16.12.2002

POLENDie schlesischen Maulwürfe

In den Armengruben um die polnische Industriestadt Waldenburg fördern Tausende von arbeitslosen Bergleuten unter Lebensgefahr Kohle wie im 17. Jahrhundert.
Andrzej liegt im Schlamm und pustet den Qualm seiner Zigarette in den schlesischen Himmel. Er hat dicke Schweißperlen auf dem rußgeschwärzten Gesicht. Bei drei Grad über null.
Was war los?
Andrzej weiß nicht. Er war in der Grube, vier, fünf Meter unter der Erde, als es über ihm knisterte. Er ließ mechanisch seine Spitzhacke fallen und hechtete zum Ausgang. Dann affenartig die Leiter rauf. Ein paar Sekunden lauschte er mit angehaltenem Atem in die Tiefe. Aber es passierte nichts.
Andrzej versucht sich zu entspannen. Er lächelt linkisch. "War wohl nichts." Die Kunst des Verdrängens gehört zur psychologischen Grundausstattung der Kumpel in den Gruben der Armen am Weißen Stein (Bialy Kamien) bei Waldenburg (Walbrzych).
Im Prinzip sei Steinkohlegraben nicht gefährlicher als Rübenernten, sagt Andrzej. Er räumt ein, dass es Ausnahmen gibt. Erst vorletzten Monat ist hier bei einem Unfall ein Rentner im Lehm erstickt. Doch im Großen und Ganzen seien die Gruben im Wald mit die sichersten Pütts im Waldenburger Land.
Andrzej raucht seine Zigarette zu Ende, er greift sich eine Wasserflasche und klettert die selbst gemachte Leiter wieder runter. Sie haben heute zu dritt erst 10 Sack Kohle aus dem Boden geholt. Und in anderthalb Stunden wird es dunkel. Um auf ihren Durchschnittsverdienst zu kommen, brauchen sie mindestens 15 Sack.
Rings um Waldenburg machen mindestens 2000 arbeitslose Kumpel Kohle auf eigene Faust. Ein paar Frauen sind auch dabei. Nördlich der Stadt haben sie den ganzen Waldboden auf einer Fläche von 300 Hektar perforiert.
Die Püttmänner wissen, dass ihr Krautund-Rüben-Bergbau ein auslaufendes Modell ist. 2004 soll Polen EU-Mitglied werden. Und die Brüsseler Eurokraten werden die illegale und lebensgefährliche Hackepeterei nicht mehr dulden. Obwohl die Reserven theoretisch noch für 50 Jahre reichen.
Die Flöze liegen ganz dicht unter der Erdoberfläche. Sie haben bis zu zwei Meter Durchmesser. Für Zechenbetriebe sind sie nicht dick genug, aber für den Abbau mit Spaten und Spitzhacke reicht es.
Wer eine gute Fundgrube hat, fördert 30 Zentner am Tag. Das kann pro Mann und Monat 450 Euro bringen, drei- bis viermal so viel wie die Arbeitslosenhilfe und zehnmal so viel wie die Sozialhilfe.
Die meisten arbeiten in Drei-Mann-Teams: Einer bricht unten Kohle, der zweite holt die Eimer rauf und hält die Stützbretter und Stempel im Auge. Der dritte siebt die Kohle in eine Brotkiste und füllt sie dann in gelbe Plastiksäcke.
Im Winter läuft die Förderung schneller. Man braucht weniger Stempel, weil gefrorener Boden nicht so schnell einbricht. Das spart Arbeit. Und die Flöze sind auch etwas poröser, wenn die Kälte in sie eindringt. Die Kohle bricht dann leichter.
Der Schacht, den Andrzej und seine zwei Kollegen auf einer Waldlichtung abgeteuft haben, ist von ungehobelten Fichtenbrettern und Baumstämmen abgestützt. Es sieht nicht sehr fachmännisch aus, aber es ist immer noch besser als die meisten anderen Kohlelöcher, die den Waldweg zum Gipfel des Weißen Steins säumen. Viele sind nur durch Sandsäcke gegen einen Erdrutsch gesichert.
