21.12.2002

USADer Traum von Black Power

Amerikas schwarze Intelligenzija im Aufstieg: Colin Powell und Condi Rice sind nur die sichtbarsten Vertreter einer Elite, die von der Opferrolle nichts mehr wissen will. Wortmächtige Dissidenten warnen aber vor der Selbstsabotage der jungen Schwarzen. Von Carlos Widmann
Es ging dem Harvard-Professor auf die Nerven, dass seine Frau sich heulend und mit den Fäusten hämmernd auf dem Fußboden wälzte, nur weil sie ihn in der Garage wieder beim Kokainrauchen überrascht hatte.
Und da er dieses Verhalten seiner Gattin irritierend fand, zog Professor Loury es vor, sich in seinem stilvollen Haus in einer edlen Vorstadt von Boston im Gästezimmer zu verbarrikadieren: gut versorgt mit Videokassetten, mit Kokainklumpen und dem Besteck für das "freebasing".
Der Inhaber des Lehrstuhls für Wirtschaftspolitik an Harvards Kennedy School of Government verbrachte hier ganze Tage in Klausur. Die Lungen voll pumpend mit dem Rauch der verglühenden Kristalle, fand er den schnellsten Weg ins Nirwana. Die langen Pausen zwischen den Gehirnknallern überbrückte Glenn Loury mit der Betrachtung von Pornofilmen.
Das größte High seiner Karriere - der Anruf aus dem Weißen Haus - lag da erst Monate zurück. Im März 1987 hatte Präsident Ronald Reagan den Harvard-Professor Glenn C. Loury, damals 39, als stellvertretenden Erziehungsminister der USA nominiert. Er wäre der sichtbarste und einflussreichste Schwarze in der amerikanischen Regierung geworden. Doch da trudelte er längst ins Drogenreich.
"Triumph und Absturz folgen in einer Biografie selten so kurz aufeinander", sinniert Loury heute mit distanziertem Kopfschütteln, als rede er nicht von sich selbst, sondern über eine historische Figur. Dabei ist er ganz gegenwärtig in seinen eleganten Jogging-Klamotten: zur Fülle neigend, doch topfit, wieder erfolgsgewohnt und geistig auf dem Sprung. In seinem unter Denkmalschutz stehenden Haus hängen Gemälde aus der Jazz-Ära, im Wohnzimmer schimmert ein Steinway.
Längst rangiert der Professor wieder in der ersten Reihe der amerikanischen "public intellectuals", jenes erlesenen Kreises meinungsfroher Universitätslehrer, die von den Medien als Orakel der Nation hofiert werden. Trotz des weltweit verbreiteten Eindrucks, US-Bürger dunkler Hautfarbe seien von den Weißen zur Randexistenz verdammt, entstammen viele der markantesten Intellektuellen Amerikas der schwarzen Intelligenzija.
Wer sich durch die besseren Talkshows zappt, die Buch-Neuerscheinungen zu den großen sozialen Themen verfolgt, sich die Autoren provozierender Zeitschriftenaufsätze merkt oder die Meinungsspalten der führenden Blätter studiert, kann es nicht übersehen: Die schwarzen Amerikaner, die gut zwölf Prozent der Bevölkerung ausmachen, sind im politischen Diskurs der USA alles andere als unterrepräsentiert.
Ihre augenfällige Anwesenheit inmitten der intellektuellen Prominenz wird jedoch von der Öffentlichkeit (und besonders von den Schwarzen selbst) kaum als das wahrgenommen, was es ist: ein Zeichen der dy-
namischen sozialen Veränderung, die in Amerika seit der Bürgerrechtsbewegung der sechziger Jahre stattgefunden hat.
Rassische Vorurteile, die der Effizienz von Wirtschaft und Verwaltung (und der Qualität von Forschung und Lehre) hinderlich waren, wurden in den letzten Jahrzehnten schwungvoll über Bord geworfen. Die Zahl der Spitzenpositionen in Staat und Gesellschaft, die mit Schwarzen besetzt sind, ist inzwischen so erheblich, dass ihre Aufzählung eine öde Pflichtübung wäre.
