21.12.2002

„Strangulierte Liebe“

Der Paderborner Theologe Eugen Drewermann, 62, über Priesterkinder und Kirchenväter
SPIEGEL: Welche Schuld lädt die Kirche sich mit der Verheimlichung Tausender Kinder von Priestern auf?
Drewermann: Eine größere Anhäufung an Leid von Kindern, Müttern und Vätern lässt sich schwer denken. Dieselbe Institution, die die Liebe über alle Maßen als von Gott gegeben preist, erlaubt sich mit ihren Zwangsmaßnahmen jeden Würgegriff, um die Liebe zu strangulieren, wenn sie in den eigenen Reihen vorkommt.
SPIEGEL: Gibt es überhaupt ernst zu nehmende theologische Begründungen für den Zölibat?
Drewermann: Es gibt keine, außer den Zweck, dass man Mensch und Gott voneinander trennt, Seele und Körper, Priester und Gemeinde. Kurz: dass man genau die Spaltungen zwischen Denken und Fühlen will, die man dann machtpolitisch ausnutzen kann.
SPIEGEL: Beim Zölibat geht es also um Macht?
Drewermann: Und um Geld. Sie haben im Protestantismus zum Beispiel auch deshalb einen ständigen Kapitalnotstand, weil die Pfarrer mit ihren Familien versorgt werden müssen. Der Zölibat erlaubt der katholischen Kirche Gehältereinsparungen, die immens sind. Und in aller Regel hält sich die Kirche am Erbe der unverheirateten Priester noch einmal schadlos.
SPIEGEL: Geld und Macht sind gleichrangig?
Drewermann: Der psychische Faktor ist wohl wichtiger. Man kann Menschen abhängig und manipulierbar halten, wenn man sie gelehrt hat, ihre ganz normalen Gefühle, die Sehnsucht nach Liebe, nach Sexualität, nach Partnerschaft, zu unterdrücken und als Sünde zu betrachten. Wem es gelingt, normale Triebbedürfnisse mit Schuld zu infizieren, der hat auch dogmatisch das Denken seiner Untergebenen in der Hand. Diejenige Macht ist total, die es schafft, dem Menschen die Liebe zu verbieten.
SPIEGEL: Gibt es keinerlei Aussicht auf eine Veränderung?
Drewermann: Es ist ein ungeheures Maß an Heuchelei, an Qual, an Unfreiheit, das die katholische Kirche mit dem Pflichtzölibat den Menschen mutwillig auferlegt. Wir werden trotzdem noch lange warten müssen, bis darüber offen gesprochen und sogar Änderungen durchgesetzt werden können.
SPIEGEL: Katholische Diakone dürfen aber doch verheiratet sein ...
Drewermann: ... und protestantische Priester, die zum Katholizismus konvertieren, dürfen verheiratet bleiben. Auch die griechisch-katholischen Melkiten, die dem orthodoxen Ritus folgen, aber der hierarchischen Gewalt des Papstes unterstehen, haben verheiratete Priester.
SPIEGEL: Sind das nicht exotische Ausnahmen?
Drewermann: Es gäbe genügend Anknüpfungspunkte, um diese Modelle von den Rändern ins Zentrum der Kirche zu holen. Das Entscheidende ist: Es muss das Argument verschwinden, dass Gott das Opfer will und die Zerstörung des persönlichen Glücks verlangt.
SPIEGEL: Und was will Gott stattdessen?
Drewermann: Vor Jahren habe ich eine Rede gehalten vor katholischen Priestern und ihren Frauen. Vorweg hatte ein ernst zu nehmender Moraltheologe gesagt, die katholische Kirche müsse ein Ethos des Scheiterns anerkennen. Priester, die geheiratet haben, müssten sich mit der Kirche versöhnen dürfen. Ich sagte: Das geht nicht durch! Wollt ihr die Frau, die jetzt neben euch auf der Bank sitzt, wirklich betrachten als die Sünde für euer Leben? Wollt ihr nicht ehrlich sagen: Sie ist wie ein Engel in unser Leben gekommen, und wir sind Gott dankbar dafür?

DER SPIEGEL 52/2002
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