Nicht so gefährlich sind allein die trichterförmigen senkrechten Erdlöcher. Solange man den Himmel über sich sieht, kann man sich einigermaßen sicher fühlen. Nur, Tagebaue sind nicht so ergiebig wie Stollen, die dem Verlauf der Flöze folgen. Manchmal muss man 30 Kubikmeter Abraum bewegen, bevor man den ersten Kubikmeter Kohle aus der Erde holen kann. Mit nichts als Muskelkraft, wie vor 400 Jahren.
Der Bergbau war hier schon zu kommunistischen Zeiten nicht mehr rentabel. Doch die Herren der polnischen Kommandowirtschaft stießen sich nicht daran, dass die Förderkosten höher waren als der Ertrag. Erst Mitte der neunziger Jahre wurden die Bergwerke eines nach dem anderen geschlossen.
Innerhalb von zwei Jahren stand der ganze Arbeiteradel auf der Straße. Die meisten bekamen eine "Überbrückungshilfe" von 25 000 Zloty (rund 7000 Euro). Eine Brücke wohin? Die "Ersatzindustrien", die der Staat ihnen versprach, kamen nicht. Heute hat Waldenburg über 38 Prozent Arbeitslose.
Polens Beitritt zur EU soll 2004 alles wenden. Die Bezirksregierung der Woiwodschaft Waldenburg und die Regierung in Warschau hoffen auf europäische Strukturhilfe. Aber selbst wenn sich ihre Wünsche alle erfüllen sollten, wird es nicht zur Sanierung von Waldenburg reichen. Und die Wünsche werden sich ganz sicher nicht erfüllen.
Der Regierungspräsident von Waldenburg hat mehrfach mit ernsten Maßnahmen gedroht für den Fall, dass die Buddelei nicht aufhöre. Doch der illegale Kohlenhandel ist einer der größten Wirtschaftszweige der Stadt. Ohne die Maulwürfe, wie sie genannt werden, müssten die Armen im Winter frieren. Auch die Stadtverwaltung kauft hier billige Kohle ein, weil sie sonst ihre Krankenhäuser nicht heizen könnte.
Die Kumpel in den Drei-Mann-Zechen sind die Einzigen, die gegen die soziale Erosion massiv Widerstand leisten. So was kann man ja nicht einfach abwürgen. Im Gegenteil: Der Regierungspräsident freut sich über das Sozialprodukt, das da im Wald erwirtschaftet wird.
Die Maulwürfe wissen, dass sie breite Sympathie genießen. "Wir lassen uns hier nicht wegjagen", sagt Leszek, ein blonder, kleiner Mann mit Pudelgesicht. Die Kohle gehöre denen, die sie rausholen. Was kann daran verkehrt sein, wenn sie sich nehmen, was sonst keiner haben will? "Es ist wie Pilze sammeln."
Nur anstrengender und gefährlicher. Nicht nur für die Bergleute. Die ausgekohlten Hohlräume, die überall unter der verkraterten Landschaft lauern, sind eine tödliche Gefahr.
Der Staat solle doch froh sein, wenn sie ihm nicht zu Last fielen, sagt Leszek. Keine Sozialhilfe, keine Unfallversicherung. Dafür eine Menge gutes Sozialprodukt, das die polnische Wirtschaft gut gebrauchen kann. "Und wenn ich irgendwann da unten bleibe, brauche ich nicht mal eine Beerdigung."
Leszek war früher Kantinenwirt bei einer Werft in Danzig. Als die Werft dichtgemacht wurde, zog er mit Frau und zwei Kindern nach Waldenburg. Doch gut ein Jahr später kam der Deckel auf den Pütt, und Leszek war seinen Job los. Ein paar Wochen lang lebte er mit seiner Familie von Ersparnissen, dann ging er in den Wald, um Kohle zu holen.
Hin und wieder schaut die Polizei vorbei. Aber es gibt selten Probleme. Die Polizisten kriegen einen Kofferraum voll Kohlen, und dann verschwinden sie wieder.
Mehr Angst haben die Kumpel hier vor den Ledermännern aus Breslau, die überall in der Grauzonenwirtschaft abkassieren. Sie kamen zum ersten Mal im November letzten Jahres. Ein paar junge verwegene Burschen in Lederjacken. Sie hatten Kalaschnikows dabei. Sie sagten, sie würden künftig einmal die Woche vorbeikommen und pro Loch 200 Zloty kassieren. Dann würde auch niemandem was passieren.
