21.12.2002

STRAFJUSTIZ„Das ist ein total geiler Vikar“

Viele Jahre lang hat sich ein Pfarrer aus dem Erzbistum Paderborn an Jungen vergangen. Das Gericht bestrafte ihn höher, als die Staatsanwaltschaft gefordert hatte. Von Gisela Friedrichsen
Man hätte schon erwarten dürfen, dass er sich wenigstens einmal an die Brust schlägt: mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa. Dass er sich zu ein wenig Reue aufrafft. Dass er zu dem steht, was er seiner Kirche und seinem Berufsstand angetan hat. Was er in seiner Gemeinde, in den Familien und vor allem: was er bei Jugendlichen, Fast-noch-Kindern, angerichtet hat. Man hätte auch erwartet, dass er sich künftig anders zu verhalten gedenkt. Doch offenbar weit gefehlt.
Im Plädoyer deutete die Dortmunder Staatsanwältin Bettina Werner an, dass der Angeklagte noch immer einschlägig tätig sei. In seiner Wohnung in einem Schwesternheim, wo er untergebracht ist, sollen schon wieder Jungen anzutreffen sein, die er "therapiert". Sowenig er sich zu seiner Verantwortung bekennt, so wenig scheinen ihn Ermittlungen oder ein Strafverfahren zu beeindrucken.
In der Presse wird sein Name abgekürzt. "Bild" nennt ihn kurz den "Porno-Priester". Nur wer ihn kennt, weiß, um wen es sich bei "Christian B." handelt. Am ersten Verhandlungstag erschien er mit Schlapphut, den er tief ins Gesicht zog, als sich die Kameras auf ihn richteten. Zur Urteilsverkündung am 17. Dezember verbarg er sich hinter einer Mappe. Er will ein Niemand sein.
Dabei ist B. in Kirchenkreisen alles andere als ein Niemand. Gerüchte über ihn gibt es seit seiner Priesterausbildung in Fröndenberg zu Beginn der neunziger Jahre. Aus dem Studienkolleg habe man ihn quasi hinausgeworfen, erinnert sich ein Kollege, der Ausbilder habe ihn nicht zur Priesterweihe zulassen wollen. Nach langer Prüfung aber habe man in Paderborn die Sache dann doch für erledigt gehalten. Der Hirte durfte sich den Lämmlein nähern.
Es dauerte Jahre, bis ihn die Staatsanwaltschaft erstmals 2001 wegen 21fachen Missbrauchs Schutzbefohlener (an drei Jungen) anklagen konnte. Wie viele Jugendliche haben aus Scham geschwiegen?
Doch das Jugendschöffengericht Unna ließ die Anklage nicht zu, weil es sich bei den Opfern nicht um Schutzbefohlene im Rechtssinn gehandelt habe, die B. "zur Erziehung, zur Ausbildung oder zur Betreuung in der Lebensführung anvertraut" waren. Die Beschwerde der Staatsanwaltschaft dagegen blieb erfolglos: Eine Kammer des Landgerichts Dortmund bekräftigte die Entscheidung, die somit rechtskräftig wurde. Es trat ein, was die Rechtsgelehrten "Strafklageverbrauch" nennen: B. durfte wegen Missbrauchs dieser Jungen nicht mehr belangt werden. Der Hirte war noch einmal davongekommen. Manchmal sind die Wege des Rechts dunkel und verschlungen.
Seinen Kirchenoberen gegenüber stritt B. mal ab, mal bequemte er sich zu sagen, dass "juristisch an einzelnen Fällen was dran" sei. Er wird nicht gefragt, was genau er getan hat. Es ist ein heikles, schmutziges Thema, bei dem man nur ungern verweilt.
Es bedurfte 2002 einer neuerlichen Anklageschrift der Staatsanwaltschaft Dortmund - und wohl auch des öffentlichen Drucks anlässlich der Priester-Skandale in den USA -, bis das Vertuschen und Versetzen ein Ende hatte. Ein neuer Prozess, diesmal vor der 9. Strafkammer des Dortmunder Landgerichts, nahm Anfang Dezember seinen Lauf.
"Für uns gilt bis zum Beweis des Gegenteils die Unschuldsvermutung", versuchte der kirchliche Personalchef jetzt als Zeuge glauben zu machen. "Das Gericht hat die Sache ja auch eingestellt."
