16.12.2002

INTERNETAbsturz der Netz-Poeten

Künftige Literaturstars, so jubelten Kulturpropheten einst, publizieren nur im Internet. Doch nach dem Ende der Netz-Euphorie werkelt kaum mehr ein ernst zu nehmender Dichter im Web.
Zweifel waren in der Aufbruchsstimmung nicht erlaubt: "Klar, dass das Buch etwas Altmodisches ist", posaunte etwa Norman Ohler, dessen Cyber-Roman "Die Quotenmaschine" viele Literaturkritiker als Pionierwerk feierten.
"Ich will dieses hoch technisierte Medium mit Kunst durchtränken", verkündete der Internet-Lyriker Martin Auer. Ein "wunderbares Abenteuer" warte im Netz, schwärmte Online-Magazin-Gründerin Claudia Klinger.
Damals, vor knapp sieben Jahren, sah es wirklich so aus, als wäre Netz-Literatur die Zukunft. Selbst der amerikanische Erzählerstar John Updike, sonst kein Eiferer für technische Neuerungen, ließ sich herbei, auf der Website des Buchversenders Amazon gemeinsam mit ausgewählten Lesern eine Online-Kurzgeschichte zu dichten. Er fürchte schon, sagte er bald darauf, "das gedruckte und gebundene Buch, dieses physische Objekt aus Papier und Leim", werde "bald ausgedient" haben.
Die Grabrede war leicht verfrüht, dafür scheinen die revolutionären Träume von einst fürs Erste erledigt. Als unlängst in Frankfurt "Literatur.digital", der letzte noch existierende deutsche Preis für Internet-Texte, verliehen wurde, reichte es gerade mal zu einem Familientreff der üblichen Verdächtigen im feinen Restaurant Holbein''s. 6 der rund 50 eingesandten Arbeiten wurden prämiert, die Preisträger nahmen Schecks und - kein Cyber-Scherz - Buchpakete entgegen. Aber: Keiner aus dem verbliebenen Häuflein hartgesottener Internet-Literaten kann von seinen Werken leben. Der Hyper-Hype ist vorbei.
Wie konnte das passieren? Hatte die weltumspannende Elektronik nicht eine geis-tige Befreiung ohnegleichen versprochen? Waren seit der ersten nur mit Computerhilfe lesbaren Erzählung "afternoon, a story" von Michael Joyce - sie erschien schon 1987 auf Diskette - nicht in Windeseile wahre Fluten elektronischer Erzählversuche, Magazine und Dichter-Workshops entstanden?
Hypertextuell, wie auf einer Bildschirm-Schnitzeljagd mit Schleifen, Sprüngen und Verzweigungen, so lautete das Versprechen, sollte sich der Leser in Zukunft bewegen können. Dank der Hyperlinks, die von einer Internet-Seite zur nächsten leiten, öffneten sich jetzt immer neue Textebenen, ganz nach Lust und Laune des Lesers. Wenige Mausklicks, und ein unermesslicher Raum kollektiven Erzählens schien sich aufzutun - denn auch Meckern und Miterfinden war häufig erwünscht und per E-Mail leicht möglich.
Anfangs schienen die Enthusiasten Recht zu behalten. Allein in Deutschland fand sich ein ganzer "Webring" mit dem kessen Namen "Bla" zusammen, um die poetische Fülle im Web zu bündeln. "Spielzeugland", "Storyweb" oder "Human Voices" hießen die Projekte dieses rasch wachsenden Clubs der vernetzten Dichter. Eine der emsigsten Autorinnen, Susanne Berkenheger, sah ihre Leser als Dschungelkämpfer, die sich dank der multimedialen, nichtlinearen Bildschirmkultur durch ihr ganz persönliches Text-Abenteuer schlagen könnten.
Inzwischen ist die Münchnerin eine Veteranin der schwindsüchtigen Szene. 1997, für Computermenschen vor einer halben Ewigkeit, gewann ihr "sehr einfach programmierter" Erstling "Zeit für die Bombe" sofort den "Pegasus"-Preis. Zwei Jahre später siegte ihre Arbeit "Hilfe!" beim damals noch existierenden "Ettlinger Internet-Literaturwettbewerb". Auch jetzt in Frankfurt kam ihr jüngstes Werk, die "Schwimmmeisterin", wieder mal in die Spitzengruppe.