Einer der Kumpel drehte durch. Er gab dem Anführer eine Maulschelle und hackte ihm mit seiner Spitzhacke ein Loch in den silbergrauen BMW. Die Mafiosi zogen sich wortlos zurück. Aber sie kamen zurück. In den folgenden Nächten wurden mehrere von den Pütts zerstört. Einige der Kumpel wurden telefonisch bedroht. Man würde ihre Kinder in die Gruben werfen, wenn sie nicht zahlten. Einen fanden sie morgens mit blutüberströmtem Gesicht und gebrochenen Rippen in einem ausgekohlten Pütt.
Ein paar Monate lang lief das Schutzgeldgeschäft reibungslos. Dann ließ ein forscher Staatsanwalt zehn Mafiosi verhaften. Sie warten im Knast von Waldenburg auf einen Prozess wegen räuberischer Erpressung.
"Jetzt sind unsere Freunde sicher vor Ausbeutung", sagt Janusz Malecha, der drei Zentner schwere Vorsitzende des "Schutzverbandes der Arbeitslosen". Für den Schutz gegen die Mafia müssen die Kumpel dem Schutzbund natürlich Geld bezahlen - man kann auch sagen Schutzgeld.
Malecha führt im Wald südöstlich von Waldenburg die Aufsicht über etwa 50
kleine Gruben. Er passt auf, dass niemand Kohle kauft oder verkauft, den der Verband nicht dazu autorisiert hat. Der Verband stellt auch die Lastwagen für den Abtransport. Und gegebenenfalls besorgt er auch mal einen Bagger, wenn der Waldboden über der Kohle zu mächtig ist.
Die Kumpel, die die Dreckarbeit machen und dabei Leben und Gesundheit riskieren, kriegen den geringsten Teil von der Ausbeute. Ihre Bruchkohle bringt zwei Euro, der rausgesiebte Kohlestaub anderthalb Euro pro Zentner.
Das sind etwa zehn Prozent des Preises, den man bei der staatlichen Handelsgesellschaft dafür zahlt. Der Schutzverband kassiert einen deftigen Anteil ab, dann schlägt der Zwischenhändler, der mit der Ware über die Dörfer fährt, noch mal 100 Prozent drauf.
Der dicke Malecha scheint heute nicht zufrieden zu sein. Die Arbeitsmoral gefällt ihm nicht. Einige der Kumpel liegen schlapp auf dem verschlammten Boden, essen fette Grillwürste und trinken Bier. Malecha greift sich einen angetrunkenen Bergmann und hält ihm eine Standpauke: "Du säufst zu viel, Kumpel." Er hat Recht. Suff macht leichtsinnig.
Im Suff ist auch Sonnenschein. Fünf Uhr aufstehen, anderthalb Stunden Anmarsch, zehn Stunden Maloche, dann wieder anderthalb Stunden Rückmarsch. Um so ein Dasein zu ertragen, muss man sich gelegentlich ausklinken können. Alkohol eignet sich gut dazu. Mal abgesehen von Risiken und Nebenwirkungen.
Weil sie finanziell besser gestellt sind als der Durchschnitt der Bevölkerung, können sie sich den Luxus leisten, nach Feierabend ihr Elend mit Wodka wegzuspülen. Allerdings: Viele saufen bis zum Eichstrich, so viel, dass der größte Teil des Einkommens, das sie unter Lebensgefahr erwirtschaften, dabei wieder draufgeht.
Anders Bergbauveteran Ryszard Tycynski. Er braucht keinen Schnaps für seinen Sonnenschein, weil er fünf Subunternehmer für sich arbeiten lässt. Für eine gute Provision gibt er ihnen eine feste Abnahmegarantie. Das bringt ihm nach Abzug der Unkosten netto dreimal so viel ein, wie es die mörderische Maloche unter Tage tut. Ohne jedes Risiko, weil die Kohle so billig ist, dass er nie Absatzschwierigkeiten hat.
Für Ryszard Tycynski gilt die alte polnische Binsenweisheit: Die Fleißigen leben von der Arbeit, und die Schlauen leben von den Fleißigen. ERICH WIEDEMANN
* In Waldenburg.
Von Erich Wiedemann

DER SPIEGEL 51/2002
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