Von den Ämtern, die der republikanische Präsident George W. Bush ganz selbstverständlich an African Americans vergeben hat, wagten unter dem Demokraten Jimmy Carter nur die kühnsten Bürgerrechtler zu träumen. Was vor 30 Jahren dem Metternich-Wiedergänger Henry Kissinger anvertraut war - die Gestaltung der Außen- und Sicherheitspolitik der USA -, wird heute von zwei Schwarzen erledigt.
Und weder Colin Powell noch Condoleezza Rice verdanken ihren Aufstieg zum US-Außenminister oder zur Nationalen Sicherheitsberaterin der Schwarzen-Förderung im Rahmen von "affirmative action": jenem Programm rassischer Wiedergutmachung, das die Erfolgschancen der Sklaven-Nachfahren in der Bildungs- und Arbeitswelt künstlich aufbessert.
Von Sonderprivilegien auf Grund ihrer Hautfarbe halten auch jene schwarzen Amerikaner nichts, denen in jüngerer Zeit der Aufstieg ins Allerheiligste des Big Business gelungen ist - an die Spitze des Vorstands multinationaler US-Konzerne. Richard Parsons von AOL Time Warner, Kenneth Chenault von American Express und Stanley O''Neal von Merrill Lynch sind Schwarze, die weltbekannte Milliarden-Unternehmen führen - "der lebende Beweis", wie der höchst einflussreiche politische Strippenzieher Washingtons, Vernon Jordan (auch er ein Schwarzer), es formuliert, "dass harte Arbeit innerhalb des Systems sich für unsereinen auszahlt".
Die Frage ist nur, ob diese Botschaft von den 35 Millionen African Americans vernommen wird. Über die dunkelhäutigen Tycoons schrieb "Newsweek" hoffnungsfroh: "Einer Generation von jungen schwarzen Amerikanern, die aufgewachsen sind im Glauben, sie hätten bessere Aussicht, im Gefängnis zu landen als in einem Firmenvorstand, müsste der Aufstieg von Parsons, Chenault und O''Neal klar machen, was Black Power bedeuten kann."
In den Ohren vieler Schwarzer klingt das wie Blasphemie. Black Power war der Kampfbegriff der sechziger Jahre, er stand für Protest und Provokation der amerikanischen Schwarzen, für die skandalträchtig geballten Fäuste der farbigen US-Sprinter bei der olympischen Siegerehrung im Mexiko von 1968. Sollte jener Kampf gegen das weiße Establishment nun seine Erfüllung finden in Golf spielenden Wirtschaftsbossen schwarzer Hautfarbe, die sich - welche Schande - "innerhalb des Systems" hochgearbeitet haben?
Ob schwarze Erfolgsmenschen, die keine Rap-Künstler sind, den jungen African Americans als Vorbild dienen können, ist noch sehr die Frage. Auf Condoleezza Rice angesprochen, lächelt Professor Loury nachsichtig: "Ein Rollenmodell für Ghetto-Kids ist ''the black lady of the White House'' wohl kaum. Junge Schwarze empfinden jemanden wie Dr. Rice, unabhängig vom Pigment ihrer Haut, nicht wirklich als schwarz." Somit verhalten diese Jugendlichen sich ähnlich wie manche Weißen in den Suburbs, die gegenüber schwarzen Aufsteigern eine psychische Sperre haben: Sie nehmen sie gar nicht wahr.
Was so vielen den Blick auf den gesellschaftlichen Wandel der letzten 40 Jahre verstellt, ist die US-Rassenlehre, die nach dem Bürgerrechtskampf entstand. Der schwarze Linguistik-Professor John McWhorter im kalifornischen Berkeley bringt sie auf die sarkastische Formel: "Von der Last ihrer Geschichte im Innersten gebrochen, sind die schwarzen Amerikaner auf ewig als Krüppel einzustufen."