Wer die Seite "www.schwimmmeisterin. de" anklickt, wird zum Praktikanten in einer virtuellen Badeanstalt: Dem Einstellungstest folgt der Sprung vom Zehn-Meter-Turm, eine Badende reißt sich den Bikini vom Leib, gleichzeitig ergreift ein vermeintlicher Virus Besitz vom Computer. Der Leser glaubt, er könnte die Handlung durch Anklicken beeinflussen, tatsächlich entscheidet aber längst ein zweiter Mauszeiger für ihn. Und wer die Seite verlassen will, wird in einem Dialogfenster angemeckert: "Sie wollen doch nicht einfach so verschwinden?"
Das aber wollen offenbar viele. So witzig Berkenhegers Wort-Bild-Konglomerate sein können, sie ähneln doch nicht so sehr einer fesselnden Lektüre als einem Computerspiel, bei dem es nichts zu gewinnen gibt. Kein Wunder, dass weniger einfallsreiche Werke bei Internet-Nutzern kaum mehr Chancen haben.
"Solche Experimente mit der ästhetischen Form haben nie den Mainstream erobert", gesteht Roberto Simanowski, der mit seiner Website "dichtung-digital.de" und dem gerade bei Suhrkamp erschienenen Buch "Interfictions" als deutscher Netz-Literaturpapst gelten darf. Simanowski, der auch Juryvorsitzender des diesjährigen Wettbewerbs war, erklärt sich das Desinteresse an digitaler Literatur so: Neben der technischen Ausrüstung fehle den Deutschen einfach die entsprechende Leseerfahrung. Schon während der großen Euphorie beobachteten Autoren wie Ilija Trojanow, dass kaum ein Leser die Möglichkeit nutzte, auf das Veröffentlichte zu reagieren. Heute bleiben die meisten noch existierenden Schreibprojekte oft tagelang ohne Fortsetzung. Den Internet-Roman "Die Säulen von Llacaan" hat seit über einem Jahr niemand weitergeschrieben. Kaum einer der etablierten Autoren mag noch im Netz publizieren.
1999 startete eine Gruppe von Pop-Literaten das Projekt "Am Pool" - fern aller Mitmach-Utopien als eine Art kollektive Selbstfeier einiger Erwählter, zu denen etwa der erfolgreiche Jungautor Christian Kracht ("Faserland") zählte. Doch nach etwa 7000 Seiten Geschreibsel wurden auch den Zeitgeistlichen die Tippfinger lahm. Am elektronischen Pool hockt heute nur noch, wer wirklich nichts Besseres zu tun hat - wie der Berliner Autor Sven Lager, 37.
Dem Münchner Kollegen Georg M. Oswald - ebenfalls Internet-Experimentator der ersten Stunde - berichtet Lager mitten aus Berlin-Mitte von Joggingtouren im Monbijoupark, der Schultüte der Tochter und der Schönheit seiner Frau. "Irgendetwas Längeres, vor allem Einsames und größer Angelegtes" habe er zurzeit nicht in Arbeit. Derlei Mitteilungen sind noch pralles Leben gegen das elektronische Textmuseum von Thomas Hettches Netz-Gemeinschaftsarbeit "Null", die längst als Anthologie auf Papier erschienen ist.
Auch die "Pool"-Fraktion hat eine überarbeitete Version ihrer Elaborate als "The Buch" publiziert - wie augenscheinlich viele im Web eine Probebühne für Unfertiges erblicken. Literarische Wertarbeit hingegen, so die stillschweigende Überzeugung, sollte man auch getrost nach Hause tragen und ins Regal stellen können.
Der Erste, der in Deutschland Web-Literatur für ein großes Publikum machte, war der einstige Literaturprovokateur und heutige Pop-Literaten-Patriarch Rainald Goetz. Sein einjähriges Internet-Tagebuch "Abfall für alle", wenig später als Buch erschienen, wurde ein Musterfall cleverer Selbstvermarktung und zugleich Vorreiter des einzigen Genres, das heute noch im Netz boomt: persönliche Kommentare zum Tages- und Weltgeschehen, je meinungsstärker und verlinkter, desto besser. Ein paar Autoren solcher "Blogs" haben es inzwischen zu Weltruhm gebracht.
Goetz jedoch plante von Anfang an den nächsten Schritt ein, das Mausoleum Buch. Während andere noch begeistert probierten, wie "spontan, improvisiert" (Georg M. Oswald) man ohne Lektor und Verlagshürden schreibt, durchschaute der Avantgardist bereits, wie alles enden würde.