"Kennen Sie die Einstellungsverfügung?", fragt der Kammervorsitzende Manfred Reichel den geistlichen Herrn aus Paderborn. Natürlich weiß der Bescheid. Natürlich weiß er, dass B. sich an halbwüchsige Jungen heranmacht. Er weiß von den Versetzungen B.s - Castrop-Rauxel, Herne, Holzwickede, Dortmund -, beste Tradition in der katholischen Kirche. Natürlich weiß er auch, dass man B. an die zehn Jahre gewähren ließ, bis man ihn endlich aus der Jugendarbeit abzog.
Leicht war es für die Staatsanwaltschaft nicht, B.s endlich habhaft zu werden, zu planvoll und gerissen ging der vor. Er gewann die Jungen, indem er sich beim Fußball als Torwarttrainer anbot. Er ging mit ihnen skaten. Bei ihm zu Hause gab es auch schon mal Bier, und man schaute bis in die Nacht hinein Videos. Er gerierte sich modern, offen, "nicht so verstaubt wie der alte Pfarrer", wie ein Zeuge sagte. Über alles durfte geredet werden, Tabus gab es nicht. Eine Mutter beschrieb, wie begeistert ihr Sohn von einer Freizeit heimkam: "Mama, das ist ein total geiler Vikar!"
Doch alsbald ging es dann zur Sache. B. pickte sich mit Vorliebe die Schwächeren unter seinen Schützlingen heraus, die Kinder, bei denen es Probleme gab: "Du hast zu wenig Selbstbewusstsein. Daran müssen wir arbeiten." Dann probierte er aus, wie weit er gehen konnte: "Befriedigst du dich selbst? Welche Sex-Spiele kennst du?", fragte er unter vier Augen. Ließ sich der Junge darauf ein, gab es beim nächsten Treffen die nächste Bewährungsprobe: B. öffnete, nur mit Boxershorts bekleidet, die Tür. "Wetten, dass du dich nicht traust, dein Glied vier Minuten lang zu berühren?" Dein Glied, mein Glied, und dann plötzlich sind beide splitternackt.
In einer dürren Erklärung zur Sache, wie sie im Zivilprozess von den Parteien vorgetragen wird, ließ B. am ersten Verhandlungstag seinen Anwalt Sven Reissenberger von "homosexuellen Neigungen" sprechen und von einigen, zeitlich nicht mehr einzuordnenden Handlungen mit 14-Jährigen. Das allerdings ist nicht strafbar, solange es sich nicht um "Schutzbefohlene" handelt. Also Freispruch?
Gewiss, B. war nicht Lehrer oder Vormund der Jungen. Doch ließen viele Eltern ihre Kinder nicht vor allem deshalb zu ihm, weil sie einem Geistlichen besonders vertrauten? War er nicht Aufsichtsperson in Ferienfreizeiten? Renommierte er nicht mit seiner großen Lebenserfahrung, was doch ein gewisses Über- und Unterordnungsverhältnis, wie das Gesetz es fordert, belegt? Er habe einen weitaus stärkeren Einfluss auf die Kinder gehabt als die Eltern, bestätigten mehrere Zeugen.
Ein zwar schon 21-Jähriger, der aber immer noch aussieht wie 17, beschrieb vor Gericht, wie er zu B. kam. Sein Vater hatte sich im Garten des Elternhauses an einem Baum erhängt. Die Familie wurde fortan in der St.-Josef-Gemeinde in Castrop-Rauxel geächtet, man schrieb der Mutter des Jungen die Schuld am Tod des Ehemannes zu. Auch der Junge fühlte sich schuldig, wurde in der Schule schief angeschaut, die Freunde wandten sich ab.
Die Mutter machte sich große Sorgen um das Kind, das den Verlust des Vaters nicht überwand. Sie ging deshalb auf B. zu, hoffte, dass, wenn ihr Junge Messdiener würde, er vielleicht wieder Anschluss an Gleichaltrige fände. "Ich sah in B. einen väterlichen Freund für meinen Sohn. Ich habe ihm großes Vertrauen entgegengebracht. Ich hoffte, er bringt den Jungen wieder in ein seelisches Gleichgewicht", sagte sie vor Gericht.
"Wollte er bei Ihnen auch das Selbstvertrauen stärken?", fragt der Vorsitzende den jungen Mann. "Mir wollte er die Schuld am Tod meines Vaters nehmen", antwortet der. "Aber wie kommt man dabei auf Sexuelles?", wundert sich der Richter. "Er sagte, ich solle mich vor den Spiegel stellen und mich betrachten. Ich sei doch etwas!" Der Vorsitzende: "Und das hat er als Therapie verkauft?" "Bei dem war angeblich alles Therapie", antwortet der Zeuge.