Aus der verordneten Opfer-Perspektive stellt ein erfolgreicher Schwarzer eine fast schon verdächtige Erscheinung dar. Wer kein Sportler, Schauspieler, Popmusiker, Politiker oder Prediger ist - oder sich nicht wenigstens als Protestfigur hervorgetan hat -, passt als prosperierender African American nicht ins politisch korrekte Weltbild. Wie sonst nur Hinterwäldler, haben progressive Weiße und Schwarze mit Leistungsträgern dunkler Hautfarbe ein Akzeptanzproblem: Wer es "in der Welt der Weißen" weit gebracht hat, wird nur mit Mühe als legitimer Schwarzer anerkannt.
In einer tückischen Bemerkung über US-Außenminister Colin Powell hat kürzlich der Entertainer Harry Belafonte diese Einstellung durchscheinen lassen. Zu Zeiten der Sklaverei habe es zwei Arten von Schwarzen gegeben, behauptete der altersgraue Calypso-König: solche, die auf den Plantagen schufteten, und die geschmeidigeren, die sich ein Plätzchen im Herrenhaus zu sichern wussten. Belafonte meinte, General Powell sei der "Hausneger" des weißen Meisters am Potomac.
So dreist wird die Unterstellung, dass Leistung und Erfolg Verrat an der eigenen Rasse bedeuten, sonst nur unter gewalttätigen Jugendbanden in den Ghettos geäußert. Dort sieht sich als "whitey" geschmäht, wer pünktlich in die Klasse kommt, seine Hausaufgaben macht oder korrektes Englisch zu sprechen versucht.
Wie McWhorter, 37, nach zehn Jahren Lehrtätigkeit in Kalifornien notierte, ist die selbstzerstörerische Einstellung nicht begrenzt auf arme Schwarze in den "inner cities", wie die Slums euphemistisch genannt werden. African Americans aus allen Schichten, klagt er in einem heftig diskutierten Bestseller, würden stolz die Ghetto-Mentalität übernehmen. Wer in der High School oder auf dem College wirklich lernen wolle, werde im schwarzen Kollektiv als "unschwarz" empfunden**.
Auch einem Anthropologen aus Afrika ist das aufgefallen. Der gebürtige Nigerianer John Ogbu wurde 1997 von schwarzen Elterngruppen in die wohlhabende, ethnisch gemischte Vorstadt Shaker Heights in Ohio geladen, um das Zurückbleiben der schwarzen Schüler zu studieren. "Was mich an diesen Arzt- und Anwaltskindern verblüffte", sagt Ogbu, "ist das Fehlen der Mentalität ihrer Eltern. Sie haben keine Ahnung, wie die es im Leben geschafft haben, und suchen sich ihre Vorbilder lieber unter den Rappern der Ghettos" - oftmals Gestalten aus dem kriminellen Milieu, deren Texte Selbstmitleid und blanken Hass verbreiten.
Mit ihrer Kritik am Gruppenverhalten der African Americans stehen McWhorter und Ogbu in einer noch jungen Tradition. Seit 20 Jahren nimmt die Zahl der schwarzen Universitätsdozenten und anderen Meinungsführer zu, die gegen den herrschenden Konsens Unaussprechliches zu Gehör bringen. Sie werden rechts genannt, weil sie nicht links sind.
Als Glenn Loury 1984 in Harvard Wirtschaftspolitik lehrte und in Washington vor dem versammelten politischen Establishment des schwarzen Amerika einen Vortrag halten durfte, war seine Philippika noch ein wahrer Tabubruch:
"Die Zeit der Bürgerrechtsbewegung ist vorbei", hub Loury damals provozierend an. Die Probleme der schwarzen US-Bürger könnten nicht länger dem weißen Rassismus angelastet werden. Die Ausbreitung der schwarzen Unterklasse, die schwache Leistung schwarzer Studenten, die Schwangerschaftenlawine unter schwarzen Teenagern, die Zunahme der schwarzen Kriminalität - alles Fehlschläge, die sich Amerikas Schwarze selbst zuzuschreiben hätten. Coretta King, die Witwe von Dr. Martin Luther King, saß in der ersten Reihe. Als Loury mit seinen Rohheiten zu Ende kam, war die Ikone des Bürgerrechtskampfes in Tränen aufgelöst.