Denn auf dem Netz-Marktplatz, wo jeder durch blinkende Logos und andere Mätzchen glänzen kann, bis sein Server abschaltet, sieht ernst gemeinte Literatur aus immer denselben 26 Buchstaben oft so erregend aus wie der Fortsetzungsroman in Omas Käseblatt, vom Problem der Urheberrechte und damit den Verdienstaussichten ganz zu schweigen.
Studentenkurse in "Cyberprosa", wie etwa die Universität Tübingen sie mit Erfolg anbietet, belegen pikanterweise nur diese Diagnose: Wer im Internet schreibt, kann heute nur noch Artist ohne Geldsorgen, verzweifelt armer Poet oder williger Schreibnovize sein.
Zumindest in Deutschland zeugen schon die Namen vieler Arbeitskreise von heiterer Bedeutungslosigkeit: Titel wie "Beim Bäcker", "Wolfskreis-Lyrics", "Yolanthe''s Bibliothek" oder gar "Die kleine Leseecke" signalisieren eine Hobby-Mentalität, deren Toleranz so gewaltig ist wie das Risiko, im Geschwafel zu vermüllen. Für ambitionierte Schreiber bleibt da nur die Devise: Fort vom Text, hin zur Inszenierung.
"Es wird in Zukunft viele Mischformen geben", glaubt auch Roberto Simanowski.
Ein Beispiel für einen solchen Formenmix ist die Arbeit "marbel + matrikel", die von der Frankfurter Jury mit dem ersten Preis ausgezeichnet wurde.
Der Beitrag begleitet zwei Menschen, die nach einer misslungenen Operation wieder zu Kindern werden und sich auf die Suche nach ihren Erinnerungen begeben. Mit seinen Collagen aus Musik und Text und aufflackernden Fotos erinnert das Werk eher an eine Kunstinstallation als an Literatur. Gleichzeitig ist die Arbeit Werbung für das beteiligte Büro für Bildschirmgestaltung "Etuipop".
Wenigstens darin zahlt sich die Teilnahme am Wettbewerb aus; die Siegesprämie von 2500 Euro für die sechs Autoren von "marbel + matrikel" sähe in einem traditionellen Literaturwettbewerb eher mickrig aus. Wirklich verdienen will und könnte niemand mit den eigenen Netz-Künsten - vom Coup des Horrormeisters Stephen King wagt erst recht keiner zu träumen.
King, der es seinen Verlegern einmal zeigen wollte, bot vor zwei Jahren die Erzählung "Riding the Bullet" gegen Überweisung eines Dollars pro User an - prompt wurde der Text 500 000-mal abgerufen. Daraufhin begann King auch den Roman "The Plant" ins Netz zu stellen, wieder mit einigem Erfolg. Erst nach der sechsten Folge brach er den Versuch wegen schwindenden Leserinteresses vorzeitig ab.
Echte Fans der Internet-Literatur lassen Kings Vertriebstrick ohnehin nicht als Vorbild durchgehen. Ihnen geht es um ästhetische Pioniertaten. Doch die stolze Scheu vor dem Profit hat Folgen: Mittlerweile scheint sich nicht einmal mehr das Sponsoring des Wettbewerbs "Literatur.digital" durch T-Online und den Deutschen Taschenbuch Verlag (dtv) zu lohnen.
Immerhin preist Michael Döschner-Apostolidis von dtv tapfer die Rolle des Verlags als "Geburtshelfer einer jungen Literatur" - und beteuert, da passiere etwas, "auch wenn man es jetzt noch nicht messen kann".
Von dieser Hoffnung mag auch der harte Kern der Netz-Literaten nicht lassen, auch wenn täglich die Mühe wächst, im universellen Gestammel der Myriaden konkurrierender Web-Seiten künstlerisch zu überleben. Eines jedenfalls ist den wenigen Hinterbliebenen der Szene bitter bewusst - ohne Brotberuf steht ein Internet-Literat in kürzester Zeit vor der Schicksalsfrage Hamlets, wie sie 1996 im Siegerbeitrag des "Pegasus"-Wettbewerbs zu lesen war: "(2b).or.(.not.2b)".
ANNE PETERSEN, JOHANNES SALTZWEDEL
* Monika Krüger, Birgit Karn, Claudia Heynen.
Von Anne Petersen und Johannes Saltzwedel

DER SPIEGEL 51/2002
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