21.12.2002

„Am besten gäb es mich nicht“

Anna, 15, über die Wut auf ihren Vater, die Kirche und ihr Leben mit Dauerlüge und Versteckspiel
"Schatten liegen über meinen Augen, damit niemand die Spiegelung meines Herzens und meiner Seele darin sieht." AUS EINEM GEDICHT VON ANNA
In der Grundschule behaupteten die anderen Kinder oft: "Du hast ja gar keinen Papa!" Da wurde ich sehr traurig und antwortete immer: "Jedes Kind hat einen Papa!" Und dann fragten sie zurück: "Ja wo wohnt er denn?" Die anderen hatten alle ihren Papa zu Haus, und ich wusste nicht einmal, wo meiner wohnte. Ich hab dann irgendwelche Geschichten erfunden, wie er aussieht und wo er wohnt. Dann wollten sie wissen: "Was hat er denn für einen Beruf?" Wieder musste ich stottern und stammeln.
Mit vier hab ich meine Mutter wohl zum ersten Mal gefragt, wo mein Vater ist. "Später, wenn du größer bist", hat sie geantwortet. Ein Jahr später hat mir meine Mutter dann gesagt, dass ich nun meinen Vater kennen lernen könnte. "Soll ich es dir gleich sagen, oder erst wenn er da ist?"
Ich dachte, da kommt ein wildfremder Mann an. Dann war ich sehr überrascht, dass es der war, der meine Mutter alle sechs bis acht Wochen besucht hatte. Ich begriff rasch, dass es fortan darum gehen würde, dass ich als sein Kind im Grunde ihn schützen müsste.
Ich hab dann also mit fünf angefangen, die Leute zu belügen. Das konnte ich schließlich auch ganz gut. Niemand hat was bemerkt. Aber man verliert die Leichtigkeit der Kindheit. Ich musste mich verstellen, das war sehr anstrengend. Ich fühlte mich selten richtig wohl.
Es gibt so viele Kleinigkeiten, die einen Vater ausmachen. Die fehlen mir im Leben, die vermisse ich. Nie hat er mich abends mit der Decke zugedeckt. Und was mir da fehlt, kann ich nie wieder nachholen. Man kann nie wieder diese Nähe aufbauen.
Mein Vater war und blieb immer nur Besuch. Selbst wenn er kam, war er innerlich nicht da. Wir sind später sogar ein paar Mal zu dritt in Urlaub gefahren. Doch die Nähe war nicht echt. Es kam mir immer alles so künstlich vor. Ich spielte dann für alle das liebe, nette Kind.
Es gab aber nie ein Gespräch mit ihm über wirklich wichtige Dinge. Im Grunde gab es keine Beziehung. Da hätte früher was passieren müssen. Ich habe oft versucht, ihn zu überreden, häufiger zu mir zu kommen. Er hat dann immer nur gesagt: "Wenn ich mal ein Loch im Kalender habe!"
Manchmal waren wir auch zu Besuchen bei ihm. Die Leute dort haben mich angeekelt, besonders die Frauen, die um ihn waren und ihn auf einen Sockel gestellt haben. Ich hätt mich gern hingestellt und gesagt, wer ich bin. Obwohl ich ein kleines Kind war, wusste ich mehr als die anderen in seiner Gemeinde. Das war grotesk. Es war alles so falsch: Auf den ersten Blick wirkte es nett und schön. Es war aber nichts aufrichtig schön. Ich durfte dann immer nichts sagen. Beim Essen hätte ich kotzen können.
Ich glaube noch an Gott, aber glaube nicht der Kirche. Sie predigt Nächstenliebe, aber handelt ihr selbst zuwider. Für andere spielen die Priester den Vater, meiner darf das aber nicht für sein eigenes Kind sein. Wie sollte ich mir von dieser Kirche sagen lassen, wie ich zu leben habe?
Mein Vater und seine eingeweihten Klosterbrüder haben immer nur gesagt, wie schlecht es ihnen geht. Keiner hat je gefragt, wie ich damit zurechtkomme - etwa mit der Angst, die Leute könnten mit der Wahrheit nicht umgehen. Darum hab ich es selbst meiner besten Freundin nicht gesagt. Erst jetzt, wo ich 15 bin und einen Freund habe, habe ich mich getraut und es ihm vor wenigen Wochen gesagt.
Nachdem mein Vater meine Mutter nach 13 Jahren heimlicher Beziehung wegen einer anderen verlassen hat, schrieb ich im vergangenen Jahr in mein Tagebuch: "Ich kann mich nicht erinnern, dass er mal etwas nur für mich gemacht hat, ohne es aus Pflichtgefühl zu tun. Er ist doch ein verlogenes Arschloch! Die Hauptsache, er bekommt, was er will, und ihm geht es gut. Ich will einfach ganz normal sein und einen Vater haben, der mich in den Arm nimmt und beschützt. Meine Mutter und er hätten nie miteinander schlafen dürfen, dann gäbe es mich nicht, und alles wäre nie passiert. Allen ginge es besser. Ich will ihn nie wieder sehen!"

DER SPIEGEL 52/2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 52/2002
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„Am besten gäb es mich nicht“

  • Senioren in der JVA Waldheim: Gebrechliche Gangster
  • Real präsentiert Mendy aus Lyon: Franzose sorgt für Lacher bei der Vorstellung
  • Vom Winde verweht: Sturm deckt Haus ab
  • Trump über Drohnen-Abschuss: "Ein großer Fehler"