Seither haben Intellektuelle schwarzer Hautfarbe - Akademiker wie Stephen Carter, Shelby Steele und John McWhorter, aber auch der Millionär Ward Connerly - ihre Rebellion gegen die Opfermentalität der Schwarzen fortgesetzt. Connerly gelang es 1996 per Volksbegehren, an Kaliforniens öffentlichen Lehranstalten die Abschaffung der Schwarzen-Bevorzugung durchzusetzen. Tüchtige Schwarze hatten es satt, an guten Unis mit Quoten-Negern verwechselt zu werden.
Kein Schwarzer und kein vernünftiger Weißer wäre so vermessen, das Erbe und die Restbestände des weißen Rassismus in der US-Gesellschaft zu leugnen. Doch wenn etwa der republikanische Mehrheitsführer im Senat Trent Lott allzu nostalgisch von den vergangenen Zeiten der Rassentrennung schwärmt, empört das heute nicht nur den politischen Gegner, sondern auch die eigenen Parteifreunde bis hin zum Präsidenten. 40 Jahre nach dem Sieg der Bürgerrechtsbewegung hat eine Vielzahl schwarzer Intellektueller sich die geistige Unabhängigkeit verschafft, um das Hauptproblem anderswo zu suchen: in der flutartig sich ausbreitenden Sonderkultur der Schwarzen.
"Der Sog ihrer Opferrolle", schreibt McWhorter, "verleitet African Americans geradezu von Geburt an dazu, auf die Überbleibsel des Rassismus zu starren und alle Anzeichen zu ignorieren, die auf sein Hinscheiden schließen lassen."
Dass von dem Opferbewusstsein die Gefahr der Selbstzerstörung ausgeht, ist keine Neuentdeckung. Schon während der Black-Power-Exzesse ab 1968 hat der bedeutende schwarze Schriftsteller Ralph Ellison beklagt, dass ein "gedankenloses Schwelgen im Zorn zu intellektuellem Selbstmord führen" kann.
Junge schwarze Amerikaner bringen sich um durch "ihr Fehlen in den wissenschaftlichen Fächern, ihre Abwesenheit unter den Klassenbesten, ihre niederschmetternden Noten bei den Tests für die College-Aufnahme", schreibt McWhorter - das Ergebnis eines "antiintellektuellen Kulturerbes". Auch gutwillige junge Schwarze aus der Mittelschicht könnten diese Bildungsfeindlichkeit nur schwer überwinden.
Dass "Bücher nichts für uns sind", wie es ihnen ihre Sonderkultur einredet, und die negative Einstellung gegenüber "weißem Wissen" sind keineswegs altehrwürdig. Erst die Glorifizierung der schwarzen Militanz hat eine Tradition des Lernens und der Selbstdisziplin untergraben, die sich gegen die Rassendiskriminierung behauptet und einen stolzen schwarzen Mittelstand hervorgebracht hatte. Die Unterhaltungsindustrie aber hat die Nation mit dem Black-Power-Gefuchtel überschwemmt und die "soziale Pathologie des schwarzen Ghettos" (Loury) zur Leitkultur hochgejubelt.
"Das Gefühl, dass das Ghetto ,cool'' sei, hat sich auf ungesunde Weise bei uns breit gemacht", findet McWhorter. Begünstigt wurde diese Sucht durch das falsche Bild, das schwarzen Amerikanern über ihre Stellung in der Gesellschaft vermittelt wird. Beinahe die Hälfte der Schwarzen war 1991 laut Gallup-Umfrage davon überzeugt, dass drei Viertel ihrer Brüder verarmt im Ghetto leben - wogegen in Wahrheit nur ein Fünftel der Schwarzen Slumbewohner sind. Wie viele Weiße neigen African Americans dazu, die Mehrheit der Schwarzen für arm zu halten. Das trifft aber nicht zu: 75 Prozent der schwarzen Familien leben oberhalb der Armutsgrenze.