Als dann wieder einmal Gerüchte aufkamen, sollte der Junge auf Wunsch B.s eine Falschaussage machen, was ihn in heftigste Gewissensnöte stürzte. "Ich sackte in der Schule ab. Wenn ich vor Gericht lüge und ihm Alibis gebe, sagte B., würde sich das finanziell für mich lohnen. Er hat mir sogar eine eigene Wohnung angeboten."
"Hatten Sie mal ein komisches Gefühl?", fragt der Vorsitzende die Mutter. "Ich habe meine Zweifel aus dem Sinn gewischt", antwortet sie voller Selbstvorwürfe. "Aber mein Lebensgefährte warnte: Das ist nicht normal, dass sich ein Vikar so intensiv um Jugendliche kümmert!"
Eines Tages habe B. bei ihr angerufen: "Ihr Sohn wird Ihnen heute erzählen, dass ich mit Jungs was hätte. Das ist alles Schwachsinn. Hören Sie sich das gar nicht an. Sie wissen ja, welchen Mist Kinder in dem Alter erzählen." Auch bei anderen Eltern rief er an, um sie mit seiner Offensive zu beruhigen, ehe sie misstrauisch wurden. "Der Vikar hat nur Gutes getan", glaubte eine Mutter bis zum ersten Verhandlungstag, bevor sie "völlig geschockt" von B.s Teilgeständnis in der Zeitung las.
"Warum sind Sie denn immer hingegangen zu ihm?", fragt der Vorsitzende die jungen Männer, an denen B. sich einst vergriff. "Er hat gedroht, dass ich von der Schule fliege, wenn ich was verrate", berichtet der eine. Der nächste wollte nicht Außenseiter in seiner Clique sein: "Die anderen gingen doch auch hin." Wieder ein anderer glaubte zunächst an die angebliche Stärkung des Selbstbewusstseins: "Vielleicht ist das ja gut, später, bei den Mädchen." Einer bekannte offen, dass er einfach neugierig gewesen sei. Vor allem auf Verbotenes.
Als der Prozess nun vor dem Landgericht Dortmund begann - angeklagt war nur noch ein Fall des sexuellen Kindesmissbrauchs an einem noch nicht 14-Jährigen in der Liebfrauen-Gemeinde von Holzwickede - , war offen, ob die Richter diesem Jungen glauben würden. Sagte er die Wahrheit? War er wirklich erst 13?
Als der Vorsitzende am fünften Verhandlungstag das über den Strafantrag der Staatsanwaltschaft hinausgehende, deutliche Urteil verkündete: vier Jahre Freiheitsstrafe wegen Kindesmissbrauchs, brachte die Mutter des Jungen nur noch die Worte "Gott sei Dank!" heraus. Denn zu lange waren ihre Familie und vor allem ihr Sohn von den inbrünstigen Anhängern B.s in bösen Misskredit gebracht worden: Erstunken und erlogen sei, was der Junge sage, einen Rachefeldzug führe er gegen den Pfarrer, einen schlechten Charakter habe der Durchtriebene. Die Gemeinde war gespalten. Die einen glaubten dem Jungen, die anderen hielten an B. fest. "Die andere Seite haben Sie nicht angehört", fragt der Vorsitzende ein Gemeindemitglied, "nein?"
Doch der Junge überzeugte die erfahrenen Richter. Das Gericht nehme an, dass weitaus mehr passierte, so der Vorsitzende. "Der Junge hätte die juristischen Details kennen und Vorfälle absichtlich vor seinen 14. Geburtstag platzieren müssen. Das hat er gewiss nicht getan."
Wie der Hirte, so die Schafe. "Weder vom Angeklagten noch von denen, die dem jungen Mann bitter Unrecht taten, hörten wir auch nur ein Wort des Bedauerns", stellte der Vorsitzende fest.
B. droht nun die Entlassung aus dem Klerikerstand. Aus Fürsorgegründen suche man bereits eine andere Beschäftigung für ihn, heißt es im Paderborner Generalvikariat. Gerade aus diesen Gründen aber hätte man sich längst mit dem Vikar befassen müssen.
Von Gisela Friedrichsen

DER SPIEGEL 52/2002
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