei doch klar, was passiere. "CNN zum Beispiel wird produziert wie der Trailer zu einem Action-Movie, wo der Erzähler mit tiefer Stimme den Titel ,Show Down in Iraque'' ausruft. Geh und kauf dein Popcorn."
Seit zwei Stunden wach, ist Penn bei seiner achten Zigarette, als ein Fax hereingerattert kommt. Er steht auf, liest es. Ein "Wall Street Journal"-Schreiber beschimpft ihn als Hollywood-Linken. Penn ist wütend, aber gleichzeitig hebt sich seine Brust vor Stolz. So muss er früher ausgesehen haben - kurz bevor er zuschlug.
Auch wenn die amerikanischen Medien nicht darüber berichteten, sagt Penn, es gebe eine Protestbewegung, die nicht länger zu übersehen sei. "150 000 Leute in Washington, 20 000 in Boston, noch mal, ich weiß nicht wie viel, in San Francisco", sagt Penn, solche Massen hätte es in den sechziger Jahren erst gegeben, als die US-Truppen bereits fünf Jahre in Vietnam standen.
Es ist nicht so, dass Penn sich in seiner Jugend vor Kasernen hat festketten lassen und danach keine Gelegenheit ausließ, seinem Gewissen und dem Rest der Welt zu beweisen, was für ein guter Mensch er sei. Im Gegenteil. Sean Penn erschien der Öffentlichkeit oft genug als schlechter Mensch, was an den Rollen lag, die er sich suchte, aber nicht nur.
Klar, einer, der einen Todeskandidaten, einen Kokain-Dealer, einen brutalen G.I. und andere Gestalten jenseits der Borderline spielt, begibt sich nicht unbedingt in Gefahr, das Image eines gutmütigen Kumpels vom Schlage Tom Hanks zu erwerben. Was Penn aber den Rest besorgte, war, dass er sich auch im richtigen Leben nicht viel besser benahm.
Er musste sich ein Dasein in Hollywood nicht herbeisehnen wie andere, er wurde hineingeboren. Seine Mutter Eileen ist Schauspielerin, sein Vater Leo durfte denselben Beruf nicht mehr ausüben, weil er sich Anfang der fünfziger Jahre vor dem Komitee gegen unamerikanische Umtriebe geweigert hatte, die Namen von Kollegen preiszugeben. "Er war bei der Air Force, wurde über Deutschland abgeschossen", sagt Sean Penn noch heute mit Stolz, um dann bitter hinzuzufügen: "Und bekam fünf Jahre später in seinem eigenen Land Berufsverbot."
Leo Penn ging später zum Fernsehen, errang eine Karriere als Regisseur, blieb ein Patriot mit einem großen sozialen Gewissen, der den Kommunistenjäger McCarthy als Betriebsunfall abtat. Im Fernseher zu Hause liefen die Nachrichtenbilder von Vietnam. Sean Penn ging später surfen und verteidigte den öffentlichen Strand, den er mit seinen Kumpels besetzt hielt gegen die Eindringlinge anderer Postleitzahlbezirke, als handle es sich um Angehörige einer fremden Armee. Penn mochte den Kampf, er wollte Anwalt werden.
Aber die Schauspielerei fiel ihm leicht, und das Hollywood im Haus seiner Eltern war noch nicht das emsige Multiplexx-Fließband der Gegenwart. Regisseure wie John Cassavetes tummelten sich darin. Kino sollte Türen aufstoßen ins Unbekannte, mit Worten und Bildern, die rau schienen und trotzdem daherkommen sollten, als wären sie vom Himmel gefallen.
Er war Anfang 20, da wurde Penn bekannt mit "Fast Times at Ridgemont High"; berühmt aber wurde er, als er in einem Filmstudio herumhing und von einer jungen Frau angesprochen wurde, deren Haare platinblond gefärbt waren und die den Ruf hatte, dass sie sich nahm, was ihr gefiel: Madonna.
Penn sitzt jetzt in seinem schwarzen Fünfer-BMW auf dem Weg zu einem italienischen Restaurant, weil er von seinem Tunfisch-Sandwich nichts wissen möchte.
Er ist mit 40, 50 Meilen zu schnell für Marin County, was vielleicht auch daran liegt, dass es ihm auch heute noch schwer fällt, über die Ehe mit der berühmtesten Sängerin der Welt zu sprechen. "Ich verwechselte ein großartiges erstes Date mit einem Partner zum Heiraten", sagt er. Außerdem habe er ziemlich viel getrunken in dieser Zeit.
War er auch betrunken, als er an seinem Hochzeitstag ins Haus rannte, ein Gewehr holte und auf die Hubschrauber voller Fotografen schoss, die über seinem Garten herumflogen? Penns schmale Lippen verbiegen sich zu einem Lächeln. "Wahrscheinlich", sagt er, "sonst hätte ich sie ja getroffen."