"Es ist ganz einfach nicht wahr, dass Schwarze für die gleiche Arbeit schlechter bezahlt werden als Weiße", schreibt McWhorter. Und noch einem anderen Mythos, der die Opfermentalität der African Americans anschärft, rückt er zu Leibe - der weltweit beklagten US-Rassenjustiz:
Beinahe die Hälfte aller Strafgefangenen in den USA, aber nur 12 Prozent der Gesamtbevölkerung sind schwarzer Hautfarbe. Das liegt aber daran, so McWhorter, dass African Americans eben nicht 12 Prozent der Gewaltverbrechen begehen, wie es ihnen statistisch zustünde, sondern 42 Prozent.
Auch dass Schwarze härter bestraft würden als Weiße, vorzugsweise mit der Todesstrafe, wird von McWhorter leidenschaftlich und faktenreich bestritten. Wenn über schwarze Täter unverhältnismäßig häufig die Höchststrafe verhängt wird, wie zuletzt noch eine umfangreiche Studie der New Yorker Columbia University nachwies, so liege das eben vor allem an strafverschärfenden Tatumständen.
Aber sind mit Fakten auch Menschen zu überzeugen, die dem weißen Amerika viel ärgere Schandtaten zutrauen? Schwarze Respektspersonen wie der Fernseh-Unterhalter Bill Cosby oder die Kongressabgeordnete Maxine Walters bezeichneten eine Zeitungsente als plausibel, wonach Drogendealer in Los Angeles von der CIA mit Crack versorgt würden, um die schwarze Slumjugend zu ruinieren. Die Geschichte ist so hanebüchen wie das Gerücht, dass weiße Ärzte die Ghetto-Bewohner gezielt mit Aids infizieren. Es sind aber nicht nur Einfaltspinsel, die so etwas glauben. Auch im gebildeten schwarzen Mittelstand wurde die Opferrolle verinnerlicht.
Pauschale Kritik am schwarzen Amerika darf darum nur von Schwarzen geübt werden, sonst ertönt der Rassismusvorwurf. Aber auch dem einstigen schwarzen Präsidentschaftsbewerber Jesse Jackson wurde die Bemerkung schwer verübelt: Er sei erleichtert, wenn er hinter sich Schritte höre, sich umdrehe und feststelle, dass ihm ein Weißer folge. Damit hatte Jackson nur die statistische Wahrscheinlichkeit, eher von einem Schwarzen überfallen zu werden, bekräftigt. Für seine unsensible Äußerung aber musste er lange Abbitte leisten.
Cornel West könnte das nicht passieren. Unter den schwarzen "public intellectuals", die ein breites TV-Publikum anziehen, hält West, 49, die Spitze - ein Theologe und Philosoph von hohem Unterhaltungswert, dessen Streit mit Harvard die akademischen Schlagzeilen des Jahres lieferte. Von dem quirligen Professor mit Afrofrisur und Nadelstreifen haben junge Schwarze nichts zu fürchten. West, der auf einer Rap-CD eigenen Sprechgesang verbreitet, gibt ihrer Protesthaltung die höheren Weihen.
Ihm gelang es, seinen spektakulären Wechsel nach Princeton als Rassismus-bedingt zu stilisieren: Harvards Präsident Larry Summers hatte versucht, den Star-Akademiker zu angemessener Leistung zu bewegen, worauf der sich beleidigt an die Medien wandte und Summers, einen Juden, den "Ariel Scharon der amerikanischen Hochschulbildung" nannte. Jahrelang hatte West kein wissenschaftlich relevantes Werk publiziert, dafür aber den radikalen Muslimführer Louis Farrakhan unterstützt. Derzeit dient er dem Reverend Al Sharpton als Berater, einem pittoresken Demagogen in Harlem, der im Jahr 2004 für das Weiße Haus kandidieren will.
Wie viele Mitglieder der schwarzen Intelligenzija entstammt der Linke Cornel West dem Mittelstand. Die Ghetto-Kultur ist ihm von Haus aus fremd. Anders der Ökonom Glenn Loury. "Don''t give me that shit", sagt er ganz sanft, wenn ein Unbefugter von der Unterklasse redet. Er, Loury, hat seine Wurzeln im Asphalt, war Prolet und Rebell, hat in Chicagos wilder South Side als Teenager zwei Kinder gezeugt, später das Studium abgebrochen. Dennoch brachte er es dann in einem Jahrzehnt bis zum Harvard-Professor. Grips aus dem Ghetto: Ihm kann keiner etwas vormachen.
