16.12.2002

„Es wurde nur gestorben“

Warum lediglich 5000 der mehr als 90 000 gefangenen Soldaten der 6. Armee heimkehrten
Die für ihn wichtigen Dinge verliert Friedrich Paulus, Befehlshaber der untergegangenen 6. Armee, auch im Gefangenenlager nicht aus den Augen. Am 25. Februar 1943, drei Wochen nach der Kapitulation, erbittet der von Hitler zuvor noch rasch beförderte General brieflich beim deutschen Militärattaché in der neutralen Türkei "sechs Paar Schulterstücke eines Feldmarschalls". Die Sowjets lassen die Sendung durch.
Auch sonst darbt Stalins ranghöchster Kriegsgefangener nicht zu sehr. Paulus bewohnt in Tomilino bei Moskau eine Datscha mit Garten und fährt sogar zur Kur auf die Krim. Auf die Frage nach dem Schicksal seiner Männer antwortet er 1946 am Rande des Nürnberger Militärprozesses, bei dem die Sowjets ihn als Zeugen präsentieren: "Sagen Sie den Müttern und Frauen, dass es den Gefangenen gut geht."
Das ist glatt gelogen. Die meisten der mehr als 90 000 deutschen Soldaten, die im Kessel von Stalingrad überlebt haben, sterben bald nach der Schlacht. Verwundete und Kranke krepieren in Viehwaggons, in denen sie abtransportiert worden sind. Gehfähige geben während der tagelangen Elendsmärsche in die Lager völlig erschöpft auf. "Sie haben den Mantel über den Kopf gezogen, sich auf die Straße gesetzt und sich totschießen lassen", erinnert sich Jakob Vogt, damals Arzt in einer Sanitätskompanie der 305. Infanteriedivision.
Wer das Ziel erreicht, ist oftmals dem Tod näher als dem Leben. Allein im Lager Beketowka bei Stalingrad sterben zwischen dem 3. Februar und dem 10. Juni 1943 mehr als 27 000 Gefangene, die Hälfte der Insassen - von den 1800 Offizieren im ehemaligen Kloster Jelabuga bis zum April desselben Jahres sogar fast drei Viertel. "Es wurde nur gestorben. Laufend, laufend, laufend", stöhnte danach ein Überlebender.
Die Sterberate der in sowjetische Gefangenschaft geratenen Deutschen beträgt im Durchschnitt ein Drittel, unter den Stalingradern liegt sie bei über 90 Prozent. Armeechef Paulus, der 1953 in die DDR entlassen wird, ist einer von nur 5000 Mann seiner Truppe, die bis 1956 aus der UdSSR zurückkommen.
Übte Josef Stalin besonders grausame Rache an den Invasoren, die die nach ihm benannte Stadt erobern wollten? Experten halten das für unwahrscheinlich.
Aus dem Massensterben könne "nicht geschlossen werden, dass es Ziel der sowjetischen Regierung gewesen wäre, die deutschen Kriegsgefangenen umkommen zu lassen", resümiert Rüdiger Overmans vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt in Potsdam. "Wie ,unmenschlich' die Bedingungen in den Lagern auch immer waren", schreibt der Historiker Albrecht Lehmann, "es lag nicht an einer unmenschlichen Einstellung der sowjetischen Gewahrsamsmacht."
Die 6. Armee ist der erste deutsche Großverband, der in Gefangenschaft gerät - bei einer einzigen Schlacht haben die Sowjets damit fast so viele Gefangene gemacht wie bis dahin im gesamten Krieg. Die Kapazitäten in den Sammellagern der sieben Armeen, die den Ring um Stalingrad bildeten, reichen nicht annähernd; die einzige aus der Stadt führende Bahnlinie ist zerbombt. Auch hatten die Belagerer nur 80 000 Gegner im Kessel vermutet.
Halbwegs Gesunde hätten in der Gefangenschaft wohl eine Chance gehabt. Für die völlig ausgezehrten Männer der 6. Armee bedeutete sie oft den Tod. Hitler, der den Durchhaltebefehl gab, Paulus, der den Ausbruch nicht wagte, und Göring, der prahlerisch Versorgung aus der Luft versprach, tragen dafür ebenso Verantwortung wie Stalin und seine Militärs.
Der Hunger ist quälend - oft essen die Gefangenen Gras, um zu überleben. Den Bewachern geht es meist kaum besser. "Man konnte die Posten beobachten, wie sie im Frühjahr an den sprießenden Birken standen, sie entrindeten und sich von der frischen Wachstumsschicht ernährten", berichtet ein Rückkehrer.
Noch schlechter steht es vielerorts um die Zivilbevölkerung. Etliche Russen betteln sogar die Gefangenen an, als die nach Kriegsende gelegentlich Lebensmittel aus den USA und ab 1949 auch Pakete aus der Bundesrepublik erhalten.
Arbeitsfähige geraten häufig in einen fürchterlichen Kreislauf: Als Hauer im Bergbau oder Waldarbeiter beim Bäumefällen in arktischer Kälte werden sie bis zur Erschöpfung ausgebeutet und anschließend für den Arbeitseinsatz wieder halbwegs aufgepäppelt.
Als von der Armee des feinen Feldmarschalls Paulus nur noch einige tausend Männer am Leben sind, zeigen sich die Sieger gnädig. Die Lagerärzte, beobachtet der kriegsgefangene Mediziner Vogt, bekommen Order, Rücksicht auf die Stalingrader zu nehmen: "Sie sollten nicht alle sterben." HANS MICHAEL KLOTH
Von Hans Michael Kloth

DER SPIEGEL 51/2002
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