Als Mr. Madonna stieg er auf in die Lady-Di-Liga der Berühmtheiten, aber im Gegensatz zur englischen Prinzessin grinste Penn nicht auch noch tapfer, wenn ihm eigentlich vor Wut zum Heulen war. Wie das Rauchen und das Trinken gewöhnte sich Penn das Fotografen-Prügeln an, und auch eine Gefängnisstrafe von 34 Tagen konnte ihn nicht davon abbringen. Er brauchte Luft. Die Ehe mit Madonna wurde nach dreieinhalb Jahren geschieden.
Glamour hatte ihn nie besonders interessiert, aber jetzt hatte er endgültig genug davon. In selbst finanzierten Filmen brütete er als Regisseur in Werken wie "Indian Runner" oder "The Crossing Guard" über den Dramen einfacher Amerikaner. Dazu lernte er eine Schauspielerin aus Texas kennen. Auch sie war sehr blond: Sie hieß Robin Wright. Kinder kamen. Penn nannte sie nach seinen Idolen: Dylan Frances und Hopper Jack.
Die Beziehung ging ebenso in Flammen auf wie Penns Haus in Malibu. Der begabteste und zugleich gefährlichste Schauspieler seiner Generation lebte jetzt, Mitte der Neunziger, allein in einem Wohnwagen vor seiner abgebrannten Villa.
Schöne Frauen kamen und gingen, darunter die Sängerin Jewel und das Model Elle MacPherson, aber bald überkam Penn Heimweh nach seiner Familie. Er heiratete Wright, und als die samt den Kindern in Los Angeles im Auto überfallen wurde, beschloss er, die kranke Welt von Hollywood zu verlassen - Richtung Marin County. "Bäume, Frieden im Kopf und ein einigermaßen normales und sicheres Leben für die Kinder", sagt Penn über die Idylle, um dann angewidert hinzuzufügen: Er wolle nicht wissen, wie lange es her sei, dass die weißen Nachbarn hier zuletzt einen Menschen mit einer anderen Hautfarbe gesehen hätten. Außer dem Gärtner.
Sein Freund Jack Nicholson hat Penn einmal geraten, dass - würde ihm sein Berühmtsein weiter so zusetzen - er doch in eine Tankstelle in der Wüste umziehen solle. Marin ist zwar nicht die Wüste, aber es gleicht einer Tankstelle zumindest in einem Punkt: Fast nirgends darf man rauchen.
Die Nachmittagssonne wirft ein weiches Licht auf den Asphalt. Penn sitzt am Straßenrand und zündet sich eine an. Nach der Vorspeise hat er das Lokal verlassen, Rauchen. "Das wird ein wichtiges Jahr für die Zukunft dieses Jahrhunderts", sagt er, "und meine Kinder werden es mit ausbaden müssen."
Es ist seltsam. Er hat mit seinem Hass auf alles Aufgesagte und 17-mal-Wiederholte sein Leben lang ein wütendes Misstrauen gehegt gegenüber dem Politischen. Er glaubt, sich diesen Luxus nicht mehr leisten zu können. Denn so wie sich Hollywood immer weiter entfernte von der Wirklichkeit, so tue es die amerikanische Politik, was schon daran liegt, dass die US-Konservativen die schmutzige und blutige Realität in eine Art Kino verwandeln, welches ebenso sauber ist wie der Rasen in ihren Vorgärten an einem Sonntagmorgen.
"Allein Wörter wie ''Kollateralschäden''", sagt Penn. "Kollateralschaden, das ist der tote Körper eines Babys, der in einer Betonruine 8000 Meilen weit weg hängt. Man will, dass wir uns dieses Inhumane sehr kalt aneignen. Kollateralschaden, das ist der Tod meiner Tochter, ohne dass die Regierung auch nur einen Scheiß drauf gibt."
Es ist nichts mit dem Frieden im Kopf für Sean Penn in Marin County. Es gibt viele Leute, die seine Mission für aussichtslos halten. Was sein mag. Trotzdem ist sie mehr als nur die eines weiteren Prominenten, der sich wichtig machen will. Denn erst wenn die Bilder, welche in den USA zurzeit den Weg zur Wirklichkeit versperren - all die Sternenbanner, chromblitzenden Waffenarsenale und jubelnden Männer in Tarnanzügen -, aufgebrochen werden, hat eine Meinung jenseits der Bush-Truppen in Amerika wieder eine Chance.
* In San Francisco am 26. Oktober. * Als Gitarrist Emmet Ray in "Sweet and Lowdown".
Von Thomas Hüetlin

DER SPIEGEL 50/2002
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