Doch 1987, als der Ruf aus Ronald Reagans Weißem Haus ihn erreichte, war Glenn Loury abgestürzt. Er zog seine Nominierung zum stellvertretenden US-Erziehungsminister aus "persönlichen Gründen" zurück. Sehr persönlich, die Gründe: Eine 23-Jährige war mit einer Halsstütze vor Gericht erschienen. Professor Loury hatte ihre Kleider zerrissen, ihre Bücher und Papiere zum Fenster hinausgeworfen und sie dann das Treppenhaus hinuntergeschleift. Er wollte die Freundin durch eine andere ersetzen, die seine Neigung zu harten Drogen teilte. Eine Verhaftung wegen Kokainbesitzes folgte bald.
Den "Sog der Rasse" nannte das (ausnahmsweise politisch unkorrekt) die "New York Times": Von den schwarzen Bürgerrechtlern als Aussätziger gemieden, hatte Loury sich zurückgesehnt ins Ghettomilieu seiner Jugend. Der Umgang mit weißen Konservativen belastete sein Gewissen: "Ich fühlte mich als schwarzes Maskottchen missbraucht", sagt er. So führte Loury "ein Doppelleben zwischen Extremen: Keiner in der Kennedy School ahnte etwas von dieser anderen Welt, und im Milieu konnte sich niemand vorstellen, in welch kultivierter und mächtiger Gesellschaft ich verkehrte".
Dann der Absturz, die Verhaftung, die Schande - das Ende einer Karriere? Nun hätte sich wohl das Schicksal des frechen Schwarzen erfüllen müssen, der in der Welt der Weißen als ebenbürtig gelten will, dem aber "nichts verziehen, nichts geschenkt" wird. Doch Harvard, die feinste Universität der Welt, hielt an ihrem schwarzen Wirtschaftswissenschaftler fest.
Gerettet hat Loury, wir sind in Amerika, schließlich die "Begegnung mit Jesus". In einem Pool in Dorchester (Massachusetts) musste er feierlich ins Wasser eintauchen - und war wiedergeboren. In der schwarzen Kirche, die er seither besucht, wurde er "gepackt von der Verzückung der Leute". Nun, da er selbst "zu den Gefallenen" zählt, hat auch er sich dem Gefühl hingegeben, ein Opfer zu sein. Ihm sei bewusst geworden, dass seine Kritik am schwarzen Amerika "unfassbar seicht, seelisch und politisch problematisch" war.
Die Boston University bot Loury ein Gehalt, mit dem selbst Harvard nicht konkurrieren konnte. Er leitet dort das Institut für "Rasse und soziale Spaltung". Die Bücher, die ihn zum schwarzen Liebling der Konservativen machten, werden neu geschrieben. Lourys "Anatomie der rassischen Ungleichheit" ist ein feinsinniges Werk, das die Chancen der Schwarzen durch ein heimtückisches Rassenstigma vergiftet sieht.
Der gewendete Loury hat privat noch mit Vorurteilen zu kämpfen, die Amerikas schwarzes Establishment gegen ihn hegt. Aber die Bürgerrechtler alter Schule holt er schnell wieder ein: "Beim Jogging", sagt er und zeigt auf die Kopfhörer, die er beim Frühsport trägt , "pumpe ich mich mit Rap auf. Am liebsten mit Gangsta Rap."
* Im Arbeitszimmer des Präsidenten im Weißen Haus. * Mit Kollegin Jennifer Lopez im Hotel "Paris" in Las Vegas. ** John McWhorter: "Losing The Race: Self-Sabotage in Black America". Verlag Harper Perennial, 2001; 320 Seiten; 13 Dollar. * Hochzeitspaar und Gäste auf der Aussichtsterrasse des Empire State Building.
Von Carlos Widmann

DER SPIEGEL 52/2002
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